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Besuch beim dementen Vater Der alte König in seinem Exil

17.05.2007 ·  Er wollte dem Vergessen nicht trotzen, verwendete nie auch nur die geringsten Gedächtnisstützen, und er war auch keiner von denen, die sich beklagen, jemand mache Knoten in seine Taschentücher. Ein Besuch beim achtzig Jahre alten Vater. Von Arno Geiger.

Von Arno Geiger
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Erste Erfahrungen mit Demenz machte ich als Sechsjähriger. Damals hörte mein Großvater auf, mich zu erkennen. Er wohnte im Nachbarhaus unterhalb unseres Hauses, und weil ich seinen Obstgarten als Abkürzung auf dem Weg zur Schule benutzte, warf er mir gelegentlich ein Scheit Holz hinterher - ich hätte in seinen Feldern nichts verloren. Manchmal jedoch freute ihn mein Anblick, er kam auf mich zu und nannte mich Helmut. Aber das war ebenfalls nichts, womit ich etwas anfangen konnte. Der Großvater starb. Ich vergaß diese Erlebnisse - bis die Krankheit bei meinem Vater losging.

In Russland gibt es ein Sprichwort, dass nichts im Leben wiederkehrt außer unseren Fehlern. Und im Alter verstärken sie sich noch. Da mein Vater schon immer einen Hang zum Eigenbrötlerischen hatte, erklärten wir uns seine bald nach der Pensionierung auftretenden Aussetzer damit, dass er jetzt Anstalten machte, jegliches Interesse an seiner Umwelt zu verlieren. Sein Verhalten erschien typisch für ihn. Und so gingen wir ihm etliche Jahre mit Beschwörungen auf die Nerven, er solle sich zusammenreißen.

„Lass dich nicht so gehen!“

Heute befällt mich ein stiller Zorn über diese Vergeudung von Kräften; denn wir schimpften mit der Person und meinten die Krankheit. „Lass dich bitte nicht so gehen!“, sagten wir hundertmal, und mein Vater nahm es hin, stolz und von vornherein nach dem Motto, dass man es am leichtesten hat, wenn man frühzeitig resigniert. Er wollte dem Vergessen nicht trotzen, verwendete nie auch nur die geringfügigsten Gedächtnisstützen, und er war auch keiner von denen, die sich beklagen, jemand mache Knoten in seine Taschentücher. Er leistete sich keinen hartnäckigen Stellungskrieg gegen seinen geistigen Verfall, und er suchte nicht ein einziges Mal das Gespräch darüber, obwohl er - aus heutiger Sicht - spätestens Mitte der neunziger Jahre die Einsicht in den Ernst der Sache besessen haben muss. Wenn er zu einem seiner Kinder gesagt hätte, meine Güte, mein Gehirn setzt sich auf eigene Faust in den Ruhestand, hätten alle besser mit der Situation umgehen können. So jedoch fand ein jahrelanges Katz-und-Maus-Spiel statt, mit meinem Vater als Maus, mit uns als Mäusen und der Krankheit als Katze.

Der alte König in seinem Exil

Diese erste, sehr nervenaufreibende, von Unsicherheit und Verunsicherung geprägte Phase liegt hinter uns, und obwohl ich noch immer nicht gern daran zurückdenke, begreife ich jetzt, dass es einen Unterschied macht, ob man aufgibt oder weiß, dass man geschlagen ist. Mein Vater ging davon aus, dass er geschlagen ist. In der Etappe seines Lebens angelangt, in der seine geistige Kraft galoppierend verging, setzte er auf innere Haltung; etwas, das mangels wirkungsvoller Medikamente auch für die Angehörigen eine praktikable Möglichkeit ist, mit der Sinnlosigkeit dieser Krankheit umzugehen.

Als wäre man aus dem Schlaf gerissen ...

Milan Kundera schreibt: Das einzige, was uns angesichts dieser unausweichlichen Niederlage, die man Leben nennt, bleibt, ist der Versuch, es zu verstehen.

Man kann sich Demenz in der mittleren Phase, in der sich mein Vater momentan befindet, ungefähr so vorstellen: Als wäre man aus dem Schlaf gerissen, man weiß nicht, wo man ist, die Dinge kreisen um einen her, Länder, Jahre, Menschen. Man versucht sich zu orientieren, aber es gelingt nicht. Die Dinge kreisen weiter, Tote, Lebende, Erinnerungen, traumartige Halluzinationen, Satzfetzen, die einem nichts sagen - und dieser Zustand ändert sich nicht mehr für den Rest des Tages.

„Was für ein schönes Leben wir haben

Wenn ich zu Hause bin, was nicht allzu oft vorkommt, da wir die Last der Betreuung auf mehrere Schultern verteilen können, wecke ich meinen Vater gegen neun. Er liegt ganz verdattert unter seiner Decke, ist aber ausreichend daran gewöhnt, dass Menschen, die er nicht erkennt, in sein Schlafzimmer treten, so dass er sich nicht beklagt.

„Willst du nicht aufstehen?“, frage ich ihn freundlich. Und um ihm ein positives Gefühl zu vermitteln, fahre ich fort: „Was für ein schönes Leben wir haben.“

Skeptisch rappelt er sich hoch. „Du vielleicht“, sagt er.

Ich reiche ihm seine Socken, er betrachtet die Socken ein Weilchen mit hochgezogenen Augenbrauen und sagt dann: „Wo ist der dritte?“

„Dich komme ich so schnell nicht wieder besuchen“

Ich helfe ihm beim Anziehen, damit das Prozedere nicht ewig dauert, er lässt es bereitwillig über sich ergehen. Anschließend schiebe ich ihn hinunter in die Küche, wo er sein Frühstück bekommt. Nach dem Frühstück fordere ich ihn auf, sich rasieren zu gehen. Er sagt: „Ich wäre besser zu Hause geblieben. Dich komme ich nicht so schnell wieder besuchen.“

Ich zeige ihm den Weg ins Badezimmer. Er singt „Oje-oje, oje-oje“ und spielt auf Zeitgewinn. „Du sollst dich doch nur rasieren, damit du etwas gleichschaust“, sage ich. Er folgt mir zögernd.

„Wenn du dir etwas davon versprichst . . .“, murmelt er, blickt in den Spiegel, reibt heftig mit beiden Händen die vom Kopf abstehenden Haare mit dem Effekt, dass die Haare hinterher tatsächlich anliegen. Er schaut sich wieder an, sagt „fast wie neu“, lächelt und bedankt sich anschließend herzlich.

Neuerdings bedankt er sich sehr oft. Vor einigen Tagen sagte er, ohne dass ich den geringsten Zusammenhang hätte herstellen können: „Ich bedanke mich recht herzlich bei dir schon im Voraus.“

Auf derartige Eröffnungen reagiere ich mittlerweile immer entgegenkommend: „Gern geschehen“, sage ich oder: „Keine Ursache“, oder: „Das tue ich doch gern.“ Denn erfahrungsgemäß sind bestätigende Antworten, die meinem Vater das Gefühl geben, alles sei in Ordnung, sehr viel besser als das Nachfragen von früher, das ihn nur beschämte und verunsicherte; niemand gibt gern Antworten auf Fragen, die ihn, wenn er sie überhaupt begreift, nur zur Einsicht in seine Defizite bringen wollen.

Keine Wunder, aber Zeichen

Am Anfang war diese Anpassung schmerzhaft und kräftezehrend. Weil man als Kind seine Eltern für stark hält und glaubt, dass sie den Zumutungen des Lebens standhaft entgegentreten, sieht man ihnen ihre Schwächen, wenn sie sichtbar werden, sehr viel schwerer nach als anderen Menschen. Doch mittlerweile habe ich in die neue Rolle einigermaßen gut hineingefunden. Und ich habe auch gelernt, dass man für das Leben eines von Demenz betroffenen Menschen neue Maßstäbe braucht.

Wenn mein Vater sich bedanken möchte, soll er sich bedanken, auch ohne nachvollziehbaren Anlass, und wenn er sich darüber beklagen will, dass ihn alle Welt im Stich lässt, soll er sich beklagen, egal, ob dieser Eindruck in der Welt der Fakten standhalten kann oder nicht. Für ihn gibt es keine Welt außerhalb der Demenz. Und als Angehöriger kann man nur versuchen, die dort herrschende Verstörung emotional aufzufangen, die Bitterkeit des Ganzen ein wenig zu lindern, indem man die durcheinandergeratene Wirklichkeit des Kranken gelten lässt.

Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann, muss ich hinüber zu ihm. Dort drüben, innerhalb der Grenzen seiner geistigen Verfassung, jenseits unserer auf Sachlichkeit und Zielstrebigkeit ausgelegten Gesellschaft, ist er noch immer ein beachtlicher Mensch, und wenn auch nach allgemeinen Maßstäben nicht immer ganz vernünftig, so doch irgendwie brillant.

„Es geschehen keine Wunder, aber Zeichen“

Eine Katze streift durch den Garten. Mein Vater sagt: „Früher hatte ich auch Katzen, nicht gerade für mich allein, aber als Teilhaber.“

Und einmal, als ich ihn fragte, wie es ihm gehe, antwortete er: „Es geschehen keine Wunder, aber Zeichen.“

Und dann ansatzlos Sätze so unwahrscheinlich und schwebend, wie sie einem manchmal in Träumen kommen: „Das Leben ist ohne Probleme auch nicht leichter.“

Wit and wisdom of August Geiger. Witz und Weisheit. Schade nur, dass die Sprache langsam aus ihm heraussickert, dass auch die Sätze, bei denen einem vor Staunen die Luft wegbleibt, immer seltener werden. Was da alles verlorengeht, das berührt mich sehr. Es ist, als würde man jemandem in Zeitlupe beim Verbluten zusehen. Das Leben sickert Tropfen für Tropfen aus der Person heraus.

Die Person sickert aus der Person heraus

Die Person sickert Tropfen für Tropfen aus der Person heraus. Noch ist das Gefühl, dass dies mein Vater ist, der Mann, der mitgeholfen hat, mich großzuziehen, intakt. Aber die Momente, in denen ich ihn als Charakter nicht wiedererkenne, werden häufiger, vor allem am Abend.

Die Abende sind es, die einen Vorgeschmack auf das bieten, was bald schon der Morgen zu bieten haben wird. Denn wenn es dunkel wird, kommt die Angst. Da irrt mein Vater rat- und rastlos umher wie ein alter König in seinem Exil. Dann ist alles, was er sieht, beängstigend, alles schwankend, instabil, davon bedroht, sich im nächsten Moment aufzulösen. Und nichts fühlt sich an wie zu Hause.

Ich sitze seit einiger Zeit in der Küche und tippe Notizen in meinen Laptop. Im Wohnzimmer läuft der Fernseher, und mein Vater, der von dort Stimmen hört, schleicht auf Zehenspitzen durch die Diele, lauscht und murmelt mehrmals bei sich: „Das sagt mir nichts.“

Ein Moment, der zu schaffen macht

Dann kommt er zu mir in die Küche, tut so, als schaue er mir beim Schreiben zu. Aber ich merke mit einem Seitenblick, dass er Unterstützung braucht. Ich spreche ihn an: „Willst du nicht ein bisschen fernsehen?“

„Was habe ich davon?“

„Na ja, Unterhaltung.“

„Ich möchte lieber heimgehen.“

„Du bist zu Hause.“

„Wo sind wir?“

„Oberfeldgasse 7.“

„Na ja, aber viel bin ich hier nie gewesen.“

„Du hast das Haus Anfang der sechziger Jahre gebaut, und seither wohnst du hier.“

Er verzieht das Gesicht. Die Informationen, die er gerade erhalten hat, scheinen nicht gerade seinen Beifall zu finden. Er kratzt sich im Nacken: „Ich glaube es dir, aber mit Vorbehalt. Und jetzt will ich nach Hause.“

Ich schaue ihn an. Obwohl er seine Verstörung zu verbergen versucht, ist ihm anzumerken, wie sehr ihm der Moment zu schaffen macht. Er ist voller Unruhe, Schweiß steht auf seiner Stirn. Der Anblick dieses kurz vor der Panik stehenden Menschen geht mir durch Mark und Bein.

Verlorene Paradiese

Das Bedürfnis, nach Hause zu gehen, gehört zum Krankheitsbild. Ich erkläre es mir so, dass ein an Demenz erkrankter Mensch aufgrund seiner inneren Zerrüttung das Gefühl der Geborgenheit verloren hat und sich an einen Platz sehnt, an dem er diese Geborgenheit wieder erfährt. Da jedoch das Gefühl der Irritation auch an den vertrautesten Orten nicht vergeht, scheidet selbst das eigene Bett als mögliches Zuhause aus.

Um es mit Marcel Proust zu sagen, die wahren Paradiese sind die, die man verloren hat. Ortswechsel, egal wohin, bewirken in solch einem Fall keine Besserung, es sei denn durch die bloße Ablenkung, die man aber genauso gut, wenn nicht besser, durch Singen erreicht. Singen ist lustiger, demente Menschen singen gern. Singen ist etwas Emotionales, ein Zuhause außerhalb der greifbaren Welt.

Apropos Singen: Oft heißt es, an Demenz erkrankte Menschen seien wie kleine Kinder - kaum ein Text zum Thema, der auf diese Metapher verzichtet; und das ist ärgerlich. Denn man kann sich unmöglich zu einem Kind zurückentwickeln, da es zum Wesen des Kindes gehört, dass es sich nach vorn entwickelt. Kinder erwerben Fähigkeiten, Demenzkranke verlieren Fähigkeiten. Der Umgang mit Kindern schärft den Blick für Fortschritte, der Umgang mit Demenzkranken den Blick für Verlust.

Das Alter ist eine Rutschbahn

Die Wahrheit ist, das Alter gibt nichts zurück, es ist eine Rutschbahn, und die größte Sorge, die es einem machen kann, ist die, dass es zu lange dauert.

Ich schalte den CD-Player ein. Meine Schwester hat für solche Zwecke eine Edition mit sogenanntem Liedgut gekauft. Hoch auf dem gelben Wagen. Oft funktioniert der Trick. Wir trällern eine halbe Stunde lang, der alte Mann legt sich zwischendurch so sehr ins Zeug, dass ich lachen muss. Mein Vater lässt sich anstecken, und da es ohnehin an der Zeit ist, nutze ich den Moment und laviere ihn nach oben in sein Schlafzimmer. Er ist jetzt in guter Stimmung, obwohl es mit dem Überblick über Zeit, Raum und Ereignisse noch immer schlecht steht; aber das bereitet ihm im Moment kein Kopfzerbrechen.

Nicht siegen, überstehen ist alles, denke ich und bin von diesem Tag mittlerweile mindestens ebenso erschöpft wie er. Ich weise meinen Vater an, was er zu tun hat, bis er in seinem Pyjama steckt. Er schlüpft von selbst unter die Decke und sagt: „Hauptsache, ich habe einen Platz zum Schlafen.“ Er blickt um sich, hebt die Hand und grüßt jemanden, der nur für ihn vorhanden ist: „Man kann es hier schon aushalten. Es ist eigentlich ganz nett hier“, sagt er.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.05.2007, Nr. 19 / Seite 2
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