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Im Ort von Trumps Vorfahren : „Trump hat sich wenigstens getraut, das auch zu zeigen“

So idyllisch ist Kallstadt – und jetzt Anlaufstelle für Kamerateams. Denn hier kommen die Großeltern des künftigen amerikanischen Präsidenten her. Bild: dpa

In Kallstadt in Rheinland-Pfalz lebten einst Trumps Großeltern. Der Ort gibt sich am Mittwoch gelassen bis gereizt. Das ehemalige Anwesen der Trumps steht zum Verkauf.

          Es ist gegen sechs Uhr morgens, draußen ist es noch dunkel, als es an der Tür der Kallstädter Bäckerei Sippel klopft. Obwohl der Laden erst um 6.30 Uhr öffnet, macht die Verkäuferin Gabriele Riede auf – sie denkt, so erzählt sie es zwei Stunden später, jemand will einen Kaffee, schließlich ist es ziemlich kalt draußen. Aber weit gefehlt: Da steht ein Kamerateam und will wissen, ob sie denn schon mitbekommen habe, dass aller Wahrscheinlichkeit nach Donald Trump der 45. Präsident der Vereinigten Staaten sein werde, der Mann also, dessen Großvater aus dem pfälzischen Weinörtchen stammt und Ende des 19. Jahrhunderts nach Amerika auswanderte, wo er mit Gaststätten ein Vermögen machte.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Riede, eine herzliche, aber auch resolute Frau, gibt zu verstehen, dass sie zwar zu nachtschlafender Zeit aufgestanden sei, aber sicher nicht wegen Trump. Zum einen findet sie nicht gut, was er im Wahlkampf so von sich gegeben hat. „Außerdem sollte er mal zum Friseur.“

          Die Bäckerei ist am Mittwoch eine beliebte Anlaufstelle für Journalisten, auch, weil das Haus, in dem Donald Trumps Großvater Frederick groß geworden ist, nur eine Gehminute entfernt liegt – so wie das Kindheitshaus seiner elf Jahre jüngeren und (wie sollte es anders sein) sehr schönen Ehefrau Elisabeth Christ. Das auffälligste an dem gepflegten, aber für Trump-Verhältnisse unscheinbaren ehemaligen Heim Fredericks ist ein eingeschweißtes DIN-A4-Blatt, das die heutigen Bewohner, die mit den Trumps in keiner Verbindung stehen, am Eingangstor befestigt haben: „Anwesen zu verkaufen!!!“ Und: „Wir bieten das Anwesen der Zeitgeschichte der Verbandsgemeinde Kallstadt zu einem angemessenen Kaufpreis an. Damit wir wieder ohne Presse- und Medienrummel in unserem Haus leben können!!!!“

          Alle zwei Wochen kamen Kamerateams

          Wie zur Bestätigung für die Minderung der Wohnqualität hat das nämliche Fernsehteam auch hier geklingelt, zu einer Uhrzeit, zu der außer Frau Riede die meisten im Ort noch geschlafen haben dürften. Das berichtet jedenfalls der ehrenamtliche Bürgermeister Thomas Jaworek, an den die Beschwerde der Hauseigentümer herangetragen wurde.

          Der Medienrummel ist groß: Ein Fernsehübertragungswagen steht am Mittwoch in Kallstadt auf einem Parkplatz.

          Jaworek ist ein besonnener Mann, promovierter Chemiker, wie viele in der Umgebung arbeitet er bei BASF. Ihm war klar: Sollte Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden, würde er, der Ortsbürgermeister von Kallstadt, nicht umhin kommen, für die Medien bereitzustehen. Seit bekannt wurde, dass sich Trump um die Kandidatur bemüht, waren immer wieder Journalisten und Kamerateams hier, im Schnitt alle zwei Wochen, schätzt Jaworek. Auch er steht nun im Einzugsbereich der Bäckerei Sippel, gegen viertel vor neun ruft er bei seinem Arbeitgeber an, er werde sich heute bis zehn Uhr freinehmen müssen. „Was wir gestern Abend noch nicht glauben konnten, ist jetzt Wirklichkeit“, sagt er den Journalisten.

          Auf einen Sieg Trumps gehofft habe er nicht, auch weil es für den Ort womöglich „Sachen bedeutet, die wir noch gar nicht abschätzen können“. Jetzt müsse man schauen, was Trump mache. In jedem Fall handele es sich dabei um eine amerikanische, nicht um eine Kallstädter Geschichte. Ob Trump schon mal hier gewesen sei, will einer wissen. Nein, war er nicht. In einem Interview habe er zwar mal gesagt „I love Kallstadt“. Aber der Bürgermeister sagt: „Ich weiß nicht, in wie vielen Orten er das schon gesagt hat, insofern würde ich das nicht überbewerten.“

          Kallstadt will keine Pilgerstätte für Trump-Fans werden

          In Kallstadt kann man leicht den Eindruck bekommen, dass die Kallstädter auf einen Trump-Boom gar nicht angewiesen sind. Die Pfalz boomt auch so, bei 1200 Einwohnern im Ort bieten Gaststätten und Hotels 2000 Sitzplätze und 400 Betten. Auch Amerikaner kommen gerne hierher, etwa von der nur 45 Autominuten entfernten Airbase in Ramstein. Man sei touristisch schon „sehr gut entwickelt“, habe aber immer, etwa bei der Erschließung von Neubaugebieten, auf Nachhaltigkeit geachtet, sagt der Bürgermeister. Die Touristen suchten einen ruhigen Ort zum Entspannen. Insofern sei man gar nicht besonders daran interessiert, zur Pilgerstätte für Trump-Fans zu werden. Im Gemeinderat habe man zum Beispiel noch nie Trump auf die Tagesordnung gesetzt, nie darüber debattiert, ob man eine Tafel am Haus seines Großvaters anbringen solle.

          Aber wer weiß, auf welche Ideen Trump selbst kommt? Ein Besuch bei seinen Soldaten scheint nicht ausgeschlossen – und danach einen schönen Riesling in der Heimat der Ahnen? Der Bürgermeister sagt: „Versiegelte Gullideckel sind nicht unbedingt das, was wir brauchen.“

          Wie sehen das andere Kallstädter? Eine nicht-repräsentative Umfrage zeigt: Es überwiegen diejenigen, die über Trumps Sieg denken wie die meisten anderen Deutschen auch. Ein älterer Herr, der nach eigenen Angaben fast 40 Jahre dem Turnverein am Ort vorstand, sagt: „Trump brauchen wir hier nicht.“ Er hofft aber, Trump möge „zur Besinnung kommen“ und versuchen, „die ganze Bevölkerung in Amerika wieder zusammenzubringen“. Der Mann erzählt von einer Reise nach Amerika im vergangenen Jahr, als sie sowohl von der Ketchup-Firma Heinz, deren Wurzeln auch in Kallstadt liegen, als auch von den Trumps eingeladen worden seien. Bei Heinz sei es „uneingeschränkt top“ gewesen. Aber in den Trump Tower sei man zwar eingeladen worden, dort habe sich jedoch nur Donalds Cousin blicken lassen, Trump himself habe es „vorgezogen, Golf zu spielen“.

          Ein anderer Passant, der in der Zeitung nicht kenntlich gemacht werden will, gibt zu erkennen, dass es hier auch Freude über den Wahlerfolg gibt: „Das ist ganz recht, da sehen unsere Politiker mal. Korrupt und egoistisch sind sie alle, aber Trump hat sich wenigstens getraut, das auch zu zeigen.“

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