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Alleinerziehende Autorin : „Wir sind eine bewegliche, kleine Zelle“

Einander Ein und Alles – und doch auch offen: Bernadette Conrad mit ihrer 14-jährigen Tochter im Park Bild: Julia Zimmermann

Alleinerziehend, die Arme! Von wegen: Bernadette Conrad sieht ihr Leben nicht als defizitär – und hat darüber ein Buch geschrieben. Ein Gespräch mit Mutter und Tochter.

          Wer ist deine Familie, Noëmi?

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Noëmi: Auf jeden Fall meine Mutter. Und Moni und Dschonnie und Martin.

          Wer ist das?

          Noëmi: Moni und Dschonnie sind Freunde, die mich begleiten, seit ich zwei Jahre alt bin. Und Martin ist der Exfreund von meiner Mama, mit dem wir immer noch eine sehr enge Beziehung haben.

          Und für Sie, Frau Conrad?

          Bernadette Conrad: Ich habe da ein Bild von umeinander liegenden Kreisen. Der innerste Kern sind wir beide, die kleinste Familie der Welt. So habe ich auch mein Buch genannt. Im nächsten Kreis sind ein paar andere Menschen, die über all die Jahre unbedingt verlässlich waren. Oft wurde ich als Journalistin kurzfristig angefragt: Geht da in drei Tagen was in London? Und meistens ging es, weil diese Leute da waren, unkompliziert, in einer tiefen Entschiedenheit für das Kind.

          Noëmi: Je nach Kreis gehören noch weitere Freunde oder Verwandte dazu. Es ist aber nicht so, dass ich da abgesetzt wurde, und dann hatte meine Mutter ihre Ruhe. Ich habe mich da wohl gefühlt.

          B. Conrad: Auf jeden Fall ist es eine Familie, die sich während Noëmis Leben entwickelt hat.

          Aber es heißt doch immer: Ein Kind braucht Vater und Mutter.

          Noëmi: Knallhart gesagt: Ich finde, dass es weder Vater noch Mutter braucht. Und wenn die Großmutter das Kind großzieht – na und? Es braucht wenigstens einen Menschen, der wirklich da ist. Am besten sogar mehrere. Aber die müssen wirklich vollkommen da sein. Hübsche Familienfotos reichen nicht.

          B. Conrad: Ich habe nie nach einem anderen Vater für Noëmi gesucht, einem Vater also, der im Alltag da wäre. Aber mir ist wichtig gewesen, dass sie gute Erfahrungen mit Männern macht.

          Noëmi: Einmal hat Dschonnie mich von der Schule abgeholt und gesagt: „Ich hab’ gehört, dein Fahrrad ist ein bisschen klein geworden.“ Das war null abgesprochen mit meiner Mutter und nie Thema davor. Und auf einmal komme ich mit einem megaschicken Fahrrad nach Hause.

          Schon das Wort „alleinerziehend“ erregt irgendwie Mitleid. Es klingt immer nach einem Manko.

          B. Conrad: Ich habe für mein Buch ja lauter Familien interviewt, bei denen die Trennung früh stattfand. Und eine der großen Überraschungen war, dass alle, egal wie alt, ganz selbstverständlich gesagt haben: Mir hat gar niemand gefehlt. Wir kennen kein Leben mit Vater. Und unsere Mutter – in einem Fall der Vater – hat uns genug gegeben. Mir ist klar geworden, dass dieses übermächtige Ideal der vollständigen Familie von außen, über Werbung oder Politik, an uns herangetragen wird. Kinder, die in anderen Konstellationen groß werden, erleben das anders.

          Brauchen wir einen neuen Blick auf „Kleinstfamilien“, wie Sie es nennen?

          B. Conrad: Mich ärgert dieser defizitäre Blick schon seit Jahren. Ich fand in jedem Lebensalter von Noëmi, dass wir eine bewegliche, lebendige, kleine Zelle sind. Meist ist das Leben anstrengend, und ich habe durchaus erlebt, dass ich meiner Tochter Dinge zumute. Aber dieses Abenteuerliche und Bewegliche hat auch etwas Faszinierendes. Das Bemühen, es für das Kind gut zu machen, ist energievoll und kreativ.

          Noëmi: Meine Mutter hat mir nie vermittelt, dass ich vor irgendwas Angst haben muss. Ich hatte immer Sicherheit. Darum geht es.

          B. Conrad: Das hast du superschön gesagt.

          (Die Tochter streckt ihrer Mutter die Zunge raus und legt dann den Kopf an ihre Schulter, beide lachen.)

          Hat es Vorteile, sein Kind allein zu erziehen?

          B. Conrad: Es hat eine sehr schöne Seite. Man hat wie einen Raum zur Verfügung, den man komplett selbst gestalten kann. Eine bestimmte Form von Zwist, die es zwischen Ehepaaren geben kann, fällt weg. Ich habe die Verpflichtung, diesen guten Raum zu schaffen, aber ich habe auch die Freiheit, das zu tun.

          Noëmi: Was ich bei Freunden mitkriege, ist dieses: Frag Mama. Frag Papa.

          B. Conrad: Allein zu sein schafft Klarheit.

          Aber zurückstecken muss man schon?

          B. Conrad: Massiv. Und man darf das viermal größere Armutsrisiko nicht vergessen. Da gibt es nichts schönzureden. Auch ich hatte früher mehr Geld zur Verfügung. Eine Frau aus meinem Buch konnte jahrelang keinen Job annehmen, weil sie immer auf Operationstermine für ihren schwerhörigen Sohn warten musste. In solchen Fällen ist der Staat einfach nicht vorhanden. Hartz IV, Aufstockjobs – und später findet die Mutter nicht zurück in ihren Beruf. Da müsste eine andere Stabilität her, eine Art Grundsicherung für das Kind. Was die Familienpolitik angeht, habe ich einiges zu kritisieren.

          Also doch defizitär?

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