01.02.2009 · Der israelische Glamourrocker Aviv Geffen ist die Galionsfigur jener Jugendlichen im Land, die mit Palästina Frieden schließen wollen. Hören will sie niemand. Das steigert ihre Wut und ihre Verzweiflung.
Von Christian von HillerUngerührt durchwühlt die junge Sicherheitsbeamtin auf dem Flughafen Tel Aviv den Koffer. Doch plötzlich hellt sich ihr Gesicht auf: „Was - du hast ja CDs von Aviv Geffen dabei!“, ruft sie begeistert. Gleich baut sich ein Mann, offenbar ihr Vorgesetzter, neben ihr auf und straft sie strengen Blickes ab. Leise lächelnd durchsucht sie den Koffer weiter nach Waffen und Bomben.
Aviv Geffen ist das Enfant terrible unter den Rockmusikern Israels und gibt zugleich einer ganzen Generation eine Stimme. Es sind jene israelischen Jugendlichen, die nicht mehr als Soldaten in die besetzten Gebiete geschickt werden wollen und die Frieden mit den Palästinensern fordern. Aufgeheizt, wie die Stimmung dieser Tage im Nahen Osten ist, werden die israelischen Peaceniks sonst nicht gehört.
Nicht ohne seine Leibwächter
Selbst auf seiner gerade beendeten Tournee in Europa kann sich Geffen nur mit Leibwächtern bewegen - in Israel selbstverständlich auch. Denn für viele Israelis ist der Glamourrocker mit seinen androgynen Gesichtszügen ein einziges Ärgernis, verhöhnt er doch in seinen Songs ständig Politiker und Militärs. Und Männer, die sich feminin geben, gelten in dem Land, immerhin dem westlichsten im Nahen Osten, immer noch als Provokation.
Mal singt er nachdenklich und leise, oft trotzig und laut. Jedes seiner Lieder verrät die Wut auf eine politische Führung, die nicht in der Lage ist, das Land aus der verfahrenen Situation mit den Palästinensern zu führen und die Besatzung des Westjordanlands zu beenden. Und hinter dieser Wut ist enormes Leid zu spüren.
Wütende Fans
„Das ergibt doch alles keinen Sinn mehr, was unsere Politiker machen“, sagt Roni, als sie an einem Freitagabend - es ist Schabbat - vor der Konzerthalle Reading Schalosch im alten Hafen von Tel Aviv in der Schlange steht. Sie dürfte noch keine zwanzig Jahre alt sein. Die Haare hat sie sich schwarz gefärbt, die Augen mit Kajal dunkel umrandet, und um den Hals trägt sie ein Peace-Zeichen aus Silber, wie ihr Idol Aviv Geffen. Manche haben sich Geffens Muttermal als schwarzen Punkt auf die rechte Wange gemalt.
Der alte Hafen von Tel Aviv ist die angesagteste Partymeile der Stadt, in der die Szenekultur wie nirgendwo sonst im Nahen Osten vibriert. Diskotheken, Bars, Restaurants und Boutiquen reihen sich aneinander, und an diesem warmen Dezemberabend stehen die Jugendlichen Schlange vor den Clubs. Am nächsten Tag sollte die israelische Luftwaffe ihre Bombardements im Gaza-Streifen beginnen - es war ohnehin nur eine Frage der Zeit.
Jede Zeile von Geffens Liedern singen die Fans in der Konzerthalle begeistert mit. Der Saal kocht wie sonst bei den Auftritten einer Boygroup aus dem Westen. „Achschaw me'unan - It's cloudy now“, dieser Song von Aviv Geffen ist zur Hymne dieser Generation geworden. Als der Sänger das Lied in der Halle anstimmt, kann er das Publikum kaum übertönen.
Während seiner Tournee, die ihn durch Europa führte, sang Geffen ausschließlich auf Englisch. Vielleicht 300 Zuschauer kamen zu dem Konzert im Muffatwerk in München - im Reading Schalosch in Tel Aviv waren es 3000. In Israel ein Star, in Europa ein Unbekannter. Doch auch hier kennen seine - meist viel älteren - Fans das Repertoire und singen den Refrain seines wohl bekanntesten Protestsongs mit: „We are the fucked-up generation.“
Kriegsheld Mosche Dajan
„Unsere Generation hat endgültig alle Ideale verloren“, sagt Geffen immer wieder in seinen Interviews. „Alle romantischen Perspektiven auf das Leben sind dahin - wie auch, wenn die Hälfte von uns mit Drogen vollgepumpt ist, die andere nur vor dem Internet abhängt.“ Ausgerechnet er äußert sich so pessimistisch. Dabei stammt er aus einer Familie, die zu den Zionisten der ersten Generation gehört. Sein Vater ist der Dichter Jonathan Geffen, sein Großonkel der General Mosche Dajan, der Held des Sechstagekriegs, der 1967 als Verteidigungsminister für Israel den Ostteil Jerusalems erobert hatte.
Über seinen Großonkel sagt Geffen nur, Mosche Dajan stehe heute noch für einen „Macho-Typ, wie er seither angesagt ist“. Der 1973 geborene Aviv Geffen dagegen verweigerte den Militärdienst - offiziell war er nicht wehrtauglich. Ein unglaublicher Affront in diesem Land, das seine ganze Existenz auf seine Wehrhaftigkeit gründet. Jeder Junge muss nach dem Schulabschluss für drei Jahre zum Militärdienst, jedes Mädchen zwei Jahre die Uniform tragen. Meldet sie sich freiwillig zum echten Dienst an der Waffe, wird sie ebenfalls für drei Jahre verpflichtet. Viele von ihnen müssen zumindest einen Teil ihrer Militärzeit im besetzten Westjordanland abdienen - nicht wenige kehren schwer traumatisiert zurück.
Leben mit dem Attentat
Ein Augenblick in seinem Leben hat Geffen maßgeblich geprägt. Es war der Tag der Kundgebung am 4. November 1995 vor dem Rathaus von Tel Aviv. Aviv Geffen trat unmittelbar vor dem damaligen Ministerpräsidenten Jitzhak Rabin auf, der ernsthaft einen Friedensschluss mit den Palästinensern suchte. Geffen umarmte Rabin noch, als wenige Augenblicke später ein israelischer Fanatiker den Premier erschoss.
Damit wurde das bis dahin Undenkbare Realität: Erstmals tötete ein Israeli im Namen Gottes einen anderen Israeli, weil dieser eine andere politische Meinung vertrat. Und schlimmer noch für Geffen: Der Mörder konnte nur deshalb hinter die Absperrungen gelangen, weil er sich erfolgreich als Geffens Leibwächter ausgab. „Dieses Erlebnis verfolgt mich jeden Tag“, sagt der Rockstar heute. „Der Attentäter Jigal Amir hat an diesem Abend den Traum meiner Generation zerstört, nur ein paar Meter von mir entfernt.“ Seine Wut wachse mit jedem Tag, sagt Geffen.
Heute singt der Rocker für jene Jugendlichen im Land, deren Träume im endlos erscheinenden Nahost-Konflikt untergehen - und die doch Romantiker genug sind, um ihre Enttäuschung darüber trotzig und wütend in die Welt hinauszuschreien.
Die meisten Jugendlichen wählen rechts
„Unsere Politiker wollen nicht verstehen, dass Israel nur eine Zukunft hat, wenn wir in Frieden mit den Arabern zusammenleben“, sagt Aliya, die mit ihrer Freundin Roni zusammen auf Geffens Auftritt wartet. Der Vorname Aliya bedeutet Aufstieg, Wiederherstellung Israels. Und der Name ist Programm für jene Juden, die aus dem Jemen, Äthiopien, aus Europa, den Vereinigten Staaten, aus Russland oder sonst wo herkommen und sich endgültig in Israel niederlassen.
Geffens Fans, die „Generation Peace“, ist in der Minderheit: Mehr als 80 Prozent der Israelis haben den Militäreinsatz im Gazastreifen befürwortet. „Die meisten Jugendlichen in Israel wählen rechts, sie glauben nicht mehr an den Frieden“, sagt Roni. Tatsächlich hat Benjamin „Bibi“ Netanjahu, der Anführer der rechten Likud-Partei, seinen Wahlkampf größtenteils auf jugendliche Wähler abgestellt. Seine Chancen, die Wahl mit Hilfe der Jugend zu gewinnen, stehen nicht schlecht. Er war schon einmal Ministerpräsident und repräsentiert einen unnachgiebigen Kurs gegenüber dem Streben der Palästinenser nach Autonomie.
„Wie die Nazis uns früher“
Selbst Geffen teilt die Einschätzung, die in Israel über die Hamas unangefochten vorherrscht. Politische Aussagen macht Geffen auf der Bühne nicht, weder vor dem Krieg in Tel Aviv noch nach dem Rückzug der Truppen in München. Den Einmarsch im Gazastreifen hielt er für gerechtfertigt. Schließlich sei die Hamas eine Terrorgruppe, die Israels Bevölkerung in seinen Augen so behandelt „wie die Nazis uns früher“. Krieg, das Ausspielen militärischer Überlegenheit und die kollektive Bestrafung der Palästinenser, wie er es nennt, hält Geffen dennoch für den falschen Weg. Die Gewalt, meint der Rockstar, werde sonst wie ein Bumerang zurückkehren und Israel treffen. Und deshalb ärgert es ihn, dass Israel der Hamas nun die beste Propaganda geliefert habe.
Manchmal spielt Geffen während seiner Konzerte eines seiner populärsten Lieder: „Livkot leha“ - „Ich weine für dich“. Er spielte es kurz vor Rabins Ermordung und hat es dem toten Politiker gewidmet. „Zum Frieden gehört mindestens genauso viel Mut wie zum Krieg“, sagte einmal der israelische Soziologe Moshe Zuckermann.
In Tel Aviv wie in München gehen die Fans nach dem Konzert hinaus in die Winternacht. Hier wie dort ist es dunkel und ruhig. Es hat etwas unwirklich Absurdes, eine Welt ohne Illusionen. Der Traum vom Frieden im Nahen Osten ist vorerst zu Ende. Solange Sprachlosigkeit herrscht, bleiben nur Kontrollen. Da sagt die junge Sicherheitsbeamtin am Flughafen von Tel Aviv: „Sie können Ihren Koffer wieder schließen.“
Aviv Geffen wurde am 10. Mai 1973 geboren als Sohn des Schriftstellers und Dichters Yehonatan (Jonathan) Geffen. Der Vorname Aviv bedeutet im Hebräischen Frühling. Geffen studierte Musik an der Rimon School of Jazz and Contemporary Music in der Nähe von Tel Aviv.
Nach ersten Auftritten in Filmen und Fernsehserien gelang dem Rockmusiker 1992 erschien sein erstes Album „Ze Rak Or Hayareach“ („That's Only The Moonlight“). Dieser Song prägte so sehr die Jugendlichen in den Jahren der politischen Entspannung im Nahen Osten, dass sie auch die „Moonlight Children“ genannt werden. Sein zweites Album „Achschaw Me'unan“ („It's Cloudy Now“), folgte 1993 und bestätigte seinen Ruf.
Mittlerweile weist Geffens Diskographie elf Solo-Alben auf, zwei Alben mit Blackfield und verschiedene Alben, die in der Zusammenarbeit mit anderen Musikern entstanden sind.
Sein Stil ist klar geprägt von Bands wie U2, Radiohead und Nirvana. Auch Einflüsse von John Lennon und Bob Dylan lassen sich erkennen.
Nach der Ermordung von Yitzhak Rabin 1995 zog Geffen für eine längere Zeit nach England und lebt heute mit seiner Familie in Tel Aviv und London. 2001 kam Geffen mit Steven Wilson, der zuvor bei Porcupine Tree zusammen, um die Band Blackfield zu gründen.
Zurzeit will er sich verstärkt international bekannt machen und arbeitet mit dem englischen Musikproduzenten Trevor Horn zusammen, der schon für Bands wie Yes, The Buggles, Art of Noise, Pet Shop Boys, Simple Minds und viele andere Künstler gearbeitet hatte.