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AfD im Osten : Warum der Protest sich ausweiten könnte

Pegida bestimmt das Schmuddel-Image der Ostdeutschen. Bild: dpa

Seit der Bundestagswahl gilt Ostdeutschland wieder einmal als Schmuddelecke der Republik. Doch das Unbehagen, das dort vorherrscht, könnte sich noch weiter ausbreiten.

          Immer wenn es ganz dick kommt, ist der Osten Deutschlands großes Thema. Wie jetzt wieder nach der Wahl. Zwischen Fichtelberg und Kap Arkona hat die AfD etwa doppelt so viele Stimmen wie im Westen geholt. Und weil Meinungsforscher herausfanden, dass mehr als ein Viertel der Männer im Osten die Partei wählten, wird seit Tagen mit überwiegend hanebüchenem Ausstoß am Ost-Mann herumpsychologisiert.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Er ist jetzt der Problembär der Republik, in deren Vorstellung er einsam und von allen Frauen verlassen in seinem Plattenbau hockt und diesen nur verlässt, um Ausländer zu verprügeln, die Bundeskanzlerin anzubrüllen und falsche Parteien zu wählen.

          Zu den Besonderheiten im Osten gleich mehr, doch sei zunächst mal darauf hingewiesen, dass die AfD mehr als zwei Drittel ihrer Stimmen im Westen holte. In Bayern übertrumpfte sie vielerorts die SPD, im Ruhrgebiet wurde sie stark zweistellig, ebenso in weiten Teilen Baden-Württembergs. Das soll nicht ablenken oder gar relativieren, sondern einordnen – denn der Eindruck, der bei den pathologisierenden Ost-Erklärungen oft mitschwingt, ist ja der, dass der Ossi insbesondere männlichen Geschlechts eine Art genetisch-historischen Defekt habe, der ihn zum Niederwild auf der Lichtung macht.

          Dabei unterscheiden sich Ost- und West-Mann in ihrer Substanz kaum. Es gibt hier wie dort zum ähnlichen Prozentsatz Fremdenfeinde, Hasskappen und Rassisten. Diese erklären einen eher geringen Teil des Erfolgs. Drei Viertel der AfD-Wähler in beiden Landesteilen jedoch antworteten Forschern, sie hätten die Partei aus Protest gewählt. Das ist gewiss kein hehres, aber nachvollziehbares Motiv, handelt es sich doch überwiegend um Protest gegen die Folgen von Globalisierung, Gängelung und Geringschätzung, die in Ost und West zum Teil sehr unterschiedlich ausgeprägt sind und empfunden werden. Das vor allem spiegelt das AfD-Ergebnis wider.

          Die Weltereignisse trafen den Osten im Umbruch

          Zunächst zur Globalisierung. Als die Ostdeutschen die Mauer einrissen, trafen sie auf eine nicht zuletzt im Wettstreit der Systeme zu einem üppigen Sozialstaat ausgebaute Bundesrepublik mit Tariflöhnen, langem Arbeitslosengeld und guten Renten. Das ging noch etwa ein Jahrzehnt lang gut, bis Deutschland zunehmend unter Druck geriet. Globale Warenströme und entfesselte Finanzmärkte begannen, das Geschehen stärker zu bestimmen als die Politik. Die hechelte, etwa mit der Agenda 2010, dem enormen Tempo hinterher. Die Folgen sind in ganz Deutschland zu spüren, doch werden diese im Westen bis heute von einer noch robusten Wirtschaft mit vielen Alternativen sowie einer gefestigten Gesellschaftsordnung abgefedert, während die Entwicklung im Osten auf eine instabile Gesellschaft mitten im Umbruch traf sowie auf eine Wirtschaft, die nach der beispiellosen Deindustrialisierung gerade erst wieder keimte.

          Der frühere Pfarrer der Dresdner Stadtmission hat mal an einem Beispiel erzählt, wie das ablief. Ende der neunziger Jahre sei es zu einer „Ökonomisierung des Sozialen“ gekommen. Die Bedürfnisse der Patienten in den damals acht Pflegeheimen seien auf einmal zweitrangig gewesen, es sei nur noch um die Kosten gegangen. Er habe verdiente Mitarbeiter entlassen und teils über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wieder anstellen müssen. Unverantwortlich und demütigend sei das gewesen.

          Mittelständler berichten, wie seit dieser Zeit Konzernen, mit denen sie bis dahin faire Partnerschaften pflegten, plötzlich nur noch Gewinne und Quartalsergebnisse wichtig seien – zu Lasten kleiner Betriebe, die sich gerade so über Wasser halten, auch weil sie Mitarbeitern Niedriglöhne zahlen. Kaum ein Ost-Betrieb entlohnt nach Tarif, wie es im Westen noch die Regel ist, mit den entsprechenden Folgen für die Rente. Der Aufruhr jetzt liegt auch daran, dass die Generation der zur Wende Vierzigjährigen im Osten gerade ihre Rentenbescheide empfängt, die auf Erwerbsbiographien aus ABM, Minijobs und Zeitarbeit beruhen.

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