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Veröffentlicht: 06.09.2016, 06:33 Uhr

Rührend oder merkwürdig? Warum wir Autos Namen geben

Autohersteller geben ihren Modellen möglichst wohlklingende Namen – klar. Doch manch involvierter Fahrer tauft seinen Liebling auf einen Spitznamen. Warum nur?

von
© AP Hört auf seinen Namen - im Gegensatz zu den vielen anderen Wagen auf den Straßen der Welt: das Super-Auto K.I.T.T. aus der Fernseh-Serie „Knight Rider“ mit David Hasselhoff

Eigentlich ist George immer unterwegs, zusammen mit Johanna Bach. Sie fahren von ihrer Berliner Wohnung in Prenzlauer Berg aus schnell zum Yoga nach Mitte oder zum Wannsee oder in eine andere Stadt. Johanna Bach braucht kein Fahrrad und keine Monatskarte, Carsharing macht sie nur auf dem Weg zu einem Treffen am Abend, wenn sie dort was trinken will und sich anschließend ein Taxi nimmt. Dann wäre George doch hinderlich. George ist schließlich Johanna Bachs Auto.

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Natürlich bekommt jedes Automodell schon ab Werk einen Namen. Aber ihre Besitzer taufen die Gefährten trotzdem oft individuell um. „George hat große Augen und einen gewissen Charme“, erzählt Bach, die eigentlich anders heißt, aber ihren richtigen Namen nicht im Zusammenhang mit dem Spitznamen ihres Autos veröffentlicht sehen möchte. „Er hat ein Gesicht und leuchtet, deshalb brauchte er auch einen Namen.“ Einen, der ein bisschen ungewöhnlicher ist als Mini, sein offizieller Name.

Schon der Käfer von VW ist ein Spitzname

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im vergangenen Jahr gibt jeder siebte Autobesitzer in Deutschland seinem Wagen einen Spitznamen. Wie sie darauf kommen? Naja, wenn schon der Titan-Cadillac des Präsidenten der Vereinigten Staaten besser bekannt ist als „The Beast“, wenn Sebastian Vettel seine Ferraris Eva und Margherita nennt, Taylor Swifts Toyota auf den Namen Toyoat anspringt und Schauspieler Ralf Möller erzählt, dass er jedes seiner Autos Beauty nennt – dann ist es eigentlich kein Wunder, dass auch der Golf von nebenan einen Namen braucht.

Warsaw NATO Summit © dpa Vergrößern Die Limousine des amerikanischen Präsidenten hört auf den Spitznamen „das Biest“ (Aufnahme vom Nato-Gipfel am 9. Juli 2016).

Überhaupt Volkswagen: Schon der Käfer ist ein Spitzname, ursprünglich ging er als Typ 1 vom Band. Zu Beginn der Sechziger setzte sich sein Kosename im Volksmund durch, Ende der Sechziger führte dann auch der Konzern das Modell offiziell unter inoffiziellem Namen. Oder die Ente. Der 2CV galt als hässliches Entlein zwischen den Citroën-Schwänen. Das ehemalige Logo der französischen Marke zeigte einen Schwan. Also die Ente.

Von Berufs wegen nach Autonamen suchen

Echte Spitznamen, also Namen, die Besitzer nur ihrem eigenen Auto geben, sind natürlich persönlicher. George zum Beispiel ist auf den jungen Prinzen zurückzuführen. Das passt schon deshalb, weil George in Oxford zusammengeschraubt wurde. „Auf seinem Rücksitz liegt ein Kissen mit Union-Jack-Flagge“, sagt Bach. Und, ach ja, für die Berlinerin war George selbstverständlich von Beginn an in Sachen Brexit-Fragen ein Remainer.

605601011 © AFP Vergrößern Sebastian Vettel nennt seine Ferraris Eva und Margherita (Aufnahme von Vettel beim Formel-1-Rennen im belgischen Spa-Francorchamps am 28. August 2016).

„Namen sind emotionale Entscheidungen“, sagt Manfred Gotta. Er ist Profi, wenn es darum geht, Autos zu benennen. Gotta hat den Renault Twingo zum Twingo gemacht und den Smart auf Smart getauft. „Der Klang muss zum Auto passen“, sagt der Werbetexter. Er gehe an die Arbeit wie ein Komponist, der ein Lied schreibt. „Auch wir überlegen, wie wir die Buchstaben so zusammenstellen, dass sie einen Klang ergeben. Nach einer gewissen Zeit hat man einen Namen und kann entscheiden, ob der passt oder nicht.“ Dass sich private Autobesitzer über seine Namensgebung hinwegsetzen und ihren Wagen umtaufen, versteht Gotta. „Es ist ihr Baby. Also suchen sie sich Namen aus, die zeigen, was sie für das Auto empfinden.“

Mit dem Auto hat man immer ein Dach über dem Kopf

Die Beziehung zwischen Auto und Gefährt beschäftigt auch den Psychologen Rüdiger Hossiep, der an der Universität Bochum forscht. „Die Frage ist, ob das Auto mit dem Namen auch zum Gefährten wird.“ Hossiep meint, dass wir unseren Autos Namen geben, weil es die Identifikation mit dem Fahrzeug stärke. Bei einem Laptop oder bei dem Haus, in dem man wohnt, komme die Namensgebung dagegen nicht in Frage. „Ein Auto ist mit allen Sinnen zu erfassen. Man kann es hören, riechen, es bewegt sie. Es ist ein sozialer Raum zum Mitnehmen.“

Wer etwa bei seinen Eltern zu Hause rausgeflogen ist, der hat, wenn er sich glücklich schätzen kann, ein Auto zu besitzen, stets ein Dach über dem Kopf. Und selbst wer noch eine Bleibe hat, dessen Auto mutet von innen tatsächlich oft so an, als sei er gerade nirgendwo mit festem Wohnsitz gemeldet: leere Kaffeebecher, die Wechselschuhe, die Sportsachen – gehört alles längst nicht mehr nur in den Abfall oder die Waschmaschine, sondern erst mal über eine Dauer von mehreren Wochen ins Auto.

Oldtimer auf Harz-Heide Fahrt 2010 © Picture-Alliance Vergrößern Der berühmte VW-Käfer ist ein Spitzname. Ursprünglich ging er als Typ 1 vom Band. Dann setzte sich sein Kosename im Volksmund durch und bald führte auch der Konzern das Modell unter diesem Namen.

Abgrenzung und Sicherheit im Auto

Das Auto als sozialer Raum. In Zeiten, da sich die Sicherheitslage ändert, dürfte das individuelle Gefährt mit dem witzigen Spitznamen künftig nicht an Bedeutung verlieren. „In öffentlichen Verkehrsmitteln muss man mit zwei Dingen rechnen“, erklärt Hossiep. „Dass ständig um einen herum geniest wird, und dass sie überhaupt unsicherer geworden sind.“ Das Auto bedient somit das Abgrenzungs- und Sicherheitsbedürfnis des Menschen. „Man kommt jederzeit weg.“ Nicht umsonst seien große Geländewagen selbst bei kleineren Frauen beliebt. „Weil sie damit fliehen können.“

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Johanna Bachs George ist geleast, vor ein paar Wochen hätte sie das Auto loswerden können. Auch sie stellte sich die Frage, ob sie den Wagen in einer Großstadt wie Berlin wirklich braucht. „Das ist ja schon ein großer Luxus und keine Lebensnotwendigkeit.“ Am Ende behielt sie George. „Auch weil ich mich damit sicherer fühle.“

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