14.01.2012 · Die Schauspielerin Alina Levshin, geboren in Odessa und seit 21 Jahren Berlinerin, entflieht dem Rollenbild der Russin vom Dienst: In „Kriegerin“ verstört sie als ostdeutsches Nazi-Mädchen.
Von Jörg ThomannJelena. Irina. Und wieder Jelena. Das sind die Namen einiger Figuren, die Alina Levshin in ihrer noch jungen Karriere gespielt hat. Irina, so hieß sie in dem „Rosa Roth“-Krimi „Das Mädchen aus Sumy“, sie spielte eine ukrainische Prostituierte. In der „Ein Fall für zwei“-Episode „Leichen im Keller“ war sie Jelena, die russische Ehefrau eines Geschäftsmanns. In Dominik Grafs Fernsehserie „Im Angesicht des Verbrechens“ war sie wieder eine Jelena, wieder eine Ukrainerin und wieder eine Frau aus dem Rotlichtmilieu: eine junge Provinzschönheit, die in Berlin ihr Glück sucht und dort zur Prostitution gezwungen wird.
Alina Levshin als Jelena, die das Werbeplakat wie auch das DVD-Cover der Serie ziert, war nicht nur Blickfang, sondern auch das Herz des Grafschen Russenmafia-Epos; der gefallene Engel, um dessen Erlösung man bis zur letzten Minute bangte. Gleich zum Auftakt ließ der Regisseur sie nackt durch einen Waldsee schwimmen, in dessen Wasser sie, wie von der Großmutter geweissagt, das Antlitz jenes Mannes zu erblicken hoffte, der für sie bestimmt sei. Ein Naturkind, zart und zerbrechlich, viel zu rein und zu gut für die Welt. Ganz besonders für jene Berliner Unterwelt, die „Im Angesicht des Verbrechens“ durchleuchtete.
In ihrem neuen Film heißt Alina Levshin Marisa. Diese Marisa ist eine Deutsche, und das ist unübersehbar. Auf ihrem Brustbein prangt ein Hakenkreuz, auf ihrem T-Shirt steht „Nazibraut“, der Schädel ist rasiert bis auf einzelne Fransen, die ihr in die Stirn hängen, in den Nacken und an den Seiten. Auch Marisa ist eine Gefallene, der aber alles Engelhafte abgeht. Dieses Mädchen will man nicht retten, eher vor ihr gerettet werden. Tätowierungen und Nazi-Kluft trägt sie wie eine Rüstung, ihr bohrender Blick ist einschüchternd wie ihre Stahlkappenschuhe, und ihre zarte Statur hindert sie nicht an brutalen Gewaltausbrüchen. „Kriegerin“ heißt der Film von David Wnendt, dessen Titelfigur in steter Bereitschaft ist, ihr Vaterland gegen die Feinde, die ihre krude Phantasie bevölkern, zu verteidigen. Radikaler hätte Alina Levshin mit dem drohenden Rollenstereotyp der Russin vom Dienst nicht brechen können.
Sie habe ihre früheren Rollen gern gespielt, sagt Levshin. „Ich bin aber auch sehr glücklich über die Möglichkeit gewesen, zu zeigen, dass ich Deutsch auch ohne Akzent sprechen kann.“ Dieser Beweis hätte sich freilich auch mit einem weniger drastischen Schritt erbringen lassen als mit der Rolle der Marisa. „Man sucht als Schauspieler natürlich immer gerade nach solchen Rollen, die weiter weg sind von einem. Wo man zeigen kann: Okay, ich habe so etwas jetzt vielleicht drei-, viermal gemacht, aber – ich kann auch anders“, sagt Levshin.
Die junge Frau, die an diesem Dezembertag in einem Berliner Hotel zum Gespräch empfängt, würde man allenfalls für eine weit entfernte Verwandte ihrer „Kriegerin“ halten, welche sie optisch weit hinter sich gelassen hat; einzige Spuren sind die noch recht kurzen, gescheitelten Haare, die sie nach Ende des Drehs abgeschoren hatte. Sie spricht leise, überlegt, zurückhaltend, und bei aller gebotenen journalistischen Distanz könnte man sich in ihrem ebenmäßigen Gesicht verlieren, das nun, ohne den harten Zug Marisas, geradezu weichgezeichnet wirkt. Alina Levshin ist hochschwanger, wenige Tage später wird ihre erste Tochter geboren werden.
Ziemlich viel los also in ihrem Leben, in dem das private Glück mit dem beruflichen Erfolg zusammenfällt. Als „buchstäblich atemberaubend“ pries Levshins Auftritt in „Kriegerin“ die Jury, die ihr den Förderpreis Deutscher Film verlieh, beim Filmfest São Paulo wurde sie zur besten Darstellerin gekürt. Das war zu einem Zeitpunkt, als niemand ahnte, wie akut das Thema Neonazismus in Deutschland tatsächlich sein sollte. Möglich, dass „Kriegerin“ nach Aufdeckung der Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ mehr Zuschauer ins Kino zieht, möglich aber auch, dass man dem Film vorwirft, er sei von der Wirklichkeit überholt worden. Wnendts Neonazis sind eben keine Terrorzelle, sondern ein unorganisierter Haufen in einem nicht näher definierten Kaff im Osten (gedreht wurde bei Bitterfeld und auf Rügen), und während die Zwickauer Mörder ein modernes Waffenarsenal zur Verfügung hatten, kauft Marisas Freund in „Kriegerin“ lediglich einem Altnazi eine Pistole ab.
Es sei, sagt Levshin, „schon ein bisschen unangenehm“, dass „Kriegerin“ durch die Mordserie womöglich mehr Beachtung findet; andererseits ist sie „eigentlich ganz froh darüber, dass der Film jetzt in den Medien eine größere Präsenz bekommt, dass er in Schulen gezeigt und darüber diskutiert wird“.
Intensiv recherchiert hatte nicht nur Regisseur und Autor Wnendt, der zahlreiche Frauen aus der rechten Szene interviewt hatte; auch seine Hauptdarstellerin tat einiges, um ein Gefühl für die Rolle zu bekommen. Einen Tag lang setzte sie sich wie Marisa an die Kasse des örtlichen Supermarkts: „Da passiert nicht wirklich viel, und trotzdem muss man die Stunden irgendwie rumbringen. Das ist schon sehr trist und ein bisschen deprimierend.“ Und sie ging, mit Kleidung, Tattoos, Frisur und Make-up auf Marisa gestylt, unters Volk, um festzustellen, dass man ihr in dieser Montur mit mehr Respekt begegnete: „Selbst Leute aus unserem Team haben gesagt: Du wirkst aber ziemlich stark, mit dir würde ich mich jetzt nicht anlegen.“
Marisa, analysiert Levshin ihre Figur, „trägt viele Schmerzen aus der Vergangenheit mit sich herum, die sie nicht bewältigt hat. Sie wandelt das um in Aggressivität, sie handelt im Affekt. Sie läuft auch ein bisschen abgehackt. Ich habe versucht, das auch in der Körperlichkeit darzustellen.“ Diesem Thema hat Levshin ihre Diplomarbeit an der Hochschule für Film und Fernsehen gewidmet: Wie entwickelt man als Schauspieler ein Gefühl zum eigenen Körper, wie findet man zur optimalen Haltung? Zu Beginn ihres Studiums, erzählt sie, habe sie sich häufiger gefragt, warum sie bestimmte Dinge nicht spielen konnte – bis sie herausfand, „dass ich in einer gewissen Region verspannt war“.
Diese Verspannung hatte sie längst überwunden, als sie – noch als Studentin – von Dominik Graf engagiert wurde. Dabei hieß es an der Uni stets: Drehen könnt ihr hinterher. „Ich hätte nie gedacht“, sagt Levshin, „dass ich mal diejenige sein würde, die eine Ausnahme bekommt.“ Bei den Probeaufnahmen, erinnert sich Graf, hätten ihn Alina Levshins Ausstrahlung und „sensible Kraft“ beeindruckt: „Sie ist unglaublich hellhörig, feinfühlig, sie nimmt alles auf, die Rolle, die Gespräche dazu, die Arbeitssituationen selbst, und sie wendet sie wieder in Schauspielerei um. Und sie hat ein Gesicht, in dem sich die kleinste Emotion spiegeln kann.“ Also durfte sich die Schauspielelevin Levshin neben gestandenen Kollegen einreihen in den Reigen, den Graf in und um das Berliner Restaurant „Odessa“ toben ließ.
In Odessa, der ukrainischen Stadt am Schwarzen Meer, wurde Alina Levshin geboren, in der Familie wurde Russisch gesprochen. Sie war sechs, als ihre Eltern mit ihr nach Berlin zogen, in ein fremdes Land mit fremder Sprache. Kinder gewöhnten sich schneller an eine neue Umgebung, für sie sei es ein Abenteuer, sagt Levshin. „Am Anfang der 1. Klasse war ich nicht so kommunikativ. Meine Mutter war etwas traurig: Sie dachte, ich würde keinen Anschluss finden. Aber für mich war das in Ordnung. Schon in der 2. Klasse konnte ich die Sprache.“ Bei der Integration half das Kinderensemble des Friedrichstadtpalastes, in dem Alina neun Jahre lang spielte und tanzte: „Da hat es im Grunde bei mir angefangen.“
Ein Großteil ihrer Familie lebt noch in Odessa, die Großeltern, die Großeltern ihrer Cousinen, die sie ebenfalls Oma und Opa nennt: „Bei uns hat man viele Omas und Opas.“ Erst nachdem sie die Hauptrolle in „Kriegerin“ angenommen hatte, fand sie heraus, dass einige Familienmitglieder in Konzentrations- oder Arbeitslagern gewesen waren: „Das war ein ganz merkwürdiges Gefühl: Mein Großopa war in Österreich im KZ, und ich spiele jetzt so eine Frau, die dieses rechte Gedankengut auslebt. Das war natürlich schon befremdlich.“ Den Großeltern habe sich erst nicht erschlossen, warum die Deutschen einen solchen Film machten. Heute hätten sie Verständnis dafür.
Seit 21 Jahren ist Alina Levshin nun Berlinerin und kennt, wie sie sagt, „beide Seiten: Ich weiß, wie es ist, ein Ausländer zu sein, aber auch, wie es ist, wenn man schon lange hier lebt und vielleicht sein Revier verteidigen möchte. Es ist zum Vorteil, wenn man mal den Ort wechselt und erlebt, wie es ist, der von außen zu sein.“ Sie fühlt sich wohl in Deutschland, verspürt aber immer noch „eine große Sehnsucht“ nach der Ukraine; einmal im Jahr, meistens im Sommer, fährt sie dorthin. „Berlin ist meine Heimat, aber das ist auch Odessa“, sagt sie. „Da muss ich wieder hin, sonst werde ich irgendwie nervös.“
Alina Levshin wurde am 10. September 1984 in Odessa geboren, der ukrainischen Großstadt am Schwarzen Meer. Als sie sechs war, zogen ihre Eltern mit ihr nach Berlin, wo sie bis heute lebt. Als Kind tanzte und spielte sie neun Jahre lang im Kinderensemble des Friedrichstadtpalastes. Noch während des Schauspielstudiums an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam wurde sie für eine Hauptrolle in Dominik Grafs hochgelobter ARD-Serie "Im Angesicht des Verbrechens" engagiert und war dort als ukrainische Zwangsprostituierte zu sehen. In David Wnendts Film "Kriegerin" über eine junge Rechtsradikale im Osten Deutschlands, der am Donnerstag in den Kinos anläuft, spielt sie die Titelrolle. Für ihre Darstellung erhielt Levshin den Förderpreis Deutscher Film und wurde als beste Schauspielerin beim Internationalen Filmfest São Paulo ausgezeichnet. Levshin, die seit Dezember Mutter einer Tochter ist, lebt mit Mann und Kind in Berlin-Kreuzberg. "In ihrem Gesicht kann sich die kleinste Emotion spiegeln", lobt Dominik Graf.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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