Ganz einfach „China“ heißt das Buch. Man hätte es auch „Chinesen“ nennen können, denn es sind ausschließlich die Bewohner, die darin stellvertretend für ihr Land auftreten. Es geht nicht um Landschaften und Stadtansichten, es geht um Bewohner aus dem Norden, Süden, Westen und Osten, Bewohner quer durch Berufsgruppen, Volksstämme und Einkommensschichten. Fotografiert wurden sie von den beiden Schweizern Mathias Braschler und Monika Fischer, die mit einem mobilen Studio sieben Monate lang im Land unterwegs waren und dabei dreißigtausend Kilometer zurückgelegt haben.
Es war das Jahr 2007 und noch ein Jahr hin zu den Olympischen Spielen, die Öffnung und Modernisierung versprachen. Aber bereits damals zeigte sich ein Land im Aufbruch, eine Generation, die sich schon entfernt hat von den Klischees der Vergangenheit wie der maoanzugtragenden Masse, die sich auf Fahrrädern durch die Straßen wälzt.
Aber auch die Klischees der Gegenwart bringen einen nicht weiter: Fabrikarbeiter, Handtaschenfälscher, Kleinunternehmer? Eben nicht. Sondern: eine tibetische Nonne, ein Lkw-Mechaniker, ein Bettler, ein Friseur, eine Fischerin, der Geschäftsführer eines Yachtclubs, eine fünfjährige Zirkusakrobatin, mehrere Nomaden, eine Dorfschönheit, ein Unternehmerehepaar, mehrere Bauern, eine Flaschensammlerin, eine Prostituierte, ein Militärpolizist und ein singender Gondoliere des Venetian Casino in Macao. Unter anderen.
Sie waren stets auf Überraschungen gefasst
Alle sechsundsiebzig Porträtierten zeigen sich in der Umgebung, die sie prägt. An ihrem Arbeitsplatz zumeist, in Arbeitskleidung. Vom Bettler bis zum Unternehmensgründer inszenierten die beiden Fotografen jeden mit der gleichen Sorgfalt, stets darauf gefasst, Überraschungen zu erleben. Denn Braschler und Fischer haben vor den Aufnahmen keine Liste oder Typologie erarbeitet, sie zogen meist los, ohne zu wissen, wer oder was sie an diesem Tag erwarten würde, und überließen die Begegnungen dem Zufall.
Das unterscheidet sie von ihrem stilistischen Urahn August Sander und seinem Hauptwerk „Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts“. Er plante einen repräsentativen Querschnitt durch die Gesellschaft der Weimarer Republik und setzte das mit einiger Akribie über Jahrzehnte hinweg um. Eine Gesellschaft, die damals einen Spagat zwischen Stadt und Land, zwischen Tradition und Moderne bewältigen musste und dem gegenwärtigen China darin nicht ganz unähnlich ist.
Dinge so sehen, wie sie sind
Dieser enzyklopädische Anspruch fehlt den beiden Schweizern. Mit Sander verbindet sie jedoch die Haltung, „die Dinge so zu sehen, wie sie sind, und nicht, wie sie sein sollen oder können“. So ist es von Sander, der zwar politisch dachte, sich aber nie in den Dienst einer Ideologie stellte, überliefert. Nichts war ihm verhasster „als überzuckerte Photographie mit Mätzchen, Posen und Effekten“. Die findet man auch bei Braschler und Fischer nicht.
Ganz klar und geradeaus schauen die Abgebildeten in die Kamera, daneben stehen Namen, Alter, Ort und ein kurzer Satz zu den Lebensumständen. Das muss reichen, das Bild erzählt den Rest. Und alle Bilder zusammen erzählen noch viel mehr über das große Land, in dem Bauern mit ihren Wasserbüffeln Felder umpflügen und gleich daneben die bemannte Raumfahrt stattfindet.
KEIN Land lässt sich auf EIN Bild reduzieren und...
tom bartneck (tombartneck)
- 25.08.2012, 15:09 Uhr
Ein schönes Buch in der Tradition
Hartmut Rauch (Hawekara)
- 25.08.2012, 13:26 Uhr