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Autorin Alexandra Tobor Sie ist nicht gern unter Menschen, doch sie liebt sie

 ·  Die Eule, die ewige Außenseiterin, ist das Tier, mit dem sich Alexandra Tobor identifiziert. Als polnisches Aussiedlerkind kam sie nach Deutschland, hier wurde sie Twitter-Star und Schriftstellerin. Der ungewöhnliche Lebensweg einer scharfsinnigen Beobachterin.

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© Andreas Müller „Seit ich twittere, kann ich keine Texte mehr schreiben. Jeder Satz ohne Pointe ist mir peinlich“: Tobor

Die Eule ist ein ungewöhnlicher Vogel. Groß und von eher gedrungener Statur, erwacht sie stets dann zum Leben, wenn alle anderen schlafen. Sie bewegt sich nicht mehr als nötig, sondern sitzt meist ruhig da und lauert auf Beute, wobei sie sich auf ihre exzellenten Sinne verlässt: Ausgestattet mit einer Vielzahl von Nervenzellen, ist sie nicht nur eine scharfe Beobachterin, sondern verfügt auch über ein feines Gehör. Mit ihrem runden Kopf und den riesigen, lichtempfindlichen Augen ist die Eule eine Reizfigur für andere Vögel, die das tagesmüde Tier beim sogenannten Hassen zeternd attackieren: ein gefiedertes Mobbing-Opfer. Suspekt ist die Eule auch manchen Menschen, in deren Welt der „Kauz“ nicht von ungefähr einen Sonderling beschreibt. Vielen aber gilt die Eule, die ewige Außenseiterin, als Inbegriff der Weisheit.

“Die Eule ist ein Tier, mit dem ich mich immer identifiziert habe“, sagt Alexandra Tobor: „Der Autist der Tierwelt.“ Tobor, geboren 1981, großgewachsen, schwarz getöntes Haar, ausdrucksstarke Augen, sitzt im dunkelblauen Pünktchenkleid mit Spitzenkragen in einem Augsburger Café und erzählt, wie sie, über Jahre eine bekennende Außenseiterin, zu zwar noch nicht allzu breiter, doch stetig wachsender Popularität gekommen ist - ohne dabei die Eule in sich zu verleugnen. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die nach einer langen Zeit des Verdrusses, der Verlorenheit endlich angekommen ist - und das heißt zwar auch, aber längst nicht nur: in Augsburg. Viel wichtiger aber: Sie ist angekommen bei sich selbst. Und bei jenem Beruf, den sie sich erträumte, seit sie ein kleines Mädchen war: Schriftstellerin. Der Weg dorthin führte von Polen über Hamm, über das Aussiedlerlager Unna-Massen, über Grevenbroich und Marburg sowie, ein ganz entscheidender Abzweig, durch das Internet.

Der Titel des Buches, das jetzt bei Ullstein in jener Reihe erschienen ist, die Jan Weilers „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ begründet hat, klingt wie der Anfang eines schlechten Witzes: „Sitzen vier Polen im Auto“. Was sich hinter diesem vom Verlag gewählten Titel verbirgt, ist zwar manchmal witzig, sogar sehr, oft aber auch anrührend und erhellend. Mit dem Titel, dem als weiterer Ballast noch ein plumpes „Teutonische Abenteuer“ anhängt, ist Alexandra Tobor nicht sehr glücklich. Ihr Buch, sagt sie, solle gerade kein „Multikultiklamauk“ sein, der Vorurteile aufwärme und als Humor verkaufe, andererseits aber auch keine gesellschaftskritische Migrantenliteratur, die den Leser mit sozialer Schwere erdrücke. Der Spagat ist gelungen.

Die vier Polen im Auto, das sind die acht Jahre alte Ola, ihre Eltern und ihr kleiner Bruder, die im August 1989 im senfgelben Fiat Polski in das Land fahren, das bei ihnen Dojczland heißt oder das rajch. Es ist das Traumland der kleinen Ola, seit sie bei ihrer Oma ein wundersames Buch namens „Quelle“ entdeckte, dessen bunte Seiten so gar nichts gemein haben mit dem sozialistischen Betongrau und den leeren Regalen aus der polnischen Heimat. Im Grunde Wirtschaftsflüchtlinge, vom Status her jedoch Aussiedler, versucht die Familie im unbekannten Westen ihr Glück. So schwer der Schritt für ihre Eltern ist, so spannend ist das Ganze für Ola. Selbst das Aussiedler-Bettenlager in der Turnhalle ist für die Kleine keine Notunterkunft, sondern „ein modernes Notparadies“, wo man Essen in silbern umhüllten Schalen bekommt: Erbsen, Kartoffeln und Würstchen in „Einzelkammern, drei Raumkapseln aus perlweißem Plastik“.

„Du hast eine Hose von Sonderangebot“

Olas schöne neue Plastikwelt jedoch bekommt rasch dunkle Flecken, als sie merkt, dass sie längst nicht dazugehört. „Ich habe kein Geld“, ist der erste deutsche Satz, den sie lernt, die Möbel klauben die Eltern vom Sperrmüllhaufen, und die roten Eichhörnchen-Schuhe made in China, die in Polen als todschick gelten, lassen sie in ihrer neuen Klasse erst recht wie eine Außerirdische wirken. Als sie sich beklagt, dass ein anderes Mädchen eine Hose von Levi’s trage, entgegnet die Mutter: „Und du hast eine Hose von Sonderangebot.“

Mit solchen Szenen liefert Tobors Roman einen wohltuenden Kontrast zu den sentimentalen Wohlstandsjugendbüchern der alten Bundesrepublik, den aufklärerischen fremden Blick von einer, die eben nicht mit dem Nutella-Löffel im Mund geboren wurde. Was nicht heißt, dass ihr die heranwachsenden Golf-Gören nicht begegnet wären, in Person etwa der verwöhnten Patrizia, deren großbürgerlich-liberale Eltern Ola in ihr Haus einladen, weil ihr Töchterchen auch einmal mit Ausländern spielen soll.

Ola ist Alexandra Tobor. Es ist ihre eigene Geschichte, die die Autorin hier erzählt, nur leicht verfremdet und dramaturgisch aufgepeppt durch die eine oder andere Episode oder Figur. „Ich wollte schon immer dieses Buch schreiben“, sagt sie über die „Vier Polen“, die sie als „Migrations-Groteske“ bezeichnet. „Schon in meinen Teenager-Tagen habe ich daran gelitten, dass ich meine Geschichte niemandem erzählen konnte. Es hat mich nie jemand gefragt, wie es dort war, wo ich herkomme, und wie ich mich gefühlt habe, als ich nach Deutschland gekommen bin.“ An ihre Kindheit im tristen Polen der Achtziger, die im Buch so liebevoll wie schwarzhumorig beschrieben wird, hat sie ausgesprochen glückliche Erinnerungen. „Dadurch, dass es so wenige Farben gab, so wenige Möglichkeiten, ist die Phantasie Amok gelaufen“, sagt sie. „Man hatte nichts, aber man hatte Ideen.“

Im neuen Land fand Alexandra bald einen Ort, der ihr Sicherheit gab: die städtische Bücherei. „Literatur war ein Weg, die Sprache zu erlernen, ohne Kränkungen zu erleiden“, erzählt sie. Eines Tages wurde sie vom Lehrer vor der gesamten Klasse gelobt, weil ihr Deutsch so viel besser sei als das ihrer muttersprachlichen Mitschüler; das gab ihr Selbstvertrauen, machte ihr Dasein aber nicht einfacher. Während ihr Buch mit einem angedeuteten Happy-End schließt, litt Alexandra im wahren Teenager-Leben immer stärker unter dem Markenterror, dem sie mit ihrer gefälschten Diesel-Jacke vom Polenmarkt ausgesetzt war. Und auch später in Marburg, wo sie Soziologie und Kunstgeschichte studierte, fühlte sie sich nicht gut aufgehoben.

Ein Traum erlöste Tobor aus ihrem Schattendasein

Dass Alexandra Tobor nirgends so recht heimisch wurde, ist freilich weniger ihrer polnischen Herkunft geschuldet als ihrer scheuen Natur. „Ich bin nicht gern unter Menschen, aber ich liebe sie“, sagt sie und fügt lächelnd hinzu: „Ich liebe die Menschen als Idee.“ Sie bescheinigt sich eine Sozialphobie, nennt sich „wahnsinnig lahm und lethargisch“, was aber an ihrem Nervensystem liege: „Ich vertrage einfach nicht viel. Zu viel Licht, zu viel Lärm, zu viel Action um mich herum, das überfordert mich. Deswegen verbringe ich ziemlich viel Zeit im Bett.“ Sie ist, wie ihr Lieblingsvogel, ein nachtaktives Geschöpf.

Irgendwann aber ist Alexandra Tobor doch aus ihrem Schattendasein erlöst worden. Das verdankt sie dem Internet - sowie, auch wenn diese nichts davon weiß, Amanda Palmer. Eines Nachts, behauptet Tobor, sei ihr diese amerikanische Sängerin im Traum erschienen und habe ihr den Rat gegeben, es genauso zu machen wie sie selbst - so möge sie doch einmal auf ihre Website schauen. Wieder erwacht, will Tobor ebendies getan und eine Lobpreisung des Mikro-Blogs Twitter entdeckt haben, das Palmer einen engen Kontakt mit ihren Fans ermögliche.

Man mag das glauben oder abtun als Schöpfungsmythos; geboren jedenfalls ward die Twitterin „@silenttiffy“, eine Verballhornung der englischen Stummfilmdiva, verborgen hinter dem niedlichen Bild einer rosa Eule (die sich, so viel Exzentrik muss sein, „Roser Eule“ schreibt). Eine Kunstfigur, mitunter herrlich missgelaunt, die gern selbstironische, scharfzüngige Kurzbotschaften in die Welt schickt: „Kann bis zu 10 Minuten eigentlich ganz gut mit Menschen.“ - „Ich wäre gern weniger egoistisch. Aber was hätt’ ich denn davon?“ - „Fühle mich in der Uni, als hätten meine Eltern mich versehentlich für die Sommerfreizeit ,Spaß mit Salzteigwürsten’ angemeldet.“ - „Was hingegen durchaus für Kontaktpflege spricht, ist die bessere Auffindbarkeit im Verwesungszustand.“ Die Eule twittert über mieses Mensa-Essen, über ihren Wohnort (“Marburg ist Entenhausen in scheiße“), über typische Mädchensätze (“Sag mal, GEHT’s noch!??!?“) und Migräne: „Mein Kopf fühlt sich an wie schmalzrostklumpende Urzeitkrebse, die auf morschen Cembalos Yoko-Ono-Klassiker intonieren. Auaa.“ Und viele wollen das lesen: Gut 19.000 Fans hat Tobor heute auf Twitter.

Manche davon huldigen ihr ungeniert, sie findet das „alles zwischen süß und unangenehm“. Die Frage, ob Twitter sie glücklicher gemacht habe, beantwortet sie mit einem klaren Ja. „Durchs Internet habe ich endlich die Chance bekommen, Menschen kennenzulernen, die so ähnlich ticken wie ich und die ihrerseits auch immer Kontaktschwierigkeiten hatten“, sagt sie; das Gefühl, endlich verstanden zu werden, sei, „wie eine Heimat wiederzufinden“. Twittern als Selbsttherapie? „Ich würde es eher als Sinngebung bezeichnen.“ Schließlich sei man als Twitterer „ständig dabei, den Alltag nach Bedeutung abzusuchen“.

Über Twitter fand sie auch die Liebe

Damit, dass ihre eulenhafte Kunstfigur, die „im Grunde vollkommen authentisch“ ist, auch und gerade die eigenen Unzulänglichkeiten offenlegt, will Tobor durchaus ein Zeichen setzen. „Wenn man aufhört, Privatheit als etwas Heiliges zu sehen, dann eröffnet sich die Möglichkeit eines viel menschlicheren Miteinander“, glaubt sie. Wer einen Makel habe, etwa wer notorischer Langschläfer sei, der solle „das verdammt nochmal sagen. Dann findet er ganz viele Gleichgesinnte, und wenn sie als Gruppe erkennbar werden, dann nehmen auch die Vorurteile gegenüber diesen Leuten ab.“

Eine soziale Utopie, gewiss, die nicht jeder teilen dürfte; ihre ganz private Gegenwart aber hat Tobor durch das Internet zweifellos vervollkommnet. Die Twitter-Prominenz hat ihr den Weg zu ihrem Buch geebnet, und nicht zuletzt hat sie über Twitter auch die Liebe gefunden. Der junge Mann, für den sie gerade nach Augsburg gezogen ist, wartet an einem anderen Tisch im Café. Von einem Aufbruch, in welcher Form auch immer, zeugt auch Tobors neues Twitter-Pseudonym, das neben dem vertrauten Eulenbild prangt: „Roser Früchtchen“.

Ihr Studium hat Alexandra Tobor kurz vor dem Diplom geschmissen, sie hofft, vom Schreiben leben zu können. Olas Jugendjahre harren noch ihrer Erzählung, eine ganze Reihe von Moleskine-Büchern voller Erinnerungen steht daheim im Regal. Am liebsten nämlich schreibt die Twitter-Diva mit der Hand, und zwar in ebenjene Hefte: Sie liebe das Gefühl, sagt sie, wenn der Stift über das Papier gleite.

Alexandra Tobor: „Sitzen vier Polen im Auto. Teutonische Abenteuer“, Ullstein Taschenbuch 2012. 272 Seiten. 9,99 Euro.

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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