Die Lehrerin blickt aufmerksam in die Runde. „Wer möchte an die Tafel kommen?“, fragt sie die Klasse. Sofort schnellen 34 Hände in die Höhe. „Ich! Ich! Ich!“, rufen die kleinen Mädchen und schnipsen mit dem Zeigefinger, um zu verdeutlichen, dass sie die Antwort wissen. Nur eine schnipst nicht. Sie sitzt etwas steif in der letzten Reihe und bleibt still. Ein verstohlenes Lächeln umspielt ihre schmalen Lippen, schüchtern und ein wenig verlegen wirkt es.
Der Blick der Lehrerin schweift zu ihr. „Arifa, möchtest du nicht an die Tafel kommen?“, fragt sie und hält ihr zur Ermutigung ein Stück Kreide entgegen. Langsam erhebt sich Arifa, kaum 1,50 Meter groß, und geht nach vorne.
Der Weg von ihrem Tisch bis zur Tafel kostet sie Kraft, denn Arifa Malaysha ist älter als ihre Klassenkameradinnen. 85 um genau zu sein, fast zehnmal so alt wie die anderen Mädchen. Trotzdem geht sie gemeinsam mit ihnen in die dritte Klasse einer palästinensischen Mädchenschule im Norden des Westjordanlandes.
Ein kalter Wind weht durch den Raum
Es ist die zweite Stunde an diesem Donnerstag, Sachkunde steht auf dem Plan. Die Schülerinnen sollen lernen, wie man einen Brief schreibt, ihn verschickt und wie er dann über den Postweg beim Empfänger landet. Die Tür des Klassenzimmers steht offen, ein kalter Wind weht durch den Raum. Auf dem Pausenhof spielen kleine Mädchen in dunkelblauen Trainingsanzügen eine Art Brennball, sie feuern sich gegenseitig an, während im Hintergrund der Muezzin ruft.
Arifa steht vor der Klasse mit der Kreide in der Hand und versucht, sich zu konzentrieren. Sie soll erklären, was mit der Post passiert, nachdem man sie in den Briefkasten geworfen hat. Bedächtig schreibt sie auf Arabisch etwas an die Tafel und blickt dann fragend zur Lehrerin. Die korrigiert ein Wort, nickt Arifa aber zu. „Sehr gut“, sagt sie. Arifa darf sich wieder setzen. Sie läuft zu ihrem Platz zurück, jetzt ist ihr Lächeln breiter. Stolz.
Die stille, alte Frau wirkt wie ein Fremdkörper zwischen den Mädchen, die blau-weiß gestreifte Schuluniformen tragen und lebhaft miteinander quatschen. Auf ihren Tischen liegen Lineale, die mit Bildern von Disney-Prinzessinnen bedruckt sind. Arifa trägt keine Schuluniform, und ihre Schulutensilien sind nicht hübsch, sondern funktional. Trotzdem haben die Mädchen sie aufgenommen in ihre Klassengemeinschaft. Sie behandeln sie fürsorglich, wie eine Enkelin sich um ihre Großmutter kümmert. So reicht Arifas kleine Sitznachbarin ihr angespitzte Bleistifte und schlägt ihr Buch an der richtigen Stelle auf, wenn sie mal wieder nicht mitkommt.
„Manchmal ist es mir peinlich“
Auch die Lehrerin schenkt ihr viel Aufmerksamkeit, obwohl sie sagt, sie versuche Arifa nicht anders als ihre anderen Schülerinnen zu behandeln. Doch das ist nicht wirklich möglich. Denn obwohl Arifa für ihr Alter robust und wach zu sein scheint, ihr Kopf funktioniert nicht so schnell wie der eines achtjährigen Mädchens. Immerhin hat sie über 80 Jahre ohne jegliche Schulbildung gelebt.
Das ist keine Seltenheit im Westjordanland. Laut der palästinensischen Statistikbehörde (PCBS) sind mehr als 50 Prozent aller Erwachsenen über 65 Jahre Analphabeten, darunter viele Frauen. Dass sich eine alte Frau dazu entscheidet, noch lesen und schreiben zu lernen, obwohl sie die Lebenserwartung ihres Landes schon um mehr als zehn Jahre überschritten hat, ist außergewöhnlich.
„Vor zwei Jahren stand sie einfach vor mir“, erzählt die Direktorin der Mädchenschule. In ihrem Büro hängt ein vergilbtes Foto von Jassir Arafat, es riecht nach arabischem Kaffee. „Sie hat gesagt, dass sie hier zur Schule gehen möchte.“ Die Rektorin nahm den Wunsch anfangs nicht wirklich ernst, aber Arifa kam wieder und wieder, ließ sich nicht abwimmeln. Schließlich setzte sich die Schulleiterin mit dem Bildungsministerium in Verbindung und bekam die Erlaubnis, Arifa als Schülerin zuzulassen.
Das hat Arifa im Westjordanland zu einer kleinen Berühmtheit gemacht. „Manchmal ist es mir peinlich“, sagt sie. Vor allem vor den Dorfbewohnern schämt sie sich. Denn nicht jeder hier hat Verständnis für den Willen der Frau, in ihrem Alter noch lesen und schreiben zu lernen. Lächerlich finden sie das. Arifa deutet auf ihre blaue Einkaufstüte, in der sich ihre Schulsachen befinden. „Am Anfang habe ich einen Rucksack getragen“, sagt sie, „doch dann haben mich die Leute noch mehr geärgert.“ Jetzt versucht sie, wie eine ganz normale alte Frau auszusehen, die zum Einkaufen auf den Markt geht.
„Ich bin sehr einsam“
Arifa lebt in Jaba, einer Stadt mit knapp 10000 Einwohnern im Westjordanland, acht Kilometer von Jenin entfernt. Hier ist sie geboren, hier hat sie ihr ganzes Leben verbracht. Arifas Hütte ist zehn Minuten zu Fuß von ihrer Grundschule entfernt. Der Weg führt einen steilen Berg hinauf, vorbei an heruntergekommenen Häusern und kleinen Feldern, auf denen Müll liegt, alte Coladosen und Chipstüten.
Der Schulweg ist nicht nur körperlich anstrengend für Arifa, sondern oft auch seelisch. Denn immer wieder verfolgen sie die Jungen des Dorfes und beschimpfen sie. Sie schimpft dann zwar kräftig zurück - „was man im Arabischen eben so schimpft“, sagt sie. „Über die Mutter und die Schwester und die Religion“ - aber weh tut es ihr trotzdem. Mehrmals schon hat sie sich beim Direktor der Jungenschule beschwert, aber die Jungs hören nicht auf mit ihren Hänseleien. Manchmal wirft sie Steine nach ihnen, um sie zu verjagen.
„So sind Jungs eben“, sagt Arifa und seufzt. Sie stammt aus einer großen Familie, zehn Brüder hat sie, doch sie sagt, sie habe keinen Kontakt zu ihnen. Aufgewachsen ist sie auf einem Bauernhof, dort musste sie auf dem Feld arbeiten und die Schafe hüten. Lieber wäre sie zur Schule gegangen, so wie einige ihrer Brüder, doch ihre Eltern haben es nicht erlaubt. Arifa hat das damals klaglos akzeptiert. Sie ist nicht in einer Zeit aufgewachsen, in der Frauen gegen den Willen ihrer Familien rebellierten.
Seit ihre Eltern vor 20 Jahren gestorben sind, lebt sie allein. Verheiratet war sie nie. „Ich hätte gerne einen Mann gehabt und Kinder“, sagt sie. „Aber mich wollte keiner.“ Sie lacht, als sie das sagt, doch einen Moment später fällt sie merklich in sich zusammen. „Ich bin sehr einsam“, sagt sie. „Nachts habe ich oft Angst.“
Ein Laptop vom Palästinenserpräsidenten
Ihre Hütte aus Stein ist knapp 20 Quadratmeter groß. Sie ist spärlich eingerichtet, auf dem Boden liegt eine Matratze, in der Ecke steht ein kleiner Gaskocher. Es gibt kein Bad, keine Heizung, durch das kleine Fenster zieht es. Über den Boden verteilt stehen kleine Tonfiguren, die sie in ihrer Freizeit bastelt. Ihr wertvollster Gegenstand ist ein Laptop. „Ein Geschenk von Abu Mazen“, sagt sie. Stolz präsentiert sie das Gerät, das sie von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas bekommen hat, schaltet es an und dann wieder aus. Auf dem Desktop befindet sich nicht mehr als ein Foto von ihr. Internet gibt es nicht, sie kann mit dem Computer nichts anfangen. Sinnvoller wäre es sicherlich gewesen, der alten Frau ein Heizung zu schenken oder ein richtiges Bett.
Wann genau der Moment war, an dem sie sich dazu entschlossen hat, zur Schule zu gehen, weiß Arifa nicht mehr. Eines Tages sei sie aufgewacht und habe der Grundschule spontan einen Besuch abgestattet. Wer sie fragt, warum sie lesen lernen wollte, erhält immer dieselbe Antwort: „Um den Koran zu verstehen“, sagt sie. Aus einer Ecke kramt sie ein zerfleddertes Büchlein hervor, das in einen Micky-Maus-Umschlag eingebunden ist. Es ist ein Teil des Korans. Sie rezitiert daraus, aus voller Kehle. Eine Sure, die davon handelt, dass man ein guter Mensch sein und hart arbeiten soll, denn dann komme man ins Paradies.
Das kleinere Übel
Wer mit Bekannten von Arifa spricht, erfährt noch eine andere Geschichte. Als ihre Eltern gestorben sind, haben ihr ihre Brüder ein Dokument vorgelegt. „Hier, das musst du unterschreiben“, haben sie zu ihr gesagt. Arifa konnte zwar nicht lesen, was auf dem Papier stand, hat es aber trotzdem unterzeichnet - und damit ihr Erbe an ihre Brüder abgetreten. Bis heute spricht sie nicht darüber, so sehr schämt sie sich für ihre Naivität, ihrer Unwissenheit.
Im Vergleich zu dem, was ihr ihre Brüder angetan haben, sind die körperlichen Anstrengungen, die ihr Schulweg mit sich bringt, die hänselnden Jungen, die komischen Blicke der Dorfbewohner das kleinere Übel. Deshalb wird sie weiterhin jeden Morgen in die Schule gehen. „Lernen ist wie Licht“, sagt sie.
Nachher wird sie ihre Hausaufgaben machen. Sie muss sie nicht mehr sofort nach der Schule erledigen, denn seit einigen Wochen hat sie Strom in ihrer Hütte und kann abends Licht machen, um zu lernen.
Und ein paar Unterstützer hat sie inzwischen auch gefunden, Menschen, die ihren Ehrgeiz würdigen. Ein Professor der nahegelegenen Universität Jenin hat ihr versprochen, ihr das Studium zu finanzieren, wenn sie ihren Schulabschluss schafft. Arifa hofft darauf, dass das klappt. Sie sagt, sie möchte Apothekerin werden.
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