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Ziemlich beste Freunde „Ohne Pozzo wäre ich tot oder im Gefängnis“

 ·  Abdel Sellou wurde vom Kriminellen zum Krankenpfleger, Millionen kennen seine Geschichte aus dem Film „Ziemlich beste Freunde“. Jetzt erzählt er sie selbst.

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© Gyarmaty, Jens Sellou: „Ich bin wie Metall; daran muss man lange arbeiten, bevor es die richtige Form bekommt“

Haben Sie Philippe Pozzo di Borgo, Ihrem heutigen Freund und früheren Arbeitgeber, wirklich beim Vorstellungsgespräch ein Fabergé-Ei geklaut?

Nein. Der Film entspricht zu 98 Prozent der Wahrheit. Die Geschichte mit dem Ei gehört nicht dazu. Wenn überhaupt, dann hätte ich die ganze Wohnung ausgeraubt.

Was stimmt außerdem nicht?

Ich bin kein schwarzer, gutaussehender Athlet, sondern klein und dick, und ich kann nicht gut tanzen. Ich habe auch nie in meinem Leben etwas gemalt und nie ein Gemälde verkauft.

Gibt es etwas, womit Sie im Film nicht einverstanden sind?

Nein, denn fast alles entspricht der Wirklichkeit. Wenn ich mit dem Film nicht einverstanden wäre, dann hieße das auch, dass ich mit meinem Leben nicht einverstanden bin oder etwas schönrede.

Der Film erzählt Ihre Geschichte, 19 Millionen Zuschauer haben ihn allein in Frankreich gesehen. Warum haben Sie nun das Buch veröffentlicht?

Ich will zeigen, wer ich vor meiner Zeit bei Pozzo war, und ich wollte mich bei ihm bedanken. Es gibt Leute, die können wunderbare Dankesbriefe schreiben. Für jemanden, der in seinem Leben noch nie ein Buch gelesen hatte, war es ein 250 Seiten langer Dankesbrief.

Sie haben noch nie ein Buch gelesen?

Nein, und da bin ich nicht der Einzige. Das habe ich nach der Veröffentlichung gemerkt. Ich habe sehr viele Mails bekommen mit Danksagungen. Die Leute schrieben, mein Buch hätte ihnen Lust aufs Lesen gemacht.

Hat Philippe Pozzo di Borgo das Buch auch gelesen?

Klar, er war gerührt, hat gelacht und geweint. Und ich glaube, er war erstaunt darüber, dass ich in der Lage bin, mich so gut auszudrücken, oder besser: mich überhaupt auszudrücken. Er hat das Buch geliebt, das ist schon eine Leistung von mir, einen Intellektuellen wie ihn zu beeindrucken. Er ist ja ganz andere Wälzer gewöhnt, die sind so dick sind, dass man andere damit erschlagen könnte.

Sie beschreiben Ihre Vergangenheit als Krimineller. Darüber hatten Sie mit ihm nicht gesprochen. Was hat er dazu gesagt?

Ein Minimum kannte er schon. Das sehen Sie auch im Film: Driss, so heiße ich da, geht einen Autofahrer aggressiv an, nur weil der vor der Ausfahrt parkt. Das hat Pozzo mitbekommen und es sich dann zur Aufgabe gemacht, mich zu erziehen. Hat ganz schön lange gedauert, 18 Jahre bis jetzt. Und er erzieht mich immer noch.

Wie macht er das?

Er ist mein Berater. Sie dürfen nicht vergessen, dass ich nur eine begrenzte Schulbildung habe. Ich bin wie ein Metall. Daran muss man lange arbeiten, bevor es die richtige Form bekommt.

Ihnen war schon mit zwölf klar, dass Sie kein anständiger Mensch werden. Was war das Schlimmste, was Sie gemacht haben?

Alles. Ich habe mit zwölf Jahren fast ausschließlich auf der Straße gelebt, das ist schon das Schlimmste, was einem passieren kann. Was danach kam, war nur die normale Entwicklung eines Kleinkriminellen. Geadelt wurde ich als solcher im Fleury-Mérogis, dem größten Gefängnis in Europa.

Das klingt in Ihrem Buch aber so, als wäre es dort gar nicht schlimm gewesen.

Ich habe das ein bisschen geschönt, natürlich war das schlimm.

Wofür bekamen Sie die Gefängnisstrafe?

Ich hatte schon als Jugendlicher viele Straftaten begangen, das haben die Behörden nicht vergessen. Dann wurde ich 18, habe weiter gestohlen, und plötzlich kennt die Gesellschaft kein Pardon mehr.

Sie haben nach dem ersten Gefängnisaufenthalt trotzdem weiterhin Touristen beklaut und Ihre Arbeitgeber betrogen.

Ich hatte das Gefühl, mein Leben ist sowieso im Eimer. Es gibt nur zwei Möglichkeiten in diesen Vorstädten: Entweder man langweilt sich tierisch, oder man wird kriminell. Es gibt dort nichts für Jugendliche, keine Freizeitmöglichkeiten. Ich hatte keine Lust auf dieses langweilige Leben.

Wie reagieren Ihre Freunde von früher auf das Buch?

Die haben sich gefreut, die meisten hatten bis vor kurzem auch nie ein Buch gelesen. Manche haben sich bedankt, weil ich ein anderes Bild von den Vorstädten beschreibe. Bisher dachten alle, dass dort jeder als Dealer oder Dieb endet. Sicher war ich ein Böser, dazu stehe ich, und ich bereue es nicht. Aber es gibt ein Leben danach.

Führen Ihre Freunde von früher auch so ein zivilisiertes Leben wie Sie heute?

Leider nicht alle. Einige sind tot, andere im Gefängnis, manche haben eine Familie gegründet, können aber mehr schlecht als recht von ihrer Arbeit leben.

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie Philippe Pozzo di Borgo nicht getroffen hätten?

Wahrscheinlich wäre ich auch tot oder im Gefängnis. Vielleicht würde ich auch ein einigermaßen banales Leben führen, in dem ich mir viele Vorwürfe machen würde und das Gefühl hätte, ganz viel verpasst zu haben. Eigentlich will ich darüber nicht nachdenken. Mich interessiert nur, was ich geworden bin.

Was sind Sie denn geworden?

Ein Familienvater, ich habe drei Kinder, ich habe ein Geschäft, züchte Hühner.

Im Buch beschreiben Sie, dass Ihnen Ihre Eltern viele Freiheiten gegeben haben. Wie erziehen Sie Ihre Kinder heute?

Ich bin immer noch verrückt, aber zum Glück bin ich nicht der Einzige, der meine Kinder großzieht. Meine Frau ist anders gestrickt. Sie ist eine Art Bremse für mich und kümmert sich wunderbar um unsere Kinder.

Ihre leiblichen Eltern haben Sie schon als kleines Kind an Ihre Tante in Paris abgegeben, weil diese keine Kinder bekommen konnte. Dort durften sie quasi alles. Welches Verhältnis haben Sie heute zu Ihren Eltern in Paris?

Das gleiche Verhältnis, das ein Sohn zu seinen Eltern hat. Ich mache ihnen keine Vorwürfe. Ich habe von ihrer Schwäche profitiert und ihre Liebe ausgenutzt. Sie haben alles versucht. Heute sind sie, glaube ich, stolz auf mich. Und sie haben mir durchaus ein Minimum an Werten mitgegeben.

Haben Sie Kontakt zu Ihren leiblichen Eltern in Algerien?

Auf jeden Fall. Jeder hat seinen Platz. Ich habe heute drei Väter: einen leiblichen, einen zweiten - und dann gibt es Pozzo. 

Sie haben Ihren Eltern aber schon ein paar Vorwürfe gemacht.

Nein, ich mache ihnen keine Vorwürfe. Wenn, dann macht das die französische Gesellschaft. In vielen Ländern Afrikas ist es ganz normal, dass kleine Kinder ihre Erfahrungen auf der Straße sammeln.

Der Film ist gerade so erfolgreich, dass man ihn quasi gesehen haben muss. Wie haben Sie den Rummel um Ihre Person erlebt?

Moment. In Deutschland leben 80 Millionen Menschen, sieben Millionen haben den Film gesehen. Da fehlen ja noch 73 Millionen.

Okay, das ist trotzdem sehr viel. Sie bekamen innerhalb kurzer Zeit viel Aufmerksamkeit. Können Sie damit umgehen?

Nichts ist leichter, als damit umzugehen. Ich bin ich selbst geblieben, bin noch nicht einmal reich geworden. Weder ich noch Pozzo haben uns irgendwie an dem Film bereichert. Ein Teil des Films ist an Stiftungen für Behinderte gegangen.

Wann haben Sie aufgehört, ihn zu pflegen?

Ich habe mich Stück für Stück zurückgezogen. Seine Frau hat mit der Zeit mehr Aufgaben übernommen. Heute bin ich nicht mehr Pozzos Pfleger, aber sein Freund. Das ist typisch für mich: dass sich die Dinge langsam fügen.

Ihre Aufgaben übernimmt jetzt komplett Pozzos Frau?

Wenn Sie zu zweit auf Reisen sind, dann ja. Aber sonst hat er immer eine ganze Armee von Pflegern und Krankenschwestern dabei, die sich um ihn kümmern.

Ist es nicht schwer für das Pflegepersonal, Ihr Nachfolger zu sein?

Es ist immer schwer, das Original zu ersetzen. Die meisten Leute geben eben nur das Minimale.

Die Fragen stellte Anne Hähnig.

Abdel Sellou, „Einfach Freunde“, Ullstein Verlag, 256 Seiten, 9,99 Euro.

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