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Anton Stangls Jahrhundert : Der Pendler aus dem Odenwald

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Der Mensch und seine Schichten: Anton Stangl in seinem Haus, links neben ihm die Energiespirale Bild: Jonas Wresch

Anton Stangl hat in 97 Jahren alles erlebt, was das Jahrhundert hergab – als Flieger, als Kriegsgefangener, als Verkaufspionier und auch als Esoteriker.

          Wenn ich das Wort Esoterik ausspreche, wird mir schlecht“, sagt Anton Stangl, während er seinen Opel Astra Odenwald-Serpentinen erklimmen lässt. „Was man da heute an trivialem Ramsch anbietet, damit will ich nichts zu tun haben.“

          Vom Bahnhof im Neckarstädtchen Hirschhorn holt der Siebenundneunzigjährige seine Gäste immer noch selbst ab, um sie zu sich ins benachbarte Rothenberg zu chauffieren. Dabei ist er zügig unterwegs. Das Motorradfahren hat er nach einem Beinahesturz vor vier Jahren aber aufgegeben und sein Vehikel, ein Geschenk seiner Frau zum 79. Geburtstag, einem Nachbarn zum Freundschaftspreis überlassen.

          Stangls Heimstatt, ein Flachbungalow aus den sechziger Jahren, liegt, verwunschen von Weinlaub und Rhododendron umrankt, auf gut 500 Meter Höhe über dem Ort – im nasskalten Winterwetter ein Mittelding zwischen Nebelhort und Brückenkopf in die Transzendenz.

          Hier lebt der seit sechs Jahren verwitwete Stangl nun allein in den Hinterlassenschaften eines jahrzehntelangen glücklichen Berufs- und Familienlebens. Trotz der vielen Buddha-Statuen, Pendel und selbstgebauten Energiespiralen: Stangl ist kein weltabgewandter Einsiedler. Sondern ein vergessener Pionier, mit der Erste, der in der Nachkriegszeit systematisches Verkaufs- und Verhandlungstraining entwickelte, Tausende Außendienstmitarbeiter und Leitungsverantwortliche trainierte. Ein Dutzend Bücher wie „Verkaufen muss man können“ hat er zwischen 1957 und 1975 veröffentlicht.

          Dass man ihn kaum kennt, liegt am Tingel-Image, das Marketingmatadore jener Jahre noch umgab: Auch sein zeitweiliger Rivale Heinz Goldmann, der bis zu seinem Tod im Jahr 2006 fast eine halbe Million Verkäufer trainierte, ist lächerlich unbekannt. „Alles ist schwingende fließende Energie“, heißt ein Stangl-Kernsatz – im Leben hat ihn Stangl nach Kräften in die Tat umgesetzt.

          Hermann Göring sammelte Witze über sich selbst

          Den Würzburger Gymnasiasten, 1917 als fünfter Sohn eines Amtsgerichtsrats geboren, zog es zu den katholischen Wandervögeln des Bundes Neudeutschland; zur Graphologie; zu Ludwig Klages’ Ausdruckspsychologie; und zur Fliegerei.

          Mit seinen bündischen Kameraden lieferte er sich auch nach Hitlers Machtübernahme noch Schlägereien mit der Hitlerjugend, nach dem Abitur folgt der Arbeitsdienst. Die Zeit bis zur Einberufung – Stangl meldete sich als Offiziersanwärter zur Luftwaffe – überbrückte er mit einer Trampreise durch den deutschen Osten; Studium an der Uni Würzburg, Rhetorikunterricht bei Schauspieler Behrendt vom örtlichen Stadttheater.

          Der Eingang zu seinem Haus im Odenwald

          Auf der Luftkriegsschule Dresden radikalisierte sich sein vitaler Duktus weiter: Schon am zweiten Tag überstand er nur knapp einen Absturz mit einem „Stieglitz“-Doppeldecker, dann ebenso haarscharf einen Kolbenfresser in 180 Metern Höhe in einer Junkers W 34. Nach dem Österreich-„Anschluss“ 1938 wurde seine Einheit auf den Wiener Flughafen Aspern verlegt; beim „Großen Flugtag“ seiner Jagdgruppe flog er mit seiner Maschine tollkühn unter der Reichsbrücke hindurch.

          Zuweilen fiel Eigentümliches an: 1934 sah er den besoffenen SA-Chef Ernst Röhm in Würzburg in seinem Horch- V-8-Kabriolett sitzen; den Wagenpapieren nach just in diesem Auto, nach dem Röhm-Putsch wohl beschlagnahmt, machte er bei der Luftwaffe in Dresden seinen Führerschein. Hermann Göring belauschte er beim Sammeln von Witzen über sich selbst. Auf dem Wiener Flughafen begegnete ihm der spätere Bundesverteidigungsminister Georg Leber.

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