Klassentreffen: Allein das Wort kann wohligen Grusel auslösen. Alte Freunde wiedersehen, aber auch Leute, mit denen man aus gutem Grund nichts mehr zu tun hatte. Ein bisschen „Mein Haus – mein Job – meine Frau“, das übliche Vergleichen eben: Wer hat schon graue Haare? Wer trägt die besseren Schuhe? Und dann stellt man manchmal fest, dass man nach all den Jahren sofort wieder in seine alte Rolle zurückfällt. Das kann, aber muss nicht schlimm sein. Ernüchternd freilich ist es, wenn man erkennt, dass man seither keine bessere mehr gespielt hat.
„American Pie: Das Klassentreffen“ heißt der Film, der diese Woche in die Kinos kommt, und wer heute Ende zwanzig ist oder Anfang dreißig, der wird wissen, worum es darin geht. „American Pie“ war 1999 einer der erfolgreichsten Filme in Amerika und bei uns im Jahr 2000 der erfolgreichste Kinofilm überhaupt; manche nennen es einen Kultfilm. Erzählt wurde von vier Jungs und ihrem linkischen Bemühen, bis zum Abschlussball die Jungfräulichkeit zu verlieren, und wenn das Genre der Highschool-Komödie hier schon nicht neu erfunden wurde, so wurde es doch wachgeküsst - sofern man im Zusammenhang mit „American Pie“ von so etwas Unschuldigem wie einem Kuss sprechen möchte. Abgefedert wurden die deftigen Scherze durch ein wenig Romantik, eine ordentliche Portion Moral und ein süßes Hohelied auf die Freundschaft. 800 Millionen Dollar haben „American Pie“ und die beiden Nachfolger „American Pie 2“ (2001) sowie „American Wedding“ (2003) insgesamt eingespielt.
Hinter „American Pie“ steckt aber noch eine zweite Geschichte. Die Geschichte von ein paar jungen Leuten, Jungs und Mädchen, die über Nacht zu Stars wurden, zum hoffnungsvollen Nachwuchs Hollywoods. Davon, wie man den schnellen Ruhm verkraftet – und sein langsames Verblassen. Neun Jahre nach dem jüngsten und 13 Jahre nach dem ersten Teil der Reihe sind nun nahezu alle Darsteller von 1999 wieder vereint; es ist ein Klassentreffen auch für sie. Und sogar einer der Produzenten des neuen Films, Chris Moore, hat eingeräumt, dass es für manche von ihnen „bittersüß“ sei, noch einmal in ihre alten Rollen zu schlüpfen – weil sie in ihrer Karriere nichts mehr zustande gebracht haben, was ähnlich erfolgreich gewesen wäre wie „American Pie“.
Entschlossen, das „Pie“-Image zu bedienen
Ein Nachmittag in Berlin-Mitte: Den Salon im Nobelhotel betreten vier junge Männer. So viele Schauspieler auf einmal zu interviewen, ist nicht ganz einfach; erst recht nicht, wenn sie, wie diese vier hier, entschlossen scheinen, ihr „Pie“-Image zu bedienen, stets bereit, das Gespräch komplett aus dem Ruder laufen zu lassen. Da wird um Pointen gekämpft, mit Ausdrücken herumgeworfen, die man unmöglich drucken kann, und gern mal laut gerülpst.
Erschwerend kommt hinzu, dass man ständig versucht ist, die Schauspieler mit ihren Rollennamen anzureden. Stifler ist da, der Super-Proll. Oz, die Sportskanone, und der Schnösel Finch. Und natürlich Jim – gespielt von Jason Biggs –, der eigentliche, tragisch-komische Held, dessen aberwitzige Sexpannen von seinem enervierend gutwilligen Dad (Eugene Levy in einer der lustigsten Vaterrollen der Filmgeschichte) im Männergespräch aufs peinlichste breitgewalzt werden.
Jason, kann der plötzliche Ruhm für einen jungen Schauspieler auch eine Belastung sein? „Es ist surreal und verrückt. Es arbeiten immerzu Mächte gegen dich, die versuchen, deine Welt auf den Kopf zu stellen. Es hängt alles davon ab, wie man damit umgeht. Und mit wem man sich umgibt.“
Marilyn Monroe mit wirbelndem Kleid über dem Luftschacht der U-Bahn, James Dean mit dem Gewehr im Nacken wie Christus am Kreuz: Manchen Schauspielern sind Szenen vergönnt, die zu ikonischen Momenten des Kinos werden. Auch Jason Biggs hat als Jim in „American Pie“ einen solchen Auftritt, den keiner, der ihn erlebte, vergessen wird: Man sieht ihn mit heruntergelassenen Hosen bei der Penetration eines Apfelkuchens.
Dem Glück scheint man in Hollywood nicht näher als anderswo
Als „king of teenage angst“ hat die „New York Times“ Biggs mal bezeichnet, als denjenigen also, der Pein und Not des Heranwachsenden verkörpert wie kein Zweiter. Den Titel hat Biggs, der bald 34 wird, längst verloren, ein anderer blieb erhalten: Er wird auf ewig der Typ mit dem Kuchen bleiben. Und er ist, behauptet er, stolz drauf. Wie auch Seann William Scott, der den Stifler spielt, hat Biggs den neuen Film mitproduziert, er ist auch der Wortführer der Runde. Mehrfach war er für Preise nominiert, gewonnen hat er nur einen – den MTV Movie Award für den besten Filmkuss (mit ebenjenem Seann William Scott in „American Pie 2“).
Dabei schien sein Aufstieg ins Erwachsenenkino besiegelt, als ihm Woody Allen 2003 eine Hauptrolle in „Anything Else“ gab – offenbar in der fälschlichen Annahme, dass Biggs, der sich bei Twitter als „am jüdischsten aussehender Nichtjude“ bezeichnet, Jude sei. Als Allen ihn während der Dreharbeiten fragte, wohin er über Jom Kippur fahre, habe er befürchtet, nun wohl gefeuert zu werden, erzählt Biggs. Obgleich Allen „schockiert“ gewesen sei, durfte er jedoch weiterdrehen.
„Anything Else“ gilt als einer der schwächeren Allen-Filme, und auch sonst blieb Biggs der große Erfolg außerhalb des „Pie“-Universums verwehrt; ein paar Filme floppten, eine Sitcom wurde eingestellt. Zuletzt sprach Biggs in einer Zeichentrickserie eine Ninja-Schildkröte.
Im „Klassentreffen“ wagt er nun, was er vor Jahren noch ausgeschlossen hatte: Er präsentiert seinen Penis. „Dinge ändern sich, offensichtlich“, sagt er. „Ich bin in meiner Comedy offener und selbstbewusster geworden.“ Das gelte auch fürs Private, fügt er hinzu, obgleich das bei ihm von seinem Job schwer zu trennen scheint. Als würde er sich mit dem dauerbrünftigen Jim verwechseln, fasst Biggs schon mal seiner Ehefrau Jenny Mollen auf dem Roten Teppich an die Brust. Und als Mollen im Internet einen Text veröffentlichte mit dem Titel „Jenny und ihr Mann verpflichten eine Hure“, rätselten die Leser, ob es sich hier um eine Satire oder um eine Intimbeichte handelte. „Bestimmte Elemente der Geschichte könnten wahr sein“, sagt Biggs verschwörerisch. „Es ist eine großartige Reflexion darüber, wie wir als Paar sind. Wir sind total verrückt.“
Wie Biggs werden auch die anderen Darsteller auf der PR-Tour nicht müde zu betonen, wie glücklich sie mit dem Film seien, wie viel Spaß das Ganze gemacht habe. So auch Mena Suvari, die die Reise nach Berlin nicht mitgemacht hat. Diese Schauspielerin mit ihren betörenden Augen hat man ebenfalls in einer ikonischen Szene in Erinnerung: Als Kevin Spaceys blutjunges Objekt der Begierde badete sie im hochgelobten Drama „American Beauty“ in Rosenblüten. Doch Suvari, heute 33, hat das Versprechen, das sie damit abgab, nicht einlösen können. Ihre Filmographie verzeichnet Independent-Werke, die kaum jemand sah, und Mainstream-Ware, die direkt auf DVD herauskam; ein Schicksal, das sie mit manchem „Pie“-Kollegen teilt. Und auch privat lief nicht alles rosig bei Suvari, es läuft ihre zweite Scheidung.
Dem Glück scheint man in Hollywood offensichtlich nicht näher als anderswo. Und so darf man es tatsächlich bemerkenswert finden, dass vom Original-Cast beim „Klassentreffen“ alle wieder dabei sind, man könnte auch sagen: noch am Leben. Selbstverständlich ist das nämlich nicht.
Chris, Sie haben kürzlich offen über Ihre Alkoholerkrankung gesprochen … „Oh, viel zu viel, Mann. Hier geht es um ,American Pie’, lassen wir’s dabei.“ Als Oz war Chris Klein der Strahlemann der Gruppe. Der Recke, der sich zum Gentleman mausert, um Suvari als niedliches Chor-Girl für sich zu gewinnen. Klein, 33, meldet sich in der Runde nur selten zu Wort, dann aber mit kraftvoll dröhnender Stimme: „Ich denke, von allen Charakteren, die ich gespielt habe, ist Oz derjenige, der mir am ähnlichsten ist.“ Es gab allerdings Zeiten, da war Klein dem sonnigen Oz und also auch sich selbst überhaupt nicht mehr ähnlich. Zweimal wurde er wegen Trunkenheit am Steuer verhaftet, und in einem Interview pries er, ob unter Alkohol oder nicht, seine eigene Unwiderstehlichkeit bei den Frauen. Dem Magazin „People“ erzählte Klein nun, wie er, um cool zu sein, immer mehr trank und dass der Alkohol ihn beinahe umgebracht hätte. Seit 19 Monaten sei er nun trocken und „der glücklichste Mensch auf Erden“.
Jason Biggs und Eddie Kaye Thomas, der den Finch spielt, sitzen beim Interview vor einem Bier. Klein trinkt gar nichts, Seann William Scott einen Kaffee. Scott kniet mehr, als dass er sitzt, als hielte er sich bereit für den Absprung. Dabei ist er ausgesucht höflich und liebenswürdig und bietet dem Interviewer ein Heißgetränk an – etwas, das Stifler niemals einfallen würde.
Seann, ist es für Sie bittersüß, wieder den Stifler zu spielen? „Es ist nur süß. Ich sehe es als Segen. Ohne das alles säße ich nicht hier.“Stifler war im ersten Film eine Nebenfigur, ein Spinner aus reichem Hause, asozial und unberechenbar, doch der beste Partymacher der Highschool; ganze 8000 Dollar soll Scott seinerzeit für den Part bekommen haben. Weil der durchgeknallte Stifler als dynamischer Gegenpol zu den braven „Pie“-Jungs zum Helden der Fans avancierte, wurde seine Rolle von Film zu Film größer. Heute ist Scott 35 und, obzwar auch er schon einen Aufenthalt in einer Entzugsklinik hinter sich hat, besser im Geschäft als die meisten anderen „Pie“-Stars. Das Stifler-Stigma aber ist er nicht losgeworden. „Wir alle, nehme ich an, würden gerne andere Dinge machen. Vor einiger Zeit habe ich mich mehr darum bemüht, andere Rollen zu spielen“, sagt er. „Heute ist es mir scheißegal.“
Er kassiert auch ein stattliches Schmerzensgeld. Im Internet ist über die Gagen der Stars für das „Klassentreffen“ spekuliert worden, demnach erhielten Scott und Biggs mit je fünf Millionen Dollar am meisten. Angeblich am wenigsten bekam, mit vergleichsweise mageren 250 000 Dollar, Tara Reid.
Das heißt nicht, dass Reid zuletzt völlig von der Bildfläche verschwunden wäre; im Gegenteil. Es waren nur nicht die vorteilhaftesten Auftritte. Schlagzeilen machte die Blondine nicht mit ihren Filmen, sondern als Party-Girl, als „Playboy“-Model und als Kandidatin beim britischen „Celebrity Big Brother“, mit zum Teil verunglückten Schönheits-OPs und später dementierten Meldungen über Hochzeiten mit dänischen oder bulgarischen Geschäftsleuten. Auf der „Pie“-Werbetour erklärte Reid, 36, sich nun zum glücklichen Single und verwahrte sich gegen ihr Image als Poster-Girl der plastischen Chirurgie: Sie habe in ihrem Leben weit mehr gemacht als nur Schönheits-OPs. Es müsste sich halt nur jemand daran erinnern.
Erst im Nachhinein, hat Chris Weitz gesagt, der mit seinem Bruder Paul beim ersten „Pie“-Film Regie führte, sei ihnen das Risiko bewusst geworden, einen Film mit so jungen Darstellern zu drehen; was dem einen zum Start einer glanzvollen Karriere werden könne, wirke auf den anderen wie eine Giftpille.
So war es wohl bei Natasha Lyonne, 32, als coole Jessica Ruhepol und Ratgeberin in der „Pie“-Truppe. Sie kämpfte mit Alkohol und Drogen und deshalb immer wieder mit dem Gesetz. „So gut wie tot“ sei sie gewesen, hat sie bekannt; nun aber habe sie sich entschlossen zu leben. Im „Klassentreffen“ hat sie einen Cameo-Auftritt.
Wenigstens skandalfrei über die Runden kam Thomas Ian Nicholas, 31, der als netter Kevin jedoch die ödeste Rolle der Reihe zu spielen hatte. Er bastelt derzeit an einer zweiten Karriere als Musiker und ist kürzlich Vater geworden, hat also auch noch anderes zu tun.
Alyson Hannigan, die in ihrer Rolle als nur vordergründig biederes Flötenmädchen als einzige Frau so komisch sein durfte wie die „Pie“-Kerle, dürfte diejenige sein, die den Wahnsinn am souveränsten überstanden hat. Vielleicht, weil sie schon vor „American Pie“ eine ansehnliche Karriere hatte – und eine hingebungsvolle Fangemeinde: Sie spielte eine lesbische Hexe in der Erfolgsserie „Buffy – Im Bann der Dämonen“. Am „Buffy“-Set lernte sie ihren späteren Ehemann kennen, mit dem sie seit mehr als acht Jahren verheiratet ist; im Sommer erwarten beide ihr zweites Kind. Und auch nach „American Pie“ hat Alyson Hannigan, inzwischen 38, eine ansehnliche Karriere vorzuweisen: Als Lily in der Erfolgsserie „How I Met Your Mother“ weiß sie eine hingebungsvolle Fangemeinde hinter sich.
„Soll man sich darüber ärgern, dass der Blitz nicht zweimal einschlägt?“
„American Pie: Das Klassentreffen“ ist sicher nicht der stärkste Film der Reihe. Er setzt wiederum auf vulgäre Späße, mehr noch aber auf Nostalgie, und das Hohelied der Freundschaft erklingt lauter als je zuvor. Wer die früheren Teile gesehen hat und wem die Figuren ein wenig ans Herz gewachsen sind, den lässt das nicht unberührt. Die Teenies von heute dürften mit den Sex-Abenteuern der spätpubertierenden Mittdreißiger weniger anfangen können. An seinem Startwochenende in Amerika lag das „Klassentreffen“ deutlich hinter den gerade höllisch angesagten „Hunger Games“. Für deren junge Stars hat all das, was die „American Pie“-Schauspieler mehr oder weniger gut überstanden haben, gerade erst angefangen.
Als Finch ist Eddie Kaye Thomas, 31, der Intellektuelle unter den „Pie“-Jungs: ein altkluger Typ, der bei Wein und Weib die reiferen Jahrgänge schätzt. Und auch fernab der Leinwand scheint Thomas jemand, der das Leben und seinen Job reflektiert. „Es ist eine seltsame Sache, die mit dem Erfolg von ,American Pie’ einherging: Die Leute denken automatisch daran, was daran schlecht sein könnte“, meint er. Spreche ihn jemand darauf an, dass er nach „American Pie“ in keinem großen Film mehr zu sehen gewesen sei, so entgegne er: „Ich war in einem großen Film“ – eben in „American Pie“. Solle man, so Thomas, sich darüber ärgern, „dass der Blitz nicht zweimal eingeschlagen ist? Es ist buchstäblich so, als regte ich mich darüber auf, dass ich gestern nicht im Lotto gewonnen habe.“ – „Obwohl du vor 13 Jahren gewonnen hast“, ruft Biggs, und Thomas ergänzt: „Und wir haben viermal gewonnen.“
Und dann spricht Eddie Kaye Thomas noch über ein Foto von 1999, das im Abspann des neuen Films zu sehen ist und die jungen Darsteller zeigt, nachdem sie erfahren hatten, dass ein Kondomproduzent den Film sponsern würde. „Wir waren jung und fanden, es sei das Aufregendste auf der Welt, dass wir Kondome in der Hand hielten. Diesen Moment durften wir gemeinsam erleben“, erzählt er. „Und unser Lächeln auf diesem Bild ist echt.“