Home
http://www.faz.net/-gum-765yl
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
50 plus

Bielefake „Bielefeld, das gibt’s doch gar nicht!“

Achim Held über die bekannteste deutsche Verschwörungstheorie, die er vor 20 Jahren erfand - und die mittlerweile selbst bei der Bundeskanzlerin Erwähnung fand.

© dapd Vergrößern Hat nichts gegen Bielefeld, setzte aber das Gerücht der Nichtexistenz der westfälischen Stadt in die Welt: Achim Held.

Herr Held, was haben Sie gegen Bielefeld?

Nichts.

Trotzdem haben Sie vor 20 Jahren die bekannteste deutsche Verschwörungstheorie erfunden: Bielefeld gibt’s gar nicht. Wie kam es dazu?

Bielefeld ist einfach ideal geeignet. Niemand hat normalerweise einen Anlass, nach Bielefeld zu fahren. Deshalb ist Bielefeld ein gutes Objekt für eine Verschwörungstheorie. Entstanden ist die Sache auf einer Studentenparty Anfang 1993, wo jemand erzählte, er komme aus Bielefeld. Ein anderer Partygast sagte einfach so aus Jux: „Bielefeld, das gibt’s doch gar nicht!“ Meine Freunde und ich haben das dann in den folgenden Wochen und Monaten weitergesponnen. Am 16. Mai 1994 habe ich die Bielefeld-Verschwörung dann in der Internet-Newsgroup „Talk Bizarre“ veröffentlicht, in der es um nichts als Unfug ging. Mit dem Text wollte ich mich auch über die ernsthaften Verschwörungstheoretiker lustig machen. So entstand die Idee, die Bielefeld-Verschwörung konsequent durchzudeklinieren.

Ihre Informatik-Promotion haben Sie 1999 zum Thema „Hierarchisierung von Benutzerkennungen zur weiteren Differenzierung der Zugriffskontrolle in Unix“ geschrieben. Das klingt fast so verworren wie ihr „Bielefake“.

In der Arbeit geht es darum, wie man sicherstellt, dass der Computer keine Dinge tut, die man gar nicht will. Wenn man das weiterdreht, kann man sagen: Ich habe mich damit befasst, wie man verhindert, dass sich der Computer gegen den eigenen Nutzer verschwört. Aber bei der Wahl meines Promotionsthemas war ich wirklich nicht von meinem „Bielefake“ beeinflusst. Erst später ist mir aufgefallen, dass sich da manches merkwürdig fügt. Heute arbeite ich übrigens bei einer Firma in Kiel, die ganz spezielle Software für Banken und Versicherungen herstellt. Aktuell befasse ich mich mit einer Software für die Kreditrisikobewertung. Es geht salopp gesprochen darum, sicherzustellen, dass nicht eines Tages viel Geld verschwindet.

Fühlen Sie sich mit dem Verschwinden verschwistert?

In meinem Freundes- und Familienkreis gibt es mittlerweile einen schönen Spruch. Wenn etwas mal nicht klappt, ein Zug sich verspätet oder ein Flugzeug nicht fliegt, dann heißt es: Ja, ja, alles eine große Verschwörung.

23008222 © mauritius images / ib Vergrößern Der Beweis? Ein Luftbild von Bielefeld in der Fischaugenperspektive.

Aber ganz im Ernst: In Bielefeld sind tatsächlich schon Züge durchgefahren, weil der Lokomotivführer nicht wusste, dass es einen Haltepunkt namens Bielefeld gibt. Sind das nicht Hinweise dafür, dass Ihre Theorie doch stimmen könnte?

Wenn ich so etwas höre, lache ich und denke: Seht ihr, ich hab’ es doch immer gesagt. Für die Leute, die gerne in Bielefeld ausgestiegen wären, ist das natürlich ärgerlich.

Gibt es Tage, an denen Sie bereuen, den „Bielefake“ in die Welt gesetzt zu haben?

Nein. Aber es gibt einen Vorfall, der hat mich ein klein wenig nachdenklich gemacht. Eines Tages stand jemand vor meiner Tür, der glaubte, ich meine es ernst. Er erzählte mir von seiner Ärztin, die im Auftrag der Regierung Experimente mit ihm anstelle, weil er auch irgendwelchen Verschwörungen auf der Spur sei. Er dachte, er hätte in mir einen Mitstreiter gefunden.

Sie haben also doch das Gefühl, Ihnen könnte die Sache entgleiten? Mittlerweile stellt ja selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel die Existenz Bielefelds in Frage. Als die Kanzlerin im November von einer Veranstaltung in Bielefeld berichtete, fügte sie an „so es denn existiert“.

Nein! Das freut mich. Außer Kontrolle geraten ist mir die Geschichte mit dem Tag ihrer Veröffentlichung im Internet. Aber das ängstigt mich nicht, weil es ja eine witzige Sache ist, die außer Kontrolle geraten sollte.

Mehr zum Thema

Warum waren Sie erst im Jahr 2009 zum ersten Mal in Bielefeld? Hatten Sie Angst, Ihr Theoriegebäude könnte einstürzen?

Es hat sich wirklich nicht früher ergeben. Erst 2009 gab es einen Anlass: Studenten drehten den Film „Die Bielefeld-Verschwörung“, in dem ich mitspielen durfte.

Im kommenden Jahr feiert Bielefeld, dass es Bielefeld seit dann 800 Jahren gibt. Wie bewerten Sie den Versuch, Ihre Verschwörungstheorie ein für alle mal zu widerlegen?

Na ja, die Stadt selbst ist mittlerweile ja schon vorsichtig geworden. Der offizielle Slogan des Jubiläumsjahrs lautet: „Das gibt’s doch gar nicht!“. Man sieht also: Auch die Bielefelder Stadtverwaltung hält sich mittlerweile lieber eine Tür offen.

Die Fragen stellte Reiner Burger.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
FAZ.NET-Tatortsicherung Wolfsbarsch statt Currywurst

Der Kölner Tatort Dicker als Wasser reichert verschlungene Familiengeschichten mit Judo-Lektionen, Auswanderer-Weisheiten und Küchen-Tipps an. Nur die Currywurst fehlt. Der Krimi im Realitäts-Check. Mehr Von Achim Dreis

19.04.2015, 21:45 Uhr | Feuilleton
China Lebensechte Sexpuppen finden regen Umsatz

Herr Liu ist Wanderarbeiter in Peking und sieht seine Frau nur am Wochenende. Für die Zeit dazwischen hat er ein Monatsgehalt für eine lebensechte Sexpuppe ausgegeben. Der 29-Jährige ist nicht allein damit: Inzwischen gibt es tausende Chinesen, die auf ihre Gefährtinnen aus Gummi schwören. Mehr

16.04.2015, 12:26 Uhr | Gesellschaft
Im Gespräch: Norbert Kartmann Joschka Fischer fehlt uns allen

Als CDU-Fraktionsvorsitzender war er selbst für gröbere Töne zuständig. Als Landtagspräsident weiß er, dass er Menschen aus Fleisch und Blut vor sich hat, die schon einmal aus der Haut fahren. Mehr

23.04.2015, 08:05 Uhr | Rhein-Main
Kuba Geht nicht, gibt’s nicht: Hier wird alles repariert

In Kuba hat die Mangelwirtschaft die Menschen erfinderisch gemacht. Ersatzteile können wegen des amerikanischen Embargos nicht importiert werden, also wird einfach alles repariert. Mehr

27.02.2015, 14:31 Uhr | Gesellschaft
Tim Renner im Gespräch Wie das Amt die Rebellion organisiert

Abwarten hält er für eine gute Sache. Der Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner im Gespräch über Claus Peymann, Chris Dercon, die Simulation und andere Probleme der Verwaltung. Mehr

19.04.2015, 22:44 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 30.01.2013, 17:04 Uhr

Bruce Jenner „Ich bin eine Frau“

Kim Kardashians Stiefvater outet sich im Fernsehen als transsexuell, Patrick Dempsey steigt bei „Grey’s Anatomy“ aus, und Robert Downey Jr. verlässt mitten in einem Fernseh-Interview den Raum – der Smalltalk. Mehr 11

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden