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Sonntag, 19. Februar 2012
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Arnold Schwarzenegger Gouvernatoren verlieren nicht

06.11.2006 ·  Vom Muskelprotz zum Gouverneur: Trotz seines Akzentes, der anfangs wie eine Häckselmaschine klang, hat es Arnold Schwarzenegger geschafft. Jetzt will er in Kalifornien wiedergewählt werden. Und vielleicht hat er noch mehr vor.

Von Christiane Heil
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Hollywoods Actionklassiker „Demolition Man“ ist mit seinen dreizehn Jahren zwar schon ein wenig angestaubt, wird an der amerikanischen Westküste dieser Tage aber gerne wieder aus dem DVD-Regal gekramt. Unmittelbar vor den Gouverneurswahlen in Kalifornien, die Arnold Schwarzenegger laut Umfragen am Dienstag wahrscheinlich in seinem Amt bestätigen werden, mutet die berühmte Szene des Films im Los Angeles des Jahres 2032 fast wie eine Prophezeiung an. „Die Schwarzenegger-Bibliothek?“ staunt Sylvester Stallone nach jahrzehntelangem Kälteschlaf während der Autofahrt durch die Stadt. „Ja“, erwidert Sandra Bullock. „Die Schwarzenegger Präsidenten-Bibliothek.“ „Er war Präsident?“ fragt ein geschockter Stallone. Bullock nickt.

Im Leben diesseits der Leinwand hat Schwarzenegger es noch nicht zum Präsidenten gebracht, gehört aber nach seiner ersten, obgleich verkürzten Amtszeit zu den charismatischsten Gouverneuren Kaliforniens. Selbst die Kritiker des gemäßigten Republikaners gestehen ihm trotz anfänglicher Skepsis inzwischen zu, den Übergang von (fast) sinnleeren Floskeln à la „Hasta la vista, Baby“ zu politischen Bekenntnissen über Treibhausgase, Gefängnisreformen und die chronische Krise des Schulsystems nicht nur rhetorisch bewältigt zu haben. „Arnold“, wie sich der Neunundfünfzigjährige gerne nennen läßt, hat das als unregierbar verschrieene Kalifornien wieder regierbar gemacht.

Ehefrau öffnete „Arnie“ politische Türen

Vielleicht haben dabei die Qualitäten geholfen, die Schwarzenegger in drei Jahrzehnten bei Bodybuilding-Wettbewerben und als Actionheld in Hollywood-Streifen wie „Terminator“ und „Conan, der Barbar“ trainiert hat. Oder die Heirat mit der Kennedy-Nichte Maria Shriver, die politische Türen geöffnet und der „österreichischen Eiche“ die solidesten amerikanischen Wurzeln gegeben hat, die die Vereinigten Staaten vorzuweisen haben. Heute tritt selbst die erste Riege des demokratischen Hollywood um Steven Spielberg, Medienmogul Haim Saban und den Filmproduzenten Jeffrey Katzenberg zum Fundraising für den Republikaner „Arnie“ an und wettet auf seine Wiederwahl am 7. November.

Anzügliche Bemerkungen über weibliche Abgeordnete sieht ihm das sonst so „politically correct“ orientierte Kalifornien dabei ebenso nach wie das Rauchen von Zigarren oder Motorradtouren ohne Führerschein. Auch das frisch entdeckte Umweltbewußtsein, das sich so gar nicht mit den vier spritfressenden Hummer-Geländewagen in seiner Garage deckt, scheinen die Wähler dem „Governator“ abzunehmen. Nach neuesten Umfragen des „Public Policy Institute of California“ hat Schwarzenegger seinen eher farblosen Herausforderer, den Demokraten Phil Angelides, bereits so gut wie ins Aus befördert.

Ein Österreicher als Präsident?

Das Weiße Haus ist dann nicht mehr weit - hoffen zumindest Senator Orrin Hatch und Gleichgesinnte, die schon vor einigen Jahren den Antrag gestellt haben, die amerikanische Verfassung mit einem Zusatz zu versehen, der auch nichtgebürtigen Amerikanern die Präsidentschaft ermöglicht. „Falls Arnold Schwarzenegger der großartigste Gouverneur Kaliforniens wird, was er hoffentlich schafft, falls er ein beeindruckender Führer wird und jedem beweist, daß er diesem Land als Amerikaner ganz und gar verpflichtet ist, wäre es falsch, ihm diese Chance nicht zu geben“, so begründete der Senator aus Utah 2003 das Engagement für seinen Freund. Trotz Schwarzeneggers aufsehenerregenden drei Jahren in Sacramento zögert die Mehrheit der Amerikaner aber weiterhin, die Geschicke der Nation in österreichische Hände zu legen. Eine zweite Amtszeit dürfte dem „Arnold Amendment“, glaubt man in Washington, jedoch einen rasanten Schub geben.

Schwarzeneggers Geheimnis? Sein Erfolgsrezept? „Er ist in der Lage, alles Negative seines Lebens in etwas Positives zu verkehren“, sagt Arnold-Beobachter Gary Indiana. Aus dem kränklichen Jungen, der in kleinsten Verhältnissen in Thal bei Graz aufwuchs, sei einer der reichsten Kalifornier geworden. Sein Vermögen wird auf 250 Millionen Dollar geschätzt.

Demokraten loben Schwarzeneggers Führungsstärke

Sogar das Anderssein, in Amerika eigentlich ein Hindernis, habe Schwarzenegger mehrheitsfähig gemacht. „Er hat die Möglichkeit, auch verlieren zu können, einfach ausgeklammert.“ Außer dem streitbaren Autor mag sich in Kalifornien niemand so recht ein Urteil über die Metamorphose von einem Steroide konsumierenden Muskelprotz zu einem der mächtigsten Männer der Vereinigten Staaten erlauben. Seine politischen Kritiker, die ihn abwechselnd als „kulturindustrielle Panzerfaust“ gescholten und als „Politclown“ belächelt haben, hat Schwarzenegger schon lange auf ihre Plätze verwiesen.

Als er 2003 in das Gouverneursbüro einzog, hatte er lediglich die Erfahrung eines Fitnessbeauftragten von Präsident George Bush senior vorzuweisen. Mit seinen markigen Sprüchen und Alleingängen kam er bei den einflußreichen Interessengruppen Kaliforniens daher anfangs nicht ganz so gut an wie bei den Kinogängern. Sämtliche Reformversuche scheiterten. In „I'll be back“-Manier positioniert sich Schwarzenegger seitdem als geduldiger Verhandler. Er hat dazugelernt und in Rekordzeit das politische Geschäft begriffen. Mit viel Fingerspitzengefühl hat er sich in den vergangenen Monaten der Unterstützung selbst überzeugter Demokraten versichert, die inzwischen seine republikanische Führungsstärke und Popularität loben.

Seine Mankos sind seine Markenzeichen

Dabei hilft, daß Schwarzenegger mit Kaliforniens berühmtester Demokratin verheiratet ist. Maria Shriver ist im Golden State nicht nur als Nichte John F. Kennedys und seines Bruders Robert bekannt, sondern auch als „Arnie's secret weapon“. Die frühere Fernsehjournalistin hat das, was ihm manchmal fehlt: eine gewisse Bescheidenheit, stille Überzeugungskraft und den für den Kennedy-Clan typischen Familiensinn. Einmal soll sie Fidel Castro um die Verschiebung eines Interviews gebeten haben, um ihre älteste Tochter Katherine an ihrem ersten Tag im Kindergarten begleiten zu können. Castro habe natürlich zugestimmt. Vom Mandeville Canyon aus, dem noblen Wohnort des Ehepaars Schwarzenegger und seiner vier Kinder in Los Angeles, berät die Einundfünfzigjährige heute ihren Mann und engagiert sich für Kaliforniens Arme und Behinderte. Gelegentlich fliegt sie im Privatjet nach Sacramento, um zwischen Republikanern und Demokraten zu vermitteln.

Schwarzeneggers Mankos sind dort seine Markenzeichen geworden. Als er 1968 als Bodybuilder in die Vereinigten Staaten kam, hätte vermutlich niemand einen Dollar auf seinen jahrzehntelangen Höhenflug gesetzt - außer er selbst natürlich. Seinen Namen konnte damals praktisch niemand aussprechen, sein steirischer Akzent klang für amerikanische Ohren wie eine aus dem Rhythmus gekommene Häckselmaschine. Aus „Schwarzenegger“ wurde daher das nicht besonders einfallsreiche, aber doch treffende „Strong“. Für die wenigen Zeilen, die die Autoren ihm in die Drehbücher früher Werke wie „Herkules in New York“ schrieben, bemühten die Studios kurzerhand Synchronsprecher.

Gerüchte um sexuelle Übergriffe

Nicht ganz so leicht kaschieren ließen sich dagegen seine erotischen Eskapaden. Mitte der siebziger Jahre wurde Schwarzenegger in homoerotischen Posen von Robert Mapplethorpe fotografiert, der wegen seiner sadomasochistischen und pornographischen Aufnahmen heftig umstritten war. Unter dem Titel „Muskelbepackt für den Ruhm“ folgte wenig später eine Reihe ähnlicher Bilder für die Zeitschrift „After Dark“, die ihre Leser überwiegend unter Homosexuellen fand. Hohe Wellen schlägt bis heute auch sein „Oui“-Interview aus dem Jahr 1977. Freizügig erzählte Schwarzenegger in dem Männermagazin von Gruppensex mit anderen Bodybuildern und einem „schwarzen Mädchen“.

Immer wieder kursieren in Kalifornien Gerüchte über angebliche sexuelle Übergriffe des vierfachen Vaters. Kurz vor den Gouverneurswahlen vor drei Jahren meldeten sich gleich sechs Frauen, die behaupteten, von Schwarzenegger begrapscht worden zu sein. Bevor der Skandal eskalieren konnte, betrieb Schwarzenegger die ihm eigene Schadensbegrenzung, die Bill Clinton wie ein naives Landei aussehen läßt. „Ja, ich habe mich manchmal schlecht benommen. Ja, es ist wahr, daß ich Sachen gemacht habe, die nicht richtig waren“, räumte der Kandidat sofort ein. „Den Leuten, die ich damit vor den Kopf gestoßen habe, möchte ich sagen, daß es mir sehr leid tut und ich mich entschuldige.“ Als schließlich noch Maria Shriver vor die Mikrofone trat und ihren Mann verteidigte, war der Fall erledigt.

Verkörperung des „American Dream“

Schwerer tat er sich dagegen mit Kurt Waldheim. Als der ehemalige UN-Generalsekretär 1986 während der Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten Österreichs mit seiner bis dahin verschwiegenen braunen Vergangenheit konfrontiert wurde, bekräftigte Schwarzenegger seine Verbundenheit mit Waldheim. Viele Amerikaner spekulieren daher weiter über seine Überzeugung, honorieren aber gleichzeitig die Millionen, die Familie Schwarzenegger seit Jahren der Simon-Wiesenthal-Stiftung für Holocaust-Forschungen spendet.

Oft ist Arnold Schwarzenegger als die Verkörperung des „American Dream“ bezeichnet worden, als Symbol des materiellen Aufstiegs durch Fleiß, Hingabe und einen tiefen Glauben an sich selbst. Genaugenommen steht er aber für ein Ideal, das die uramerikanische Idee weit in den Schatten stellt. Schwarzenegger hat sich nicht damit begnügt, nur die kleine Welt seiner Kindheit ohne fließend Wasser und Kanalisation hinter sich zu lassen. Nachdem er sich im Alter von dreißig Jahren mit seiner ersten Million zugleich seinen ersten amerikanischen Traum erfüllt hatte, suchte er neue Ziele. In Hollywood verwirklichte er sich den Traum grenzenloser Bewunderung, in Sacramento den der gesellschaftlichen Aufwertung durch die Politik. Ob er eventuell Chancen auf einen vierten „American Dream“ in Form der Präsidentschaft hat, wird der 7. November zeigen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.11.2006, Nr. 44 / Seite 61
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