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Veröffentlicht: 17.09.2008, 13:51 Uhr

Anna Netrebko Soap-Opera mit Sopranistin

Ein Kosmos aus Glamour, Hochglanz und schillernden Stars - mit Anna Netrebko hat die Vermarktung der Oper ihren Höhepunkt erreicht. Ihr Manager Jeffrey D. Vanderveen, Strippenzieher in der Welt der Pop-Klassik, stilisiert seine Künstler zu Ikonen.

von Axel Brüggemann
© picture-alliance/ dpa Opernstar oder Showsternchen: Die Übergänge sind bei Anna Netrebko fließend

Manchmal sind große Gefühle zu schön, um erfunden zu sein. Margit-Luise, Liane, Erika und Martina tauschen sich fast täglich in einschlägigen Blogs über ihre Stars aus, über den „süßen“ Rolando Villazón und die „tolle“ Anna Netrebko. Und wenn Kritiker ihre Lieblinge verreißen, kratzt das virtuelle Opern-Kränzchen ihnen die Augen aus. „Zuerst einmal ein herzliches Dankeschön an alle Teilnehmer“, beginnt Margit-Luise einen Eintrag, „für mich als ,anerkannte' Villazón-Verehrerin ist es immer ein großes Vergnügen, News von unserem Tenordarling zu lesen, zumal sich das Feuilleton in letzter Zeit sehr zurückhält.“

Tatsächlich ist es den Klassik-Marketingstrategen gelungen, Rolandos und Annas Welt auch ohne das Placet der Hochkultur zum Drehen zu bringen. Sie haben einen Kosmos aus Glamour, Hochglanz, schillernden Stars und anrührenden Geschichten konstruiert, ein perfektes Opern-Disney-Land. Fast täglich gibt es Nachschub für den Klassik-Klatsch. Gerade hat Anna Netrebko ihr Kind geboren: einen Jungen, 3550 Gramm. In Kürze wird ihr neues Soloalbum erscheinen. Schon jetzt kursiert die Single „Wiegenlied“, von der je ein Euro an SOS-Kinderdörfer geht. Doch die Wahrheit über ihre Stars würde Margit-Luise und die anderen „anerkannten Fans“ wahrscheinlich überraschen. Es ist eine Geschichte darüber, wie Manager sich ihre Künstler backen und sie kaum anders vermarkten als Mobilfunkanbieter ihre Handymodelle.

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Mainstream-Appeal für die Klassik-Diva

Das Management von Anna Netrebko, das zum Teil auch Rolando Villazón, [...] und die Mezzosopranistin Elina Garanca betreut, inszeniert seine Künstler, bleibt aber selbst am liebsten im Hintergrund. Dafür gibt es gute Gründe. Denn Netrebkos Manager, Jeffrey D. Vanderveen, ist einer der einflussreichsten Strippenzieher der Klassik-Branche. Der großgewachsene Amerikaner, der lange nichts mit Klassik am Hut hatte, diktiert den Sängern ihre Auftrittspläne, kontrolliert die nationalen Managements und versucht, Einfluss darauf zu nehmen, welche Medien sein Bild von Netrebko verbreiten. Neuerdings bestimmt er auch, wie die „Deutsche Grammophon“ mit ihrem Star-Sopran umzugehen hat. Denn seit einigen Monaten ist Jeffrey Vanderveen nicht nur Netrebkos Manager, sondern außerdem noch Arbeitnehmer des Plattenlabels. Die „Deutsche Grammophon“ hat sich mit ihm einen neuen Geschäftszweig eingerichtet. Sie will neben dem CD-Verkauf die Künstler selbst managen. So ist eine außergewöhnliche Konstellation entstanden: Vanderveen handelt die Plattenverträge seiner Sängerin quasi mit sich selbst aus. Und dabei scheint es immer weniger um eine kluge Karriereplanung oder um spannende CD-Produktionen zu gehen als vielmehr darum, einen Klassikkünstler möglichst rentabel zu machen.

Soap-Opera mit Sopranistin Opernstar oder Showsternchen: Die Übergänge sind bei Anna Netrebko fließend © picture-alliance/ dpa Bilderstrecke 

Die Berliner „Universal“-Zentrale liegt an der Spree; die „Deutsche Grammophon“ ist ein Teil des Medien-Giganten. In den Glasbüros des fünften Stockwerkes mit Blick auf die Oberbaumbrücke wird an den Marketingstrategien getüftelt. Hier hat Deutschland-Chef Christian Kellersmann vor sechs Jahren die Klassik-Revolution in Gang gesetzt. Kellersmann kommt eigentlich aus dem Jazz und war der Erste, der von „Pop-Klassik“ geredet hat. Kellersmann hat 2002 die Feuilleton-Hymnen über Netrebkos Salzburg-Debüt genutzt, um der Klassik-Diva sofort einen Mainstream-Appeal zu verleihen. Er hat sie von der Opernbühne auf die Showbühne geholt und den russischen Sopran bei „Wetten, dass . . ?“ aufs Sofa gesetzt. Plötzlich war es egal, dass immer mehr Opernkritiker ihre Farblosigkeit bemängelten, das Fehlen emotionaler Größe - Netrebko war längst eine Volkskünstlerin.

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