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Gauland in Badehose : Da hört der Spaß echt auf

Alexander Gauland, Vorsitzender der AfD-Bundestagsfraktion, sitzt im Deutschen Bundestag. Bild: dpa

Alexander Gauland wurden beim Baden im See die Kleider geklaut. Darf man da lachen, muss man auch als AfD-Gegner Mitleid haben? Und ist das Bild eines Mannes in Badehosen entwürdigend?

          Das Foto, das hier nicht zu sehen ist, zeigt zwei Menschen von hinten, eine Frau in Polizeiuniform und einen älteren Mann in Badehosen, die nebeneinander durch eine Straße vorbei an dichten, hohen Hecken laufen.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ungewöhnlich wird das Bild zum einen durch die so gegensätzliche Bekleidung der beiden, zum anderen erst durch das Wissen um die näheren Umstände, die, zum Beispiel, eine Überschrift der „Märkischen Allgemeinen“ erhellt: „Unbekannter bestiehlt Gauland beim Baden“. Dem AfD-Chef wurden Hemd und Hose entwendet. Ich gebe es zu: Im ersten Augenblick habe ich schmunzeln müssen.

          Warum? Zum einen, weil ich Alexander Gauland nicht mag. Was nicht in erster Linie mit seiner Person zu tun hat, ich kenne ihn nicht persönlich, sondern mit den politischen Positionen der Partei, die er führt, aber dann doch auch wieder mit ihm ganz direkt, mit seinen zusehends aggressiven, verletzenden, Ressentiments bedienenden Worten.

          Eigentlich ist es immer eine Komödie

          Mit seiner ganz frischen Feststellung etwa, in angeblich 1000 Jahren ruhmreicher deutscher Geschichte seien Hitler und der Nationalsozialismus nur ein „Vogelschiss“ gewesen, ein hässlicher Fleck also, den eine gute Reinigung im Nu wegbekommt. Mein Lächeln entsprang also ganz banaler, spontaner, nicht sehr sympathischer Schadenfreude. Zugleich aber, was es vielleicht etwas akzeptabler macht, auch der diffusen Erinnerung an einige Filme, in denen Badende ihrer Kleidung beraubt wurden.

          Es handelte sich stets um Komödien, und es kann gut sein, dass die – männlichen – Diebstahlsopfer sich im einen oder anderen Fall nicht anders zu helfen wussten, als ihrerseits Kleider zu klauen, die dann aber von Frauen stammten, worauf sie eine Weile im Fummel herumlaufen mussten.

          Dieses Schicksal immerhin ist Alexander Gauland erspart geblieben, er machte sich in Badehose auf den kurzen Heimweg. Die ganze Geschichte ist nachzulesen im Artikel der „Märkischen Allgemeinen“, der anhebt wie eine Novelle: „32 Grad heiß war es, als sich Alexander Gauland am frühen Dienstagabend in der letzten Woche ins Wasser des Heiligen Sees in Potsdam begab, der ganz in der Nähe seiner Potsdamer Wohnung liegt.“

          „Nazis brauchen keinen Badespaß“

          Ein unbekannter Mann habe sich dann der Gaulandschen Kleider bemächtigt und ausgerufen: „Nazis brauchen keinen Badespaß!“. Andere Badegäste riefen die Polizei, doch der Mann suchte das Weite. Weil sich in der Hose auch Gaulands Wohnungsschlüssel befanden, habe der Politiker seine gesamte Schließanlage auswechseln müssen.

          Badespaß für Sozis: Friedrich Ebert (rechts) und Reichswehrminister Gustav Noske (links) im Ostseebad Haffkrug. De Schnappschuss vom Juli 1919 bereitete Ebert große Probleme.

          Das nun ist gewiss nicht mehr sehr lustig. Eine jeglicher AfD-Sympathie unverdächtige Autorin twitterte, eine derartige Aktion sei „armselig und falsch“, selbst gegenüber jemanden, der solch ein problematischer Zeitgenosse – sie benutzte einen gröberen Ausdruck – sei wie Alexander Gauland.

          Und tatsächlich wirkt Gauland auf dem Foto, das wir nicht zeigen, wie ein geschlagener Mann, der spärlich bekleidet und gesenkten Hauptes den Rückzug antritt. Nicht einmal die sonst bei Persönlichkeitsrechten und entblößten Körpern ausgesprochen unbefangene „Bild“-Zeitung mochte ihren Lesern diesen Anblick zumuten. Ulf Poschardt, der Chefredakteur der ebenfalls bei Springer erscheinenden „Welt“, teilte auf Twitter sendungsbewusst mit: „Wir zeigen das entwürdigende Foto von Gauland in Badehosen nicht.“

          Body-Positivity sieht anders aus

          Bei diesem Satz allerdings darf man stutzig werden. Hat man das Diebstahlsopfer Gauland auch seiner Würde beraubt? Seiner Kleider hat sich der AfD-Chef ja freiwillig entledigt, und es gibt auch keinen Grund, warum er dies an einem See nicht tun sollte, abgesehen vielleicht davon, dass die Badestelle namens „Grünes Ei“ gar kein offizieller Zugang zum Heiligen See ist; aber mit Recht und Ordnung nehmen es AfD-Politiker bekanntlich nicht immer ganz genau.

          Das Foto zeigt den unspektakulären Anblick eines älteren Herren, wie sie im Sommer in Scharen an unseren Stränden anzutreffen sind. Selbst Gaulands karierte Badeshorts wirken halbwegs gediegen. Offenbart der distinktionssichere Poschardt in seinem Tweet womöglich Altersrassismus? Wäre ein Kleiderdiebstahl bei jüngeren, athletischeren Parteikollegen wie Poggenburg oder Höcke demnach weniger verwerflich gewesen? Ein Wladimir Putin jedenfalls würde zu strengsten Sanktionen greifen, würde ihn die Presse nicht mehr mit freiem Oberkörper zeigen.

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