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Almaz und Karlheinz Böhm im Gespräch : „Die Habgier in den Industrienationen macht mich zornig“

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Vom Schauspieler zum Wohltäter: Karlheinz Böhm und seine Frau Almaz Bild: dpa

Vor dreißig Jahren gründete Karlheinz Böhm die Äthiopienhilfe „Menschen für Menschen“. Heute zieht er eine positive Bilanz, warnt aber vor den Entwicklungen an den Finanzmärkten.

          Herr Böhm, vor 30 Jahren waren Sie das erste Mal in Äthiopien, nachdem Sie - angesichts einer Hungersnot in der Sahelzone - eine Wette in der Fernsehshow "Wetten, dass ..?" verloren hatten. Was waren bleibende Eindrücke dieser Reise?

          Ein Hungerlager zu sehen und dass es so etwas auf unserem Planeten überhaupt geben muss, war ein unvergesslicher Schock für mich. Aber ich erinnere mich auch noch genau an die Gesichter der Menschen, in die ich damals geblickt habe. Sie hatten keine Perspektive und wussten auch nicht, was sie von diesem fremden weißen Mann halten sollten. Gemeinsam mit diesen 1500 Männern, Frauen und Kindern habe ich dann das erste Projekt umgesetzt. Im Laufe der Jahre sind aus den ehemaligen Halbnomaden sesshafte Bauern mit einer soliden Existenzgrundlage geworden, die mich schon lange als Teil ihrer Familie betrachten und die mir bei jedem Besuch voller Stolz die Früchte ihrer Feldarbeit oder ihre Kinder und Enkel präsentieren, die einen Schulabschluss gemacht haben.

          Frau Böhm, Sie sind in Äthiopien geboren. Was bedeutet die Arbeit Ihres Manns für Ihr Mutterland?

          Jeder, der einmal in Äthiopien gewesen ist, weiß, wie unendlich dankbar die Menschen dort meinem Mann für seinen Einsatz sind. Er ist offizieller Ehrenstaatsbürger. In den Projektgebieten nennt man ihn "Vater Karl". Mit "Menschen für Menschen" hat er die Entwicklung ganzer Landstriche entscheidend vorangetrieben. Dass sich ein populärer Europäer wie er zum Sprachrohr der Armen gemacht und aus tiefster Überzeugung und mit unermüdlicher Ausdauer so viele greifbare Verbesserungen herbeigeführt hat, ist von unschätzbarem Wert!

          Herr Böhm, was hat sich in den 30 Jahren zum Guten verändert?

          Das Land hat sich in den vergangenen Jahren auf vielen Ebenen deutlich vorwärts entwickelt. Die enorme Bautätigkeit in den Städten ist nicht zu übersehen, die Infrastruktur ist besser geworden, und es gibt zahlreiche internationale Unternehmen im Land. Auch gesellschaftlich hat es einige positive Veränderungen gegeben: Themen wie schädliche Traditionen, HIV/Aids und Familienplanung, die früher ein Tabu waren, werden heute überall offen diskutiert und aktiv angegangen.

          Und was zum Schlechten?

          Das Bevölkerungswachstum hat die Entwicklung von Äthiopien sicher aufgehalten. Aber auch hier hat auf allen Ebenen ein Umdenken stattgefunden. Wenn ich aber auf die Welt insgesamt blicke, so macht es zornig zu sehen, wie die Habgier in den Industrienationen immer bizarrere Formen annimmt und die Spekulationen auf den Finanzmärkten immer skrupelloser werden, während gleichzeitig laut "World Food Report" der Vereinten Nationen rund eine Milliarde Menschen permanent unterernährt sind. Das ist ein Wahnsinn, den wir nicht einfach hinnehmen dürfen!

          Das erste Projektgebiet: Karlheinz Böhm 1983 im Erer-Tal

          Wie viel Geld ist in den 30 Jahren für Ihre Hilfsorganisation "Menschen für Menschen" zusammengekommen?

          In den vier Geberländern Deutschland, Österreich, Schweiz und Belgien wurden insgesamt 415 Millionen Euro gespendet.

          Worauf sind Sie noch besonders stolz?

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