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Biermillionär Bruno H. Schubert „Denk nicht, dass du hast Freunde“

 ·  Der Kampf um das Erbe des ehemaligen Inhabers der Henninger-Brauerei in Frankfurt, Bruno H. Schubert, hat sich auf den Boulevard verlagert. Seine 62 Jahre jüngere Frau Meharit filmte ihn beim Sterben und kämpft nun gegen die Vorurteile der Öffentlichkeit.

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Vor einigen Tagen erfreute die „Bild“-Zeitung ihre Leser auf der Titelseite mit der Schlagzeile „Ehefrau (28) filmt Bier-Millionär (90) beim Sterben!“ Bei den genannten Personen handelt es sich um Bruno H. Schubert, den ehemaligen Inhaber der Henninger-Brauerei und Ehrenbürger seiner Vaterstadt Frankfurt am Main, und um dessen zweite Frau, Meharit, aus Äthiopien stammend, in Belgien aufgewachsen und in der Tat 62 Jahre jünger als der bis fast zu seinem Ende rüstige alte Herr.

Wie kam es zu den Filmaufnahmen? Laut „Bild“ auf Wunsch Schuberts, jedenfalls wird die junge Frau mit den Worten zitiert: „Bruno sagte mir: ,Wenn ich mal sterbe, musst du alles beweisen können. Die werden über dich herfallen.‘“ Also konnte Bild.de jetzt Videosequenzen zeigen, in denen Bruno Schubert von seiner Frau rasiert und insgesamt freundlich umhegt wird. „Denk nicht, dass du hast Freunde“, hat er nach ihrer Darstellung in seinen letzten Tagen zu Meharit gesagt.

„Er war mit animalischen Regungen gesegnet“

In der Tat dürfte sich in der Frankfurter Gesellschaft die Zahl derer, die Meharit Schubert freundlich gesinnt sind, in engen Grenzen halten. Vor allem nimmt man ihr übel, dass sie ihren Mann in seiner letzten Lebensphase abschottete, selbst beste langjährige Freunde wurden nicht mehr empfangen oder telefonisch durchgestellt. Auch Schuberts unehelicher Sohn Hanns Peter Nerger nicht. Der Vierundsechzigjährige entrüstete sich gleichfalls in „Bild“ über seine junge Stiefmutter: „Sie hat mich und meinen Vater entfremdet, Treffen verhindert, ihm meine Briefe vorenthalten.“ Und Nerger, bis Ende 2008 langjähriger Geschäftsführer der Berlin Tourismus Marketing GmbH, ausgezeichnet mit dem Bundesverdienstkreuz, fällt über seine junge Stiefmutter das vernichtende Urteil: „Ich kenne keinen anderen Menschen mit solchen, oder auch nur annähernd ähnlich schlechten Charaktereigenschaften.“

Bruno Schubert, dessen erste Ehefrau Inge („Ingelein“), eine im Alter grotesk geliftete, aber lebenskluge Menschenkennerin und perfekte Gastgeberin, im Februar 2009 gestorben war, hatte sich stets das Recht herausgenommen, außereheliche Beziehungen zu pflegen. Er war in jungen Jahren ein attraktiver Mann, hielt auch im Alter noch auf sich, war – wie der legendäre Frankfurter Schauspielintendant Harry Buckwitz schrieb – mit „animalischen Regungen gesegnet“ und hatte Geld. Ein „Frauenbeschaffer“ führte ihm Damen zu, im Alter kam es auch zu längeren „Beziehungen“ mit jungen Frauen gelegentlich osteuropäischer Herkunft, über die der Freundeskreis den Kopf schüttelte und die den alten Herrn viel Geld kosteten.

Der deutsche Hugh Hefner

Er soll sich in der Ausgestaltung von Abschieden äußerst großzügig erwiesen haben und bei anderer Gelegenheit in Diskotheken hübsche junge Dinger aufgefordert haben, sich im Falle irgendwelcher Sorgen an Bruno zu wenden, er werde helfen – und zur Verblüffung der Angesprochenen tat er es wirklich. Kurzum: Bruno Schubert führte ein Leben, das vor allem jene zum Stirnrunzeln brachte, die es sich nicht leisten konnten. Im Grunde erfüllte er sich den Hugh-Hefner-Traum – nur dass es nicht im „Playboy“ stand.

Wer sich über ein solches Leben mokieren sollte, müsste zunächst die anderen Seiten Bruno Schuberts kennenlernen. Zum Beispiel war er einer der Tycoons des deutschen Wirtschaftswunders. Schubert entstammt väterlich und mütterlich Bierbrauerfamilien. Schon sein Vater war Direktor der Henninger-Brauerei in Frankfurt-Sachsenhausen, wo sein Sohn Bruno, ältester von acht Brüdern, als Siebzehnjähriger die Lehre beginnt. Als er aus Krieg und Gefangenschaft heimkommt, ist die Brauerei zu 70 Prozent zerstört, ein paar treue Mitarbeiter bewachen die Ruinen.

Ein Mann voller Ideen

Bruno Schubert wird 1945 für einige Monate Sekretär des Hauptgeschäftsführers der neu gegründeten Frankfurter IHK, des späteren Bundesbahnchefs Werner Hilpert. In dieser Zeit vernetzt sich der kontaktstarke Schubert hilfreich mit den Köpfen aus allen Zweigen der Frankfurter Wirtschaft. Der persönliche Assistent des provisorischen Oberbürgermeisters Wilhelm Hollbach ist in jenen Tagen ein gewisser Bernhard Grzimek, der Schuberts lebenslanger Freund wird. Zoodirektor und Brauereibesitzer unternehmen so manche gemeinsame Safari. Schubert wohnt im Hotel „Monopol“ am Hauptbahnhof, wo auch Ludwig Erhard Quartier genommen hat und von wo aus Albert Steigenberger gerade versucht, das Hotel Frankfurter Hof wieder in Gang zu bringen. Es müssen spannende Zeiten gewesen sein.

Als Bruno Schubert am 1. September 1945 in den Vorstand von Henninger einrückt, beginnt eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht. Hilfreich sind anfangs die amerikanischen Soldaten. Sie trinken nicht nur gern Henninger-Bier, sie zahlen dafür auch mit Dollar. Die Brauerei wächst und wächst, jedes Jahr steigt der Ausstoß um zehn Prozent, Schubert sprudelt vor Ideen und zeigt Geschick in der Auswahl und Führung tüchtiger Mitarbeiter. 1951 produziert Henninger als eine der ersten Brauereien Dosenbier, 1956 eröffnet Ludwig Erhard, der im Aufsichtsrat der Henninger-Bräu sitzt, die moderne Abfüllanlage. 1944 hatte Henninger 440 000 Hektoliter Bier produziert, 1960 sind es zwei Millionen, was einen Ausstoß von 1,8 Millionen Flaschen am Tag bedeutet. Weitere Brauereien werden aufgekauft, Henninger-Bier wird per Lizenz in vielen Ländern gebraut, in Frankfurt gerät der Henninger-Turm seit 1961 zum Wahrzeichen.

Leben im großen Stil

Doch Schubert hat längst gemerkt, dass er bei einem solchen Investitionsbedarf nicht dauerhaft ohne einen finanzkräftigen Partner auskommt. Er findet ihn in dem Zigarettenkonzern Reemtsma, der sich erst beteiligt und Schubert 1979 sein Unternehmen abkauft. Der Preis bleibt unbekannt, aber er muss hoch gewesen sein. Jedenfalls erlaubte das Geld Schubert nicht nur die Gründung einer Umweltschutz-Stiftung, sondern ein materiell unbekümmertes Leben an zwei Wohnsitzen, dem hübschen Haus im italienischen Stil mit Park in Sachsenhausen und dem Gut Bogensberg inmitten des grandiosen Ausblicks auf die Berchtesgadener Alpen.

Und an dieser Stelle des Textes beginnt die Geschichte von Schuberts wahrer Bedeutung. Er war nämlich als Gastgeber eine Großbegabung, er stiftete Verbindungen, die ohne ihn nie zustande gekommen wären, und er erwies sich als ein Menschenfreund. Eine typische Einladung zum „Lunch“, wie er es nannte, in Schuberts Frankfurter Villa wirkte auf Erstbesucher wie eine Theaterinszenierung.

„Vitamin B“ im Hause Schubert

Am Eingang drückte einem ein Butler eine Gästeliste samt Tischordnung in die Hand. Während die Gäste die Treppe in den ersten Stock emporstiegen, wurden ihre Fahrer in einer nahe gelegenen Pizzeria bewirtet, auf Schuberts Kosten. Draußen auf der Terrasse des Anwesens stand man derweil bei einem Glas Sekt oder Champagner eine knappe halbe Stunde in wechselnder Gruppierung beisammen, dann ging es ins Wohnzimmer, seinen Platz kannte ja jeder vom Plan.

Am Kopf des Tisches saß der Gastgeber; ehrenvoll war es, neben ihm plaziert zu sein, aber handlungsarm, vor allem im Alter sprach er wenig. Doch noch immer beherrschte er die selten gewordene Kunst der Tischordnung. Und nach wie vor verstand er es, die richtigen Menschen zusammenzubringen, also jene, die sich etwas zu sagen hatten. Wie viele Freundschaften an Schuberts Tafel gestiftet, wie viele Fusionen angestoßen, Geschäftspläne geschmiedet worden sind, Beratungen von Arzt zu Patient stattfanden – das zu ermitteln wäre Stoff für eine umfangreiche Recherche. Zum Kreis der Geladenen zählten Politiker und Universitätspräsidenten, Staatsanwälte und hohe Polizeibeamte, Ärzte, Anwälte, Geschäftsleute oder ganz einfach Menschen, die der Hausherr mochte.

Im Innern sehr einsam

In einem von Otto Rudolf Kissel, dem ehemaligen Präsidenten des Bundesarbeitsgerichts, herausgegebenen Buch „Gäste danken“ beschreiben Zeitgenossen Schuberts damals großartiges Namensgedächtnis, seine Sensibilität für Menschen, seine Freundlichkeit. Der Hotelier Egon Steigenberger meint darin, Bruno Schubert, wäre er nicht Brauereibesitzer geworden, hätte einen tadellosen Hoteldirektor abgegeben. Es sei Schuberts größte Freude, Kontakte zwischen Menschen herzustellen: „Dabei hatte ich jedoch nie das Gefühl, dass etwa eigene Interessen von Bruno Schubert im Vordergrund stehen könnten. Selbstlos und liebevoll kümmert er sich um seine Gäste und ist glücklich, wenn es ihm gelingt, sie in Hochstimmung zu versetzen.“

Nur Erstbesucher zeigten sich darüber irritiert, dass er beim Essen Sissy auf dem Schoße sitzen hatte, jene Pudeldame, die er, dessen leibliche Tochter aus der Ehe mit Inge verstorben war, „meine Hundetochter“ nannte: Der Mann, der sich jahrzehntelang täglich mit Gästen umgab, war im Innersten wahrscheinlich ein sehr einsamer Mann. Aber er war auch treu. Die Witwen seiner Freunde wurden nach wie vor eingeladen, meist auf den Bogensberg.

Prominenz im gärtnerischen Kleinod

Dieses Anwesen, unglaublich gepflegt, entwickelte vor der Kulisse der Berge eine beinahe schmerzlich wirkende Schönheit. Tiere bevölkerten Ställe und Wiesen, Gänse, Enten, ein Esel, sogar Lamas belebten das Idyll, der Rosengarten war ein gärtnerisches Kleinod, die Einrichtung schwankte, wie in Frankfurt, zwischen schönster Kunst und grausamstem Kitsch, doch verbreitete die Atmosphäre insgesamt nichts anderes als das sekundenschnell einsetzende Gefühl wohliger Behaglichkeit. Der Gastgeber zog sich aber auch hier wie immer an jedem Abend gegen 22 Uhr zurück, die Gäste durften weiter feiern. Das galt sogar, als Gustav Heinemann auf dem Bogensberg zu Besuch war.

Der Bundespräsident war nur einer der zahlreichen Prominenten, die die Schubertsche Gastfreundschaft genossen. Stammgast und Freund Hans-Dietrich Genscher erholte sich hier von einer Krankheit und der ehemalige Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann schrieb hier etliche seiner Bücher. Ausgerechnet mit ihm, dem langjährigen engen Freund und Ratgeber, überwarf sich Bruno Schubert vor seinem Tod, es gab einen legendären Wortwechsel über den Tisch des Hauses hinweg, den Meharit Schubert angefangen hatte.

Das Drama der Altemänner-Jungefrauen-Beziehungen

Soweit die Gäste es verfolgen konnten, ging Meharit Schubert mit ihrem Mann freundlich und liebevoll um. War die Mahlzeit gegen 14 Uhr beendet, führte nun nicht mehr der Butler mit seinen weißen Handschuhen, sondern die junge Ehefrau Schubert zu seinem Schlafzimmer, behutsam und herzlich. Doch Menschen aus Schuberts Umfeld, an deren Aussagen zu zweifeln kein vernünftiger Anlass besteht, haben auch andere Szenen erlebt. Etwa, als die damals noch nicht mit ihm verheiratete junge Frau ihn ohne Begrüßung mit den Worten angefahren habe: „Hast du das Geld?“ Wie Schubert verneint habe und ob der dann folgenden Reaktion der Frau am ganzen Körper gezittert habe.

Es zählt zur typischen Tragik solcher Altemänner-Jungefrauen-Beziehungen, dass dem alten Manne nur noch, selbst gegen besseres Wissen, die Solidarität mit der jungen Frau bleibt, will er nicht verlassen werden. Selbst guten Rat Wohlmeinender schlägt er aus, im nahenden Gefühl der Schwäche des Alters sucht er nur sein vermeintliches Liebesglück, das ist alles, was ihm an Freude und letzter Perspektive bleibt. Klassischerweise hatte auch Bruno Schubert keinen seiner Freunde in seine Heiratspläne eingeweiht. Er wollte wohl nicht, dass sie ihm abrieten.

Der Streit um das Erbe

Nun also gibt es Streit über die Frage, wem das Erbe zusteht: der Bruno-H.-Schubert-Stiftung, die er im Einvernehmen mit seiner Frau Inge als Alleinerbin einsetzte, oder Meharit Schubert, die er nach Anfechtung dieser ersten Regelung anschließend in seinem Testament bedachte. Dabei weiß niemand so genau, wie viel Geld überhaupt noch vorhanden ist. Noch zu Lebzeiten hatte Schubert im kleinen Kreis ganz offen davon gesprochen, dass er nicht mehr so reich sei wie einst.

Der Streit geht dennoch weiter. Und um die Angelegenheit komplett auf den Boulevard zu tragen, werden Videos des sterbenden, kaum noch zu Antworten fähigen Greises auf dem Totenlager ins Netz gestellt, vergießt die Witwe Tränen und klagt der Sohn über deren Charakter. Man möchte den Akteuren zurufen: Aufhören! Der freundliche alte Mann, der jedem Menschen zunächst einmal wohlwollend begegnete und Vielen geholfen hat, hätte Besseres verdient.

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Jahrgang 1950, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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