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Berliner Feuerwehrmann : „Geh aus dem Weg, sonst bringe ich dich um“

Ein Notarztwagen der Berliner Feuerwehr an einem Unfallort im vergangenen August Bild: dpa

Thomas Kirstein ist seit 25 Jahren bei der Feuerwehr in Berlin. Ein Interview über die Aufregung nach den Angriffen auf Rettungskräfte an Silvester, unsachliche Vorschläge von Ex-Soldaten und den eigentlichen Knackpunkt des Problems.

          Herr Kirstein, seit Silvester hört es sich in manchen Medienberichten an, als müsste die Berliner Feuerwehr bei jedem Einsatz in den Krieg ziehen. Haben die Angriffe auf Rettungskräfte wirklich so stark zugenommen?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Ich bin seit 1997 auf Wachen in Kreuzberg, Neukölln und Friedrichshain eingesetzt worden – also dort, wo das Leben tobt. Die Zahl der Einsätze hat extrem zugenommen. Da ist es ganz logisch, dass auch die Zahl der Übergriffe steigt. Wir rücken ja nicht nur aus, wenn es brennt, in 80 Prozent geht um medizinische Notfälle. Es gibt heute öfter spektakuläre Fälle: Im letzten Vierteljahr ist es zweimal passiert, dass eine Rettungswagenbesatzung bedroht wurde. In einem Fall ging es um die Wiederbelebung eines Kindes, also den schlimmsten Fall. Passanten wurden aggressiv: „Fahrt mal euren Rettungswagen weg, ich will hier ausparken!“ Dabei sind wir doch die Menschen, die helfen wollen. Aber: Insgesamt haben wir ein gutes Image, uns wird meistens positiv begegnet.

          Die jüngste Aufregung wurde durch die Silvesternacht ausgelöst: Ihre Feuerwehr hat 57 Angriffe auf Einsatzwagen gemeldet, acht Beamte wurden körperlich attackiert. War das keine neue Dimension?

          Es kam schon in den Vorjahren zu vielen Beschüssen mit Feuerwerkskörpern. Wir wurden danach oft gefragt: Wie viele Angriffe gab es? Das wurde aber statistisch nie erfasst. Deswegen haben wir Ende 2017 unseren Einsatzkräften gesagt, dass sie Angriffe an Silvester dokumentieren und anzeigen sollen. Dadurch haben wir erstmals diese Zahlen. Stand heute gibt es zwei verletzte Kollegen.

          Was sind das für Verletzungen?

          Einmal ist ein Löschfahrzeug an der Weiterfahrt gehindert worden, weil eine Feuerwerks-Batterie auf der Straße abgeschossen wurde. Ein Kollege ist ausgestiegen, um die Batterie zur Seite zu räumen – und hat ohne Warnung einen Faustschlag ins Gesicht bekommen. Diese unvermittelte Gewalt ist eine neue Dimension. Ein anderer Kollege hat nach einem Raketenbeschuss Verbrennungen am Gesäß.

          Silvester in Berlin: „Es kam schon in den Vorjahren zu vielen Beschüssen mit Feuerwerkskörpern.“
          Silvester in Berlin: „Es kam schon in den Vorjahren zu vielen Beschüssen mit Feuerwerkskörpern.“ : Bild: dpa

          Woher rühren die Aggressionen?

          Es ist statistisch belegt, dass die Angriffe ganz oft von männlichen Tätern unter Alkohol- oder Drogeneinfluss ausgehen. Das ist für uns die Haupterklärung. Aber noch mal: Auch an Silvester gab es Einsätze, bei denen die Feuerwehr bejubelt und zum Essen eingeladen wurde, weil sie einen Balkonbrand gelöscht hatte.

          Was haben Sie persönlich schon Negatives erlebt?

          Zu mir hat mal jemand bei einem medizinischen Notfalleinsatz gesagt: „Geh‘ aus dem Weg, sonst bringe ich dich um.“ Das habe ich zur Anzeige gebracht. Ich war aber auch oft an Silvester im Einsatz und bin in Kreuzberg aus dem Wagen gestiegen, als die Raketen quer geflogen sind. So etwas habe ich nie zur Anzeige gebracht oder gemeldet, wenn es keine Beschädigung am Fahrzeug gab.

          Also ist die neue Entwicklung vor allem, dass solche Fälle gemeldet werden?

          Ja, seit 2014 werden die Angriffe auf Einsatzkräfte in Berlin statistisch erhoben. Das ist in den letzten Jahren gleichbleibend im unteren oder mittleren zweistelligen Bereich. So um die 40, 50 Angriffe oder Bedrohungen haben wir im Jahr.

          Bundesweit ist die Zahl der Angriffe auf Rettungskräfte laut der Polizeilichen Kriminalstatistik von 2011 bis 2016 um ein Drittel gestiegen.

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