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Bestsellerautor Jan Weiler Und es schmeckt ihm doch ...

08.07.2009 ·  Bestsellerautor Jan Weiler findet nichts dabei, wenn andere Leute ein wenig in seinem Leben herumstöbern, um Teile davon in der Öffentlichkeit zu verarbeiten. Er macht ja gewissermaßen auch nichts anderes. Ein Portrait.

Von Julia Schaaf
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Als das Gewitter losbricht, das Jan Weiler seit Stunden herbeigeredet hat, sind wir auf der Autobahn. Ein alter weißer Porsche zwischen Starnberger See und München. Die Sicht ist so miserabel wie im Schleudergang einer Waschmaschine. Und der letzte Zug nach Berlin fährt in zwanzig Minuten. Vor einer großen Kreuzung am Stadtrand lässt der Regen nach. Dafür ist Stau. Weiler überholt auf der Rechtsabbiegerspur und ruft kokett: „Mein Gott, bin ich böse!“, als er sich kurz vor der Ampel zurück in die Schlange drängelt. Noch acht Minuten bis zur Abfahrt. „Wollen Sie sich mit dieser Frau um einen Parkplatz streiten?“ Weiler deutet auf eine Matrone mit feuerwehrroten Lippen, die im Kampfschritt vorbeihastet. Noch drei Minuten. Jetzt erfindet Weiler Geschichten über einen Schwarzafrikaner, der einen Mops hinter sich her zieht, aussieht wie Hulk und selbstironisch zu uns in den Porsche grinst. Noch einmal abbiegen. Der Bus vor uns scheint zu parken. Letzte Ampel. Ist Weiler so entspannt, wie er wirkt? „Ich tue nur so“, sagt Weiler ernst. „Es tut mir wirklich so leid für Sie!“ Wir sind fünf Minuten zu spät am Bahnhof. Der Zug ist weg.

Ein Porträt über sich selbst

„Herr Weiler, wie würden Sie ein Porträt über sich beginnen?“

„Boah. Weiß nicht.“ Pause. „Ich würde wahrscheinlich schreiben: Ich habe selten einen derart attraktiven Mann kennengelernt.“ Wir lachen, was sonst.

In seinem früheren Leben als Journalist hat Jan Weiler selbst gerne Porträts geschrieben. Da war er Redakteur des Magazins der „Süddeutschen Zeitung“, später als Hälfte einer Doppelspitze sogar Chefredakteur. Bis heute unterrichtet er an der Deutschen Journalistenschule in München und erklärt Studenten, die sich zu Übungszwecken wechselseitig porträtieren sollen, dass der Text dem anderen gerecht werden solle, und dafür reiche es nicht, ihn nach seinen Leistungskursen zu befragen. Jan Weiler, Leistungskurse Deutsch und Englisch, ist inzwischen selbst Stoff für Porträts. Sein Romandebüt „Maria, ihm schmeckt's nicht“ hat sich mehr als 1,5 Millionen Mal verkauft. Man kann fünf zufällig ausgewählte Bekannte in München, Leipzig und Berlin innerhalb von zwölf Stunden auf das Buch ansprechen - und alle kennen es. „Ganz nett“, sagen die meisten. Einer schaut gelangweilt. Jemand kichert spontan. Im August kommt die Verfilmung mit Christian Ulmen in die Kinos. „Weiler lustig ist“ bewirbt der Rowohlt-Verlag Weilers Bücher. Aber das hört der Einundvierzigjährige auf dem Weg zum Bahnhof zum ersten Mal. „Oh Mann“, ruft er, und haut aufs Lenkrad. „Wie schrecklich!“ Er kann das beurteilen. Als Werbetexter hat Weiler schließlich einmal angefangen.

Ein kleiner Arbeitgeber im großen Weinberg der Unterhaltung

„Herr Weiler, als was würden Sie sich heute bezeichnen?“

„Als Mensch, mittlerweile“, sagt Weiler, unsicher lächelnd. Dann frotzelt er: „Ich bin nur ein kleiner Arbeiter im großen Weinberg der Unterhaltung.“ Und noch einmal, ernster: „Ich weiß es nicht so genau. Eigentlich als Schriftsteller.“

Jeans, Langarmshirt, Chucks: Jan Weiler ist ein unprätentiöser Gesprächspartner, angenehm und kurzweilig. Bevor ihm eine Pause zu lange dauert, meckert er lieber über das Wetter. „Ich hasse diesen Sommer“, schimpft er, sobald die ersten Tropfen fallen, „wir ziehen nach Italien.“ Das ist natürlich Quatsch. Italien ist das einzige Thema, über das Jan Weiler gar nicht sprechen will, weil er es satthatte, sozusagen als Berufsitaliener durch die Medien gereicht zu werden. „Ich verstehe wirklich nicht so viel von Italien. Ich habe einfach eine italienische Frau geheiratet“, sagt Weiler. Stimmt. Die Bücher über seine italienische Sippe, allen voran Schwiegervater Antonio Marcipane, sind vermutlich gerade deshalb so erfolgreich, weil sie sich nicht um ein tiefes, neuartiges Verständnis unserer Lieblingsausländer und ihrer Heimat bemühen, sondern die gängigen Klischees zelebrieren, mit denen sich jeder Deutsche identifizieren kann.

Schwiegervater Antonio heißt übrigens nicht wirklich Marcipane, hat aber tatsächlich eine grau behaarte Brust und Augen hell wie Taschenlampen. Er ist - wie im Buch - von Campobasso über Oldenburg nach Krefeld gezogen, hat dort ein Reihenendhaus bezogen und im Stahlwerk geschafft. Er redet wirklich so viel, dass Weiler in seiner Gesellschaft gelegentliche Pausen braucht. Auch die Einstellung, die eine menschenwürdige Gastarbeiterexistenz im ausländerfeindlichen Deutschland der siebziger Jahre ermöglichte, stammt von ihm: Die Ablehnung seiner Umwelt ließ er einfach nicht mehr an sich heran und lebte fortan in seiner eigenen Welt. Weiler beschreibt diesen Schutzmechanismus in seinem Buch auf berührende Weise. Bei allem Spott bleibt er immer emphathisch und respektvoll.

Aufbackpizza kommt ihm nicht in den Ofen

Wie der Ich-Erzähler im Buch kann der Autor selbst nicht schwimmen. Und er hasst auch in Wirklichkeit Panettone, Meeresfrüchte und diese titelgebende Spielart italienischer Gastfreundschaft, mit der ihn die Verwandten quälten, indem sie ihn nötigten, weit über das erträgliche Maß hinaus zu essen. Bei Weigerung hieß es tadelnd: „Ihm schmeckt's nicht.“ Da scheint es auf den ersten Blick erstaunlich, wenn demnächst ein Kochbuch erscheint mit Texten von Jan Weiler. In Münsing, nur ein paar Kilometer von ihm zu Hause entfernt, betreibt Weiler mit zwei Freunden die „Vinoteca Marcipane“. Auf der Mittagskarte stehen Rote-Bete-Suppe, Zander mit Püree und ein Salat aus Nektarinen und Mozzarella - alles Gerichte, die sich so ähnlich auch in dem Kochbuch finden. Weiler hat dazu hübsche Beilagen geschrieben, die wie ein literarischer Side-Kick die Güte der Lebensmittel und die Philosophie des Kochs zur Entfaltung bringen. Der Autor bestellt den Zander und ein großes Wasser. Aufbackpizza komme ihm nicht in den Ofen, sagt Jan Weiler. Gutes Essen sei wichtig.

Auch wenn Weiler über die Zerrissenheit seines Schwiegervaters schreibt oder - wie in seinem Roman „Drachensaat“ - über gescheiterte Existenzen, die an der Gesellschaft verzweifeln, arbeitet er gezielt mit Überzeichnungen und Pointen, die seinen Text unterhaltsam machen. Wenn Weiler von finsteren Zeiten erzählt, klingt er trotz allem heiter. Es ist gerade mal sechs Jahre her, dass das Leben ihm die gelbe Karte gezeigt hat, wie er es nennt. Notoperation, Intensivstation, anschließend Reha: ein doppelter Darmdurchbruch. Inzwischen glaubt Weiler daran, dass es psychosomatische Erkrankungen gibt, dass die Organe ihre Arbeit einstellen, wenn man die Seele nicht pflegt. Als Journalist gehörte er zu diesen Menschen, die nicht genommene Urlaubstage vor sich her tragen wie ein Statussymbol. Sein Therapeut in der Klinik sagte, wenn er weitermache wie bisher, sei er spätestens in zehn Jahren tot. Außerdem fragte der Psychologe: Was für ein Mensch sind Sie eigentlich? Haben Sie Träume? Sind Sie glücklich? „Ich hatte auf nichts eine Antwort“, sagt Weiler. „Ich habe mein Leben in Funktionen wahrgenommen: Chef. Vater. Nachbar. Ich hatte kein Verhältnis zu mir selber.“ Jan Weiler beschloss, das Leben nicht mehr auf später zu verschieben. Er kaufte sich den Porsche, den er sich schon als Kind gewünscht hatte. Er kündigte seinen Job. Als Freunde ihn für ihr Restaurantprojekt gewinnen wollten, als Partner und Finanzier, stieg Weiler ein. Lebensfreude und Genuss seien wichtiger als Rendite, sagt er und dass er zufriedener sei als einst. „Heute bin ich gerne ich.“

Es geht ihm um die Erfahrung, nicht dazuzugehören

Weder die Themen noch der Ton seiner Bücher haben sich darüber verändert. Egal wie lustig, grotesk, beiläufig oder banal: Es geht ihm um die Erfahrung, nicht dazuzugehören. Er sagt, das sei sein Lebensthema. Weil man in Düsseldorf entweder Fortuna- oder Gladbach-Fan war, jubelte Weiler schon als Achtjähriger für die Bayern. Als Punk hörte er gelegentlich Jazz. Die Zugehörigkeitsdiskussionen der Generation Golf - Pelikan oder Geha? - fand er schon in den Neunzigern spießig. Er sagt, er brauche seine Zeit, um mit Menschen warm zu werden. Jahrelang hat er direkt am Starnberger See gelebt und war geschätzte viermal im Wasser. Das nächste Skigebiet ist zwanzig Autominuten entfernt, aber Weilers Frau und Kinder steigen ohne ihn auf die Bretter. „Man kann ja das Wasser und die Berge angucken“, sagt Weiler.

Das bringt die Dinge auf den Punkt. Jan Weiler ist ein Beobachter. Kein Wunder, dass seine Texte voll von Alltäglichkeiten sind, die jeder kennt, oft ohne sie je wahrzuhaben oder zu benennen. Weiler ist pausenlos auf der Pirsch. „Irgendein Teil meines Gehirns sagt fast neurotisch: Merk dir das mal. Das kannst du für irgendwas gebrauchen.“ Die Schattenseite dieser Arbeits- und Lebensweise formuliert er gleich mit: „Eigentlich habe ich immer das Gefühl, alleine zu sein.“

Balkon mit Alpenpanorama

Hausführung: Wie jeder gute Deutsche beginnt Weiler mit der Toilette neben der Diele und lässt auch das Gästebad nicht aus. Ein Kinderzimmer mit einem von Loriot gemalten Mops für die Tochter an der Wand, der penibel aufgeräumte Schreibtisch mit einem Megabildschirm und einer Tastatur in den Ausmaßen eines Frühstücksbrettchens. An einer der Stecknadeln, die auf einer Deutschland-Karte die Ziele seiner Lesereisen markieren, hängt ein Konzert-Pass der Toten Hosen: Wyk auf Föhr. Annie Leibowitz und Ferran Adrià als Coffeetable-Books und hier und da geschmackvolle Fotos einer Bilderbuchfamilie in Blond. Der Weg auf den riesigen Balkon mit dem Alpenpanorama hinter Geranien führt durchs Schlafzimmer. Erstaunlich, wie viel da einer von sich preisgibt, der doch wissen muss, dass Journalisten nur so gieren nach persönlichen Details.

„Herr Weiler, sind Sie eitel?“ Keine Pause. „Nicht eitler als Sie.“

Gut pariert. Als ehemaliger Werber und Magazinchef wird der Hausherr eine Menge von Marketing verstehen. Außerdem findet er wahrscheinlich tatsächlich nichts dabei, wenn andere Leute ein wenig in seinem Leben herumstöbern, um Teile davon in der Öffentlichkeit zu verarbeiten. Er macht ja gewissermaßen auch nichts anderes.

Schreiben, sagt Jan Weiler, Jahrgang 1967, aufgewachsen bei Düsseldorf, wollte er schon immer. Deshalb begann er nach dem Abitur als Texter bei der Agentur Grey und bewarb sich bei der Journalistenschule in München, im vierten Anlauf mit Erfolg. Er ging zum Magazin der „Süddeutschen Zeitung“, das er von 2000 bis 2005 zusammen mit Dominik Wichmann leitete. Seitdem schreibt Weiler eifrig Kolumnen, Romane und anderes. Auch das Drehbuch zum Bestseller „Maria, ihm schmeckt's nicht“ stammt zum Teil von ihm. Weiler lebt mit Frau und zwei Kindern im oberbayerischen Icking.

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