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AnnenMayKantereit : Denn sie wissen genau, was sie tun

„Beatles aus Köln-Sülz“, werden AnnenMayKantereit bereits genannt - „Wir spielen Landesliga“, ist ihre Antwort darauf. Über Youtube ist die Kölner Band bereits deutschlandweit bekannt. Bild: Edgar Schoepal

Ihre Hits werden Millionenfach im Netz geklickt, ihre Konzerte sind ausverkauft. AnnenMayKantereit sind die Band der Stunde. An diesem Freitag erscheint ihr Album. Woher rührt die Begeisterung für die Jungs aus Köln?

          So kann sich die Stimme einer neuen Generation also auch anhören: Sie dröhnt, sie knarzt, sie raspelt. Selbst in jenen Momenten, in denen sie auf melodisch-rauhe Weise einschmeichelnd ist, klingt sie nach einem Kerl, der schon viel und beileibe nicht nur Schönes gesehen hat, nach Narben auf der Seele, Nikotin in der Lunge und Tränen im Whiskyglas. Das Timbre erinnert an Tom Waits, auch an Rio Reiser und Sven Regener, und wenn man ihm zum ersten Mal begegnet, etwa beim Betrachten eines Youtube-Videos, ist man geneigt, das Ganze für einen Trick zu halten: Da hat jemand einfach eine andere Tonspur untergelegt. Doch Henning May, ein schmaler, 24 Jahre junger und noch jünger wirkender Kölner, singt wirklich so.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Egal, welchen Song seiner Band AnnenMayKantereit man sich anhört: Der Effekt, wenn May seine Stimme erhebt, ist jedes Mal überwältigend. Auf dem reflexhaften Drang, andere daran teilhaben zu lassen und den Link zum Video in die Welt zu schicken, dürfte ein Gutteil des Ruhms basieren, den die Band sich früh erarbeitet hat - und der sich, da sind sich Fans wie Kritiker einig, mit ihrem ersten bei einem großen Label erscheinenden Album explosionsartig mehren wird. „Alles Nix Konkretes“ heißt die CD, deren beiläufig geseufzter Titel den denkbar größten Kontrast liefert zu den Superlativen, mit denen AnnenMayKantereit derzeit bedacht wird: die Band der Stunde. Ein Phänomen. Ein Hype.

          Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu: Ein paar Jungs treffen sich, jammen zusammen im Keller, organisieren sich die ersten Gigs – und starten plötzlich gewaltig durch. So ergeht es gerade AnnenMayKantereit, mit dem Unterschied, dass ihr Keller die Straße war. Vor fünf Jahren stellten sich drei der vier Musiker erstmals in die Kölner Ehrenstraße, wo man sie umsonst und draußen erleben konnte.

          „Wir spielen Landesliga“

          Heute ist das ungleich schwieriger: Sämtliche Konzerte der Ende des Monats startenden Tournee sind ausverkauft. „Ein bisschen befremdlich“ komme ihnen der ganze Rummel vor, sagt Christopher Annen, der Gitarrist, und Sänger Henning May ergänzt: „Wir haben nicht das Gefühl, die Glühbirne erfunden zu haben. Wir machen recht einfache, reduzierte Musik, und dass die Leute dafür so eine große Begeisterung empfinden, freut uns enorm, ist aber trotzdem manchmal surreal.“ Wenn eine Zeitung sie, wie unlängst geschehen, die „Beatles aus Köln-Sülz“ nenne, dann sei das zwar „süß“, meint May, „aber viel zu hoch gegriffen. Wir spielen Landesliga.“

          Das wiederum ist natürlich Understatement, der Durchmarsch zumindest in die Bundesliga steht kurz bevor, und wer AnnenMayKantereit dieser Tage in den Räumen ihrer Kölner Konzertagentur besucht, trifft auf vier Jungs im Aufstiegsfieber: So vieles ist neu, so vieles aufregend. Hier hält man erstmals die frisch gepresste Vinyl-Ausgabe von „Alles nix Konkretes“ in den Händen, dort schaut man neue Bilder an. Gerade kommen sie zurück aus Österreich, wo sie Interviews gegeben haben von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends, doch von Erschöpfung spürt man nichts.

          Christopher Annen, 25, Henning May, 24, Severin Kantereit, 23, und Malte Huck, 22, erweisen sich als sympathische junge Männer, frei von Rockstarallüren, unverdorben vom als dreckig verschrieenen Musikbusiness. Dem Fotografen präsentieren sie keine kühlen Posen mit geheimnisumwittertem Blick, sondern offenes Strahlen, und selbst an Interviews finden sie noch Spaß. Vor Andruck noch mal über ihre Zitate schauen, worauf die meisten Kollegen großen Wert legen, wollen sie nicht. Sie alle sehen auf unscheinbare Weise gut aus; hätte man die Band wie so viele andere zusammengecastet, das Ergebnis wäre nicht viel anders ausgefallen, nur vielleicht mit etwas auffälligeren Klamotten und alberneren Frisuren.

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