Home
http://www.faz.net/-gun-z2ni
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Alek Wek Von Sudan auf den Laufsteg

26.01.2010 ·  Ihrem exotischen Aussehen verdankt das Topmodel Alek Wek ihre Karriere in der Mode. Den Krieg in Sudan hat sie hinter sich gelassen, nun kämpft sie mit dem Zynismus der Modewelt und dem „institutionalisierten Rassismus“ der Branche.

Von Alfons Kaiser
Artikel Bilder (12) Lesermeinungen (0)

Kaum ist sie in Berlin angekommen, hat Alek Wek auch schon Heimweh. Man könnte das als übliche Privatgeschichte verbuchen, die junge Stars gerne erzählen, um menschlicher zu wirken. Aber wenn sich dieses Topmodel (sie verdient den Titel wirklich) unter den Händen von Chef-Make-up-Mann Boris Entrup, unter den Augen der Kameras und im Lärm des Backstage-Betriebs vor der Schau von Anja Gockel auf der Berliner Modewoche an ihre Mutter in London erinnert, dann hat das existentielle Dimensionen - denn nur der Zusammenhalt im Dinka-Volk und ihrer Familie hat es überhaupt ermöglicht, dass sie nun hier sitzt.

Man muss nur ihr Buch „Nomadenkind“ (2007) lesen, das sie selbst bescheiden „Memoiren“ nennt, obwohl es doch die ungeschönte und selbstzweiflerische Autobiographie eines Menschen in großer Not ist. Wek, 1977 in Waw im Süden Sudans geboren, wurde schon als Mädchen Zeugin all der Grausamkeiten, die im Süden des Landes heute noch begangen werden - allein im vergangenen Jahr kamen mehr als 2500 Menschen um, rund 350.000 wurden vertrieben.

Viele weiße Menschen

Damals starb ihr Vater Athian Wek im Alter von 56 Jahren, weil er nach einer Hüfterkrankung in dem vom Krieg zerrissenen Land keine medizinische Hilfe bekam. Unter abenteuerlichen Umständen gelang es der Familie, nach Khartum zu flüchten. Und weil schon eine ihrer Schwestern in London lebte und Kinder zu Verwandten übersiedeln durften, ging die 14 Jahre alte Alek ihrer Mutter und den weiteren Geschwistern voran - und wunderte sich nach der Landung in London, wie viele weiße Menschen es auf der Welt gibt.

Alek Wek, die weiter zur Schule ging und mit Hilfsjobs als Babysitterin, Toilettenfrau und Friseurgehilfin die Familie unterstützte, verdankte dann ausgerechnet ihrem exotischen Aussehen ihre Karriere in der Mode - also letztlich ihrer Flucht aus Sudan. 1995 wurde sie in London entdeckt. Den Zynismus der Modewelt erfuhr sie bei einem Vorstellungstermin für den Fotografen Steven Meisel. Seine Assistenten waren der Meinung, dass Alek, die in Sudan lange gehungert hatte und noch heute die wohl dünnsten und womöglich nach Nadja Auermann längsten Beine der Modelwelt hat, zu dick sei. Aber sie weigerte sich abzunehmen.

„Die Leute in Sudan wollen keinen Krieg mehr.“

Auch den „institutionalisierten Rassismus“ der Branche, wie sie ihn nennt, hat sie zu hassen gelernt. Sie begegnete ihm schon bei einem ihrer ersten Aufträge, den sie nur deshalb nicht abbrach, weil sie die 8000 Dollar gut für die Rückzahlung der Vorschüsse ihrer Agentur brauchen konnte: Für Lavazza-Werbung saß sie auf dem Rand einer riesigen weißen Espressotasse - als Kaffee-Ersatz gewissermaßen. Von den Covern wurde sie lange ferngehalten. 1997 erschien sie auf der amerikanischen „Elle“. Dieser Durchbruch beförderte sie auf die wichtigsten Laufstege und Cover - und brachte ihr über Werbeverträge Millionen an Honoraren und ein schönes Haus in Brooklyn ein. Inzwischen ist sie seltener auf den Laufstegen zu sehen. „Ich werde erwachsener und älter“, sagt sie dazu nur.

Kaum ist das Thema der ersten freien Wahlen in Sudan seit 24 Jahren angeschnitten, die im April anstehen, will sie ohnehin nicht mehr übers Model-Dasein reden. Sie sei glücklich, dass sie dank ihrer Prominenz von der BBC befragt und in der Öffentlichkeit gehört werde. „Ich nutze meinen Status gern für diese Zwecke. Die Leute müssen wählen“, ruft sie aus, und Boris Entrup muss mal wieder mit dem Schminken innehalten. „Die Leute in Sudan wollen keinen Krieg mehr.“ Schon ihre Eltern hätten darunter gelitten. Nun müsse endlich damit Schluss sein. Dann geht's auf den Laufsteg.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel