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Popmusikerin Balbina : Schön, dass ihr mir zuhört

Von den Alltagsdingen zu den Grundfragen des Seins: Sängerin Balbina, gelöst, beim Gespräch in einem Berliner Café. Bild: Jens Gyarmaty

Die junge Berliner Sängerin Balbina war lange eine Außenseiterin, nicht nur musikalisch. Jetzt geht sie mit Herbert Grönemeyer auf große Deutschlandtournee.

          Sie hatte schon damit gerechnet, dass sie wieder niemand verstehen würde. Fast hatte sie sich daran gewöhnt, dass die Musikindustrie ihre Kreativität zu loben pflegte, ihr ansonsten aber Kritik um die Ohren flog: Zu kompliziert! Das spielt kein Radiosender! Damit können die Leute nichts anfangen! Manchmal hatte sie schon ans Aufgeben gedacht. Aber spätestens nach zwei Tagen hielt sie wieder einen Gedanken in einem ihrer mit Polka Dots verzierten Notizbücher fest. „Ich muss einfach immer was schreiben“, sagt Balbina Jagielska. „Irgendwas ist da in mir, das ich kommunizieren möchte.“

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und plötzlich hören ihr alle zu. „Das ist überraschend, alles“, sagt die Einunddreißigjährige. Vor zwei Wochen ist bei einem renommierten Label ihr zweites Album erschienen, „Über das Grübeln“ heißt es. Seitdem gibt die Frau, die ihren polnischen Vornamen als Künstlernamen nutzt, Interviews. Sie lässt sich von der „Vogue“ fotografieren und darf sich selbst im Trendmagazin „Vice“ vorstellen.

          „Spiegel Online“ schrieb schon im Herbst, sie sei „das Aufregendste, was deutsche Popmusik gerade zu bieten hat“. Der Kritiker der „Berliner Zeitung“ schwärmt, „dass man vor dieser Kunst lediglich niederknien kann“. Übers Internet bekommt sie Post von ehemaligen Mitschülern, die auf einmal bloß nicht zu jenen gehören wollen, die sie drangsaliert haben, die Außenseiterin, damals in Berlin-Neukölln. In knapp zwei Wochen wird sie mit Herbert Grönemeyer auf Tour gehen und die größten Hallen des Landes bespielen.

          Eher Nora als Frida

          Als Balbina an diesem Abend auf weißen Stoffturnschuhen das Café des Literaturhauses in Berlin-Charlottenburg betritt und sich ein Kännchen Assam-Tee bestellt, hat sie einen langen Tag mit Radiointerviews hinter sich. Die dunklen Haare bilden einen strengen Dutt. Den indigoblauen Wollmantel hat ihr die Berliner Designerin Susann Bosslau geschneidert, die auch ihre skulpturalen Bühnen-Outfits entwirft. Das Porzellanpuppengesicht wirkt gelöst, sie lacht öfter, als man erwartet hätte, wenn man ihre Videos kennt, in denen sie immer so ernst dreinschaut. Bisweilen erinnert sie mehr an Nora Tschirner als an Frida Kahlo.

          „Ich habe schreiend zugesagt, wirklich schreiend“, sagt Balbina, wenn sie davon erzählt, wie sie ins Vorprogramm der Grönemeyer-Tour gekommen ist. Die Tochter des Großmeisters habe sie vorgeschlagen, man kenne sich über die Hip-Hopper „Die Orsons“. Als dann der Anruf kam, hatte Balbina gerade zwei Freundinnen zu Besuch. „Wir haben eine halbe Stunde lang die ganze Straße zusammengebrüllt, sind herumgesprungen und haben getanzt. Das war echt ein schöner Augenblick. Einer der schönsten eigentlich. Das war so ein Augenblick, für den lebt man.“

          Solche Glücksmomente in ihrem Grübel-Album zu entdecken ist nicht leicht, und warum sie sich ausgerechnet hinter einem so bizarren Titel wie „Oropax“ verbergen – dazu später mehr. Zunächst einmal singt Balbina mit tiefer Glockenstimme von so persönlichen und gleichzeitig gesellschaftlich relevanten Dingen wie Kopfzerbrechen, Schlaflosigkeit und der Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen, von Selbstzweifeln und Entschleunigung. Das klingt nach schwerer Kost, wird aber tatsächlich von einem perlenden Klavier und gefälligen Beats derart freundlich umspielt, dass man ihre Songs spätestens vom dritten Mal an so beiläufig hören kann, wie sich das für Popmusik gehört.

          Überraschungen gibt es trotzdem. Außerdem lohnt es, sich auf die poetischen Texte einzulassen, die weniger mit Reim und Rhythmus arbeiten als mit dem Klang von Worten und Assoziationen. In dem Lied über das Grübeln heißt es: „ich frag mich, war der gashahn richtig dicht? / oder bin ich noch ganz dicht? / ich habe mehr falten auf der stirn als der birkenstamm / am fenster. doch der ist viel älter als ich!“

          Von Anfang an ausgelacht

          Und weil Balbina nicht nur ein ganzes Album dem Nachdenken gewidmet hat, sondern auch sonst genau weiß, warum sie was tut, sitzt sie jetzt da mit ihrer faltenfreien birkenweißen Stirn und erzählt von Frau Schröder. „Deswegen habe ich so einen hohen Grad an Melancholie“, sagt sie. Frau Schröder war ihre Deutschlehrerin. Ein Gymnasium im Neuköllner Unterbezirk Rudow, neunte oder zehnte Klasse. Die Schüler sollten eine Passage aus Max Frischs „Homo Faber“ weiterspinnen. Und Balbina, die Belesene, das zarte Mädchen mit der großen Brille, wollte endlich zeigen, was in ihr steckte.

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