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85 Jahre alte Schülerin : Lernen ist wie Licht

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Als Kind musste sie auf dem Feld arbeiten: Arifa Malaysha, 85, mit ihren heutigen Mitschülerinnen Bild: Theresa Breuer

Wie viele Frauen im Westjordanland hat Arifa nie lesen und schreiben gelernt. Doch nach mehr als 80 Jahren beschloss sie, zur Schule zu gehen. Und hat noch Großes vor.

          Die Lehrerin blickt aufmerksam in die Runde. „Wer möchte an die Tafel kommen?“, fragt sie die Klasse. Sofort schnellen 34 Hände in die Höhe. „Ich! Ich! Ich!“, rufen die kleinen Mädchen und schnipsen mit dem Zeigefinger, um zu verdeutlichen, dass sie die Antwort wissen. Nur eine schnipst nicht. Sie sitzt etwas steif in der letzten Reihe und bleibt still. Ein verstohlenes Lächeln umspielt ihre schmalen Lippen, schüchtern und ein wenig verlegen wirkt es.

          Der Blick der Lehrerin schweift zu ihr. „Arifa, möchtest du nicht an die Tafel kommen?“, fragt sie und hält ihr zur Ermutigung ein Stück Kreide entgegen. Langsam erhebt sich Arifa, kaum 1,50 Meter groß, und geht nach vorne.

          Der Weg von ihrem Tisch bis zur Tafel kostet sie Kraft, denn Arifa Malaysha ist älter als ihre Klassenkameradinnen. 85 um genau zu sein, fast zehnmal so alt wie die anderen Mädchen. Trotzdem geht sie gemeinsam mit ihnen in die dritte Klasse einer palästinensischen Mädchenschule im Norden des Westjordanlandes.

          Ein kalter Wind weht durch den Raum

          Es ist die zweite Stunde an diesem Donnerstag, Sachkunde steht auf dem Plan. Die Schülerinnen sollen lernen, wie man einen Brief schreibt, ihn verschickt und wie er dann über den Postweg beim Empfänger landet. Die Tür des Klassenzimmers steht offen, ein kalter Wind weht durch den Raum. Auf dem Pausenhof spielen kleine Mädchen in dunkelblauen Trainingsanzügen eine Art Brennball, sie feuern sich gegenseitig an, während im Hintergrund der Muezzin ruft.

          „Um den Koran zu verstehen“: Arifa hat ein ehrgeiziges Ziel
          „Um den Koran zu verstehen“: Arifa hat ein ehrgeiziges Ziel : Bild: Theresa Breuer

          Arifa steht vor der Klasse mit der Kreide in der Hand und versucht, sich zu konzentrieren. Sie soll erklären, was mit der Post passiert, nachdem man sie in den Briefkasten geworfen hat. Bedächtig schreibt sie auf Arabisch etwas an die Tafel und blickt dann fragend zur Lehrerin. Die korrigiert ein Wort, nickt Arifa aber zu. „Sehr gut“, sagt sie. Arifa darf sich wieder setzen. Sie läuft zu ihrem Platz zurück, jetzt ist ihr Lächeln breiter. Stolz.

          Die stille, alte Frau wirkt wie ein Fremdkörper zwischen den Mädchen, die blau-weiß gestreifte Schuluniformen tragen und lebhaft miteinander quatschen. Auf ihren Tischen liegen Lineale, die mit Bildern von Disney-Prinzessinnen bedruckt sind. Arifa trägt keine Schuluniform, und ihre Schulutensilien sind nicht hübsch, sondern funktional. Trotzdem haben die Mädchen sie aufgenommen in ihre Klassengemeinschaft. Sie behandeln sie fürsorglich, wie eine Enkelin sich um ihre Großmutter kümmert. So reicht Arifas kleine Sitznachbarin ihr angespitzte Bleistifte und schlägt ihr Buch an der richtigen Stelle auf, wenn sie mal wieder nicht mitkommt.

          „Manchmal ist es mir peinlich“

          Auch die Lehrerin schenkt ihr viel Aufmerksamkeit, obwohl sie sagt, sie versuche Arifa nicht anders als ihre anderen Schülerinnen zu behandeln. Doch das ist nicht wirklich möglich. Denn obwohl Arifa für ihr Alter robust und wach zu sein scheint, ihr Kopf funktioniert nicht so schnell wie der eines achtjährigen Mädchens. Immerhin hat sie über 80 Jahre ohne jegliche Schulbildung gelebt.

          Das ist keine Seltenheit im Westjordanland. Laut der palästinensischen Statistikbehörde (PCBS) sind mehr als 50 Prozent aller Erwachsenen über 65 Jahre Analphabeten, darunter viele Frauen. Dass sich eine alte Frau dazu entscheidet, noch lesen und schreiben zu lernen, obwohl sie die Lebenserwartung ihres Landes schon um mehr als zehn Jahre überschritten hat, ist außergewöhnlich.

          „Vor zwei Jahren stand sie einfach vor mir“, erzählt die Direktorin der Mädchenschule. In ihrem Büro hängt ein vergilbtes Foto von Jassir Arafat, es riecht nach arabischem Kaffee. „Sie hat gesagt, dass sie hier zur Schule gehen möchte.“ Die Rektorin nahm den Wunsch anfangs nicht wirklich ernst, aber Arifa kam wieder und wieder, ließ sich nicht abwimmeln. Schließlich setzte sich die Schulleiterin mit dem Bildungsministerium in Verbindung und bekam die Erlaubnis, Arifa als Schülerin zuzulassen.

          Das hat Arifa im Westjordanland zu einer kleinen Berühmtheit gemacht. „Manchmal ist es mir peinlich“, sagt sie. Vor allem vor den Dorfbewohnern schämt sie sich. Denn nicht jeder hier hat Verständnis für den Willen der Frau, in ihrem Alter noch lesen und schreiben zu lernen. Lächerlich finden sie das. Arifa deutet auf ihre blaue Einkaufstüte, in der sich ihre Schulsachen befinden. „Am Anfang habe ich einen Rucksack getragen“, sagt sie, „doch dann haben mich die Leute noch mehr geärgert.“ Jetzt versucht sie, wie eine ganz normale alte Frau auszusehen, die zum Einkaufen auf den Markt geht.

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