19.07.2007 · Minu Tizabi aus Pforzheim hat gerade ihr Abitur mit 1,0 bestanden und will jetzt Medizin studieren. Cambridge allerdings hat sie als Studentin abgelehnt. Mit 14 Jahren sei Fräulein Tizabi noch zu jung.
Von Alex Westhoff, PforzheimDie Planeten hatten es Minu besonders angetan. Damals, als sie mit drei Jahren auf ihrer weißen Kinderdecke lag, in Meyer's Kinderlexikon las und ihrem Vater das Planetensystem erklärte. Ihren ersten Berufswunsch, Astronautin, hat sie mittlerweile verworfen. Heute, elf Jahre und vier übersprungene Schulklassen später, liest sie mit Vorliebe englische Literatur. Aber auch Medizinbücher, meistens mehrere parallel. Denn Minu Tizabi will vom Wintersemester an Medizin studieren, nicht um Ärztin zu werden, sondern um zu forschen.
Die Sache mit Cambridge ist allerdings schiefgelaufen. „Da hätte ich zwei bis drei Jahre auf meinen Studienplatz warten müssen.“ Sie sei zu jung, beschied ihr die englische Universität. Nun hat sich Minu über die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen an den Universitäten Heidelberg und München beworben. Das zierliche Mädchen mit dem wachen Blick hat kürzlich am Pforzheimer Hebel-Gymnasium ihr Abitur bestanden: mit einem Notenschnitt von 1,0, im Alter von 14 Jahren.
Der Rummel behagt ihr nicht so recht
Seitdem hat sie mehr als 20 Interviews gegeben. „Ein bisschen stressig“ sei das schon, sagt sie höflich. Mit durchgedrücktem Rücken, die Füße berühren gerade den Boden, sitzt Minu im Café einer großen Buchhandlung in der Pforzheimer Fußgängerzone. Hierher ist die Hochbegabte nach der Schule oft gekommen. „Ich lese einfach sehr gerne.“ Der Rummel um ihre kleine Person behagt ihr nicht so recht. Minu formuliert bedächtig und hört sich mitunter wie eine erwachsene Frau an. Doch sie gibt ungern etwas von sich preis. Und wenn ihr Vater über sie ins Erzählen gerät und sie die Informationen nicht mehr filtern kann, fühlt sie sich auch unwohl. Djamshid Tizabi hat seine Tochter alleine großgezogen und von frühester Kindheit an gefordert und gefördert.
Seine deutsche Frau starb einen Monat nach Minus Geburt, die kleine Familie lebte fortan im Haus der Schwiegermutter. „Minu ist das einzige, was ich habe“, sagt der Iraner, ein hagerer, grauhaariger Mann, der sein schwarzes Sakko nicht aus der Hand legt. Vater Tizabi wird mit seiner Tochter in den Studienort umsiedeln, sein Beruf als selbständiger Ingenieur für Elektrotechnik macht es möglich. Als Minderjährige hätte die Abiturientin, die vor kurzem ihre Leidenschaft fürs Fotografieren und Filmen entdeckte, wohl nicht mal eine Chance auf einen Platz im Studentenwohnheim.
Einschulung in die dritte Klasse
Djamshid Tizabi meint: „Intelligenz ist erlernbar. Einem Kind ist es gleich, ob es mit dem Buchstaben B oder mit Bauklötzen spielt.“ Mit eineinhalb Jahren schon habe Minu begonnen, Buchstaben zu lernen, die der Vater aus Pappe ausschnitt. Auf der Straße las sie bald Autokennzeichen vor. „Dada“ und „Dudu“ bekam Minu nie zu hören. Er habe immer in vollständigen Sätzen mit ihr gesprochen. Mit nicht mal fünf Jahren fand Minu in der Zeitung eine Anzeige für Englisch-Nachhilfe. „Bei Minu war es wohl eher Vorhilfe“, sagt Djamshid Tizabi und lächelt. Sie habe immer furchtbar geweint, wenn die Studentin mal nicht kommen konnte.
Bei der Einschulung wurde Minu direkt in die dritte Klasse gesteckt, in der fünften Klasse des Hebel-Gymnasiums verweilte sie drei Wochen, ehe sie in Stufe sechs versetzt wurde. Ein weiteres Schuljahr übersprang sie, weil sie einer baden-württembergischen Pilotklasse angehörte, die schon nach zwölf Jahren zum Abitur geführt wurde. „Ich musste sie in Mathe oft bremsen“, erzählt Lehrerin Elke Engelmann. „Ich musste oft sagen: Halt, Minu! Du hast recht, aber die anderen müssen das gar nicht wissen.“
„Sie ist ein sehr ruhiger Typ“
Der Wissenschaftler Detlev H. Rost, der zum Thema Hochbegabung forscht, hält die 14 Jahre alte Abiturientin für einen „extremen Einzelfall“ und weist auf die Gefahren hin, die mit dem mehrfachen Überspringen von Klassen verbunden sind. „Schule kann mehr als nur Wissen zu vermitteln. Die Kinder und Jugendlichen benötigen die Zeit auch zur Sozialisation, zur Identitätsfindung und um mit den körperlichen Umstellungen zurecht zu kommen.“ Neben vier Jahren in der Schule fehlen Minu sogar auch die Jahre im Kindergarten. Ihr Vater war der Ansicht, dass sie dort nicht genügend lerne.
Minu, die am 22. August 15 Jahre alt wird, ist kein Genie, das dauernd gelangweilt ist oder herumzappelt. „Sie ist ein sehr ruhiger Typ“, sagt Engelmann. Doch allein mit Ruhe und guten Noten verschafft man sich in der Klasse noch keinen Respekt - besonders, wenn die Mitschüler vier Jahre älter sind und gerade bei Jungen schlechte Noten als Trophäe gelten.
Nach der Schule in der Buchhandlung
Pubertäre Allüren sind Minu noch fremd: Keine Spur von Schminke oder hautengen Tops. Ihre dünnen weißen Strümpfe stecken in schwarzen Lackschuhen, in ihrer rosafarbenen Leinenhose wirkt sie zart und zerbrechlich. Vor dem Fototermin holt sie einen kleinen roten Kamm aus ihrem kleinen weißen Handtäschchen. Immer wieder fällt ihr eine Strähne ihres blonden Haares ins Gesicht, die es aus dem Sichtfeld zu schieben gilt. In manchen Augenblicken scheint es unvorstellbar, dass sie sich bald auf einem Campus bewegt - mit Studenten, die fast doppelt so alt sind.
Mit dem Streben nach Anerkennung tat sie sich schwer: „Mit den Mädchen war es ganz okay, die Jungen haben mich nie akzeptiert. Die sind mit dem Altersunterschied nicht klargekommen.“ Das kindlich wirkende Mädchen wurde vom Sportunterricht befreit, aus Angst, dass sie von Mitschülern umgerannt werden könnte. Ihre Position wird das nicht gestärkt haben. Wenn ihre 18 Jahre alten Klassenkameraden über Führerscheinprüfung, Nachtleben oder den ersten festen Freund sprachen, war sie außen vor. Schulleiter Thomas Paeffgen sagt: „Minu war immer in einer Außenseiterrolle.“
Nach der Schule verschwand sie in der Buchhandlung - oder schrieb gleich selbst, meist auf Englisch, manchmal auch auf Französisch. Für fremde Augen sind die Abenteuergeschichten aber nicht bestimmt. Sie habe auch schon auf Latein geschrieben. „Aber nur eine einzige Geschichte“, fügt sie eilig hinzu. Sie will nicht abgehoben wirken, es fällt ihr halt einfach leicht. Auch an der Universität wird sich Minu, so glauben die Lehrer und der Vater, fachlich zurechtfinden. Nur die Patienten in der Uni-Klinik werden sich wundern, wenn das kleine Mädchen mit der Spritze am Krankenbett steht.
14 und Cambridge
Thorsten Pattberg (PhillipPaux)
- 19.07.2007, 12:49 Uhr
Thorsten Pattberg (PhillipPaux)
Andreas Neubert (Citizen_Kane)
- 19.07.2007, 13:58 Uhr
abitur mit 14
Patric Wehr (epheser)
- 19.07.2007, 14:53 Uhr
gut so!
anne grether (annegrether)
- 19.07.2007, 16:22 Uhr
@Pattberg
Konrad Hecker (khecker)
- 19.07.2007, 17:02 Uhr