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Alexander Marcus Der König der Fremdschämer

14.07.2008 ·  Singen kann er nicht, seltsam ausschauen tut er auch: Alexander Marcus hat trotzdem seine Nische gefunden. Er nennt sich selbst den „King of Electrolore“ und hat eine neue Etappe in der Musikgeschichte angebrochen: „Schlager 2.0“.

Von Marie Katharina Wagner
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Schlager und Unschuld gehörten früher zusammen wie Peter Maffay und seine Warze. Alles an dieser Musik war unschuldig, oder es wirkte zumindest so: die Texte, die von Sonnenuntergängen, wunderbaren Gefühlen und Herzschmerz erzählten; die Melodien, die einem nie wieder aus dem Kopf gingen; vor allem aber die Sänger und Sängerinnen. Sie nahmen einen für kurze Momente mit in ein Paradies, in dem anstatt der Sünde der Kitsch regierte.

Dann kam Dieter Thomas Kuhn, die föhnlockige Parodie all der sonnengebräunten Schmalzhanseln. Er spielte die alten Gassenhauer einen Tick schneller und schaffte es, immer noch ein bisschen kitschiger zu sein als seine Vorbilder. Aber „Dieter Thomas“ liebte die Hits, die er nachsang. Das merkte jeder, der ihn auf einem Konzert sein tränentriefendes „Ti amo“ singen hörte.

Video zu dem Song „Papaya” von Alexander Marcus

Wie Michael Jackson auf Valium

Jetzt ist wieder jemand aufgetaucht, aus den Untiefen des Internets, der die Sehnsucht nach einfachen Emotionen offenbar verstanden hat. Und er ist dabei, dem Schlager seine Unschuld zu nehmen. Alexander Marcus wird von seinen angewidert-faszinierten Kritikern gerne in einem Atemzug mit Kuhn oder Guildo Horn genannt. Mit ihm sei eine neue Etappe in der Musikgeschichte angebrochen: „Schlager 2.0“ nennen sie das.

Zunächst war Marcus nur ein „Internetphänomen“. Über eine Million Menschen sahen auf YouTube sein Video zu dem Song „Papaya“, mit dem er seine Kreation aus Elektro-Beats und Schlagertexten, „Electrolore“ genannt, der Öffentlichkeit präsentierte. In diesem Video offenbart sich das ganze Geheimnis der Kunstfigur Alexander Marcus: sein grenzenloser Mut zur Hässlichkeit. Ein blasser, leicht dämlich grinsender junger Mann mit angedeutetem Oberlippenbärtchen schwimmt bei grauem Himmel in einem Waldsee und singt zu wummernden Bässen von „dem Land, in dem die Liebe regiert - komm mit mir nach Papaya, Papaya, Coconut Banana“. Aus dem Wasser entstiegen, zeigt er sein Markenzeichen - eine hautenge pinkfarbene Hose, über die ein paar Speckröllchen quellen. Nach einem Schnitt sieht man Marcus auf der Matratze eines Altbauzimmers aus einem Drogentraum erwachen; hysterisch lachend beginnt er den „Robot Dance“: Er sieht aus wie Michael Jackson auf Valium.

Schlagermusik mit Sexspielzeug und Fixerbesteck

Bei Alexander Marcus funktioniert die Reise ins Paradies nur als Drogentrip. Das zumindest muss er seinen Fans weismachen, denn bloßer Kitsch ist heute so wenig cool wie in den Neunzigern. Aber während das Brusthaar-Toupé Dieter Thomas Kuhns als ironische Distanz zum Schlager ausreichte, muss dieser Bruch heute härter sein. Deshalb sieht man im Video zu „Papaya“ Sexspielzeug und Fixerbesteck. Und weil Marcus offenbar trotzdem noch Angst hat, nicht genug „Freak“ zu sein, schirmt er seine künstliche Identität ab von seinen Fans, lässt, wenn er auf Konzerten um ein Foto gebeten wird, seine Manager für sich sprechen und den Fotowunsch ablehnen - er selbst steht schweigend und grinsend daneben. Interviews gibt er selten, Fragen nach der Biographie sind verboten.

Video zu dem Song „Ciao Ciao Bella” von Alexander Marcus

In Köln brach er am Wochenende einen Auftritt ab, weil ein paar männliche Groupies in Alexander-Marcus-Outfit - pinke Hose, weiße Slipper und Sonnenbrille - die Bühne gestürmt hatten und mitfeiern wollten. Marcus zeigte ihnen einen Vogel. Alexander Marcus will das von ihm oder anderen geschaffene Kunstprodukt wohl kontrollieren, so gut es geht. Er muss auch wissen, dass ein YouTube-Hype sehr schnell vorüber sein kann, wenn sein Image als mysteriöser und irgendwie rebellischer Irrer sich zurückverwandelt in das eines erfolglosen Berliner Housemusik-Produzenten, der er früher einmal war.

„Geil, weil es so bescheuert ist“

Von YouTube hat es Alexander Marcus inzwischen immerhin auf ein paar renommierte Festivals geschafft. Im Publikum des „King of Electrolore“ findet man nicht nur Großraumdisko-Prekariat; auch Studenten sind darunter. Sie finden es „geil, weil es so bescheuert ist“, sie hören seine Musik „zum Saufen“, sie kennen seine Texte, sie tragen ihm zu Ehren rosa Accessoires. Es ist ihnen egal, ob er sie „verarscht“ mit dem, was er tut.

Es interessiert sie nicht, wer hinter der schmierigen Fassade steckt und dass die inszenierte Biographie reichlich dubios klingt: Er sei bei seiner Oma in den Bergen und mit der dort dudelnden Volksmusik aufgewachsen, dann habe er in Amerika als Tennislehrer gearbeitet, und in der Mischung aus Techno und Schlager habe er endlich „die Musik gefunden, die ich einfach hundertprozentig toll finde“. Es ist ihnen wohl egal, dass da ein unbegabter Künstler geschickt Profit aus seiner nihilistischen Haltung schlägt: Ihm ist nichts peinlich, weil ihm nichts heilig ist. Allein das hat ihm zur Nische in der Entertainmentkultur des Netzes verholfen, die er nun breit grinsend besetzt.

Der Dieter Thomas Kuhn der heutigen Jugend?

Wenn Alexander Marcus tatsächlich der Dieter Thomas Kuhn der heutigen Jugend ist, dann muss sie einem leidtun. Die Konzerte von Kuhn waren wie Balsam für gestresste Teenager-Seelen; man warf ihm Trockenblumen auf die Bühne und tanzte dazu schwitzend im Polyester-Kostüm. Alexander Marcus' Fans dagegen scheint ihre Begeisterung selbst peinlich zu sein: Vom „Fremdschämen“ ist in vielen Kommentaren die Rede.

Video zu dem Song „1, 2 ,3” von Alexander Marcus

In einem Interview seines Plattenlabels spricht er ohne das ständige Grinsen mit angestrengtem Ernst über seine Kunst. Am Schluss appelliert er an seine Fans: „Ich danke euch für alles, und ich liebe euch von ganzem Herzen.“ Ob sie ihm das glauben können? Den Fans ist auch das egal. Vielleicht lassen sie sich von Unschuld und einfachen Gefühlen nichts mehr erzählen. Vielleicht bewundern sie an Alexander Marcus, dass er sich allen ästhetischen Kriterien verweigert. Ihr Motto fasst User „frenetic“ auf YouTube in die passenden Worte: „Je fieser, desto geiler.“

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Jahrgang 1981, Redakteurin in der Politik.

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