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Autorin Mely Kiyak „Auf den Tod wartet man nicht“

Die Publizistin Mely Kiyak ist die Tochter eines türkischen Einwanderers. Als ihr Vater krank wurde, dachte sie: Gastarbeiter kriegen Krebs? Ein Gespräch.

© Julia Zimmermann Vergrößern „Das ist mein Vater, das ist auch ein Jemand“: Mely Kiyak in einem Park in Berlin.

Frau Kiyak, wie geht es Ihrem Vater?

Ich sehe meinen Vater fast jeden Tag, wenn er in Deutschland ist, er wohnt ganz in der Nähe. Und jedes Mal schaue ich ihn zunächst von oben bis unten an. Hat er abgenommen? Hautfarbe? Husten? Wie sehen die Augen aus? Ich bin sein Scanner geworden. Ich röntge ihn. Jeder Winter ist mit Krankenhausaufenthalten verbunden, und jeder Winter, den wir schaffen, ist ein Geschenk. Aber jetzt ging es ihm eine Weile ganz gut.

Und wie geht es Ihnen?

Ich bin traurig. Ich bin wirklich traurig. Es gibt eigentlich keinen Grund, weil er lebt. Wir lachen viel und erzählen uns lustige Sachen. Trotzdem. Ich bin traurig.

In Ihrem demnächst erscheinenden Buch über die Erkrankung Ihres Vaters schreiben Sie: „Ich verliere. Ich bin verloren.“

Ich frage mich oft, warum mich das so mitnimmt.

Was hat Ihr Vater?

Mein Vater ist unheilbar lungenkrebskrank. Als sie meinen Vater aus dem Krankenhaus entlassen haben, wofür ich sehr gekämpft hatte, sagten sie mir, er solle die Dinge nicht mehr auf die lange Bank schieben, er werde an dieser Krankheit versterben. Das sitzt so fest in meinem Kopf, dass ich manchmal geradezu warte und beobachte: Wann verstirbt er denn jetzt? Aber mein Vater läuft und lacht und geht mit mir einkaufen, und immer habe ich im Hinterkopf: Er verstirbt an dieser Krankheit.

Die Diagnose ist drei Jahre her.

Ich hätte genügend Zeit haben müssen, um mich dran zu gewöhnen.

Wie eng hängen sein Gesundheitszustand und Ihr Wohlbefinden zusammen?

Eigentlich weiß ich, dass mein Lebensglück nicht von der Gesundheit meines Vaters abhängen darf. Ich habe ja mein Leben. Mein Vater lebt mit seiner Frau. Ich bin sein Kind. Das sind Dinge, die ich weiß, weil ich klug bin, sie zu wissen. Sie erreichen mich aber nicht als Gefühl. Seit mein Vater krank ist, bedaure ich ganz vieles. Ich habe vorher nicht so empfunden. Ich verliere auch oft die Kontrolle über meinen Körper. Ich bin inkontinent im Auge.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie in einer Apotheke stehen und plötzlich losheulen.

Dabei war ich immer so stark. Ich fand das Leben - und finde es eigentlich immer noch - hochkomisch und amüsant. Jetzt entdecke ich Gefühle, die ich bei anderen schrecklich finde.

Was ist daran so schlimm?

Wie abartig, es widert mich an: Heulsusentum, Jammerlappigkeit. Bedauern über den Verlauf der Dinge. Das alles ist ekelhaft. Und doch: Es tut mir leid, dass wir uns anstrengen - und am Ende sterben wir. In der Sterbeliteratur heißt es oft, wenn man stirbt, wird jeder Moment kostbar. Für mich hat es die gegenteilige Wirkung. Was ist angesichts des Todes noch erheblich? Fast nichts. Ich hatte kürzlich mit einer Frau zu tun, die seit drei Jahren ihr Hochzeitsfest vorbereitet. Diese wahnsinnige Mühe! Vielleicht liegt es auch daran, weil ich so müde bin. Ich wüsste gar nicht, woher ich die Kraft nehmen sollte: Das Kleid. Die Gäste. Die Torte. Aber am liebsten hätte ich zu dieser Frau gesagt: Dir ist schon bewusst, dass du danach bald stirbst?

Sie bezeichnen sich als „ko-krank“. Was meinen Sie damit?

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