30.10.2006 · Der Vater verschwand noch vor der Geburt, mittags gab es Toast mit Ketchup, Geld für den Schulbus war auch nicht immer da. Ein persönliches Protokoll über eine Kindheit am Rand des sozialen Abgrunds.
Von Matthias HeinePaniermehl mit Paprika schmeckt nicht lecker. Auch nicht eklig. Ein bißchen trocken. Aber der Hunger treibt's rein. Zumindest, wenn man elf ist, mitten im Wachstum steckt und einen der Magen kurz vor Mitternacht nicht mehr nur knurrend, sondern schon beißend daran erinnert, daß man den ganzen Tag nichts gegessen hat. Heute kommt es mir märchenhaft vor, daß ich meinen Magen tatsächlich mal knurren gehört haben soll - eigentlich würde ich schwören, das Geräusch existiere nur redensartlich.
Aber damals, das bilde ich mir doch nicht ein, war es wirklich da. Und nachdem ich einen Teller mit dem Inhalt eines Tütchens Paniermehl aus der hintersten Ecke des Küchenschranks bestreut, das Mahl mit Paprika gewürzt und weggelöffelt hatte, ging das Knurren erst mal weg. Szenen aus der deutschen Unterschicht in den siebziger Jahren.
Alle lachten über meine Mutter, die Putzfrau war
Ich weiß nicht mehr, wie ich an diesem Tag zur Schule gekommen bin, denn wenn kein Geld für Essen da war, dann erst recht nicht für den Bus. Vielleicht waren Ferien, vielleicht war Sommer, und ich konnte die acht Kilometer mit dem Fahrrad fahren. An solchen Tagen hat mir meine Mutter oft Pellkartoffeln zum Frühstück gemacht, weil die Knollen, die sie in guten Zeiten zentnerweise einkellerte, irgendwann das einzig Eßbare im Haus waren.
Als ich 1972 aufs Gymnasium kam, fragte uns der Lehrer, was unsere Eltern von Beruf seien. Es gab in unserer Klasse noch einen Jungen, dessen Vater bei Siemens arbeitete, der Rest hatte Architekten, Rechtsanwälte, Lehrer, Polizisten oder kleine Unternehmer zum Vater - die Mütter spielten damals außer bei mir noch keine Rolle.
Vor allem erinnere ich mich an eine unglaublich hohe Zahl von Beamtenkindern und daran, daß das Wort „Beamter“ damals noch einen sehr ehrwürdigen Klang hatte. Als ich sagte, meine Mutter sei Putzfrau, lachten alle. Dabei war das schon eine Notlüge. Zu dieser Zeit schlug sie sich gerade mit Aushilfsjobs in Kneipen durch, kam spätnachts nach Hause und schlief, sobald ich in der Schule war, bis in den Nachmittag.
Wir glaubten sie seien „drüsenkrank“
Ich kann mit Fug und Recht sagen: Ich war Unterschicht. Sohn eines italienischen Gastarbeiters, der sich vor meiner Geburt davongemacht hatte, und einer Frau, die in Zeiten der Beinahe-Vollbeschäftigung sogar von der Position einer Fließbandarbeiterin bei AEG noch abgestiegen war.
Wir waren Unterschicht der alten Schule. Ohne Übergewicht - dicke Kinder gab es damals so selten, daß man sich ihre Existenz nur damit erklären konnte, sie seien „drüsenkrank“. Ohne Auto. Sehr lange ohne Fernseher. Mit einem Dackel statt eines Kampfhunds. Und oft genug in den ersten Wochen des Schuljahres ohne Schulbücher: Lehrmittelfreiheit war noch eine Utopie.
Sie hatten ihren Vater erdrosselt
Trotzdem habe ich das Wort „Unterschicht“ damals nie gehört. Dafür sehr häufig das Wort „Asoziale“. Vor allem von meiner Mutter, wenn es um andere ging, die noch schlimmer dran waren als wir. Die gab es immer. Einmal hatte ich einen Freund, dessen Vater im ganzen Dorf dafür berüchtigt war, seine Frau zu schlagen, sein Geld „auf St. Pauli“ durchzubringen und seine Kinder hungern zu lassen.
Eines Morgens kam der Freund nicht mehr zur Schule. Im Dorf verbreitete sich die Nachricht, daß er zusammen mit der Mutter seinen Vater erdrosselt hatte: Als er betrunken auf einem Stuhl eingeschlafen war, zog jeder an einer Seite des Stricks.
Der Gipfel des Luxus - eine Gitarre
Heute wundere ich mich nicht mehr, daß ich kein besonders guter Schüler war. Ich wundere mich nur, daß ich irgendwann trotzdem das Abitur gemacht habe. Das war Jahre später, nachdem die Sozialhilfe, die meine Mutter schließlich doch noch beantragt hatte, zumindest den Verzehr von Paniermehl und Pellkartoffeln auf ein normales Maß reduziert hatte.
Endlich war immer genug Geld da für die zehn Scheiben ungeröstetes Toastbrot mit Ketchup, die ich am liebsten aß, wenn ich aus der Schule heimkam. Abends gab es dann Reis mit dem Aldi-Rindfleisch aus der Dose, das roch und aussah wie das Futter unseres Hundes. Aber das Sozialamt spendierte sogar Zuschüsse für warme Betten, Winterkleidung und - Gipfel des Luxus - eine Gitarre, die in der Musikarbeitsgemeinschaft der Schule benötigt wurde.
Müßte heute eigentlich FDP wählen
Nicht erst seit der allerjüngsten Unterschichtdebatte frage ich mich oft, was eigentlich damals alles anders gelaufen ist als bei den Unterschichtlern von heute, denen die Sonntagsprediger Bildung als Allheilmittel empfehlen. Mit 25 glaubt man vielleicht noch, es liege alles daran, daß man so ein toller Hecht sei. Mit fast 45 hält man sich nicht mehr so schnell für etwas Besonderes.
Es war wohl einfach ein glückliches Gemisch aus genetischen, familiären, persönlichen und gesellschaftlichen Faktoren, das mir den Aufstieg ermöglicht hat. Sicher, „Aufstieg“ ist relativ, aber ich zahle mittlerweile immerhin so viele Steuern, daß ich eigentlich den ganzen Tag über den Staat jammern und FDP wählen müßte.
Er konnte Ohren umdrehen und an den Haaren ziehen
Glücksfall Nummer eins: Ich war im Kindergarten und noch dazu in einem kirchlichen. Und zwar schon mit drei Jahren, weil meine Mutter alleinerziehend war. Normalerweise durfte man Mitte der sechziger Jahre erst mit vier dorthin. Alles, was man heute über die Wichtigkeit von Vorschulerziehung weiß, habe ich am eigenen Leibe erfahren: Der Kindergarten hat mir ein so tragfähiges geistiges und seelisches Rüstzeug mitgegeben, daß ich sogar das Grauen der Grundschule überstehen konnte.
Die lag in meinem Falle in einem Kaff bei Braunschweig, wo ein Lehrer vier Klassen gleichzeitig in einer sogenannten „Zwergschule“ unterrichtete. Seine pädagogische Qualifikation bestand darin, daß er kräftig und ausdauernd Haare ausreißen und Ohren umdrehen konnte. Fachlich war er so armselig, daß er Schüler der Lächerlichkeit preisgab, wenn sie zu behaupten wagten, es gebe sibirische Tiger („Quatsch, viel zu kalt“) oder der Mond leuchte gar nicht von alleine wie die Sonne.
„Das Wesen des Lachens“
Ererbte und persönliche Einflüsse spielten auch eine Rolle. Meine Mutter hat - das war schon damals untypisch für ihre Kreise - nie geraucht und nicht getrunken. Das Grauen, das besoffene und stinkende Eltern bei Kindern erregen, sah ich nur im Freundeskreis mit an.
Und mein Vater scheint so eine Art proletarischer Intellektueller gewesen zu sein. Jedenfalls hatte er bei uns ein gelbes Goldmann-Taschenbuch mit Baudelaires Aufsatz über „Das Wesen des Lachens“ liegenlassen. Aber auch in unserer eigenen Familie war die Erinnerung an die sozialdemokratische Arbeiterelite, die Bildung als Aufstiegsmittel sah, nicht ganz verblaßt. Noch mein 1942 gefallener Großvater hatte dieser Schicht angehört.
„Bilde dir nicht ein, was Besseres zu sein“
Der Abstieg begann erst mit dem Ausgebombtwerden, der Evakuierung aufs Land und einer Großmutter, die ihre Kinder lieber bei den Bauern betteln ließ, als selbst zu arbeiten. Aber schon meine Onkel waren Wiederaufsteiger, Angestellte mit Buchclub-Abo, die ihrem Neffen immer Hefte der Zeitschrift „Wissen“ schenkten.
Niemals werde ich mich am wohlfeilen Spott über die populärwissenschaftlichen Magazine, die es heute noch am Kiosk gibt, beteiligen. Ich weiß, welche epochale Wirkung solche Hefte im Hirn eines Kindes entfalten können. Und auch meine Mutter kannte den Wert von Bildung sehr genau: Warum sonst hätte sie mich aufs Gymnasium geschickt? Die meisten meiner Unterschicht-Freunde bekamen von ihren Eltern nur zu hören: „Für mich hat die Hauptschule auch gereicht. Bilde dir nicht ein, was Besseres zu sein.“
Leitfigur Luther wichtiger war als Jesus
Religion spielte auch eine Rolle. Nicht nur im Kindergarten. Unsere Familie war nicht sehr gläubig. Aber es reichte für ein bißchen metaphysische Geborgenheit, die manchmal den Mangel an irdischer Geborgenheit ausgleichen konnte. Es gab ein moralisches Gerüst denkbar einfachster Art.
Es gab die Leitfigur Luther, der für mich wichtiger war als Jesus. Und es gab die Bibel. Wie für Generationen von Menschen aus bildungsfernen Schichten in den Jahrhunderten zuvor war sie auch für mich die erste Begegnung mit Literatur. Bis heute ist das Christentum für mich vor allem eine Einladung, in der Poesie zu leben.
Das alles wäre aber möglicherweise komplett wirkungslos geblieben, wenn ich nicht zu einer Zeit eingeschult worden wäre, als dieses Land die größten finanziellen und gesellschaftlichen Anstrengungen seiner Geschichte unternahm, um Leuten wie mir den Aufstieg zur Bildung und durch Bildung zu ermöglichen. Leute wie ich sollten auf die Gymnasien. Man wußte noch nicht so recht, wie man sie traktieren sollte, aber man warb um sie, fühlte sich verantwortlich.
Sie lachten nicht, wenn man Putzfrauenkind war
Die Achtundsechziger-Lehrer - Schreckgespenster späterer Golf-Generationen - waren für mich die Herolde einer neuen Zeit: Sie nervten einen zwar mit den unsäglichen „Birne“-Geschichten von Günter Herburger, in denen eine Glühbirne immer nach China oder Südafrika fuhr und dort alles ganz furchtbar oder ganz toll fand.
Aber sie lachten wenigstens nicht, wenn man ein Putzfrauenkind war. Im Gegenteil: Sie begriffen die ersten Ankömmlinge der Unterschicht und der Arbeiterklasse als persönliche Herausforderung. Und sie waren einfach jünger und näher an unserem Leben dran als die Alten, die ihren Schülern am liebsten von ihrer Teilnahme an Olympia 1936 oder am Norwegen-Feldzug („Wir mußten uns doch das schwedische Erz sichern“) erzählten. Oder uns mit dem Nazi-Dichter Börries von Münchhausen quälten - dann doch lieber „Birne“.
Nie wieder waren Bildung und Popkultur so nahe
Die Achtundsechziger-Lehrer hörten nicht nur die gleiche Musik wie wir, sie spielten sie sogar manchmal selbst - nie vergesse ich den Junglehrer, der uns auf Klassenfahrten fünfzigmal am Abend Hannes Waders „Kokain“ vorklampfen mußte -, und trotzdem hatten sie Heinrich Böll und Heinrich Heine im Gepäck.
Nie wieder sind sich Bildung und Popkultur so nahe gewesen. Sogar von Bob Dylan und den Doors führten ja Wege zu Rimbaud, Baudelaire, Brecht oder Kafka - den Eckpfeilern der Bibliothek, die ich mir schließlich zusammenklaute.
Ekel vor Hip-Hop
Was ist mir aus dieser Zeit geblieben? Ein mittlerweile für Tausende Euro saniertes Gebiß, weil Mangelernährung und Verwahrlosung meine zweiten Zähne ruinierten. Eine Neigung zu Gewaltausbrüchen, der in diesem Jahr schon ein randalierender holländischer Tourist und ein Punk auf dem Alexanderplatz zum Opfer gefallen sind.
Ein starker Widerwillen gegenüber allen Moden und Ideologien, die zerrissene Kleidung zum Nonplusultra oder Armut zur Schule des Herzens erklären. Eine Neigung zum Hochmut gegenüber ehemaligen Klassengenossen, die es nicht geschafft haben.
Ein Ekel vor Hip-Hop und anderen Jugendkulturen, die das Unterschichtendasein verherrlichen, denn deren Protagonisten sind die gleichen Typen, die früher Leute wie mich terrorisiert haben - schließlich sind die nächstliegenden Opfer der Gettoschläger immer die Leute im Getto.
Mehr Respekt vor Menschen
Vor allem aber bleibt ein tiefes Mißtrauen gegenüber den monokausalen Erklärungen und Patentrezepten zur Lösung des Unterschichtproblems, die jetzt von den Phrasendreschmaschinen der Leitartikler produziert werden. Bildung ist nicht die alleinseligmachende Antwort. Selbst zu meiner Zeit hat die überwältigende Mehrheit der Unterschichtjugendlichen die damals viel besseren Bildungsangebote nicht angenommen, weil sie gar nicht in der Lage dazu war.
Die Idee, daß alle gebildet sein sollten, ist doch eine verkleidete sozialistische Utopie im neoliberalen Gewand, die die natürliche Ungleichheit der Menschen ignoriert. Es kommt viel mehr darauf an, auch den „bildungsfernen Schichten“ einen Lebenssinn zu geben. Ich weiß aber auch nicht, wie das funktionieren soll, wenn die Arbeit für solche Leute schlicht verschwunden ist. Vielleicht wäre für den Anfang etwas weniger Diffamierung und etwas mehr Respekt vor Menschen, die anders sind, gar nicht schlecht.