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Alina Levshin Sie kann auch anders

Die Schauspielerin Alina Levshin, geboren in Odessa und seit 21 Jahren Berlinerin, entflieht dem Rollenbild der Russin vom Dienst: In „Kriegerin“ verstört sie als ostdeutsches Nazi-Mädchen.

© Jens Gyarmaty Privat wie beruflich gibt es viel Neues: Alina Levshin im Dezember. Damals war sie hochschwanger, inzwischen ist sie Mutter einer Tochter geworden.

Jelena. Irina. Und wieder Jelena. Das sind die Namen einiger Figuren, die Alina Levshin in ihrer noch jungen Karriere gespielt hat. Irina, so hieß sie in dem „Rosa Roth“-Krimi „Das Mädchen aus Sumy“, sie spielte eine ukrainische Prostituierte. In der „Ein Fall für zwei“-Episode „Leichen im Keller“ war sie Jelena, die russische Ehefrau eines Geschäftsmanns. In Dominik Grafs Fernsehserie „Im Angesicht des Verbrechens“ war sie wieder eine Jelena, wieder eine Ukrainerin und wieder eine Frau aus dem Rotlichtmilieu: eine junge Provinzschönheit, die in Berlin ihr Glück sucht und dort zur Prostitution gezwungen wird.

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Alina Levshin als Jelena, die das Werbeplakat wie auch das DVD-Cover der Serie ziert, war nicht nur Blickfang, sondern auch das Herz des Grafschen Russenmafia-Epos; der gefallene Engel, um dessen Erlösung man bis zur letzten Minute bangte. Gleich zum Auftakt ließ der Regisseur sie nackt durch einen Waldsee schwimmen, in dessen Wasser sie, wie von der Großmutter geweissagt, das Antlitz jenes Mannes zu erblicken hoffte, der für sie bestimmt sei. Ein Naturkind, zart und zerbrechlich, viel zu rein und zu gut für die Welt. Ganz besonders für jene Berliner Unterwelt, die „Im Angesicht des Verbrechens“ durchleuchtete.

Radikaler Bruch mit dem Russen-Stereotyp

In ihrem neuen Film heißt Alina Levshin Marisa. Diese Marisa ist eine Deutsche, und das ist unübersehbar. Auf ihrem Brustbein prangt ein Hakenkreuz, auf ihrem T-Shirt steht „Nazibraut“, der Schädel ist rasiert bis auf einzelne Fransen, die ihr in die Stirn hängen, in den Nacken und an den Seiten. Auch Marisa ist eine Gefallene, der aber alles Engelhafte abgeht. Dieses Mädchen will man nicht retten, eher vor ihr gerettet werden. Tätowierungen und Nazi-Kluft trägt sie wie eine Rüstung, ihr bohrender Blick ist einschüchternd wie ihre Stahlkappenschuhe, und ihre zarte Statur hindert sie nicht an brutalen Gewaltausbrüchen. „Kriegerin“ heißt der Film von David Wnendt, dessen Titelfigur in steter Bereitschaft ist, ihr Vaterland gegen die Feinde, die ihre krude Phantasie bevölkern, zu verteidigen. Radikaler hätte Alina Levshin mit dem drohenden Rollenstereotyp der Russin vom Dienst nicht brechen können.

Kriegerin © ddp images/Ascot Elite Vergrößern Eine Gefallene, der alles Engelhafte abgeht: Levshin in „Kriegerin“.

Sie habe ihre früheren Rollen gern gespielt, sagt Levshin. „Ich bin aber auch sehr glücklich über die Möglichkeit gewesen, zu zeigen, dass ich Deutsch auch ohne Akzent sprechen kann.“ Dieser Beweis hätte sich freilich auch mit einem weniger drastischen Schritt erbringen lassen als mit der Rolle der Marisa. „Man sucht als Schauspieler natürlich immer gerade nach solchen Rollen, die weiter weg sind von einem. Wo man zeigen kann: Okay, ich habe so etwas jetzt vielleicht drei-, viermal gemacht, aber – ich kann auch anders“, sagt Levshin.

Leise, überlegt, zurückhaltend

Die junge Frau, die an diesem Dezembertag in einem Berliner Hotel zum Gespräch empfängt, würde man allenfalls für eine weit entfernte Verwandte ihrer „Kriegerin“ halten, welche sie optisch weit hinter sich gelassen hat; einzige Spuren sind die noch recht kurzen, gescheitelten Haare, die sie nach Ende des Drehs abgeschoren hatte. Sie spricht leise, überlegt, zurückhaltend, und bei aller gebotenen journalistischen Distanz könnte man sich in ihrem ebenmäßigen Gesicht verlieren, das nun, ohne den harten Zug Marisas, geradezu weichgezeichnet wirkt. Alina Levshin ist hochschwanger, wenige Tage später wird ihre erste Tochter geboren werden.

Ziemlich viel los also in ihrem Leben, in dem das private Glück mit dem beruflichen Erfolg zusammenfällt. Als „buchstäblich atemberaubend“ pries Levshins Auftritt in „Kriegerin“ die Jury, die ihr den Förderpreis Deutscher Film verlieh, beim Filmfest São Paulo wurde sie zur besten Darstellerin gekürt. Das war zu einem Zeitpunkt, als niemand ahnte, wie akut das Thema Neonazismus in Deutschland tatsächlich sein sollte. Möglich, dass „Kriegerin“ nach Aufdeckung der Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ mehr Zuschauer ins Kino zieht, möglich aber auch, dass man dem Film vorwirft, er sei von der Wirklichkeit überholt worden. Wnendts Neonazis sind eben keine Terrorzelle, sondern ein unorganisierter Haufen in einem nicht näher definierten Kaff im Osten (gedreht wurde bei Bitterfeld und auf Rügen), und während die Zwickauer Mörder ein modernes Waffenarsenal zur Verfügung hatten, kauft Marisas Freund in „Kriegerin“ lediglich einem Altnazi eine Pistole ab.

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