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Afghanischer Surfer vor der WM : „Plötzlich geht es nicht mehr um Burka, Krieg oder Radikale“

Tausendsassa Afridun Amu am Meer: „Wenn Menschen einen langhaarigen, afghanischen Surfer treffen, geht es plötzlich nicht mehr um Burka, Krieg oder radikalen Islam.“ Bild: Privat

Afridun Amu kam als politischer Flüchtling nach Deutschland. Er ging in Sportvereine, lernte Deutsch, studierte Jura und Design Thinking. Jetzt tritt er als erster Afghane bei der Surf-Weltmeisterschaft an. Ein Interview.

          Herr Amu, Sie sind Deutsch-Afghane und starten nächste Woche in Frankreich als erster Afghane überhaupt bei den Weltmeisterschaften der Wellenreiter. Wie stehen Ihre Chancen?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Meine Chancen? (lacht) Die sind ziemlich schlecht. Dazu muss man meine Lebensgeschichte kennen: Ich bin 1987 in Kabul geboren worden, 1992 sind wir als politische Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Mit dem Wellenreiten habe ich auf einer Frankreich-Reise nach dem Abitur angefangen, das war erst vor zehn Jahren, mit 19. Seitdem versuche ich, so oft wie möglich ans Meer zu kommen. Aber den Großteil des Jahres bin ich in Deutschland. Und jetzt trete ich gegen Surfer an, die mit vier Jahren angefangen haben, die am Meer leben, die gesponsert sind. Es ist also keine besonders gewagte Prognose, wenn ich sage: Ich werde früh rausfliegen.

          Hat Ihnen der Sport bei der Integration in Deutschland geholfen?

          Definitiv, ich habe als kleines Kind extrem viel Sport gemacht: Basketball, Fußball, Schwimmen, Judo, andere Kampfsportarten. Viele Freunde habe ich in Vereinen gefunden.

          Afridun Amu in seinem Element: „In der Sportart liegt einfach ein Zauber, der fast jeden infiziert und der schwer zu beschreiben ist.“ Bilderstrecke
          Afridun Amu in seinem Element: „In der Sportart liegt einfach ein Zauber, der fast jeden infiziert und der schwer zu beschreiben ist.“ :

          Heute haben Sie Abschlüsse in Jura, Kulturwissenschaften und Design Thinking und arbeiten als Verfassungsrechtsexperte bei der Max-Planck-Stiftung für Internationalen Frieden und Rechtsstaatlichkeit in Heidelberg – und an der Universität Potsdam als Dozent. Wie oft kommt man da überhaupt zum Surfen?

          Ich habe es fast immer geschafft, fünf Monate im Jahr am Meer zu verbringen. Jetzt war ich leider am Ellbogen verletzt, deswegen saß ich fast ein Jahr auf dem Trockenen. Seit einer Woche surfe und trainiere ich in Hossegor bei Biarritz, kann aber immer noch nur unter Schmerzmitteln und gegen den Rat der Ärzte ins Wasser. Aber ich will mir das jetzt nicht entgehen lassen.

          Was reizt Sie an der WM? Die Siegchancen sind es ja offenbar nicht.

          Mir geht es darum, Afghanistan zu repräsentieren und der Sportart in dem Land einen Weg zu ebnen. Deswegen habe ich überhaupt mit Freunden 2012 den afghanischen Surfverband „Wave Riders Association of Afghanistan“ gegründet und die ersten afghanischen Surfmeisterschaften mit immerhin 15 Startern organisiert. Außerdem geht es mir darum, das Land in ein anderes Licht zu rücken. In den Medien geht es beim Thema Afghanistan immer nur um Krieg und Terror, das ist aber nur eine Seite. Und die Menschen, die dort leben, sind Menschen wie alle anderen. Als Surfer reist man viel und wenn andere Menschen einen langhaarigen, afghanischen Surfer treffen, geht es plötzlich nicht mehr um Burka, Krieg oder radikalen Islam. Dann wollen sie wissen, ob es Hipster in Afghanistan gibt, oder welche Musik dort gehört wird.

          Afghanischer Surfer : Afridun Amun

          Können Sie da überhaupt Antworten geben?

          Ja, ich bin beruflich fast monatlich in Afghanistan und die Reaktionen dort auf unser Surf-Projekt sind überwältigend. Afghanistan hat keinen Zugang zum Meer, deswegen surfen bisher vor allem Exil-Afghanen wie ich. Aber das wird sich ändern. Ich habe mich schon mit Vertretern den Olympischen Komitees in Afghanistan getroffen, die sind Feuer und Flamme, dass wir 2020 jemanden zur Olympia-Premiere der Sportart nach Tokio schicken.

          Sie?

          Mal sehen, wie es mit meinem Ellbogen weitergeht.

          Sie sind afghanischer Meister, Präsident des nationalen Surf-Verbandes, dürfen vielleicht sogar zu Olympia. Geht es Ihnen nicht vor allem auch darum?

          Ich fände es viel toller, Afghanen zu finden, die besser surfen als ich. Und dazu wird es kommen. Mich hat es auch viel mehr gefreut, dass wir es überhaupt geschafft haben, 2015 die erste afghanische Meisterschaft zu organisieren, als dass ich mich über meinen Sieg gefreut hätte. Es waren leider nur Exil-Afghanen im Wasser. Im Moment haben die Leute in Afghanistan oft keine Ahnung, was surfen überhaupt ist. Selbst den Leuten vom Olympischen Komitee musste ich dort erst mal Videos zeigen. Die sind fast vom Hocker gefallen, weil sie so etwas noch nie gesehen hatten.

          Und wo können Afghanen surfen?

          Der erste Schritt ist, ihnen das Schwimmen beizubringen. Im zweiten werden wir versuchen, sie ans Meer zu bringen. Aber es gibt auch andere Möglichkeiten. Flüsse sind super zum Surfen, ich mache das seit einer Weile in Österreich. Und da gibt es ein Riesenpotenzial in Afghanistan. Spätestens nächstes Jahr werden wir etwas in die Richtung starten. Aus Sicherheitsgründen kann ich noch nicht mehr verraten.

          Wie erklärt man jemandem das Wellenreiten, der davon noch nie etwas gehört hat?

          In der Sportart liegt einfach ein Zauber, der fast jeden infiziert und der schwer zu beschreiben ist. Ich spreche immer viel von dem meditativen Komplex: Man verliert sich völlig im Moment, wenn man im Wasser liegt und auf Wellen wartet. Rumschwirrende Gedanken gibt es nicht mehr, es gibt nur noch dich und die nächste Welle. Nichts kommt dem Träumen näher, als diese Symbiose mit der Welle, wenn man sie erwischt hat und surft. Ich kann es selbst immer wieder nicht glauben, wie surreal das ist.

          Quelle: FAZ.NET

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