17.06.2008 · Sanierung per Kuppelshow: Vier Junggesellen mit Prädikat suchen die passende Ehefrau im Fernsehen. Das trägt ihnen allerdings schon vor der ersten Ausstrahlung eine Menge Ärger ein.
Von Anna von MünchhausenJa, so ist das nun einmal: Besitz schafft Last. Das weiß man auf den Gütern und Herrensitzen in Schleswig-Holstein ganz genau. Vorbei die Zeiten, als das Feiern zwischen Plöner See und Geltinger Bucht kein Ende fand, man im Herbst von einer Treibjagd zur nächsten pilgerte, Schnepfen in Schottland schoss oder zur Rotwild-Brunft nach Ungarn reiste, während die Damen daheim in Literaturzirkeln Isabel Allende diskutierten. Längst lautet das Gebot der Stunde, Einfälle zu generieren, wie der Familienbesitz in diesen Zeiten zusammenzuhalten ist, will man nicht hinter dicken Mauern frieren und am Hungertuch nagen.
So vermietet der eine Gutsherr die Salons seines klassizistischen Anwesens für Empfänge des örtlichen Autohändlers, der andere rodet saure Wiesen, um Weihnachtsbaum-Plantagen in großem Stil anzubauen, und der dritte zieht - Denkmalschutz, bitte wegschauen! - Wände in die Etagen seiner Gruselburg ein, um Feriengäste aufzunehmen. Vor allem Städter finden das historische Ambiente zumeist „richtig geil“ und nehmen dafür in Kauf, dass aus der Dusche nur lauwarmes Wasser tröpfelt.
Der Adel geht auf Brautschau
Vier Standesgenossen (“Stagenos“) haben nun allerdings eine ganz neuartige, vielversprechende Einkommensquelle aufgetan: Sie werden demnächst als Hauptdarsteller auftreten in einer Kuppelshow des Privatsenders Sat 1, Titel: „Gräfin gesucht - Adel auf Brautschau“. Bemerkenswert. Bislang nämlich übte der Großgrundbesitz hierzulande strikte Zurückhaltung Medien gegenüber. Das traf auch für Moritz Graf zu Reventlow zu, Land- und Betriebswirt auf Wulfshagen, einem malerischen Gut zwischen Eichen und Knicks vor den Toren Kiels. Seine Auftritte beschränkten sich auf örtliche Medien wie die „Kieler Nachrichten“, denen er kürzlich erst seine sparsame Hackschnitzel-Heizanlage vorführte, oder einen Wildschutzzaun, der sein Damwild davon abhalten soll, unnötigerweise die stark befahrene Bundesstraße 76 zu betreten.
Mit dem, was Graf Moritz jetzt vor der Kamera preisgibt, hat er allerdings hinsichtlich medialer Präsenz jede Berührungsangst hinter sich gelassen, ja geradezu einen Quantensprung vollzogen. Der vom Sender als „attraktiver Gutsherr“ Angepriesene lässt ein Millionenpublikum tief in sein Herz blicken. „Zum perfekten Glück auf seinem herrschaftlichen Anwesen“, heißt es in dem Trailer für die Sendung auf der Internetseite der Kuppelshow, fehle „Graf R.“ noch die Frau „mit Persönlichkeit und Humor“. Dabei schwenkt die Kamera über weitläufige Hofgebäude mit Ententeich, über die Fassade des zweistöckigen Gutshauses in strahlendem Weiß, über die schweinsledergebundenen Schwarten in der Bibliothek sowie über die üblichen Familienporträts im Salon, die in dieser Ecke Deutschlands zuverlässig als dänische Kammerherren zu identifizieren sind.
Warum muss dieser sympathische Mann sein Butterbrot allein schmieren?
En passant ist zu erfahren, dass der siebenunddreißigjährige Hausherr „morgens mal für anderthalb Stunden ins Büro“ geht, was ausreichend Spielraum lässt für trainingsintensive Sportarten wie „Golf spielen oder segeln“. Schon fährt die Kutsche vor, und der Mann auf dem Bock lüftet den Hut zum Gruß. Graf Reventlow zur Seite stehen von ihm gecastete weitere drei Herren, die Sat 1 zwecks besserer Unterscheidung charakterisiert als „der humorvolle Romantiker“, „der charismatische Unternehmer“ und „der gesellige Familienmensch“ - was ähnlich unwiderstehlich klingt wie „Vorsprung durch Technik“ oder „Come in and find out“.
„Mein Name ist Benedikt, ich bin 47 Jahre alt, und ich suche ein Mädel, das genauso naturverbunden ist wie ich.“ Herrn von Hobes handliches Gutshaus in Düttebüll mit dem tiefgezogenen Dach strahlt so viel Atmosphäre aus, dass man sich fragt, wie es geschehen konnte, dass dieser sympathische Mann am Mahagoni-Esstisch sein Butterbrot allein schmieren muss. Zumal der „Romantiker“ im Grunde an der Quelle sitzt: Jahraus, jahrein veranstaltet er zwischen Weihnachten und Neujahr in Eutin den reizend anachronistischen „Knospenball“, der sich als bewährter Treffpunkt zur Ausschau von guten Partien einen Namen gemacht hat.
„Ich liebe das Leben und bin ein bisschen verrückt“
Händeringend gesucht wird eine Gräfin aber auch im städtischen Milieu, nämlich für Constantin von zur Mühlen. "Der charismatische Unternehmer" ist geschieden, lebt in einer eleganten Stadtvilla in Hamburg und sucht eine Frau, "die genau so aktiv und lebensfroh ist wie ich selbst". Vor Pferden sollte sie sich besser nicht fürchten, denn der Mann aus baltischer Familie findet in seinem "turbulenten Leben" stets noch Zeit für den Polosport.
Komplettiert wird das HagestolzQuartett durch einen handfesten Bayern, Michael von Miller. Mitten im Münchner Stadtteil Lehel betreibt er eine Galerie für afrikanische Kunst, was wohl ein bissl arg verkopft klingt. Diesen Eindruck versteht der Zweiundvierzigjährige aber umgehend zu zerstreuen, indem er auf sein Faible für „bayrische Gastlichkeit“ sowie ein gemütliches Anwesen am Starnberger See verweist. „Ich liebe das Leben und bin ein bisschen verrückt“, gesteht der Schelm und besteht in dieser Hinsicht auf Ähnlichkeit in einer etwaigen Beziehung.
Die gräfliche Frauensuche gehört zu den Lieblingsthemen des Dorfklatsches
Wie ernsthaft die vier Singles beabsichtigen, ein „Mädel“ aus dem Zuschauervolk zur Frau zu nehmen, darf dabei erst einmal offenbleiben. Ebenso wie die Frage, ob sie sich bisher tatsächlich so schrecklich einsam fühlten, wie die Trailer es nahelegen. Die Verantwortlichen bei Sat 1 jedenfalls sind bester Dinge und ziemlich sicher, mit dieser blaublütigen Variante der RTL-Kuppelshow „Bauer sucht Frau“ nach langer Durststrecke endlich wieder das ganz große Publikum zu erreichen. Man sei überrascht, wie viele Frauen Interesse an den vier Stagenos bekundet hätten. Nun wird gedreht. Dass autoritäre Drehbuch-Autoren dabei den vier Heiratskandidaten irgendwelche Dialoge in den Mund legen dürfen, wird bestritten. Immerhin: Interviewwünsche werden zurückhaltend behandelt, und die Klarnamen der Herren seien einstweilen nicht zu nennen.
Zu spät. Nicht nur in Reventlows Heimatgemeinde Tüttendorf gehört die gräfliche Fernseh-Brautschau im Moment zu den Lieblingsthemen des Dorfklatsches. Was den Kandidaten nicht weiter stört, er finde das „richtig spannend“, ist zu hören. Weniger positiv ist das Echo jedoch im ländlichen Freundes- und Familienkreis, wo die neue Erwerbsquelle auf schmallippige Missbilligung stößt. Bei den sich saisonbedingt häufenden Hochzeitsempfängen wird die Frage erörtert, „ob das denn nötig sei“. Dass man sich so vorführen lässt. Dass man diese Klischees bedient vom „Adel gleich reich und dumm“. Und nicht zuletzt: Das man sich „für ein solches Honorar zum Affen macht“, wie ein entfernter Nachbar in landesüblich zurückhaltender Art und Weise formuliert. „Heute ist es ja schon fast egal, wie man sein Geld verdient, und wenn dabei auch noch eine tolle Frau herausspringt . . .“, knurrt hingegen ein Hamburger aus nobler Familie. Während Einigkeit darüber herrscht, dass man „not amused“ sei, bleiben Fragen offen hinsichtlich der Summe, die die Showstars einstreichen dürften: 80.000 Euro? Oder doch 180.000? „Dafür bekomme ich mein Dach gedeckt“, soll Graf Reventlow erklärt haben. „Ich sach' mal“, wird in der Nachbarschaft kommentiert, „das dürfte hinkommen.“
Eine Medien-Kooperation zum Erhalt des Besitzes
Bei unserer zugegeben nicht repräsentativen Meinungsumfrage im reizvollen Holstein gab es allerdings auch eine andere Stimme - die eines Herrn im besten Mannesalter, der ansonsten Riten und Formen durchaus hochhält. Er erinnert an Hermann Fürst Pückler, der vor knapp zweihundert Jahren dringend seine Finanzen aufbessern musste. Also ließ der Fürst seine Frau namens Schnucke daheim in Muskau sitzen und reiste nach Großbritannien, wo er eine Art reicher Zweitfrau zu finden hoffte - und zwar mit Zustimmung der Ehefrau. Der Plan missglückte, dafür aber wurde Pücklers Reisetagebuch ein Erfolg. „War das etwa keine Medien-Kooperation zum Erhalt des Besitzes?“, fragt unser Zeuge.
Ereifert wird sich freilich über den „Etikettenschwindel“ des Titels „Gräfin gesucht“. Die Gesuchte solle ja wohl erst zu einer solchen werden - was allerdings nur in einem Fall möglich sei. Drei der Herren seien nämlich nicht einmal Barone . . . Da herrscht bei Sat 1 wohl noch Nachholbedarf.
Der Landadel hat immer häufiger
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 17.06.2008, 17:32 Uhr
...und doch, Herr Andresen:
Danyel Gure (guellegure)
- 17.06.2008, 19:46 Uhr
na und...
albert feldmann (abfeldmann)
- 18.06.2008, 13:16 Uhr
@Herr Gure, die Frage scheint doch erörternswert -
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 20.06.2008, 16:50 Uhr