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Berlin : Der Kreuzberger Guerrilla-Garten

  • -Aktualisiert am

Das Baumhaus an der einstigen Mauer Bild: Andreas Pein

Vor 24 Jahren bepflanzte Osman Kalin ein Stück Erde an der Berliner Mauer. Heute liegt sein Garten mitten in der Stadt. Und weil der Kreuzberger Bürgermeister der „illegalen Nutzung“ Bleiberecht gewährt, ist er mittlerweile zur Touristenattraktion geworden.

          Osman Kalin war seit ein paar Monaten in Rente, und nun langweilte er sich. Mehr als vierzig Jahre seines Lebens hatte der Mann, der 1923 in Anatolien geboren wurde, schwer gearbeitet. Jetzt gab es für ihn nichts mehr zu tun.

          Aus dem Fenster seiner Wohnung am Bethaniendamm in Berlin-Kreuzberg blickte er auf ein brachliegendes Grundstück, das niemandem zu gehören schien. Abfall lag dort herum, ausgediente Kühlschränke und ein bisschen Schrott. Eines Morgens im Jahre 1983 beschloss Osman Kalin, diese Brache aufzuräumen.

          Er schaffte den Schrott fort, harkte den Boden und pflanzte Zwiebeln und Knoblauch. Er begann einen Zaun zu errichten und eine kleine Hütte zu bauen. Sein Stückchen Land lag im Schatten einer Mauer. Nicht irgendeiner Mauer, sondern der Berliner Mauer.

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          Kalin bekam Besuch von den DDR-Grenztruppen

          Osman Kalin gärtnerte zwar in West-Berlin, befand sich aber rechtlich auf dem Territorium der DDR. Aus systemtypischem Mangel an Betonfertigteilen hatte der Arbeiterabhörstaat an dieser Stelle darauf verzichtet, die Mauer exakt auf die Grenze zu setzen. Ein Zacken Ostzone lag somit im Westen.

          Prächtig gediehen Kalins Gewächse auf dem sozialistischen Boden, und auch seine Hütte wuchs langsam in die Höhe. Ein bisschen zu hoch für den Geschmack der Grenzsoldaten auf der anderen Seite, die Kalins Aktivitäten argwöhnisch beobachteten.

          Baute da jemand einen Fluchttunnel und tarnte ihn als Schrebergarten? Eines Tages öffnete sich eine Tür in der Mauer, und Kalin bekam Besuch von einem Offizier und zwei Soldaten der DDR-Grenztruppen.

          „Ich bin ein osmanisches Enkelkind“

          Was er denn auf dem Gebiet der DDR überhaupt treibe, herrschte ihn der Offizier an. Das sehe er doch wohl, blaffte Kalin zurück, er lege einen anatolischen Gemüsegarten an. Der Offizier verlangte einen Ausweis, Kalin - so erzählt die Geschichte heute sein Sohn Mehmet - habe dem Uniformierten daraufhin das Dokument vor die Füße geworfen und gesagt: „Hier ist mein Ausweis, aber das ist nur ein Stück Papier. Wir beide aber, du und ich, wir sind Menschen, und ich bin ein osmanisches Enkelkind, das nur ein bisschen gärtnern möchte auf seine alten Tage.“

          Kalin benahm sich wohl auch deshalb etwas forsch, weil er im ersten Moment dachte, er habe es bei den Uniformierten mit Vertretern der amerikanischen Besatzungsmacht zu tun. Es entwickelte sich nun ein kurzer Disput, in dem der Grenzoffizier Herrn Kalin belehrte, die Deutsche Demokratische Republik sei über die Anlage eines Guerrilla-Gartens auf ihrem Staatsgebiet nicht entzückt. Herr Kalin soll daraufhin mehrmals ein beliebtes türkisches Schimpfwort benutzt haben, das freundlich übersetzt „Eselssohn“ bedeutet.

          Der Offizier wiederum soll sinngemäß geantwortet haben, wenn er ein Eselssohn sei, sei Osman Efendi auch ein Eselssohn. Doch unsympathisch war dem Grenzer der hartnäckige Gärtner wohl nicht, denn er teilte ihm schließlich mit, von Seiten der DDR dürfe Kalin erst einmal weiterwurschteln. Vorausgesetzt, er benutze den antifaschistischen Schutzwall nicht als Rankhilfe und verzichte auf einen mehrgeschossigen Ausbau seiner Laube.

          Dem Deutschen Reich Gurken geliefert

          Kalin hielt sich an die Auflagen, und sein Garten gedieh. Er pflanzte Grünkohl, Tomaten, Gurken, Kürbisse, Wein, den türkischen Schwarzkohl Kara Lahana und drei Kirschbäume. Zum Hüttenausbau benutzte er Lattenroste, Kühlschrankgitter, Schrankwand-Elemente, Türblätter, Bauzäune und was sich sonst noch so alles auf den Kreuzberger Straßen fand. Vor die Tür stellte er ein paar ausrangierte Polstersessel und einen Teetisch, und nachdem schlecht erzogene Anwohner einige Male den Tisch geklaut hatten, betonierte er die Tischbeine einfach fest.

          Bauen konnte er, denn auf dem Bau hatte Osman Kalin fast immer gearbeitet, seit er sich 1963 aus dem anatolischen Städtchen Yozgat gen Westen aufgemacht hatte. Fünf Jahre lang schuftete er in Österreich, dann zog er weiter über Stuttgart und Mannheim. 1980 kam er schließlich in Berlin an und holte nun auch die Familie dorthin nach, seine Frau Hatice und die sechs Kinder.

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