18.10.2006 · Vordergründig wird ein Traum wahr: Madonna hat den kleinen David aus Malawi adoptiert und wird ihm ein Leben in Luxus bieten. Doch die Blitzadoption des Halbwaisen verstößt gegen Vorschriften und Gesetze, die den internationalen Kinderhandel bekämpfen sollen.
Von Claudia Bröll, Bettina Schulz und Thomas ScheenFür den Kleinen ist es eine Reise in ein neues Leben. Am Dienstag morgen um 6.30 Uhr landet der 13 Monate alte Junge auf dem Londoner Flughafen Heathrow. Eine Nanny trägt das Kind, das von Sicherheitsleuten und Polizisten begleitet wird, an Kameraleuten aus aller Welt vorbei. Um es vor dem Blitzlichtgewitter zu schützen, hat sie es in eine große graue Kapuzenjacke gehüllt. Man erkennt eine blauorangefarbene Baseball-Kappe, Jeans, ein weißes T-Shirt und Turnschuhe. Als ein Bein des Jungen aus der Jacke ragt, sieht man, daß das Kindermädchen einen schwarzen Jungen in den Armen hat, daß es sich wirklich um jenen David Banda handelt, den sich Popstar Madonna in einem Waisenhaus in Malawi als Adoptivsohn ausgesucht hat. Schnellen Schrittes durchquert die Gruppe das Flughafengebäude. An Terminal 1 warten die Reporter. Daher wählt man den Hinterausgang. David wird im Berufsverkehr in das Stadthaus von Madonna im Westen Londons gebracht. Seine neue Familie erwartet ihn.
Bisher führte David ein Leben wie Millionen Kinder in Malawi, einem der ärmsten Länder der Welt, zwischen Sambia, Tansania und Mocambique gelegen. Seine Mutter Marita starb einen Monat nach seiner Geburt. Sein Vater Yohande Banda, ein armer Bauer, brachte seinen Sohn im Alter von fünf Wochen in ein Waisenhaus, weil er sich der Aufgabe nicht gewachsen sah. Zwei seiner Kinder waren zuvor an Malaria gestorben. Das Foto von David soll zu den zwölf gehört haben, die das Waisenhaus an Madonna mailte, so daß sie sich ein Kind aussuchen konnte. Der Direktor des Waisenhauses erzählte dem Vater, daß eine „sehr nette christliche Frau“ seinen Sohn aufnehmen wolle. Der 32 Jahre alte Yohande Banda, der weder schreiben noch lesen kann, hatte nie zuvor von Madonna gehört. „Es ist ein Geschenk des Himmels. Er wird so viele Dinge lernen“, sagte er der „Times“. „Ich bin gespannt, ob er jemals zurückkommen und uns besuchen wird, und welche Sprache er sprechen wird.“ Madonna hat angeblich versprochen, daß die beiden sich irgendwann in der Zukunft wiedersehen.
Eine wahre Blitzadoption
Nicht alle in Malawi sind so glücklich über die Blitzadoption des armen Jungen durch die Popsängerin, deren Vermögen auf 370 Millionen Euro geschätzt wird. Vielleicht daher die Eile: Madonna mußte zwar am Freitag nach achttägigem Aufenthalt in dem Land, in dem sie mehrere von ihr geförderte Projekte besuchte, ohne den Jungen ausreisen, der noch keinen Reisepaß hatte. Aber ein malawischer Richter stimmte der Adoption schnell zu, am späten Montag abend teilte ein Sprecher mit, Madonna und ihr Mann Guy Ritchie hätten von den malawischen Behörden eine vorläufige Erlaubnis zur Adoption erhalten. Das Außenministerium stellte den Reisepaß schnell aus. Und am Montag flog der Kleine, ausgestattet mit einem amerikanischen Visum, im Privatjet von Lilongwe, der größten Stadt Malawis, nach Johannesburg. Dort wurde er in die Maschine nach London gebracht und trat den nächtlichen Elf-Stunden-Flug an.
Und das ist nur eine der vielen Schwierigkeiten, die Auslandsadoptionen aufwerfen. Auf der ganzen Welt unterliegen sie strengen Gesetzen, um Kinderhandel zu verhindern, um sicherzustellen, daß Kinder nicht wahllos aus ihrem Kulturkreis herausgerissen werden. Westliche Eltern sollen sich nicht auf die Schnelle einen Kinderwunsch erfüllen, ohne sich mit der Herkunftskultur überhaupt auseinanderzusetzen. Die Gesetze basieren auf dem Haager Übereinkommen zum Schutze der Kinder bei Auslandsadoptionen vom Mai 1993. Immer wieder werden diese Grundsätze bei Stars und führenden Politikern über Bord geworfen - zur Frustration von Sozialarbeitern und Adoptiveltern, die sich an die Bestimmungen halten müssen und sich dagegen wehren, daß Auslandsadoptionen über die Fehltritte schillernder Persönlichkeiten in Verruf geraten.
Madonna mußte keine Vorschrift einhalten
Selbst Madonna müßte sich nach amerikanischem und britischem Recht an folgende Vorschriften halten: Ehepaare müssen von staatlichen Sozialarbeitern oder von staatlich lizenzierten Adoptionsagenturen im Rahmen eines Sozialberichtes monatelang auf ihre Eignung als Adoptiveltern prüfen lassen. Dabei wird geklärt, ob die werdenden Eltern Adoptivkinder neben leiblichen Kindern ebenbürtig behandeln können, ob sie Verständnis für die Kultur des Landes haben und ob sie damit umgehen können, daß das Kind in seiner neuen Heimat Rassismus ausgesetzt ist. Auch wird geprüft, ob die Mutter - und nicht nur das Kindermädchen - ausreichend Zeit für die liebevolle Betreuung des Kindes haben. Schließlich wird getestet, ob die Adoptiveltern mit den psychischen Folgen des Traumas, das Kinder aus Heimen oft mit sich tragen, umgehen können. Sozialarbeiter lehnen Eltern für die Adoption in der Regel ab, die zu alt sind, die bereits leibliche Kinder haben und die keinen Bezug zum Heimatland des Kindes haben - all diese Kriterien treffen auf die 48 Jahre alte Madonna zu.
Adoptiveltern in Großbritannien müssen sogar Elternkurse besuchen, Hausaufgaben machen und dann einen einstündigen Eignungstest vor Sozialarbeitern ablegen. Nur wenn Ministerien den Gesamtbericht gutheißen, dürfen sich Eltern in einem mit den britischen Behörden festgelegten Auslandsheim um ein Kind bewerben. Es ist nicht bekannt, ob Madonna solche Vorbereitungen getroffen hat.
„Eye of the child“ vehement gegen die Adoption
Heimische Adoptiveltern werden normalerweise auch in Malawi bevorzugt. In der Regel kommen nur Kinder in die Auslandsadoption, die keinerlei Familie mehr in ihrem Heimatland haben. Wenn ehrgeizige Eltern in Kinderheime der Dritten Welt fliegen, um sich dort ein Baby für die Adoption auszusuchen, werden sie von rechtlich korrekt arbeitenden und staatlich lizenzierten Heimen in der Regel sofort abgewiesen - wenn sie nicht den von westlichen Ministerien abgesegneten Sozialbericht liefern. Ohne diese Genehmigung dürfen Heime keine Auslandsadoptionen beantragen. Das Gericht, das die Adoption aussprechen soll, stellt bei dem Urteilsspruch zur Auslandsadoption entscheidend auf den Sozialbericht ab. Die Sozialbehörden und Gerichte in den Ländern erlauben Auslandsadoptionen immer öfter nur dann, wenn von den Heimen nachgewiesen wird, daß im Inland keine Adoptiveltern gefunden werden konnten.
Im Fall Madonna spricht sich die malawische Wohlfahrtsorganisation „Eye of the child“ vehement gegen die Adoption aus - wohl, weil viele dieser Bedingungen nicht erfüllt wurden. Die schon vorbereitete Klage zog die Organisation aber am Montag zurück. Nun will man die 18 Monate dauernde Wartezeit nutzen, um leibliche Verwandete des Jungen aufzutreiben, die sich gegen eine Adoption aussprechen. Bei einem Onkel Davids namens Pofera Banda könnte „Eye of the child“ fündig werden. Er hatte schon in der „Sunday Times“ gefordert, Davids Vater solle nach London reisen und sich das neue Zuhause des Halbwaisen ansehen. Wenn das nicht geschehe, solle das Kind nicht das Land verlassen. Ob Pofera Banda aber so weit geht, David selbst zu adoptieren, womit Madonnas Adoption automatisch nichtig wäre - das ist am Dienstag noch unklar.
Drei Millionen Euro gespendet
„Eye of the chid“ wirft Madonna vor, gegen geltendes Recht verstoßen zu haben, weil internationale Adoptionen im malawischen Gesetz noch nicht vorgesehen sind. Unter normalen Umständen müssen Adoptiveltern 18 Monate zusammen mit dem zu adoptierenden Kind in Malawi leben, bevor eine endgültige Entscheidung gefällt wird. Das entspricht der Praxis in den Ländern, damit sich das Kind langsam an die neuen Eltern gewöhnen kann. Eltern dürfen sich in den Heimen in der Regel auch kein Kind aussuchen, sondern bekommen ein Kind zugeteilt. Wenn das ausländische Gericht die Adoption ausgesprochen hat und damit erstmals ein Paß für das Kind beantragt wurde, müssen die Eltern für das Kind ein Adoptionsvisum bei ihrer Botschaft im Ausland beantragen. Bevor die Botschaft dieses Visum ausstellt, prüft sie mit dem Innenministerium im Heimatland der Eltern, ob das Ehepaar als Adoptiveltern zugelassen wurden. Nur dann erhalten die Eltern das Visum für das Kind und können ein Flugzeug besteigen.
Der Vorsitzende von „Eye for the children“, Maxwell Matewere, sagt, er bezweifle nicht, daß Madonna gute Absichten habe. „Aber wir müssen die Gesetze achten, um zu verhindern, daß Leute mit Geld in Malawi Kinder zu kriminellen Zwecken einkaufen.“ Ein Sprecher des Jugendministeriums in Blantyre indes bestreitet, daß die Sängerin und ihr Ehemann gegen geltendes Recht verstoßen. „Die Adoption hat nicht erst gestern begonnen“, sagt Penston Kilembe. „Madonnas Mitarbeiter haben die nötigen Unterlagen schon vor geraumer Zeit eingereicht. Ihr persönliches Erscheinen hatte nur den Zweck, die Papiere zu unterschreiben.“ Inwieweit die etwa drei Millionen Euro, die Madonna für ein Waisenhaus nach Malawi überweisen wird, die Entscheidung der Behörden beeinflußt haben - das will Kilembe nicht kommentieren. Ein Sprecher des Sozialministeriums sagt im südafrikanischen Rundfunksender SAFM: „Es war kein Geld im Spiel. Und die Regierung hat auch das Recht, die entsprechenden Entscheidungen zu treffen.“
Malawi kann keinen Sozialarbeiter stellen
Bei der Ankunft im Heimatland weisen Grenzbeamte das Ehepaar normalerweise darauf hin, die Ankunft sofort den Sozialarbeitern mitzuteilen. Bei Unterlassung droht Gefängnisstrafe. Zudem werden bei rechtlich korrekten Adoptionen oft über Jahre regelmäßige Nachsorgeberichte von Sozialarbeitern verfaßt, die das Einleben des Kindes kontrollieren und darüber in Kopie an die Behörden im Heimatland des Kindes berichten. Nach international geltendem Recht sind auch die malawischen Behörden gehalten, den Jungen während der zunächst 18 Monate, auf die das Sorgerecht Madonnas und ihres Mannes beschränkt ist, in seiner neuen Umgebung zu beobachten.
Das wird indes unmöglich sein. Denn Malawi, wo 42 Prozent der Menschen von weniger als einem Dollar pro Tag leben, verfügt nicht über das Geld, einen Sozialarbeiter quer über den Globus zu Madonnas Residenzen zu entsenden. Vieleicht kann David ja selbst anreisen. Denn neben dem Medienrummel werden nun auch Privatjets für ihn alltäglich - wie für seine neuen Geschwister, den fünf Jahre alten Rocco und die neun Jahre alte Lourdes, die zwischen den luxuriösen Anwesen des Musikstars in England und Los Angeles immer wieder hin und her jetten.
Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
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