Acht Jahre ist es her, dass die Tochter ohne Visum nach Berlin aufbrach. Irina hatte studiert, vier Jahre Pädagogik, fünf Jahre Biochemie. So wie es der Wunsch der Mutter war, die vierzig Jahre lang auf einer Kolchose geschuftet hatte. Irina sollte es besser haben. Doch es gab keine Perspektive, weder hier in dem kleinen Dorf noch im Rest der Ukraine. Also stieg Irina vor dem Haus der Mutter in einen Kleinbus und verschwand nach Deutschland: 1200 Kilometer auf meist schlechten Straßen, 20 bis 25 Stunden, je nachdem wie lange der Fahrer mit den ukrainischen Grenzern über das Schmiergeld verhandeln muss.
Irinas Mutter ist eine kleine, sehr freundliche Witwe in einem alten Rock und einem roten T-Shirt. Mit dem Kopftuch sieht sie älter aus als ihre 64 Jahre. Die Hände, der Körper, das Gesicht bezeugen ein Leben voll harter Arbeit. Ihre Zähne brauchten eine Renovierung. Dazu das Asthma. Wenn sie vom Tag des Abschieds erzählt, fließen Tränen. Sie selbst hat das Dorf so gut wie nie verlassen. Es liegt im Westen der Ukraine, im Vorland der Karpaten unweit der Stadt Czernowitz, der traditionsreichen Hauptstadt der Bukowina. Sanfte Hügel mit ein paar Wäldern und vielen Feldern. 500 Häuschen, jeweils hinter einer Mauer oder einem Bretterzaun. Die wenigsten haben ein zweites Stockwerk. Einige sind frisch renoviert und in kräftigen Farben gestrichen. Andere sind halbverfallen und trotzdem bewohnt. Dazwischen Schotterstraßen und viel Grün. Mittendrin eine große orthodoxe Kirche. Kein Müll, kaum Autos, hin und wieder ein Pferdefuhrwerk und Männer mit einfachen Sensen. Zu jedem der kleinen Höfe gehört ein meist sehr großer Obst- und Gemüsegarten, oft auch noch ein kleiner Hühner-, Kaninchen- oder Schweinestall. Dazu ein Plumpsklo und ein Brunnen, aus dem das Wasser mit einem Eimer mühsam hinaufgekurbelt werden muss.
300 Euro für den Schleuser
Die Mutter will nicht weinen. Sie will eine gute Gastgeberin sein, und das ist sie. Auf dem Tisch in ihrer kleinen Küche drängen sich Teller voll mit Tomaten, Gurken, Obst, Brot, Wurst, Käse, Kartoffeln und Kaninchenfleisch. Mittendrin thront eine Flasche Cola. Sie wollte nicht, dass die Tochter geht. Sie wusste aber auch nicht, wie es hätte gehen können in diesem Häuschen mit einem Zimmer, Küche, ohne Bad, mit ihren umgerechnet 90 Euro Rente und den 100 Euro, die Irina als Lehrerin verdiente. Das Obst und Gemüse aus dem großen Garten hätte ihnen geholfen, das schon. Aber da sind ja auch noch die beiden Enkel, Irinas Söhne Wassili und Dimitri, die eine Zukunft haben sollen. Hübsche, schlaksige Jungen mit blonden kurzen Haaren. Der eine dreizehn, der andere siebzehn Jahre alt. Als Irina das erste Mal nach Deutschland reiste, begann für den Jüngsten gerade die Schule. Von dem Vater der beiden war sie da schon getrennt.
Irinas Mutter führt vor, dass bei ihr das Wasser aus der Leitung kommt, dann zeigt sie auf den großen Kühlschrank und den Elektroherd. Im Schlafzimmer, das sie sich mit den Enkeln teilt, stehen ein Fernseher und ein Computer, und neuerdings gibt es eine Heizung, ein kleines Bad mit Toilette und sogar eine Waschmaschine. „Ich lebe wie eine Prinzessin“, sagt die alte Frau und lacht mit Tränen in den Augen. Sie ist auch stolz auf ihre tapfere Tochter.
Die polnisch-deutsche Grenze, die vor acht Jahren noch streng kontrolliert wurde, überquerte Irinia versteckt im Laderaum eines Lastwagens. 300 Euro zahlte sie dem Schleuser. „Ein Freundschaftspreis“, sagt sie in ihrer Berliner Wohnung, schlägt die Beine übereinander, gießt dem Gast Tee nach und zündet sich eine Zigarette an. Eine hübsche Frau, kaum größer als die Mutter, mit sportlicher Figur und müden Augen.
„Mit einem Mann wäre es wohl leichter“
Irina ist nicht ihr richtiger Name. Er ist dem illegalen Leben geschuldet, das sie, die Lehrerin, seit acht Jahren führt. Das Leben einer Putzfrau ohne Aufenthaltsgenehmigung. Ihre Arbeit wird geschätzt, ihr Deutsch ist gut, für viele der privaten Wohnungen, die sie jede Woche säubert, hat sie einen eigenen Schlüssel. Mal kommt sie auf vierzig Wochenstunden, mal mehr, selten weniger. Der Anfang war schwer, mittlerweile beträgt ihr Stundenlohn zehn Euro. Sie zahlt keine Steuern und hat keine Kranken-, keine Unfall-, keine Renten- und auch nicht irgendeine andere Versicherung.
Schrank, Bett, Sofa, Tisch und Sessel sind alt, einfach und sehr sauber. Für das Zimmer, eine Küche, ein Bad und zwei Fenster zum Hinterhof zahlt Irina 350 Euro warm. Das hat der Mann einer Freundin organisiert. Für Lebensmittel braucht Irina 100 Euro im Monat. Dazu kommen noch die Monatskarte für die U-Bahn, etwas Geld für Kleidung, Drogerieartikel und mindestens eine Packung Zigaretten am Tag. Den Rest bringt ein Fahrer der regelmäßig verkehrenden Kleinbusse gegen eine Gebühr direkt zu ihrer Mutter. Das meiste Geld fließt in ein neues Vierzimmerhäuschen auf dem engen Grundstück der Familie. Irina betrachtet die Fotos der Baustelle auf ihrem alten Notebook, sagt „mein Palast“, verdreht die Augen und lacht.
Als sie nach Deutschland aufbrach, hatte der Vater ihrer Kinder sie schon wegen einer anderen verlassen; mittlerweile ist er gestorben. „Mit einem Mann wäre es wohl leichter“, sagt Irina. Ohne hinzuschauen, fischt sie die nächste Zigarette aus der Schachtel. „Aber für mich gibt es keinen.“ Sie weiß ja nicht einmal, wie und wo sie den Richtigen treffen könnte. Als sie sich vor drei Wochen einen Döner in einem Imbiss leistete, und zwei Polizisten hereinkamen, war sie „so gut wie tot“. So lange die Beamten aßen, stand Irina starr vor Schreck am Nebentisch. Vor gut einem Jahr war sie das letzte Mal mit Freundinnen in einer der russischen Diskotheken, die es in Berlin gibt. Ein „schrecklicher Abend“, sagt sie. Die ganze Zeit habe sie nur auf die Tür gestarrt.
Sie fürchtet ein Wiedereinreiseverbot
Einmal wurde sie erwischt. Es war ihr 33. Geburtstag. Mit einer ukrainischen Freundin saß sie in einem türkischen Café. Plötzlich überall Polizisten. Sie fanden nicht die Drogen, die sie suchten, nur Irina. Die kam erst in ein Abschiebegefängnis und dann zurück in die Ukraine. Weil einer ihrer Arbeitgeber die insgesamt 2000 Euro für den Rückflug und die 69 Euro pro Hafttag vorstreckte, bekam sie keinen Vermerk in den Pass gestempelt, der eine spätere Wiedereinreise unmöglich gemacht hätte. Nach ein paar Wochen im Dorf erhielt sie das beantragte Touristenvisum für zehn Tage und reiste wieder nach Berlin.
Und nach diesen zehn Tagen begann wieder das, was sie ihr „verstecktes Leben“ nennt. Vier Jahre ist das her. Mit Hilfe von ein paar gefälschten Stempeln könnte sie vielleicht zurück, ohne sich eine Rückkehr nach Deutschland zu verbauen. Sie fürchtet nicht das Abschiebegefängnis, sondern ein Wiedereinreiseverbot. Für die Fälschungen müsste sie 2500 Euro bezahlen und trotzdem bangen aufzufliegen.
„Ich brauche gar nichts, ich will nur dich“
Und so hat Irina ihre Mutter und die Söhne seit vier Jahren nur am Telefon gesprochen. Dank Skype können sie sich mittlerweile dabei auch auf dem Computerbildschirm sehen. Anschaulich erzählt sie von einem Gespräch mit dem jüngsten Sohn im Sommer. Der Dialog muss ihr oft durch den Kopf gegangen sein:
„Mama, wann kommst du nach Hause?“
„Nächstes Jahr!“
„Aber du hast immer gesagt ‚dieses Jahr‘ und jetzt redest du von ‚nächstem Jahr‘. Du hast gelogen. Immer lügst du. Ich will auch eine Mama haben!“
„Guck mal, wir brauchen doch das Geld, um das Haus fertig zu bauen, damit du ein eigenes Zimmer hast.“
„Ich brauche gar nichts, ich will nur dich.“
Und eine Woche später saßen beide wieder an ihren Computern, gut 1200 Kilometer voneinander entfernt.
„Mama, ich will ein Notebook.“
„Aber das kostet viel Geld. Das habe ich nicht.“
„Du hast kein Geld? Wenn du kein Geld hast, kannst du ja nach Hause kommen!“
So hat Irina ein Notebook gekauft und in die Ukraine geschickt.
„Mama, du bist die Erste und Beste“, sagte der Sohn. „Ich liebe dich!“
Und nach ein paar Wochen wieder: „Mama, wann kommst du?“
Dazuverdienen ist kaum möglich
Am Küchentisch seiner Großmutter lauscht Wassili neugierig und schüchtern jedem Wort, das mit dem Besucher aus Deutschland gewechselt wird, verlässt aber sofort das Zimmer, wenn er selbst was sagen soll.
Dagegen zeigt sich der siebzehnjährige Dimitri betont selbstbewusst, um dann allerdings sehr einsilbige Antworten zu geben. Am liebsten fährt er mit dem Moped, das Irina ihm nach langer Bettelei gekauft hat. Was denkt er darüber, dass seine Mutter in Deutschland lebt? Die erste Antwort ist ein Zögern. „Es wäre schön, wenn sie zu Hause wäre.“ „Aber dann hättest Du vielleicht kein Moped.“ „Die Mutter ist mir lieber“, sagt er und eilt hinaus zu seinen Freunden.
In der Tür begrüßt er seinen Opa, den Vater von Irinas verstorbenem Exmann. 62 Jahre ist er alt und Rentner. Davor hat er als Busfahrer und Straßenbauer gearbeitet. Am Wochenende kommt er oft aus dem nahen Städtchen hierher ins Dorf, um Zeit mit seinen Enkeln zu verbringen. Das sei für ihn das Schönste, sagt er. Ansonsten flucht er vor allem über die „Regierung voller Banditen“ und die „verdammte Korruption“. Im Hospital müsse selbst ein Sterbender für alles bar bezahlen. Seine 100 Euro Rente reichen nur, wenn nichts schiefläuft, keine Krankheit, keine Verletzung, keine Anschaffungen, keine großen Reparaturen. Dazuverdienen ist kaum möglich, „wo doch die jungen Männer schon keine Arbeit finden“. Und ins Ausland kann er nicht, weil er nicht einmal Geld für einen Reisepass hat.
Ein Zahnarzt, dem sie vertrauen kann
Was ist mit seiner Frau, bekommt die auch eine Rente? Falsche Frage. Seine Frau ist vor ein paar Jahren in die Vereinigten Staaten gereist, um dort zu arbeiten, murmelt er und schaut zum Fenster hinaus. Irgendwann hat sie sich nicht mehr gemeldet, und ihn, sagt er, interessiere auch gar nicht mehr, was sie da mache. Im Übrigen sei eine solche Trennung in mehr als der Hälfte dieser Fälle normal. Dann holt er tief Luft und spielt schweigend mit seiner Armbanduhr. Eine Erinnerung an die Zeit beim Militär, die Zeit der Sowjets, seine beste Zeit, sagt er.
Wassili schleicht wieder herein. Vom Großvater bestärkt traut er sich mit dem Fremden, der am Küchentisch sitzt, zu reden. Er spricht sehr leise und schaut, als wolle er das Muster der Tischdecke auswendig lernen. Seine Leidenschaft ist Fußball. Er spielt Stürmer und will Profi werden. Und wenn das nicht klappt? Dann Arzt. Das Studium kostet inklusive Schmiergeldern 10.000 Euro - knapp 100 Monatslöhne einer Lehrerin. Das geht nur, sagt der Großvater, wenn Irina genug investiert.
Zurück in die Ukraine, sagt Irina, wird sie ziehen, wenn das Haus fertig ist und der Jüngste einen Universitätsabschluss gemacht und geheiratet hat. „Vielleicht noch zehn Jahre, aber dann für immer.“ Die Söhne sollen es besser haben, sagt Irina, die es nach neun Hochschuljahren und zwei Abschlüssen nicht besser hat, die nachts oft wach liegt und sich fragt: „Warum ist dieses Leben so?“ Im Moment braucht sie dringend einen Zahnarzt, dem sie vertrauen kann. Die Schmerzmittel, die ihre Mutter geschickt hat, reichen nicht mehr. Einer ihrer Kunden hat versprochen zu helfen.
Der Jüngere quengelt mittlerweile nach einem iPhone
Ein tiefer Lungenzug, eine dicke Ladung Nikotin. „Natürlich“ will sie nächstes Jahr ihre Familie besuchen. Sie sagt „hundertprozentig“ und lacht ihr trauriges und kämpferisches Lachen, und bevor sie eine lange Pause macht, sagt sie, dass das Geld nie reicht. Nicht für die Baustelle, nicht für das, was die Söhne brauchen und schon gar nicht für das, was sie sich wünschen.
Weihnachten wird Irina mit ihrer ukrainischen Freundin in Berlin verbringen und natürlich wird sie mit ihrer Familie skypen. Der Jüngere quengelt mittlerweile nach einem iPhone. Und auch der Siebzehnjährige hat sich wieder mal gemeldet. Er will ein Auto. Es klang wie eine Bestellung.
Die nehme ich gerne...
Nicholas Hasenbein (nhb1986)
- 27.12.2012, 02:04 Uhr
Da sind wohl alle Kinder gleich
Renate Simon (-simon-)
- 26.12.2012, 20:14 Uhr
Wer bestraft die Menschen...
Heike Schneider (KassandraWahrheit)
- 26.12.2012, 20:09 Uhr