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Träume vor dem Tod : Sie will sterben, am liebsten noch in diesem Jahr

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Klaus Fußmann: Rosen (weiß), Öl auf Leinwand, 2008 Bild: Klaus Fußmann

Der Wald. Das Leid. Die Wolken. Worüber denken wir nach, wenn das Leben zu Ende geht? Acht Menschen erzählen uns von ihren Sorgen, ihren Wünschen, von ihren letzten Momenten auf dieser Welt.

          Was passiert mit Menschen, wenn sie in einen Lebensabschnitt eintreten, in dem sie nichts weiter erwartet? Acht Menschen erzählen es uns; fünf Frauen, drei Männer im Alter zwischen 75 und 95 Jahren.

          Hilde Marie Junker, 88

          Die alte Frau löst sich auf. Jeden Monat werden Fleisch, Knochen und Kräfte weniger. Inzwischen ist sie zart wie eine Feder. Sie kann nicht mehr gehen und fast nichts mehr selber machen. Den Löffel kann sie noch halten, das Glas mit dem Himbeersirup zum Mund zu führen schafft sie schon nicht mehr.

          Also krümmt sie sich und führt den Mund zum Glas. Sie schlürft, es ist ihr peinlich. Voller Scham bittet sie um Hilfe. Sie klagt nicht. Für sie ist es Gottes Wille, dass sie ihre letzten Jahre in einem Pflegeheim verbringt. Sie fragt nicht. Gott wird wissen, warum er ihr dieses Leben gegeben hat.

          Ein Leben, nur spärlich mit Träumen durchsetzt. Es sei nicht leicht gewesen, einen Traum fertig zu denken, sagt sie. Immer habe sich die Wirklichkeit hereingeschlichen. Sie zog vier Kinder groß, ihr Mann war Kinderarzt. Er wohnt in demselben Heim wie sie, in einer eigenen, kleinen Wohnung. Sie vermisst ihn. Sie hat ihn ihr Leben lang vermisst. Er sei in Gedanken oft weit weg gewesen, sagt sie.

          In ihrem Zimmer steht ein Regal mit vielen Büchern. Ein Buch fällt auf, weil es ganz abgegriffen ist: „Die Eroberung Konstantinopels“. Der Vater hat es ihr geschenkt, als sie ein Mädchen war. Seitdem hat sie es Tausende Male angeschaut. Immer denkt sie dabei an die Menschen, die in Konstantinopel lebten und von den feindlichen Soldaten niedergemetzelt wurden. Es rührt sie zu Tränen. So viel Leid, so viele Opfer. Das Buch weckt in ihr eine Sehnsucht, von der sie nicht weiß, woher sie kommt.

          Sie träumt davon, nach Istanbul zu reisen. So heißt Konstantinopel heute. Es ist der einzige Traum in ihrem Leben, den sie zu Ende gedacht hat. Den die Realität nicht zersetzte. Ihr Mann war in Istanbul, vor Jahren. Sie konnte nicht mit, weil die Beine sie schon damals nicht mehr trugen. Jeden Tag fleht sie ihren Mann an, ihr von der Stadt zu erzählen. Anfangs tat er es. Jetzt mag er nicht mehr. Er versucht, sie zu trösten. Er sagt, es sei Gottes Wille, dass sie Istanbul nicht mehr sehen werde.

          Agnes Felden, 95

          Ein langer weißer Gang mit vielen Türen links und rechts. Am Ende des Ganges ein Wintergarten. Es gibt kaum Pflanzen, Tische und Stühle stehen herum. Aufrecht wie eine Säule sitzt sie auf einem der Stühle. Der Rollator parkt neben ihr. Sie vergisst, was sie sieht, in dem Moment, in dem sie es gesehen hat. Deshalb weiß sie auch nichts mehr von dem langen weißen Gang, durch den sie soeben gegangen ist.

          Auch der Wintergarten ist weit weg. Nur manchmal, wenn sie aufblickt und sich umschaut, versetzt er sie in großes Staunen. Schnell, als sei ihr das Staunen unangenehm, duckt sie ihr Gesicht und kehrt zurück in das Haus am Waldrand. Dort stehen, direkt neben der Haustür, die Gummistiefel. Sie schlüpft hinein, und auf dem schmalen Pfad gelangt sie in den Wald.

          „Ich liebe den Wald“, sagt sie. „Ich wünsche mir, noch so lange wie möglich hier spazieren gehen zu können.“ Ihre Hand zeigt auf Bäume, die niemand sieht, nur sie. Still stehen sie da und atmen. Jedes Mal, wenn sie den Wald hinterm Haus betritt, fühlt es sich an, als würde ein hünenhaftes, weiches Lebewesen sie umarmen. Sie riecht die Pilze schon von weitem. Ein milder, pfeffriger Duft. Sie folgt ihm, kriecht unter die Bäume.

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