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Als illegale Putzfrau in Berlin : Das versteckte Leben

  • -Aktualisiert am

Vor acht Jahren stieg Irina vor dem Haus der Mutter in einen Kleinbus und verschwand nach Deutschland Bild: Robert Haidinger / Anzenberger

Irina hat zwei Hochschulabschlüsse und lebt illegal als Putzfrau in Berlin. Ihre Mutter in der Ukraine kümmert sich um die Enkel und weiß nicht, ob sie lachen oder weinen soll.

          Acht Jahre ist es her, dass die Tochter ohne Visum nach Berlin aufbrach. Irina hatte studiert, vier Jahre Pädagogik, fünf Jahre Biochemie. So wie es der Wunsch der Mutter war, die vierzig Jahre lang auf einer Kolchose geschuftet hatte. Irina sollte es besser haben. Doch es gab keine Perspektive, weder hier in dem kleinen Dorf noch im Rest der Ukraine. Also stieg Irina vor dem Haus der Mutter in einen Kleinbus und verschwand nach Deutschland: 1200 Kilometer auf meist schlechten Straßen, 20 bis 25 Stunden, je nachdem wie lange der Fahrer mit den ukrainischen Grenzern über das Schmiergeld verhandeln muss.

          Irinas Mutter ist eine kleine, sehr freundliche Witwe in einem alten Rock und einem roten T-Shirt. Mit dem Kopftuch sieht sie älter aus als ihre 64 Jahre. Die Hände, der Körper, das Gesicht bezeugen ein Leben voll harter Arbeit. Ihre Zähne brauchten eine Renovierung. Dazu das Asthma. Wenn sie vom Tag des Abschieds erzählt, fließen Tränen. Sie selbst hat das Dorf so gut wie nie verlassen. Es liegt im Westen der Ukraine, im Vorland der Karpaten unweit der Stadt Czernowitz, der traditionsreichen Hauptstadt der Bukowina. Sanfte Hügel mit ein paar Wäldern und vielen Feldern. 500 Häuschen, jeweils hinter einer Mauer oder einem Bretterzaun. Die wenigsten haben ein zweites Stockwerk. Einige sind frisch renoviert und in kräftigen Farben gestrichen. Andere sind halbverfallen und trotzdem bewohnt. Dazwischen Schotterstraßen und viel Grün. Mittendrin eine große orthodoxe Kirche. Kein Müll, kaum Autos, hin und wieder ein Pferdefuhrwerk und Männer mit einfachen Sensen. Zu jedem der kleinen Höfe gehört ein meist sehr großer Obst- und Gemüsegarten, oft auch noch ein kleiner Hühner-, Kaninchen- oder Schweinestall. Dazu ein Plumpsklo und ein Brunnen, aus dem das Wasser mit einem Eimer mühsam hinaufgekurbelt werden muss.

          300 Euro für den Schleuser

          Die Mutter will nicht weinen. Sie will eine gute Gastgeberin sein, und das ist sie. Auf dem Tisch in ihrer kleinen Küche drängen sich Teller voll mit Tomaten, Gurken, Obst, Brot, Wurst, Käse, Kartoffeln und Kaninchenfleisch. Mittendrin thront eine Flasche Cola. Sie wollte nicht, dass die Tochter geht. Sie wusste aber auch nicht, wie es hätte gehen können in diesem Häuschen mit einem Zimmer, Küche, ohne Bad, mit ihren umgerechnet 90 Euro Rente und den 100 Euro, die Irina als Lehrerin verdiente. Das Obst und Gemüse aus dem großen Garten hätte ihnen geholfen, das schon. Aber da sind ja auch noch die beiden Enkel, Irinas Söhne Wassili und Dimitri, die eine Zukunft haben sollen. Hübsche, schlaksige Jungen mit blonden kurzen Haaren. Der eine dreizehn, der andere siebzehn Jahre alt. Als Irina das erste Mal nach Deutschland reiste, begann für den Jüngsten gerade die Schule. Von dem Vater der beiden war sie da schon getrennt.

          Kein Müll, kaum Autos, hin und wieder ein Pferdefuhrwerk und Männer mit einfachen Sensen: Irinas Heimatdorf im Westen der Ukraine Bilderstrecke
          Kein Müll, kaum Autos, hin und wieder ein Pferdefuhrwerk und Männer mit einfachen Sensen: Irinas Heimatdorf im Westen der Ukraine :

          Irinas Mutter führt vor, dass bei ihr das Wasser aus der Leitung kommt, dann zeigt sie auf den großen Kühlschrank und den Elektroherd. Im Schlafzimmer, das sie sich mit den Enkeln teilt, stehen ein Fernseher und ein Computer, und neuerdings gibt es eine Heizung, ein kleines Bad mit Toilette und sogar eine Waschmaschine. „Ich lebe wie eine Prinzessin“, sagt die alte Frau und lacht mit Tränen in den Augen. Sie ist auch stolz auf ihre tapfere Tochter.

          Die polnisch-deutsche Grenze, die vor acht Jahren noch streng kontrolliert wurde, überquerte Irinia versteckt im Laderaum eines Lastwagens. 300 Euro zahlte sie dem Schleuser. „Ein Freundschaftspreis“, sagt sie in ihrer Berliner Wohnung, schlägt die Beine übereinander, gießt dem Gast Tee nach und zündet sich eine Zigarette an. Eine hübsche Frau, kaum größer als die Mutter, mit sportlicher Figur und müden Augen.

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