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Seine Mission: Ein Besuch bei Alexander Gerst

Der ESA-Astronaut Alexander Gerst blickt während seines Fluges mit der Internationalen Raumstation ISS durch ein Fenster in der Kuppel auf die Erde, im Juni 2014. Foto: NASA, DPA

Seine Mission

Von FRIEDRICH SCHMIDT
Der ESA-Astronaut Alexander Gerst blickt während seines Fluges mit der Internationalen Raumstation ISS durch ein Fenster in der Kuppel auf die Erde, im Juni 2014. Foto: NASA, DPA

16.03.2018 · Alexander Gerst wird der erste deutsche Kommandant auf der Raumstation. Den Einsatz übt er im Sternenstädtchen bei Moskau. Ein Besuch vor dem Start in den Himmel.

E twas klein ist das Fahrrad, auf dem sich Alexander Gerst durch das verschneite Sternenstädtchen bewegt. Dünn wirkt die Jacke, die der deutsche Astronaut über dem blauen Overall trägt. Ein Mützchen nur schützt seinen kahlen Kopf. Aber Gerst hat die Antarktis bereist und das Astronauten-Überlebenstraining bei minus 30 Grad ohne Zelt im Schlafsack absolviert. Dagegen ist dieser westrussische Wintertag gar nichts.

Wieder einmal ist das Sternenstädtchen (Russisch: Swjosdnyj Gorodok) seine Kurzzeit-Heimat. Hier, 25 Kilometer nordöstlich von Moskau, trainiert er für seine zweite Mission auf der Internationalen Weltraumstation (ISS), deren Kommandant er bald für drei Monate werden soll, als zweiter Westeuropäer und erster Deutscher.Im Sternenstädtchen hat er schon für die Mission geübt, die ihn von Mai bis November 2014 auf die ISS führte– und zum Star der Sterne machte, besonders wegen seiner mit Fotos angereicherten Berichte aus dem All. Auf Twitter hat „Astro_Alex“ schon rund eine Million Abonnenten.

Der Urvater aller Kosmonauten, Juri Gagarin. Im Hintergrund ist der Start des Wostok-Raumschiffs zu erkennen, mit dem er 1961 als erster Mensch um die Erde flog. Illustration: R. Strelnikov

Im Sternenstädtchen nennt ihn einer der Ausbilder, mit denen er fließend Russisch spricht, beim landestypischen Kosenamen: „Sascha“. Die Siedlung für Raumfahrtangestellte und ihre Familien ist für Kosmo- und Astronauten und ihre Freunde in aller Welt legendär. Abgeschirmt von der Außenwelt, birgt sie seit mehr als einem halben Jahrhundert ein Ausbildungszentrum für Raumfahrer. Es ist nach Juri Gagarin benannt, dem sowjetischen Piloten, der 1961 als erster Mensch ins All flog und sieben Jahre später beim Absturz seines Kampfflugzeugs umkam. Name und Konterfei des lächelnden Staats-und Volkshelden sind im Sternenstädtchen noch präsenter als sonst in Russland. Eine Aufwartung an seinem Denkmal gehört zu den Einschwörungsritualen der Nachfolger. Die überlebensgroße Statue zeigt Gagarin mit einem Blümchen in der Hand hinter dem Rücken, als Hommage an seine Frau Walentina. Gagarins 82 Jahre alte Witwe lebt noch immer hier; Interviews gibt sie leider nicht.

Die Bewohner des Sternenstädtchens können in zwei Supermärkten einkaufen, eine Poliklinik nutzen und etliche Sporteinrichtungen aufsuchen. Eine Schule auf dem Gelände dürfen auch autorisierte auswärtige Kinder besuchen. Das Kosmonauten-Ausbildungszentrum Juri Gagarin wurde 2009 vom russischen Militär der zivilen Raumfahrtbehörde Roskosmos übergeben. Mit der Folge, dass nicht mehr Soldaten, sondern Polizisten und private Wachleute die Schranke am Eingang kontrollieren. Es geht nicht mehr ganz so strikt wie früher zu. Außer den Bewohnern und anderen Leuten, die mit Passierschein ausgestattet sind, wird der Einlass angemeldeten Besuchern gewährt, unter ihnen viele Schulklassen.

Auf dem Weg zum Training. Die Amerikanerin Serena Auñón-Chancellor, der Russe Sergej Prokopjew un der Deutsche Alexander Gerst werden im Juni zur Raumstation starten. Foto: dpa
Lange war das hier alles geheim, nun öffnet man sich langsam: Im Übungszentrum denkt man sich besonders fiese Zwischenfälle für die trainierenden Astronauten aus. Foto: Friedrich Schmidt

Eine weitere Folge der Übergabe an Roskosmos: Das Sternenstädtchen schrumpft, Militärs zogen fort, Weltraumveteranen sterben. Waren hier vor zehn Jahren noch rund 7000 Bewohner gemeldet, sind es jetzt noch gut 5500. Etwas leer wirkt es. Außer dem deutschen Astronauten sieht man hier keine Radfahrer. Gedenktafeln zwischen Tannen, Sowjetwohnblocks und gelbliche Klinkerbauten versetzen den Besucher zurück in die große Zeit der Raumfahrt. In einer Halle ist die Dublette der Raumstation Mir zu bestaunen, mit dem Schriftzug der Sowjetunion rot auf weiß; ihre Schwester umkreiste von 1986 an die Erde und wurde 2001 zum Absturz gebracht.

In einer anderen Halle, die mit beigefarbenen Linoleumplatten ausgelegt ist, steht die Dublette des russischen Segments der ISS, die seit Beginn des Jahrtausends Menschen beherbergt und in einer durchschnittlichen Orbitalhöhe von 400 Kilometern um die Erde rast, eine Umrundung alle eineinhalb Stunden. Die Module sind über Treppen zu erreichen und drinnen mit Teppich ausgelegt. Das gibt der Menschheitsleistung eine museale Aura muffiger Gemütlichkeit.

Von vergangener Zukunft zeugt neben der ISS-Dublette der vordere Teil einer Buran-Raumfähre, der sowjetischen Antwort auf das amerikanische Space Shuttle. Eine Fähre dieses Typs umkreiste 1988 unbemannt zweimal die Erde, ehe sie automatisch wieder auf einer eigens errichteten Bahn am Raumfahrtbahnhof Baikonur in der kasachischen Steppe landete. Relikte des fünf Jahre später eingestellten Buran-Programms sind zwei lange Ausweichpisten, eine nahe Wladiwostok im Fernen Osten, die andere am Flughafen von Simferopol auf der Krim, den daher auch Großflugzeuge wie die Boeing 747 ansteuern können – wie nach der Annexion der ukrainischen Halbinsel durch Russland solche der Fluglinie Transaero, die insolvenzbedingt nun selbst Geschichte ist. Die Geschichte der Raumfahrt ist uferlos wie das All.

Foto: DPA
Im Trainingszentrum, das nach Gagarin benannt ist, nimmt Alexander Gerst noch ein paar Handgriffe vor, bevor er seinen Raumanzug anzieht und zum Üben in die Kapsel steigt. Foto: DPA

Im Sternenstädtchen zeigt eine Foto-Galerie die Besatzungen internationaler Raumflüge der vergangenen Jahrzehnte. Nur die Frisuren und manche Oberlippenbärte offenbarenden Wandel, die Raumanzüge sind über Mode und Zeit erhaben. Auch ein Foto von Alexander Gerst und seinen Missionskollegen von 2014 hängt hier. Wer in eines der Furnierholzmöbelbüros entlang einer Trainingshalle mit Sojus-Raumschiffen blickt, überrascht eine Angestellte, die ihr hellblondes Haar kunstvoll aufgetürmt hat. Man muss kein Sowjetnostalgiker sein, um ins Schwärmen zu geraten.

Doch der altertümliche Schein trügt. Die Sojus-Raumschiffe im Saal sind der beste Beleg dafür. Sie bilden trotz besonders vieler Gagarin-Porträts keine weitere Gedenkstätte, sondern dienen der Ausbildung künftiger Missionsmitglieder. Raumschiffe der Baureihe gewährleisten zur Zeit sogar die einzige bemannte Verbindung zur ISS: Das Space Shuttle ist Geschichte, und Modelle der privaten amerikanischen Anbieter SpaceX und Boeing sind frühestens 2019 soweit. Wer zur ISS will, muss einen der drei Plätze einer extrem engen Sojus-Kapsel einnehmen, die ihn in sechs Stunden oder zwei Tagen hinaufbringt – erst kurz vor dem Start wird die Flugvariante gewählt.

Astronauten-Ausbildungszentrum Sternenstädtchen bei Moskau Foto: Friedrich Schmidt

A n diesem Morgen beginnen hier zwei Astronauten und ein Kosmonaut ihren Trainingstag: Alexander Gerst, die Amerikanerin Serena Auñón-Chancellor und der Russe Sergej Prokopjew. Sie tragen schwarze Kopfhauben, weiße Sokol-Raumanzüge mit ihrer jeweiligen Landesflagge am linken Arm und elektrische Lüfter zur Kühlung in den Händen. Erst im Raumschiff schließen sie ihre Anzüge an das Kühlungssystem an; drinnen wird es heiß.

Gerst, Auñón-Chancellor und Prokopjew sollen heute üben, das Raumschiff von der ISS abzukoppeln und auf der Erde zu landen. Die Ausbilder im Kontrollraum nebenan werden ihnen insgesamt zwölf Übel auf die Instrumente simulieren, Defekte von Funkgerät und Bordcomputer, Ausfall des Triebwerks und Leck des Treibstofftanks. All das müssen der Pilot in der Mitte der Kapsel und der Kopilot links neben ihm bewältigen.

Der dritte Raumfahrer ganz rechts ist nur Passagier. Diese Statistenrolle fiel 2014 noch Gerst zu, der auf der Sojus MS-09 jetzt Kopilot wird. An Bord wird Russisch gesprochen. Der Transfer mit den russischen Raumschiffen zu und von der ISS wird von Roskosmos kontrolliert. Auf der Sojus führt daher stets ein russischer Teilnehmer, in diesem Fall Prokopjew, das Kommando. Er und Gerst müssen das Schiff manuell steuern können, falls die Automatik ausfällt. Im Notfall müssen sie es mit zwei Joysticks an die sich um sich selbst drehende Raumstation andocken: eine schwierige Angelegenheit. Alle Raumfahrer werden am Ende der Ausbildung benotet, einzeln und als Team, und zur Not heißt es Nachsitzen.

Die Aufnahme zeigt die Internationale Raumstation (ISS) mit dem angedockten europäischen Wissenschaftslabor Columbus (Mitte unten links) in der Erdumlaufbahn. Foto: Nasa, dpa

Das Schiff, an dem die Raumfahrer nun trainieren, ist unvollständig. Es besteht nur aus zwei Kapseln: dem Landemodul, in dem die Raumfahrer sitzen, und dem vor allem für Fracht bestimmten Orbitalmodul darüber. Der untere Teil, das Servicemodul mit Antriebssystem und Treibstoff, fehlt: Man ist ja nicht in Baikonur.

Stattdessen führen rostrote Treppenstufen in das Raumschiff. Auf die setzen sich die drei Raumfahrer nun für Gruppenbilder und ein Gespräch mit Journalisten, die das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und die Europäische Raumfahrtorganisation (Esa), Gersts Arbeitgeber, ins Sternenstädtchen gebracht haben. Wohl, weil sie wissen, dass die Berichte Werbung sind für die unter Rechtfertigungsdruck stehende Raumfahrt.

Der deutsche Astronaut Alexander Gerst (rechts außen) und seine Kollegen, der Russe Sergej Prokopjew und die Amerikanerin Serena Auñón-Chancellor im Juri-Gagarin-Kosmonautentrainingszentrum bei Moskau vor einem Simulator einer Sojus-Raumkapsel. Foto: DPA

Die drei Raumfahrer sehen jünger aus als die 41 Jahre (Gerst, Auñón-Chancellor) und 43 Jahre (Prokopjew), die sie alt sind. Noch schöner als sie selbst sind ihre Raumfahrersätze: Früher hätte man sie in Poesiealben geschrieben, jetzt kann man sie twittern, posten, instagrammen und youtuben. Ein Meister darin ist Alexander Gerst, der einzige der drei, der schon auf der Raumstation war. Er schwärmt, nun in bestem Englisch, vom Team aus Freunden, das, zusammengeschweißt im langen Training, im All für die Menschheit wirke, von der internationalen Partnerschaft, zu der jeder seinen Teil beitrage. Als Geophysiker lerne er vom Militärpiloten Prokopjew, bei der Lenkung des Raumschiffs in Sekunden zu entscheiden. Dafür könne er bei wissenschaftlichen Fragen helfen. Und es sei unschätzbar, dass nun auch eine Ärztin dabei sei.

Erst vor kurzem ist bekannt geworden, dass Auñón-Chancellor, die zunächst für die Folgemission trainierte, jetzt schon bei der Mission „Horizons“ dabei sein soll. Die amerikanische Raumfahrtbehörde (Nasa) teilte mit,die ursprünglich vorgesehene Jeanette Epps werde ins Johnson-Raumfahrtzentrum in Houston zurückversetzt und „für künftige Missionen in Betracht gezogen“. Die Gründe für diesen ungewöhnlichen Schritt wurden nicht bekannt. Außerdem soll „Horizons“ nun erst am 6. Juni, gut einen Monat später als zunächst geplant, von Baikonur aus starten. Womöglich, um dem japanischen Astronauten Norishige Kanai, der seit Dezember auf der Raumstation ist, einen längeren Aufenthalt zu ermöglichen, weil Japan bisher im All etwas zu kurz gekommen ist.

Norishige Kanai machte da oben von sich reden, als er auf Twitter behauptete, auf der ISS neun Zentimeter gewachsen zu sein. Er sei besorgt, ob er noch in die passgenauen Sitze der Sojus passe, die ihn zurück zur Erde bringen soll. Üblich ist ein Wachstum der Raumfahrer von zwei Zentimetern, weil sich ihre Wirbelsäule in der Schwerelosigkeit ausdehnt. Als die Nachricht von Kanais vermeintlichem Rekord die Runde gemacht hatte,entschuldigte sich der Japaner für seine „Fehlmessung“ und die „schrecklichen Fake-News“. Es seien doch nur zwei Zentimeter. Auch im All ist Twitter nicht nur Segen.

„Astro_Alex“ hingegen hat die direkte Verbindung zur Erde zu einem Vorbild der Jugend gemacht. Warum, wird klar, als Gerst ein paar Stunden nach der Übung mit seinen Kameraden allein Fragen in der Sojus-Trainingshalle beantwortet. Er verbindet wissenschaftliche Genauigkeit mit Begeisterungsfähigkeit, Mut mit Understatement. Am liebsten würde er über die wissenschaftlichen Seiten von „Horizons“ sprechen, mit Dutzenden Experimenten, die der Weltraumforschung und auf der Erde Nutzen bringen sollen. Er sagt, er wolle „Licht ins Dunkel tragen“ und das nicht nur mit Blick auf „unsere kosmischen Nachbarn“.

Erforschen soll er Granulate, Kristallwachstum, Metalle und das menschliche Immunsystem. Zudem werde sein Gehirn vor und nach dem Flug untersucht, um den Effekt der Schwerelosigkeit zu erforschen. Denn im All falle der Gleichgewichtssinn aus, und das Hirn ignoriere den Bereich zugunsten des Sehzentrums – eine Überbrückung, die nach einem Schlaganfall ähnlich vonstatten gehe. So könne die Forschung womöglich Schlaganfallpatienten helfen, schneller wieder laufen oder reden zu lernen.

Auf der Raumstation bekommt Alexander Gerst einen Roboter namens „Cimon“ zur Seite, der ihm testweise Arbeit abnehmen soll. Die ISS beschreibt er als „Menschmaschine“, die zu 90 Prozent „robotisch“ sei und zu zehn Prozent „human“, wobei ohne die „menschliche Intuition“ etwas fehlen würde. Der Astronaut will überzeugen: „Weltraumfahrt ist nicht etwas, das wir uns leisten, weil es schön ist.“ Sie ergebe auch wirtschaftlich Sinn. Jeder Euro, der in sie investiert werde, komme zweifach zurück, sagt Gerst und beruft sich auf eine Studie von Wirtschaftsprüfern. Experimente, Zahlen und Abwägungen machen noch keinen Star. Wie ist es denn, mit 26 Millionen PS in Baikonur abzuheben? „Absolut großartig!“

A lexander Gerst, der am 3. Mai 1976 im hohenlohischen Künzelsau geboren wurde, 1995 am Technischen Gymnasium in Öhringen das Abitur ablegte und Zivildienst beim Roten Kreuz leistete, interessierte sich zunächst mehr für die Erde als für den Himmel. Als Rucksacktourist bereiste er Neuseeland und war so begeistert von den Vulkanen, dass er Geophysik studierte.

17. August 1982: Alexander Gerst an seinem ersten Schultag UNICEF Deutschland, Gerst

Den Weg, Astronaut zu werden, ließ er sich als Naturwissenschaftler offen. Obwohl er sich kaum Chancen ausrechnete, wählte ihn die Esa 2009 mit fünf weiteren Aspiranten aus 8413 Bewerbern aus. Im Jahr 2010 tat er gleich zwei große biographische Schritte: Mit der Arbeit „The First Second of a Strombolian Volcanic Eruption“ wurde er an der Universität Hamburg promoviert, und nach der Ausbildung im Europäischen Astronautenzentrum (EAC) in Köln wurde er zum Astronauten ernannt.

Seine Rückbesinnung auf den ersten Start ist so unterhaltsam wie vieles, was er erzählt. Er habe sich gefragt: „Ist das jetzt nicht vielleicht eine Nummer zu krass für mich?“ Seine Lektion: „Wir alle können sehr, sehr viel mehr als wir denken.“ Auch Disziplin mag man von ihm lernen. Die Härten in der Ausbildung sind nicht zu unterschätzen. In Houston muss man im Raumanzug sieben Stunden unter Wasser arbeiten. Und die Schaltpläne der Sojus-Raumschiffe seien extrem kompliziert. Das alles zu lernen sei hart, sagt er. „Aber in einer guten Art und Weise.“

Es sei ein Fehler, die Sojus-Raumschiffe mit Science-Fiction-Filmen zu vergleichen und für veraltet zu halten, sagt Gerst. Jedes Raumschiff werde eigens gebaut und habe innen bis zu zehn Neuerungen. Es bleibe aber die analoge Steuerung als Rückversicherung, und die Kapsel richte sich sogar ungesteuert von selbst richtig aus, „überlebensfähig“. „Das ist die beste Technik, die wir haben.“ Auch das scheinbar krude Interieur mit Knöpfen hinter Metallgittern sei besser für den ruppigen Flug geeignet als irgendwelche Touchscreens: „Versuchen Sie mal, ein iPhone auf einer Schotterstraße zu bedienen!“ Es sei „ein Riesenkompliment“, dass ihn die Russen dieses Mal ans Steuer ließen, sagt Gerst, der sich hier als eine Art Nachfahre Gagarins fühlen darf.

Ein Reiz der Raumfahrt besteht darin, Sehnsucht nach Harmonie zu stillen. Anders als auf Erden klappe es im All mit der Zusammenarbeit, heißt es oft, besonders seit der Eintrübung von Russlands Verhältnis zum Westen.

Alexander Gerst im Astronautenanzug Foto: Robert Markowitz

Ganz von irdischen Querelen bleibt aber auch die Raumfahrt nicht verschont. So stellt sich der für Roskosmos zuständige stellvertretende Ministerpräsident Dmitrij Rogosin dem heimischen Publikum stets als raubeiniger „Patriot“ vor. 2014, nach den westlichen Sanktionen im Ukraine-Krieg, schlug er der Nasa vor, doch ein Trampolin zu nutzen, um zur Raumstation zu gelangen. Und vor kurzem erinnerte Rogosin wieder einmal triumphierend daran, dass die Amerikaner russische Raketentriebwerke kaufen.

Solche Äußerungen täuschen darüber hinweg, dass die Einkünfte aus dem Verkauf dem russischen Triebwerkshersteller Energomash gelegen kommen. Das Monopol auf den Transport zur ISS ist auch für Roskosmos einträglich. „Wir haben zusätzliches Geld nie abgelehnt“, sagte Rogosin nur, nachdem der amerikanische Dienst Spacenews.com vor kurzem Zahlen genannt hatte. Demnach berechnen die Russen ihren Partnern für ein Hin- und Rückticket in diesem Jahr 81 Millionen Dollar. Somit würde jeder Astronaut bis zu fünf Prozent zum Roskosmos-Jahresbudget beitragen.

Blick auf die Erde, 2015 Foto: AFP

Über Russland sagt Alexander Gerst, dass er sich einst, während eines Sprachkurses im winterlichen Sankt Petersburg, Sorgen machte, weil die Russen unfreundlich schauten, nicht grüßten oder lächelten. Dann aber habe er sich auf ihre Kultur eingelassen, einschließlich Banja-Besuchen, und viele Freunde gefunden. So habe er die Gastfreundschaft und überhaupt den Wert der Freundschaft im Land erkannt. Wenn man sich auf die Kultur des anderen einlasse, folgert er, „erledigen sich so manche Missverständnisse ganz von selbst“. Auch das sind wohl gute Voraussetzungen für die Rolle als ISS-Kommandant.

Die Esa sei somit, anders als noch vor 20 Jahren, „ein Partner auf Augenhöhe“. Und warum fiel die Wahl wieder auf ihn? „2014 habe ich mich wohl nicht ganz dumm angestellt.“ Es sei aber auch Glück dabei gewesen, meint er: „Europa war mal wieder dran.“

Als Kommandant habe er der Crew zu helfen, Überlastungen zu vermeiden und den Überblick zu behalten, sollte es zu Notfällen kommen wie einem Brand, einem Druckverlust oder einem Ammoniak-Leck. Vom Bord-Alltag berichtet Gerst, man falle einander nie auf die Nerven. Man verabrede sich eher zu Kaffee- und Essenspausen, denn auf der ISS, die insgesamt fast so groß sei wie eine Boeing 747, sehe man die anderen fünf Kollegen sonst womöglich nicht. In der einen freien Stunde am Tag könne man dank der Technik nun mit Freunden und Familie kommunizieren: „Man fühlt sich nicht sehr weit weg.“ Das habe aber nicht nur Vorteile. Denn er setze sich auch gern in eine ruhige Ecke und genieße den Ausblick.

Das Beeindruckendste auf der ISS, sagt Gerst, sei die „konstante Entrücktheit“ von der Erde. „Der Pazifik schaut nicht viel anders aus als der Atlantik.“ Künzelsau, wo seine Eltern leben, sei einer von vier Orten auf der Erde, die sich für ihn wie Heimat anfühlen, neben dem Esa-Zentrum in Köln, dem Sternenstädtchen und dem Space Center in Houston. Vom All aus sei die ganze Erde Heimat. „Hört sich kitschig an, ist aber so. Wenn es da unten aus ist, dann ist es aus, dann gibt’s nichts mehr.“

Quelle: F.A.Z.-Magazin

Veröffentlicht: 16.03.2018 14:59 Uhr