Ortstermin in Milicz, 12 000 Einwohner, 50 Kilometer nordöstlich von Breslau. David, Tony, Erich und Janine sind Mitte 20 und leben hier seit Ende Juni. Polen kannten sie bisher nur vom Zigarettenkauf an der Grenze, jetzt sind sie mitten im Land, 500 Kilometer von zu Hause weg. Sie wohnen in der Jugendherberge, einem vierstöckigen Plattenbau, und arbeiten in der Förderschule, der Herberge, im Altersheim. Geweckt wird morgens um halb 7, gearbeitet von 8 bis 15 Uhr, dann gibt es Mittagessen und Freizeit. Ihr Tag ist geplant und geregelt, und das ist etwas völlig Neues.
So neu, dass es anfangs nicht gleich funktionierte. „Mann, war ich hart“, berichtet David von einem Gelage in der ersten Woche. Zuvor hatten sie die polnische Trinkregel „Du sollst nicht mischen“ gelernt, doch dann missachtet. Sie mixten Bier mit Wodka, viel mehr weiß David nicht mehr, Tony lag tags darauf flach. Heute sprechen sie mit Respekt vom polnischen Wodka (“Jutes Zeug!“) und haben sich auf Bier verlegt. Die 150 Euro, die jeder für vier Wochen Aufenthalt bekam, sind bereits weg, auch für Zigaretten. „Sind saubillig hier“, sagt Tony. Sie rauchen jetzt doppelt so viel wie daheim.
Arbeitslos über Nacht
Zu Hause in Merseburg, einer Kleinstadt im Süden Sachsen-Anhalts, haben die Jungs bisher bevorzugt abgehangen; Tony schlief lange aus, David zog mit Neonazis durch die Stadt, Erich hörte Punkrock. Tony und Erich haben vor Jahren ihre Lehre abgebrochen, David hat keinen Hauptschulabschluss, und alle hatten sie null Bock auf Arbeit. Warum auch, sahen sie doch meist bei ihren Eltern, sofern sie überhaupt Kontakt zu ihnen haben, dass man mit Geld vom Amt schon irgendwie über die Runden kommen kann.
Merseburg liegt zwischen Schkopau und Leuna, hier war das Zentrum der DDR-Chemie, nach der Wiedervereinigung wurden Hunderttausende über Nacht arbeitslos. Wer nicht in den Westen ging, sich selbständig machte oder einen der raren neuen Jobs bekam, musste zum Arbeitsamt - und blieb dort meist in Maßnahmen hängen. Die Tage verloren Struktur, die Eltern blieben morgens liegen, weil sich das Aufstehen nicht lohnte, viele Kinder waren sich selbst überlassen. Eine zweite Generation Hartz IV wuchs heran.
“Benachteiligte Erwerbslose mit Aktivierungs- und Unterstützungsbedarf“ heißen die Jugendlichen im Amtsdeutsch, und Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn es für sie nicht ein Förderprogramm mit schickem Namen gäbe. „MIRIAM“ steht in diesem Fall für „Mitteldeutsche Industrieregion fördert interkulturelle Austauschmaßnahmen“ und wird aus dem Europäischen Sozialfonds finanziert. Das Praktikum in Polen soll die Jugendlichen aus ihrer bequemen Umgebung reißen und ihnen Arbeit schmackhaft machen. Janine, mit 28 Jahren die Älteste der Gruppe, hat vor zehn Jahren Kosmetikerin gelernt. Der Beruf gefiel ihr nicht, seitdem hält sie sich mangels Ideen mit Kleinst-Jobs über Wasser, trägt Zeitungen aus, jobbt im Callcenter oder für einen Euro in der Kita. Sie lächelt nie.
Jetzt finanziert der Staat solchen auch noch Urlaub, hört Projektleiterin Barbara Salden vom Qualifizierungsförderwerk Chemie häufig. „Die haben’s schwer“, sagt sie verständnisvoll, wobei auch ihre Geduld oft an Grenzen gelangt. Sie hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass sie Jugendliche würde beknien müssen, die Chance zu nutzen. „Den meisten ist es sowas von egal, die haben sich in ihrer Situation eingerichtet.“ Dabei zahlt das Amt alles - Sprachkurs, Essen, Unterkunft, Taschengeld, die An- und Abreise im eigenen Bus. Und dann hört Salden Sätze wie: „Ich habe niemanden, der meine Pflanzen gießt“ oder „Wer passt auf meinen Hund auf?“
„Na, meine Kleene?“
Das Auslandspraktikum ist freiwillig; niemandem, der sich weigert, wird Geld gekürzt. Für die vier Merseburger ist es deshalb ein Erfolg, dass sie hier sind. „Ich wollte mal raus“, sagt David, obwohl er nichts von Polen hielt: Die Männer klauten, die Frauen seien Nutten; mit der polnischen Betreuerin Ania Dubaniewicz, die zum Kennenlern-Seminar nach Merseburg kam, wechselte er kein Wort. Auf seinem Rücken prangen zwei brüllende Panther, auf seiner Gürtelschnalle das Logo der Neonazi-Marke „Thor Steinar“; er trägt dicke Silberketten, Ohrringe und ein Lippenpiercing - eigentlich ein Zeichen für Punks und wohl auch dafür, dass seine Sprüche eher Pose als Überzeugung sind.
“Er hat Polen gehasst“, sagt Dubaniewicz. Die 29 Jahre alte Psychologin spricht fließend Deutsch und betreut die Gruppe in Milicz rund um die Uhr. Sie hat hier fast alles schon erlebt: Jugendliche, die sich selbst verletzten oder sie übel beschimpften. Aber sie ist geduldig. Zehn Tage nach Ankunft legt David seinen Arm um ihre Hüfte und spricht sie mit „Na, meine Kleene?“ an. „Die Jugendlichen verändern sich hier sehr schnell“, sagt Dubaniewicz, die weiß, dass das nicht von Dauer sein muss. Aber die Jugendlichen erfahren während der Praktika Lob und Anerkennung, ihnen wird plötzlich etwas zugetraut.
Tony, 25 Jahre alt, arbeitet in der Jugendherberge; er schüttet einen halbrunden Erdwall um den Lagerfeuerplatz auf. Er hat viel mitgemacht: Misshandlung in der Familie, Drogen, falsche Freunde. Er war in einer Hiphop-Band, malt rasante Graffiti und hat Gösia, einer jungen Polin, die er beim Dorffest kennenlernte, ein Lied geschrieben. Er will jetzt alles ändern, seine Lehre beenden, ein Buch schreiben. „Ich will stolz auf mich sein und meine Mama stolz machen.“ Aber da ist noch seine Freundin daheim, die schon vier Kinder hat, wieder schwanger ist, und er weiß nicht, ob von ihm. Gut, dass jetzt der Hausmeister kommt und ihm auf die Schulter klopft. 32 Schubkarren hat er heute geschafft, und das bei der sengenden Hitze. Tony strahlt.
Das Doppelte für Nichtstun
Erich, 22, dagegen geht den Tag ruhig an. Er steht im staubigen Flur einer Förderschule, Arbeiter hacken Fließen ab. Der Schutt türmt sich, und er könnte jetzt zwei Eimer nehmen und den Dreck nach unten tragen. Aber er steht mit seinem Recorder am Fenster und hört Musik. „Das Leben ist so kurz, machen wir das Beste draus“, scheppert es aus dem Gerät. „Ich mach das hier für meine Alte“, erklärt Erich. Seine „Alte“ ist 16, und ihre Eltern haben etwas dagegen, dass die Tochter mit einem arbeitslosen Punk geht. Mit seinen polnischen Kollegen versteht sich Erich gut, einer hat ihn für Sonntag zum Essen eingeladen. Der Mann ist 56 und arbeitslos; für seine umgerechnet 190 Euro Stütze muss er hier für die Stadt arbeiten. Dass Erich in Deutschland das Doppelte fürs Nichtstun erhält, mache ihn nicht neidisch. „Früher war es besser“, sagt er. „Da hat der Staat dafür gesorgt, dass jeder Arbeit hat.“
Die Polen sind dennoch überrascht, was für Deutsche hier zweimal im Jahr auftauchen. Viele haben Haare in abenteuerlichen Farben, Piercings im Gesicht und Tattoos am ganzen Körper; es grenzt an Selbstverstümmelung. Schreie nach Aufmerksamkeit, nennen das Psychologen. Jedes Mal muss Dubaniewicz mit Praktikanten zum Zahnarzt. Der fragte neulich, was in Deutschland los sei, weil sie ihm ständig 20-Jährige bringe, die Zähne wie 80-Jährige hätten.
“Wir hatten zuerst große Bedenken“, sagt Maria Oskwarek, Leiterin eines Altenheims, das von Anfang an deutsche Praktikanten aufnimmt, zu denen jetzt Janine und David gehören. Was würden die Bewohner sagen, von denen viele den Krieg erlebt haben? Die Rentner aber reagierten locker, manche sprechen sogar ein wenig Deutsch. Janine misst einem Mann den Zucker. David spielt mit einer Rentnerin Memory. Sie deckt eine Karte auf, „Bügeleisen“, sagt David, „Zelazko“, sagt die Frau. „Zelazko“, wiederholt David. „Tak, tak“, rufen die Rentner, ja, ja, und der vorlaute Sprücheklopfer mit Knasterfahrung platzt beinahe vor Stolz. „Sie brauchen viel Wärme und Ermutigung“, sagt Heimleiterin Oskwarek. „Ein bisschen sind sie wie kleine Kinder.“
Selbstbewusstsein stärken, Abwehrhaltung mindern
Freilich wirkt das nicht bei allen. Es gibt immer Teilnehmer, die abbrechen, weil ihnen die Arbeit nicht gefällt, das Essen nicht schmeckt oder die Unterkunft nicht passt. Vor einem Jahr türmten vier Jugendliche. „Ich traf sie zufällig am Breslauer Bahnhof“, sagt Dubaniewicz. „Sie standen am verkehrten Bahnsteig, hatten falsche Tickets und kaum Geld für die Reise.“ Sie kehrten reumütig zurück.
Natürlich bringt so ein Praktikum Jugendliche selten sofort in Jobs. Das sei auch nicht das Ziel, sagt Projektleiterin Salden. „Die Praktika sollen ihnen Selbstbewusstsein geben und ihre Abwehrhaltung mindern.“ Oft sei schon viel erreicht, wenn sie sich im Anschluss für eine Ausbildung entscheiden. Tony jedenfalls hat den festen Vorsatz, seine Lehre als Einzelhandelskaufmann wiederaufzunehmen, Erich, der sich am Ende doch um den Schutt kümmerte, will sich um einen Platz in der Abrissbranche bemühen, David vielleicht seinen Schulabschluss nachholen. Janine hat noch immer keine Idee.
“Wenn ich noch mal von vorn anfangen könnte, ich würde alles anders machen“, sagt David beim Mittagessen in der Jugendherberge. Bei den Küchenfrauen bedanken sie sich mit „Dziekuje“. „Ich würd am liebsten noch vier Wochen hier bleiben“, sagt David. Ania Dubaniewicz kennt das. Einmal standen zwei Ex-Teilnehmer Wochen später vor ihrer Tür und baten darum, wieder hier arbeiten zu dürfen.