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Berliner Linksaktivismus : Noch Revolutionsbedarf in Kreuzberg

Soll raus aus dem Haus: „HG“ Lindenau kämpft gegen die Zwangsräumung. Bild: dpa

Hausbesetzer und Mauer-Aktivist: Der Berliner Hans-Georg Lindenau ist eine Ikone der linken Szene. Seit 30 Jahren betreibt „HG“ seinen Laden. Jetzt soll er raus - und wehrt sich.

          Der Revolutionär wünscht sich keine Veränderung. Alles soll so bleiben, wie es seit 1985 ist. Hans-Georg Lindenau will bleiben, will weiter auf der Empore seines Ladens thronen, mit Touristen und Berlinern plaudern, Sticker verkaufen, auf denen „Sexistische Kackscheiße“ steht oder „Still not loving police“. Hans-Georg Lindenau, knapp 60, tarngrüner Overall, in der linken Szene Berlins nur „HG“ genannt, war in den Achtzigern Hausbesetzer und Mauer-Aktivist, seither betreibt er hier in Kreuzberg seinen linken Laden.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin in den Ressorts Gesellschaft und Politik bei FAZ.NET.

          Wobei er sich nicht als Betreiber, sondern als Bewohner bezeichnet: Er schläft in einem Raum hinter dem Geschäft. Treppen käme er als Rollstuhlfahrer nicht hoch. Doch sein Vermieter hat ihm gekündigt. Wegen illegaler Untervermietung, sagt der Eigentümer, ein Gericht hat es bestätigt. Um das Haus sanieren und teuer neu vermieten zu können, sagt Lindenau. In der nicht behindertengerechten Wohnung brauche er Untermieter zur Unterstützung.

          „Gemischtwarenladen mit Revolutionsbedarf“ steht in selbstgemalten Lettern auf Holzplatten an der heruntergekommenen Fassade des Hauses. Die Toiletten befinden sich hier teils noch „auf halber Treppe“ im Hausflur. Der Quadratmeterpreis ist mit zwei Euro für die Gewerbe- und vier Euro für die Wohnfläche ein Schnäppchen - und das in dem Bezirk, in dem die durchschnittlichen Mieten im vergangenen Jahr die höchsten in ganz Berlin waren. Die Instandhaltungskosten seien aber enorm, versichert Lindenau. Genau deshalb wolle man sanieren, entgegnet Cornelius Ernst Wollmann, der Anwalt des Hauseigentümers. Eine „Luxussanierung“ sei das nicht.

          Gasmasken, Adorno-Texte und vegane Schuhe

          In seinem Laden verkauft Lindemann Gasmasken, Pfefferspray („antifaschistisches Deo“), Adorno-Texte, Zelte und vegane Schuhe. Bis unter die Decke stapelt er seine Waren in abenteuerlichen Konstruktionen aus Stahlträgern und Plastikkisten. Jedem, der reinkommt, erklärt er erst mal laut seine Regeln: nichts selbst aus den Kisten holen, sondern ihm die entsprechende Kiste bringen. Rucksäcke vorne tragen („Mach dich zum Känguru!“), damit nichts angestoßen wird und herunterfällt. Und mithelfen, anders kann ein Schwerbehinderter allein keinen Laden führen: „Hey, du da, pack das mal da auf den Stapel zurück. Nein, nicht dort! Da, links! Ja, genau.“

          Für Mitte August war eine Zwangsräumung angesetzt. Dann hieß es überraschend: Lindenau habe die Räume über seinem Laden freiwillig zurückgegeben und werde am 20. September auch die Geschäftsräume verlassen. Die Räumung war damit vom Tisch. Doch tatsächlich hat Lindenau nicht vor zu gehen, auch an diesem Dienstag nicht - zumindest vorerst nicht. Denn inzwischen hat Lindenau einen neuen Wohnladen gefunden, in Kreuzberg, barrierefrei und bezahlbar. Allerdings könnte er den erst Ende Mai 2017 beziehen. Er hat auf Räumungsschutz geklagt, die Entscheidung soll noch vor dem nächsten Räumungstermin fallen, der für Donnerstag angesetzt ist. Rechtzeitig vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus war der Laden zum Politikum geworden. Lindenau solle bei der freiwilligen Herausgabe der Räume vor der Wahl sein Gesicht wahren können, sagt Anwalt Wollmann. Die CDU wolle mit ihrem Innensenator Frank Henkel keine schlechte Presse, und Wollmann sei mit ihr verbandelt, sagt ein junger Mann mit blondem Zopf, der sich als Unterstützer Lindenaus bezeichnet.

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