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Sänger Andreas Kümmert : Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit

Früher hat er viel gecovert. Für sein neues Album hat Andreas Kümmert alle Songs und Texte selbst geschrieben. Bild: Universal Music

Der Sänger und Gitarrist Andreas Kümmert ist recht menschenscheu. Mit unserer Autorin hat er sich trotzdem getroffen und über seine Therapie und sein neues Album gesprochen – und darüber, warum er kaum richtige Freunde hat.

          Jedes Idyll hat einen dunklen Fleck. Ist das Idyll eine Ortschaft im südlichen Deutschland, dann handelt es sich dabei in der Regel um den Bahnhof und dessen Umgebung. Gemünden am Main liegt in Franken und ist da keine Ausnahme. Und weil man für das Treffen mit Andreas Kümmert keine Adresse, sondern lediglich die verschlüsselten Koordinaten des Treffpunkts erhält, läuft man erst mal recht ahnungslos diesen Prototyp einer Kleinstadt-Bahnhofsumgebung entlang, der vermutlich das einzig scheußliche Stück Gemünden ist, das man auftreiben kann.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Vor einer einsamen Dönerbude sitzen drei Halbstarke, dann gibt es eine verlassene Kfz-Werkstatt, vor der ein Uralt-Passat parkt, und direkt daneben die obligatorische Spielothek. Exotischer Höhepunkt ist ein Geschäft mit russischen Waren, im Schaufenster steht eine Matroschka mit dem Gesicht von Wladimir Putin, in ihrem Inneren verstecken sich womöglich weitere, immer unbedeutender werdende Mini-Putins. Einige hundert Meter weiter dann das erste sorgfältig getünchte Haus, in blassem Rot – die Stadtsparkasse, nebst Dorfapotheke im Fachwerkhausgewand.

          Andreas Kümmert steht an der Ampel davor und drückt den Fußgängerampeldrücker mehrmals ein bisschen zu genervt und zu schnell hintereinander, so als könnte er dadurch das Grünwerden beschleunigen. Ein bisschen so, wie wenn die Batterie der Fernbedienung alle ist und man umso fester drückt, in der Hoffnung, doch noch mal umschalten zu können.

          „Eigentlich gebe ich hier nur Interviews“

          Kümmert hat keine sprudelnde Persönlichkeit. Auf Fragen antwortet er klar und präzise, höflich fast. Das tut er zum einen, weil er ein zurückhaltender und besonnener Mensch ist, der in seiner Freizeit Nietzsche liest und sich wahrscheinlich immer sehr verständlich ausdrückt. Und zum anderen, weil er weiß, dass Interviews geben nun mal ein leidiger Teil des Business ist, in dem er sich zwar nicht wohl fühlt, ohne das er aber nicht überleben kann. Jedenfalls nicht als Musiker.

          Er hat sich eine schöne Bank am Main ausgesucht, um zu reden. Eine Bank, die ihm etwas bedeutet gar? Auf der er oft sitzt, nachdenklich auf den Main blickt und Ideen für neue Songs sammelt? „Eigentlich gebe ich hier nur Interviews, ich wohne nicht weit von hier", sagt Kümmert schlicht. Schade. Aber schön ist es trotzdem am Main.

          „Ich habe kaum richtige Freunde“

          Früher haben brave Gemündener Bürger, die Kümmert entgegenkamen, die Straßenseite gewechselt wegen ihm. Er selbst war vielleicht ein bisschen wie das vermenschlichte Bahnhofsviertel. Als er dann an der Castingshow „The Voice of Germany" teilnahm und Favorit wurde, fanden ihn viele plötzlich ganz toll: „Gemünden fiebert mit Andreas Kümmert", solche Videos finden sich zuhauf in den Untiefen des Webs. „Bullshit", lacht Kümmert.

          Und als er sogar gewann, wollte die Stadt Gemünden, dass er sich einträgt ins Goldene Buch der Stadt. Hat er nicht gemacht. „Das war so heuchlerisch", sagt er. Geblieben ist er trotzdem in Gemünden. Ob er wegen seiner Freunde bleibt? „Ich habe eigentlich kaum richtige Freunde. Vielleicht ein oder zwei." Solche Sätze tun gar nicht so weh, wenn sie von Kümmert kommen. Außerdem wohnen seine Eltern in der Gegend und seine Freundin auch, die sind ihm sowieso das Wichtigste.

          Da man ohnehin irgendwann drüber reden muss, es gar nicht vermeiden kann, darüber zu reden, spricht man das leidige Thema also an: den ESC. Beziehungsweise den ESC-Vorentscheid. Kümmert ging damals als absoluter Favorit ins Rennen, seine unkonventionelle Art und sein unbestreitbares Talent sind Eigenschaften, die bisher selten ein deutscher Kandidat vorweisen konnte. Dann der Schock: Kümmert gewinnt - und gibt den Sieg vor laufender Kamera, ohne Vorwarnung, an die Zweite Ann-Sophie ab (die übrigens hinterher Letzte beim ESC-Finale in Österreich wurde).

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