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Bilinguale Kindergärten : Wo man täglich in die fremde Sprache taucht

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Vielfalt zeigt sich nicht nur an der Gummistiefelwand deutscher Kitas – aber bringt die Mehrsprachigkeit etwas? Bild: dpa

Zweisprachige Kindergärten werden immer populärer, auch bei Eltern, die ansonsten Deutsch benutzen. Aber was bringt die künstliche Bilingualität wirklich?

          We’ re going to the Zoo tomorrow.“ Emmas Kindergarten-Geheimsprache ist Englisch. Das wird nur im Kindergarten gesprochen und versteht sonst niemand, schon gar nicht ihre Eltern, ist die Dreijährige überzeugt. Emma besucht einen englischsprachigen Kindergarten, zu Hause sprechen ihre Eltern mit ihr deutsch.

          Immer mehr Kinder bekommen im Kindergarten nicht nur das soziale Miteinander, die Möglichkeit zu spielen, basteln und bauen, sondern gleichzeitig noch eine zweite Sprache mit auf den Weg. Bilinguale Kitas schießen derzeit vor allem in den Großstädten wie Pilze aus dem Boden, und auch auf dem Spielplatz hört man immer mehr deutsche Eltern, die statt „Pass auf!“ ihren Kindern auf dem Klettergerüst „Be careful!“ hinterher rufen.

          Vorteile für den Nachwuchs

          Dass es einen Trend gibt, seine Kinder schon möglichst früh mit einer fremden Sprache in Kontakt zu bringen, bestätigt auch Ingrid Stolz vom Internationalen Kindergarten des Deutsch-Amerikanischen Instituts (DAI) in Heidelberg: „Wir haben eine vermehrte Nachfrage für unsere Kindergärten, und die Warteliste ist lang.“ Auch die Zahlen des Verbandes für Frühe Mehrsprachigkeit an Kindertageseinrichtungen und Schulen (FMKS e. V.) bestätigt dies. Gab es im Jahr 2004 etwa 340 bilinguale Kitas in Deutschland, waren es im Jahr 2014 bereits 1035 Kitas. Die meisten bieten Englisch als zweite Sprache an, gefolgt von Französisch und Dänisch.

          Spricht in einer Familie der Vater deutsch mit seinen Kindern und die Mutter ist Amerikanerin und spricht nur englisch, ist das aus Sicht der Wissenschaft kein Problem, denn das Kind bekommt die zweite Sprache auf natürliche Weise über eine enge Bezugsperson mit auf den Weg. Aber auch immer mehr deutsche Eltern wollen ihre Kinder in bilinguale Krippen und Kindergärten schicken und erhoffen sich damit Vorteile für den Nachwuchs.

          Nadine Kolb, die an der Universität zu Köln zu Mehrsprachigkeit im Immersionskontext promoviert und Kitas und Schulen zu deren Sprachkonzepten in Kooperation mit dem FMKS e. V. berät, sieht Mehrsprachigkeit als Geschenk, zu dem es grundsätzlich keine Nachteile gebe. „Um einen hohen Sprachstand in der jeweiligen Sprache zu erreichen, benötigen Kinder möglichst viel hochwertigen sprachlichen Input auf muttersprachlichem oder fast-muttersprachlichem Niveau. Im Idealfall verbringen die Kinder mehrere Stunden täglich mit der zweiten Sprache, die sie im Austausch mit anderen Kindern und Erziehern gebrauchen. Die Sprache sollte in vielfältigen Kontexten wie beim Frühstück, im Morgenkreis, beim Basteln, beim Vorlesen oder beim Spielen in der Alltagswelt der Kinder eine Rolle spielen. Wenn die Sprache im Kita-Alltag für alle Aktivitäten altersgemäß eingesetzt wird, erschließen sich Kinder die Sprache selbst, ohne sich dessen bewusst zu sein“, erklärt Kolb.

          Mit Hilfe von Gestik, Visualisierung oder Objekten

          Im DAI-Kindergarten in Heidelberg arbeiten hauptsächlich Muttersprachler, so entstehe für die Kinder keine künstliche Sprechsituation, sondern sie bekommen die englische Sprache in ihrem Alltag mit. „Die Kinder kommen oft bereits mit zwei Jahren in den Kindergarten. Und so früh lernen sie unheimlich schnell“, weiß Stolz.

          Das erfolgreichste Programm ist die sogenannte Immersion. „Das Konzept wurde in Kanada entwickelt und bedeutet ,in die Sprache einzutauchen‘ (engl. to immerse), was auch als Sprachbad bezeichnet wird“, erklärt Wissenschaftlerin Kolb. Mit der Immersion sollen Kinder ohne Druck oder Zwang eine andere Sprache erwerben. Mehrere Stunden täglich soll bei diesem Konzept die „fremde Sprache“ in der Kita für die Kinder eine Rolle spielen, da mindestens einer der Erzieher die Sprache im Alltag gebraucht.

          „Für Kinder, die die Sprache anfangs noch nicht sprechen, ist die Eingewöhnung unproblematisch, da die Kinder in ihrer Muttersprache von den Erziehern verstanden und nicht zum Gebrauch der neuen Sprache gezwungen werden“, ergänzt Kolb. Die Kinder verstehen von Anfang an, worum es geht, da es sich bei Kita-Kindern hauptsächlich um das Hier und Jetzt drehe und die Inhalte mit Hilfe von Gestik, Visualisierung oder Objekten veranschaulicht werden, so Kolb.

          „Der kognitive Effekt wird überbewertet“

          Allerdings merkt Stolz an: „Wenn deutschsprachige Eltern anfangen, mit ihren Kindern englisch zu reden, so sehen wir dies nicht so gerne und raten auch davon ab. Es ist nicht natürlich, das merken die Kinder schnell, außerdem können sich bei Nicht-Muttersprachlern auch Fehler einschleichen.“ Dass Kinder durcheinanderkommen mit den Sprachen, beobachtet sie nicht. „Vielleicht sagt ein Kind am Anfang mal ,Ich war in den Mountains spazieren‘, aber das pendelt sich schnell ein.“ In ihren Augen sollte man das Zeitfenster in der Kindheit zum einfachen Sprachenlernen nutzen.

          Immer wieder wird im Zusammenhang mit dem Erwerb einer zweiten oder dritten Sprache von einem Zeitfenster in der Kindheit gesprochen. „Das Zeitfenster gibt es tatsächlich und reicht etwa bis zum 6. oder 7. Lebensjahr“, bestätigt Professor Harald Clahsen, der an der Universität Potsdam zum Thema Mehrsprachigkeit forscht. „Bis dahin ist es für Kinder möglich, eine zweite Sprache auf dem Niveau einer Muttersprache zu erwerben.“ Der Wissenschaftler weiter: „Es gibt in vielen Köpfen die Vorstellung, ,Je früher, desto besser‘. Dass ehrgeizige Eltern aber bereits mit Säuglingen in Englischkurse gehen, ist aus meiner Sicht völlig überzogen. Eltern sollten entspannt sein, Kinder lernen auch später noch eine weitere Sprache, es muss nicht von Geburt an sein. Einige Eltern sind ein wenig hektisch, was die Frühförderung angeht.“ Klar sei es ein mühsamer Prozess, wenn man erst später eine weitere Sprache lerne, und das Niveau eines Muttersprachlers erreiche man dann nicht mehr. „Kinder sind mit zwei Sprachen auch nicht überfordert, und es erfordert keine besondere Intelligenz, in diesem Alter eine weitere Sprache zu lernen“, sagt Clahsen weiter. „Kinder lernen Sprachen immer über Bezugspersonen oder über das Umfeld, in dem sie groß werden.“

          Ein Mythos sei es aber, dass durch das Erlernen einer zweiten Sprache die kognitiven Fähigkeiten gefördert werden. „Das hören wir in diesem Zusammenhang immer wieder, es ist allerdings nicht belegt“, sagt Clahsen. Es gebe auch genug andere Möglichkeiten, seine kognitiven Fähigkeiten zu trainieren. Genauso gut können Sport oder das Erlernen eines Musikinstrumentes die geistige Entwicklung fördern, so der Wissenschaftler. „Der kognitive Effekt wird überbewertet“, so Clahsen.

          Mehrsprachigkeit als Gewinn, Prestige und Chance

          Seine Kollegin Kolb gibt zudem zu bedenken: „Eltern sollten mit ihrem Kind geduldig sein, da der Erwerb weiterer Sprachen ein Prozess ist, der zeitlich von Kind zu Kind variiert. Das eine Kind wiederholt nach kürzester Zeit Phrasen, das andere Kind spricht über Jahre kein Wort und spricht dann in ganzen Sätzen.“ Im Idealfall wird der sprachliche Input so kontinuierlich fortgeführt, dass das Kind auch auf eine bilinguale Schule geht. Allerdings gebe es weitaus mehr bilinguale Krippen und Kitas als Schulen. Dies zeigen auch die Zahlen des FMKS: 1035 bilinguale Kitas gegenüber 285 Schulen im Jahr 2014. „Ein Problem ist, dass es nicht in allen Gebieten die gleichen Möglichkeiten gibt: So gibt es beispielsweise in Städten deutlich mehr Angebote als auf dem Land“, sagt Kolb. Fast die Hälfte aller bilingualen Einrichtungen liegt in zehn Großstädten, so die Daten der FMKS. Top drei waren 2014, bezogen auf die Einwohnerzahl, Saarbrücken, Wolfsburg und Frankfurt.

          „Bei der Auswahl einer bilingualen Kita sollte man darauf achten, wie bilingual die Einrichtung tatsächlich arbeitet“, so Kolb. „Es macht durchaus einen Unterschied, ob in der Kita ein Erzieher pro Gruppe englisch spricht oder ob nur einmal pro Woche ein Muttersprachler für eine Stunde in die Gruppe kommt.“

          Auch seien einige Programme sehr teuer: „Es ist problematisch, dass bilinguale Kitas und Schulen oft hohe Zusatzkosten verlangen und somit nicht für alle Familien zugänglich sind. Es gibt aber durchaus auch bilinguale Kitas und Schulen, die keine Zusatzkosten erheben.“ Die Gesellschaft entwickle sich dahin, dass Mehrsprachigkeit als Gewinn, Prestige und Chance gesehen werde.

          Gesellschaftliches Phänomen Optimierungswahn

          Natürlich sei der Hintergrund bei einigen Eltern ein Prestigegedanke, beobachtet auch Stolz: „Wenn Freunde und Bekannte schon früh fördern, dann wollen sie mithalten. Früher war es das Austauschschuljahr oder das Auslandssemester, heute ist es die Frühförderung.“ Auch sähen viele deutsche Eltern die Zukunft ihrer Kinder global, weswegen sie ihnen früh Englisch mit auf den Weg geben wollten. Auch die Pisa-Studie vor etwa zwölf Jahren habe dazu beigetragen, dass Eltern die Bildung ihrer Kinder vermehrt selbst in die Hand nehmen wollen, so Stolz. „Ein wichtiger Entscheidungsgrund für eine internationale Kita ist zudem, dass die Kinder dort mit vielen verschiedenen Kulturen aufwachsen: Offenheit für fremdes Essen, für unterschiedliche Erscheinungsbilder, Neugierde auf Fremdes anstatt Angst vor dem Anderen. Das kann in einer globalisierten Welt natürlich nicht früh genug gefördert werden“, sagt Stolz.

          Dass es einen Trend zur frühen Mehrsprachigkeit gibt, liegt aber auch an einem gesellschaftlichen Phänomen: „Wir leben in einer Zeit der Optimierung. Effizienzsteigerung ist allgegenwärtig“, sagt Professor Heiner Barz, Bildungsforscher an der Universität Düsseldorf. Dies betreffe jeden Einzelnen und sei in jedem Bereich anzutreffen, ob im Beruf, beim Sport, bei Äußerlichkeiten oder beim Urlaubsziel. Die Selbstoptimierung sei grenzenlos geworden. Es werde erwartet, dass man auf allen Gebieten das Bestmögliche aus sich macht, so der Bildungsforscher. „Es ist nicht verkehrt, Potentiale zu nutzen, aber das Ganze ist etwas aus der Balance geraten“, sagt Barz über den gesamtgesellschaftlichen Kontext, in dem er die Hausse der Frühförderung sieht.

          Was genau die ganze Förderung bei den Allerkleinsten bringe, lasse sich allerdings schwer sagen und auch schwer messen. „Was hat das Kind davon, eine bilinguale Krippe zu besuchen? Wie misst man den Ertrag dieser Maßnahme? Am späteren Einkommen? An der Fähigkeit, ein erfülltes Leben zu führen? Am glücklichen Familienleben? Bisher ist es nicht wissenschaftlich erwiesen, dass es den Kindern tatsächlich etwas bringt. Ich bin skeptisch, ob unter dem Strich tatsächlich nur Positives herauskommt.“

          Geheimsprachen selbst erfinden

          Die Reifung der Kinder, die sich im Inneren abspielt, werde unterschätzt, und das Lernen, auch das spielerische, werde überschätzt, so der Bildungsforscher. Denn Reifung sei kein linearer Prozess. „Die natürliche Bilingualität in Familien ist okay und funktioniert, aber über die doch künstliche Bilingualität gibt es bisher noch keine Langzeitstudien.“ Laut Barz bleiben bei der ganzen Frühförderung in vielen Fällen das freie Spiel, das selbständige Entdecken und die freie Selbstentscheidung des Kindes auf der Strecke: „Der emotionale Entwicklungsprozess, zu dem Selbststeuerung und Erfolgserfahrungen gehören, kommt zu kurz.“

          Auch könnten die Kinder den Optimierungswahn der Eltern oft spüren. Die Bedürfnisse der Kinder spielen bei der Förderung keine große Rolle, sie werden erst gar nicht gefragt. „Viele Kinder würden wahrscheinlich lieber mehr Zeit mit ihren Eltern verbringen, als Frühförderung zu erfahren“, sagt Barz. Er kann die Bildungspanik der Eltern verstehen, „das bleibt Eltern auch nicht erspart“. Die Angst, das Kind könne was verpassen oder man stelle die Weichen falsch, kennen viele Eltern heute. „Aber es gibt auch ein Leben jenseits der Abiturnote“, sagt Barz. Eltern sollten ein wenig mehr Gelassenheit an den Tag legen und darauf vertrauen, dass sich die Kinder holen, was sie brauchen. Eine Sprache kann auch noch später im Leben gelernt werden. Die Kinder wieder frei spielen, eigene Erfahrungen und Entdeckungen machen zu lassen, ohne dass dabei immer noch etwas gelernt werden muss, täte Eltern und Kindern gut, so Barz.

          Und eine Geheimsprache muss nicht unbedingt eine Fremdsprache sein, denn die kannten Kinder schon, als es noch keine bilingualen Kitas gab, selbst wenn es nur ausgedachte waren und die Kleinen auf einmal anfingen, rückwärts zu reden.

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