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Bei Mutter Teresas Schwestern : Im Sterbehaus von Kalkutta

„Mich dürstet“: Schwestern im Mutterhaus der Missionarinnen der Nächstenliebe in Kalkutta Bild: dpa

Wer in Kalkutta Hilfe braucht, geht zu Mutter Teresas Missionarinnen. Im Sterbehaus pflegen die Schwestern Greise oder Schwerverletzte - und Freiwillige aus aller Welt helfen ihnen dabei. Ein Erlebnisbericht.

          Mein Tag der Scheinheiligkeit beginnt um sechs Uhr morgens mit der Messe. Ich bin nicht religiös. Viele andere Freiwillige schon. Einige lesen die Gebete von laminierten Blättern ab und singen die Lieder mit. Sie sitzen barfuß im Schneidersitz auf dem nackten Fußboden. Es sind ein paar Asiatinnen dabei, eher funktional gekleidet, Amerikanerinnen mit bunten Pluderhosen, wie sie bei Backpackern beliebt sind, und auch ein paar Europäer in Shorts.

          Till  Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Die Missionarinnen der Nächstenliebe sehen anders aus. Sie tragen weiße Saris, mit blauen Streifen am Rand, die sie sich kunstvoll um den Kopf drapiert haben, so dass kein Haar hervorblitzt. Es sind einige Inderinnen, aber auch europäische Frauen dabei. Über den Nonnen hängt ein Kruzifix an der Wand. „I thirst“ steht daneben, „Mich dürstet“. Das soll Jesus zu Mutter Teresa gesagt haben, als sie nach Kalkutta kam. Vor dem Kreuz steht ein Priester, der zu den Nonnen spricht, wie man den Glauben in Aktivität umsetzt.

          Der Gottesdienst am Morgen findet im Mutterhaus des Ordens statt. Hier lebte Mutter Teresa jahrzehntelang in einer kleinen Kammer. Ihr Zimmer ist bis heute unverändert. Sogar die Boxen stehen noch da, in denen sie einst die Post sortierte.

          Freiwillige aus aller Welt

          Nach dem Gottesdienst finden sich die Freiwilligen in einem Raum im Untergeschoss ein. Es werden Bananen, Brot und Tee mit Milch verteilt. Mittlerweile sind Dutzende Freiwillige da. Einige sind schon seit Tagen oder Wochen hier. Die meisten sehen aus wie typische Rucksackreisende. Ich fühle mich fehl am Platze.

          Auf einem Plastikstuhl sitzt die blonde Maggie aus Kanada. Sie hat sich schnell mit Sam angefreundet, einem Südkoreaner mit Pferdeschwanz. Sie ist Krankenschwester und will heute ihren Dienst in Mutter Teresas Sterbehaus in Kalighat tun. Unter den Häusern, die der Orden im Namen der Mutter in Kalkutta betreibt, ist es der wichtigste Ort. Das Sterbehaus, wo 1952 alles begann, bietet das ganze Programm: Toilettendienst, Operationen, vielleicht sogar Leichenschleppen.

          Die Anspannung wächst

          Eine Schwester kommt herein. Sie stellt sich auf eine Bank. Die Freiwilligen verstummen. Wer Donnerstag mit ins Leprahaus kommen will, sollte jetzt die Gebühr für den Ausflug bezahlen, sagt sie. Dann teilt sie Tagespässe aus, für diejenigen, die sich nicht schon zuvor für den Freiwilligendienst registriert haben. Auch ich bekomme einen. Die Nonne hat mich dem Sterbehaus in Kalighat zugeteilt, wie Maggie und Sam. Die Anspannung wächst. Ich habe so etwas noch nie gemacht.

          Die Freiwilligen, die den Tag im Sterbehaus verbringen werden, sammeln sich in einer Ecke. Wir treten gemeinsam hinaus ins gleißende Sonnenlicht. Ein Hund humpelt über die Straße, die Autos kriechen vorbei. Ich suche mir sorgfältig die acht Rupien raus, die der Bus nach Kalighat kosten soll. Wir müssen uns in den überfüllten Bus quetschen. Ein junger Franzose erzählt, er sei ein Kellner aus Toulouse. Bibi, so nennt er sich, ist ein abgeklärter Typ. Er kennt die Anspannung der Neuen: „Manchmal ist es schwer. Wenn du sie baden musst. Oder sie auf die Toilette setzt. Dann schau sie einfach an, als wären sie Jesus Christus. Dann geht es besser.“

          Maggie und Sam sind mittlerweile unzertrennlich. Also halte ich mich jetzt an Bibi und einen anderen Franzosen, Alain. Er trägt einen Zopf, an seinem Hals baumelt ein Holzkreuz. „Es ist keine Schande, wenn du etwas nicht machen willst“, sagt er. „Das ist okay. Folge einfach deinem Herzen.“ Dann steigen wir aus dem Bus.

          Eintritt ins Sterbehaus

          Ich laufe mit Bibi und Alain an Marktständen vorbei, die alltägliche und religiöse Gegenstände verkaufen. Am Eingang zu dem Hindu-Tempel neben dem Sterbehaus steht ein Mann mit einer Ziege an einer Leine. „Opfergabe“, sagt Bibi. Der Tempel ist Kali gewidmet, der Göttin des Todes und der Zerstörung. Daneben, auf dem Platz direkt vor Mutter Teresas Sterbehaus, kriecht ein Bettler über den Boden. Er hat keine Beine. Das Haus selbst ist ein weißer Bau mit Bögen und Zwiebelkuppeln. „Mutter Teresas Heim für die Sterbenden“, steht über dem Eingang.

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