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25 Jahre Kurznachricht : HDGDL, liebe SMS

Eine einzelne Nachricht auf dem Display? Zu Smartphone-Zeiten eines Besonderheit. Bild: dpa

Der Klassiker unter den Kurznachrichten, die SMS, wird immer seltener genutzt. Dabei ist sie praktisch, unkompliziert und weckt Erinnerungen. Über eine ewige Freundschaft.

          „Bist du bei Facebook?“ „Nein, nicht mehr.“ „Aber du hast doch bestimmt WhatsApp?“ „Nee.“ Einmal mehr bin ich, 27 Jahre alt, ohne Facebook-Konto, ohne WhatsApp, der Exot unter meinen Altersgenossen. Dabei bin ich beileibe kein Kommunikationsverweigerer: E-Mails, Skype, Twitter – alles viel und gerne, telefonieren sowieso. Am liebsten aber schreibe ich einfach eine SMS.

          Mittlerweile ist das ein echtes Distinktionsmerkmal. Denn die großen Zeiten der SMS sind vorbei. 25 Jahre ist es an diesem Sonntag her, dass Neil Papworth, ein britischer Informatiker, die erste SMS schrieb. Im Jahr 2012 wurden in Deutschland noch knapp 60 Milliarden SMS verschickt. Seitdem geht es rapide bergab. 2016 waren es nur noch rund 13 Milliarden Kurznachrichten – ein Rückgang von knapp 80 Prozent. Ein Freund hat mir schon vor Jahren gesagt, ich sei der Einzige, mit dem er noch SMS schreibe.

          Wenigstens reden die Leute noch miteinander, könnte man meinen, schließlich ist das Gesprächsvolumen in der Mobiltelefonie stabil. Dann übersieht man aber, dass dafür das Festnetz längst auf der Roten Liste steht: Immer weniger Menschen telefonieren mit stationären Geräten. Wohl auch daran, vor allem aber am Siechtum der SMS, sind Messenger-Dienste schuld. Sie heißen Viber oder Signal oder eben WhatsApp. Sie kosten nichts, selbst wenn man zusätzlich Fotos, Videos oder Sprachnachrichten verschickt. In Apps wie Snapchat kommuniziert man primär über Bilder. Da werden zuweilen auch sinnlose Bilder geschossen. Eines Morgens konnte ich meinen 17 Jahre alten Bruder dabei beobachten, wie er aus meiner Küche heraus andauernd in den Garten fotografierte. Ich wunderte mich: Vor dem Fenster steht ein Baum, auf dem manchmal ein Eichhörnchen zu beobachten ist. Sonst passiert in dem Garten – nichts. Da die Eichhörnchen an diesem Morgen Ruhe hielten, fragte ich meinen Bruder nach dem Grund für sein ambitioniertes Fotografieren. Vielleicht ein Stillleben? Er brauchte die Bilder für Snapchat, erklärte er mir. Das Motiv war dabei offenbar egal.

          Derlei Aufwand muss man für die SMS, den Klassiker unter den Kurznachrichten, nicht betreiben. Für eine SMS brauche ich kein Profilbild, keine Fotomotive, auch keine zusätzliche App, nichts. Nur eine Nummer. Welches Handy oder Smartphone der Empfänger meiner Nachricht benutzt, ist völlig egal. Vor allem aber bin ich nicht an ein Unternehmen gebunden (WhatsApp ist seit 2014 Teil der Facebook-Inc.), dessen Server sich im Ausland befinden und dem ich immerfort Zugriff auf meinen Kalender, meine Standortdaten oder meine Kontakte gewähren muss. Und: Ich habe meine Ruhe, wenn ich meine Ruhe haben will.

          Dabei habe ich durchaus Versuche unternommen, weitere Kommunikationswege zu ergründen. Als WhatsApp recht neu auf dem Markt war, installierte ich mir die App – und fand sie ziemlich schnell ziemlich nervtötend. Das Nachrichtenvolumen explodierte, mitunter erklang sekündlich der charakteristische Benachrichtigungston. Er kündete von neuen Befindlichkeitsmeldungen, Gruppennachrichten und Links, die mich erreichten. Ich erlebte, was der norwegische Anthropologe Thomas H. Eriksen schon Anfang der 2000er Jahre als „Die Tyrannei des Augenblicks“ beschrieben hatte: eine andauernde Unterbrechung des Alltags durch kleine Informationsschnipsel. Das ist der Feind jeder Stetigkeit im Denken. Leider aber ist es auch ein Phänomen, das immer weiter um sich greift. WhatsApp und Co. verleiten zum Vielschreiben, zum Versenden von allen möglichen Schaubildern und Animationen, zum Weiterleiten skurriler Kettenbriefe. Wer auf SMS setzt, bleibt davon in der Regel verschont. Schätzungen zufolge wurden in Deutschland im Jahr 2015 allein an einem Tag durchschnittlich 667 Millionen WhatsApp-Nachrichten verschickt, SMS gerade einmal 40 Millionen.

          Heute trägt man das Internet in der Tasche

          Meine Beziehung zur SMS ist –  nach Maßstäben des digitalen Zeitalters bemessen – uralt. Meine allererste SMS habe ich auf einem Nokia 3410 getippt, da war ich zwölf Jahre alt. In Prä-Smartphone-Zeiten diente mir die SMS gar als Informationsquelle. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich den Nachrichten-per-SMS-Service  nutzte, als ich zu Schulzeiten in alten Regionalbahnen durch Hessen fuhr. Mich interessierten vor allem die Sportnachrichten. Sie kamen im Telegramm-Stil daher und waren etwa so lang wie bis vor Kurzem eine Twitter-Nachricht. Knapp formulierte Transfermeldungen und Fußballergebnisse bereicherten so manche Fahrt mit Halt in Orten wie Kirch-Göns oder Ostheim. Die Freude über eine einzelne Nachricht ist in Zeiten von inflationär versendeten Mitteilungen passé: Heute habe ich auf dem Smartphone das ganze Internet in meiner Tasche, kann jederzeit und überall Nachrichten lesen.

          Messenger-Dienste begünstigen einen gewissen Druck, zeitnah zu antworten – häufig können Sender und Empfänger sogar den Status („gelesen“, „gesehen“) des anderen überprüfen. Eine SMS hingegen kann reifen, kann gut und gerne auch nach ein paar Stunden oder einem halben Tag beantwortet werden. Für viele WhatsApp-User käme eine derartige Verzögerung wohl einem Affront gleich. Nach etwa einem Jahr verschwand die App von meinem Handy. Bereut habe ich das nie.

          Noch antwortet mir jeder gerne auf eine SMS mit einer SMS – auch mein jüngerer  Bruder. Nur mit einem Freund gestaltete es sich zuletzt schwierig. Er hatte nach einem Vertragswechsel keine SMS-Flat mehr, wollte, dass ich einen Messenger installiere und antwortete auf meine Nachrichten nur noch per E-Mail. Letztlich habe ich mich dann doch breitschlagen lassen. Allerdings habe ich mir nicht WhatsApp, sondern Signal installiert – die App soll etwas sorgsamer mit den Daten umgehen. Bisher ist es mir noch nicht zu viel geworden. Der SMS aber bleibe ich treu, so lange es noch geht. Am liebsten weitere 25 Jahre!

          Quelle: FAZ.NET

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