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Freitag, 10. Februar 2012
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Adam Green im Interview Sind Sie der neue Dylan?

08.01.2005 ·  Adam Green ist derzeit der Lieblingssänger aller klugen jungen Menschen. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht er über Kafka, Krankheit und Kunst.

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Adam Green ist dünn und blaß, und alles an ihm scheint zu rutschen, die Hose, das Grinsen, die Augen. Er ist ein Fragezeichen, das Popstar ist, er ist die Antwort unserer Tage auf Bob Dylan, er singt so gut, daß im letzten Jahr alle seine CD „Friends of Mine“ hörten, er schreibt so gut, daß Suhrkamp ein Buch von ihm druckt. Er ist 23 Jahre alt und lebt in New York. Jetzt ist er hier, um über sein neues Album zu reden, „Gemstones“, das surreal ist und sanft, melancholisch und müde und ein wenig an Kurt Weill erinnert. Gitarrenmusik für das 21. Jahrhundert.

Mr. Green, sollen wir Ihnen sagen, über was wir nicht mit Ihnen sprechen wollen?
Gern.

George Bush.
Sie wollen mit mir nicht über George Bush reden?

Nein. Wollen Sie?
Nur wenn Sie wollen. Ich habe schon so viel über Bush geredet. Ich habe den anderen Kerl gewählt, die Wahlen sind vorbei. Fuck it.

Treten Sie manchmal trotzdem in Bush-Country auf?
Die Leute, die für George Bush gestimmt haben, würden sowieso nicht zu meinen Konzerten kommen.

Warum nicht?
Ich bin nicht besonders attraktiv für Rechtsradikale, wissen Sie.

Was ist linksradikal an Ihren Songs?
Ich weiß nicht. Die Leute haben bei mir einfach das Gefühl, daß ich ein Linker bin. Fragen Sie die Leute.

Liegt das vielleicht an Ihren Haaren?
Was?

Was ist eigentlich los mit Ihren Haaren? Die sehen so - verschnitten aus. Haben Sie die selbst geschnitten?
Ich stelle mich ab und zu vor den Spiegel und schneide los. Sieht man das?

Hm.
Ich habe sie erst neulich wieder geschnitten. Ich mag kurze Haare lieber, zur Zeit jedenfalls. Lange Haare sind so verdammt selbstgefällig.

Wollen wir jetzt wirklich über Haare reden?
Ich rede mit Ihnen über alles, was Sie wollen.

Gut. Was ist also linksradikal an Ihren Songtexten?
Meine Texte sind nicht linksradikal, aber die Art, wie ich bin, schreckt die Leute ab, die rechts sind.

Das ist alles?
Ja, das ist alles. Oder sagen Sie mir doch die Antwort.

Ihre Texte sind links, weil Sie über Dinge sprechen, über die normale Menschen lieber schweigen. Normale Menschen leben normale Leben und normale Lügen und wollen ihre Sorgen nicht spüren, wollen ihre Liebe nicht spüren. Sie dagegen sind sehr romantisch - und ein Romantiker ist eben nur sehr selten rechtsradikal.
Okay.

Wollten Sie immer ein Sänger sein?
Als ich klein war, wollten meine Eltern das Leben von mir fernhalten, so eine Angst hatten sie um mich. Mein Vater hat Baseball im College gespielt - und ich durfte nur rausgehen, wenn ich Baseball trainierte. Bis zur High School wurde ich zu Hause unterrichtet, von meinem älteren Bruder. Er war auch sehr musikalisch, er brachte mir viele verschiedene Instrumente bei, Streichinstrumente, Horn, Klavier. Mit zwölf hielt ich dann das erste Mal eine Gitarre in der Hand. Und plötzlich konnte ich meine eigene Musik erfinden und mußte nicht mehr die von anderen Leuten spielen. Ich dachte, wow, das ist es, was Musik bedeutet. Das denke ich bis heute.

Klingt nach einer schrecklich stickigen Jugend.
Ja. Wirklich frei wurde ich erst auf der High School - und bekam sofort Ärger. Ich hatte die falschen Freunde, Leute, wie ich sie bis dahin nur aus dem Fernsehen kannte. Zum Beispiel diesen Typen, der mit Speed dealte. Die Leute, die bei ihm kauften, hatten alle Augen wie Tischtennisbälle, sie sprangen einfach aus ihrem Gesicht heraus. Der Typ hat so viel Crack geraucht, daß er sich einmal selbst die Hälfte seiner Haare weggebrannt hat, wo wir gerade von Haarschnitten gesprochen haben. Er ist dann von der Schule geflogen.

Und Sie?
Ich nicht. Ich war bis zum Schluß da, ich habe Songs geschrieben und Konzerte in der Lunch-Pause gegeben, im Musikzimmer.

Und da dachten Sie: Ich will ein Popstar sein!
Gitarre spielen war das einzige, was ich wirklich konnte.

Welche Musik haben Ihre fürsorglichen Eltern gehört?
Keine. Sie haben nie Radio gehört, sie haben nie eine Platte aufgelegt. Meine Mutter hat viel gelesen, mein Vater hat viel gearbeitet. Er ist Neurologe, damals war er an der Columbia University.

Mag er Ihre Musik?
Ja, seit ein paar Jahren gefällt ihm, was ich mache. Inzwischen spielt er sogar seinen Freunden meine Platten vor. Und letztes Jahr ist er mitten in der Nacht aufgewacht und hatte „Friends of Mine“ im Kopf. Das muß wohl ein ziemlich guter Song sein, hat er dann gedacht.

Was für ein Mensch ist er?
Er hatte immer sehr viel Angst - vor all dem, was dann sowieso passierte.

Haben Sie zu Hause Angst gelernt?
Meine Mutter hatte auch oft Angst, ja. Aber Angst mußte man mir nicht extra beibringen, die hatte ich schon so. Als ich das erste Mal in einem Summer Camp war, habe ich mich verliebt. Sie war aus den Südstaaten, sie war sehr gläubig, sie hatte immer die Bibel dabei, sie war meine erste Freundin. Und dann starb sie einfach, im Jahr darauf, an Leukämie. Das war genau in der Zeit, als ich in die High School kam. Ich habe aufgehört, zu essen und zu reden. Ich hatte Angst, krank zu werden. Ich dachte, ich habe auch diese Krankheit.

Wie lange hatten Sie „diese Krankheit“?
Lange, sehr lange, ein ganzes Jahr. Ich war vierzehn damals. Ich hatte panische Angst um mich selbst, gleichzeitig fühlte ich mich schuldig, weil ich ihretwegen nichts fühlte. Das war eine schwierige Zeit. Teenager haben es ohnehin sehr schwer. Erst als ich zwanzig wurde, ging es mir besser. Viele Leute sagen, die Jugend sei die beste Zeit. Ich war froh, als sie vorbei war.

Macht es depressiv, ein Teenager zu sein?
Mich hat es depressiv gemacht. Du hast keine Kontrolle, jeder sagt dir, was du machen sollst. Ich war nie ein besonders guter Schüler, ich habe nie gern Hausaufgaben gemacht, ich habe nie daran geglaubt, daß ich das werden würde, was meine Eltern wollten - Arzt oder Baseballspieler. Ich wußte immer, daß ich ein Sänger sein würde.

Was ist mit Ihrer Mutter - mochte die Ihre Musik?
Nein, ich glaube nicht. Aber sie hat mich besser verstanden als mein Vater, obwohl sie genauso neurotisch-beschützend war. Sie mochte es, daß ich überhaupt etwas gemacht habe. In den letzten Jahren hat sich aber sowieso alles geändert. Sie kommen jetzt beide zu meinen Konzerten, und ich muß sie nicht mehr um Geld anbetteln.

Waren die Vorfahren Ihres Vaters oder Ihrer Mutter deutsch?
Meiner Mutter. Ihr Vater wurde noch in Berlin geboren, mein Großvater. Und dessen Mutter wiederum war mit Franz Kafka verlobt, wußten Sie das? Felice Bauer. Verrückt. Sie hat lange keinem was davon erzählt.

Warum?
Nachdem Kafka und sie sich getrennt hatten, hat sie einen Bankier geheiratet in Berlin. Kafka war ein Niemand damals, er war nicht mal ein richtiger Schriftsteller, er arbeitete in einer Versicherung. Er war nicht der berühmte Kafka, er war einfach ein dünner jüdischer Junge. Aber auch als er tot war und seine Werke gedruckt wurden und die ganze Welt ihn kannte, hat sie niemandem von dieser Verbindung erzählt, weil sie nicht wollte, daß die Leute sich wundern. Erst sehr viel später hat sie meinem Großvater gesagt, ich war mit diesem Typen verlobt, Franz Kafka, der jetzt berühmt ist, und ich habe all die Briefe aufgehoben, die er mir geschrieben hat, ich konnte sie einfach nicht wegwerfen. Jetzt ist dein Vater tot, und ich glaube, ich werde sie verbrennen. Mein Großvater hat sie dann überredet, sie zu veröffentlichen - „Letters to Felice“. Ich habe das Buch gelesen, sehr cool.

Was hat Ihnen an dem Buch gefallen?
Es war einfach nett, diese ganze Welt kennenzulernen, in der sie gelebt hat. Kafka und sie haben sich praktisch nie getroffen, sie hatten höchstens ein paar Wochen zusammen - also war ihre ganze Beziehung in diesen Briefen, und sie lebten sie durch diese Briefe. Kafka hat ihre Briefe verbrannt.

Was mögen Sie an Kafka?
Er hat die gleichen Sachen gemacht, die mich auch interessieren. Bei ihm prallen die verschiedensten Gefühlslagen aufeinander in einer einzigen Geschichte. Wenn Sie eine Kurzgeschichte wie einen Song betrachten, dann steht da neben einem romantischen Teil ein sehr tragischer und neben etwas sehr Satirischem etwas sehr Politisches. Er glaubte daran, daß diese Gefühle alle glücklich unter einem Dach leben könnten, wie eine Familie.

Ist Ihnen die jüdische Seite seiner Literatur wichtig?
Ja - obwohl das in meiner Familie nie besonders wichtig war. Die waren nicht scharf darauf, ihr jüdisches Erbe auszuleben, weil ihre Eltern es ihnen aufzwingen wollten. Mit mir haben sie es nie versucht, ich bin auch nicht besonders religiös.

Was ist jüdisch an Ihrer Musik?
Einiges. Man kann doch seine Kultur nicht einfach abschütteln. Wie meine Großeltern reden, welche Worte sie benutzt haben, jiddische Worte, wie sie Sachen geklärt haben - all das ist in der Musik und in den Texten. Und daß ich meine Musik vor allem für meine Familie und für meine Freunde mache, ist auch nicht gerade unjüdisch.

Ist Familie Lüge oder Wahrheit?
Ich weiß, was Sie meinen. Aber hören Sie: Lügen sind sehr wichtig. Am Ende des Tages sind Lügen das, woran wir uns festhalten können. Die Wahrheit wiegt dich nicht in den Schlaf.

Sind Sie glücklich?
Manchmal, klar. Aber es gibt Nächte, in denen ich nicht schlafen kann, in denen ich an die Decke starre und nach etwas suche, das ich nicht sehen kann. Das ist einer der Gründe, warum ich singe. Ich bin da schon fast zwanghaft. Ich trage immer diesen kleinen Rekorder mit mir herum und singe neue Songs hinein. Wenn ich mich sonderbar fühle, dann singe ich, weil ich dann keine Angst habe.

Wovor haben Sie eigentlich Angst - außer vor eingebildeten Krankheiten?
Die Angst steckt dir in den Knochen, ganz tief drin, im Körper. Deshalb sind meine Songs auch keine Wohlfühlsongs. Es sind Orte, an die ich meine Angst verbannen kann.

Haben Sie auch deshalb Drogen genommen - damit Sie keine Angst mehr haben?
Das kann schon sein. Obwohl Drogen manche Leute noch ängstlicher, paranoider, abgründiger machen. Aber mit Drogen ist es wie mit Pornographie - entweder du machst es, oder du machst es nicht. Sehr viel mehr gibt es da nicht zu sagen.

Verraten Sie uns trotzdem Ihre Lieblingsdrogen?
Ich mochte immer den psychedelischen Kram gern, das war eine wirklich gute Unterhaltung. LSD zum Beispiel oder Mushrooms.

Ist die Welt kubistisch oder surreal, Professor Green?
Ich glaube, daß die beiden Sichtweisen verwandt sind. Kubismus heißt, die Welt auseinanderzunehmen und wieder zusammenzusetzen, Surrealismus heißt, hinter sie zu schauen. Nicht viel anders gehe ich in meinen Songs vor, da mache ich beides. Denn das Leben ist wie ein Pendel - und es gibt mehr als eine Wahrheit, mehr als eine Realität. Kubismus und Surrealismus können dich woandershin bringen. Du vergißt, wer du bist, und kommst an einen anderen Ort, einen besonderen Ort, den du sonst nicht kennengelernt hättest. So weiß ich, wenn ein Song fertig ist - wenn sich ein Gefühl kristallisiert, das ich noch nie gefühlt habe.

Wie kriegen Sie Gefühle, die Sie noch nie gefühlt haben?
Keine Ahnung. Aber sehen Sie, dieses Gefühl, daß ich frühstücken muß, bevor ich neun Stunden Interviews mit der deutschen Presse habe, das ist ein neues Gefühl für mich - aber dieses Gefühl ist sehr real. Und sehr surreal. Dieses Frühstücken-für-die-deutschen-Medien-Gefühl. Das hat niemand gefühlt vor hundert Jahren.

Haben Sie jemals dieses Mein-Großvater-wurde-hier-um-die-Ecke-geboren-und-ich-war-noch-nicht-da-Gefühl?
Ja, das hatte ich gestern.

Und dieses Mein-deutsches-Publikum-singt-meine-englischen-Songs-laut-mit-Gefühl?
Es würde mich jedenfalls wirklich sehr interessieren, wenn mir jemand erklären könnte, warum mich die Leute hier so sehr mögen. Mehr als anderswo.

Sie haben keine Ahnung?
Mir hat jemand mal gesagt, daß es vielleicht mit Kurt Weill zu tun hat, vielleicht auch mit meiner Urgroßmutter.

Hat es etwas damit zu tun, daß Sie jüdisch sind? Daß die Leute froh sind, mal einen lebenden Juden zu sehen?
Na ja, meine Familie mußte aus Deutschland fliehen, wegen des Holocaust . . .

. . . und Sie bringen heute die Musik zurück, die sie mitgenommen haben.
Das war es wohl, was der Mann sagen wollte, der mit Kurt Weill ankam.

Könnten Sie sich vorstellen, hier zu leben?
Ich habe mal darüber nachgedacht. Aber ich liebe es auch, in Amerika zu leben. Wir haben ja vorhin nicht wirklich von Politik gesprochen, aber es gibt so viele Dinge, die ich an Amerika liebe, und ich könnte nicht aus der Ferne mit ansehen, wie dort alles in Scherben fällt.

Interview Maxim Biller, Georg Diez

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 9.1.2005
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