Ein Thema beherrschte die Gespräche der deutschen Filmschickeria auf der Eröffnungsgala der Berlinale: War Festivalleiter Dieter Kosslick nun verrückt oder nicht? Er hatte den elegischen, sperrigen chinesischen Film „Tuan-Yuan - Apart Together“ für die Eröffnung ausgewählt, der im Laufe der zwei Stunden Spielzeit zu erheblichem Zuschauerschwund im Saal führte. Die Prominenz zeigte sich hinterher gespalten. Jan Josef Liefers hatte, seinem Gesichtsausdruck nach, während der Vorstellung entweder tief geschlafen oder war noch in der apathischen Stimmung des Films gefangen. Er wollte sich „so schnell noch kein Urteil erlauben“, wie er sagte, dafür brauche er mehr Distanz. Andere waren da schneller. Schauspielerin Nicolette Krebitz nannte die Entscheidung „mutig“, einen solchen Film zur Eröffnung zu zeigen, und „interessant“ sei der Film auch gewesen, was ja bekanntlich nicht viel bedeutet und darum von den allermeisten, die eigentlich nichts sagen wollten, gesagt wurde.
Der neuerdings Afrikabesessene Christoph Schlingensief dagegen wusste genau, was er an dem Film mochte, der unter anderem von der schwierigen Beziehung zwischen Chinesen und Taiwanesen erzählt. Er habe darin etwas erkannt, das sich auf Afrika übertragen lasse, sagte er. China und Taiwan teilten manche afrikanische Länder gewissermaßen unter sich auf: Wo der eine engagiert sei, halte der andere sich fern, man wolle sich möglichst nicht begegnen. Außerdem, sagte der gut gelaunte Künstler, habe er während des Films großen Appetit auf chinesisches Essen bekommen. Denn auch wenn sonst nicht allzu viel passiert - gegessen wird in „Apart Together“ viel.
Eine kreischend orange gefärbten Tilda Swinton
Weil die Berlinale in diesem Jahr ihren sechzigsten Geburtstag feiert, gab es während der Eröffnungszeremonie zahlreiche Geburtstagsreden, die das ohnehin schleppende offiziöse Prozedere noch etwas in die Länge zogen. Mit Abstand am unterhaltsamsten waren die Patzer und das offenbar kaum geprobte Zusammenspiel zwischen Dieter Kosslick und der Moderatorin des Abends, Anke Engelke. In einem Satz fasste sie zusammen, was der erstaunlich wirres Zeug redende Kosslick wohl während seiner Ayurveda-Entspannungskur, die er, wie man hört, immer vor dem Festival zu absolvieren pflegt, vergessen hatte: „It's not the rehearsal, Dieter, it's the show“. Gerade die lässige Schnoddrigkeit Kosslicks kann eine eher lahme Veranstaltung wie die Eröffnungsgala aber auch aufheitern: Als der regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, (SPD), Dieter Kosslick zum Jubiläum einen weißen Porzellanbären überreichte, konterte der Beschenkte mit den Worten, es sei schon richtig, dass die Stadt jetzt eben manchmal mit Geschenken vorbeikomme, seitdem sie dem Festival nicht mehr so viel Geld zur Verfügung stelle.
Während auf eine Leinwand Portraits der vielen Hollywood-Stars projiziert wurden, die in den letzten Jahren zur Berlinale gekommen sind, von Madonna über George Clooney bis Meryl Streep, saßen im Saal außer Jury-Mitglied Renée Zellwegger (die erklärte, dass man ihren Namen tatsächlich so ausspreche, wie wir ihn lesen, da sie europäische Vorfahren habe) keine Hollywood-Stars, dafür aber so ziemlich Alles, was in Deutschland aus Funk und vor allem Fernsehen bekannt ist, von Armin Müller-Stahl über Heike Makatsch und einer kreischend orange gefärbten Tilda Swinton bis hin zu dem mürrisch dreinblickenden ehemaligen Bundesaußenminister Joschka Fischer.
„I have to, you know“
Während die wahre Prominenz - zum Beispiel Schauspieler Otto Sander, der sagte, Partys seien eh „immer derselbe Dreck, man steht nur blöd rum und kann sich nicht unterhalten“ - nach der Gala ins Borchardt's zum Essen ging, verteilte sich das Fußvolk auf große Reisebusse, die es zur Eröffnungsparty ins Café Moskau an der Karl-Marx-Allee karren sollten. Schnell kam Klassenfahrtstimmung auf, zumal die Busse technische Probleme hatten und darum für süffisante Sprüche über die Berliner Verkehrsbetriebe taugten. Auch im Café Moskau blieben die Reichen und Schönen im VIP-Bereich unter sich, wo sich nun auch Oppositionsführer Frank-Walter Steinmeier (SPD) im Kreise seiner Berater und eine wie immer unmöglich gekleidete Claudia Roth hinzu gesellten. Getanzt wurde kaum, dafür viel Schampus getrunken. Anke Engelke hatte die golden glitzernden High-Heels, die sie auf der Gala getragen hatte, gegen ein schwarz-graues Paar Schuhe eingetauscht, wollte aber über ihre Kleiderwahl nichts sagen. Dafür habe sie einen Stylisten, sagte sie, und wirkte dabei erstaunlich humorlos. Der mache seinen Job, sie mache ihren, und man rede sich nicht gegenseitig rein.
Spät am Abend, die Türen des VIP-Clubs und damit der Zugang zu den Champagner-Flaschen (überall sonst wurde nur Wein ausgeschenkt) waren nun auch für die Allgemeinheit geöffnet, tauchte eine in kreischendes Rot gewandete Jana Pallaske auf, die ihren prall gefüllten Terminkalender der nächsten Tage detailliert referierte, bevor sie erzählte, dass sie sich nach der Berlinale für ein paar Wochen zur Meditation nach Indien zurückziehen werde. Allerdings werde sie natürlich - „I have to, you know“ (Pallaske hat lange in Amerika gelebt und streut in ihre Rede gerne amerikanische Satzfetzen ein) - für ein paar Tage zu den Oscar-Verleihungen nach Los Angeles fliegen, um danach zu ihrem „Retreat“ zurückzukehren. Als die Party sich in den Morgenstunden leerte, obwohl es immer noch Champagner gab, sah man einige Gesichter, die wohl schon jetzt, nach der ersten großen Party, ein „Retreat“ ganz gut gebrauchen könnten. Und das war nur der Anfang.