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Veröffentlicht: 11.09.2016, 12:51 Uhr

15 Jahre nach 9/11 Wie Tausende Flugpassagiere in Gander Zuflucht fanden

Die Bilder des 11. September 2001 brannten sich ins kollektive Gedächtnis ein. Im Schatten der Anschläge aber fanden Tausende in einem Ort in Neufundland Zuflucht.

von Florian Siebeck, Gander/Frankfurt
© Royal Canadian Air Force Gander im September 2001: Der Flughafen wird nach den Terroranschlägen zum Ausweichziel von 38 Flugzeugen. Der Jumbojet der Lufthansa parkt hinter einem Militärtransporter (rechts unten).

Als in New York gerade die Welt untergeht, herrscht über dem Atlantik Totenstille. Lufthansa-Flug 400 ist einer der ersten, der an diesem Dienstagmorgen Frankfurt verlässt und nach Amerika aufbricht. In der ersten Reihe des Flugzeugs sitzt Werner Baldessarini. Genau genommen sitzt er in Reihe 81, das ist die erste Reihe in der First Class, die Lufthansa im Oberdeck des Jumbojets untergebracht hat. Baldessarini, ein umtriebiger Mann, sitzt immer in der ersten Reihe, in der Mode wie im Flugzeug. Er kennt die Welt, und die Welt kennt ihn. Als Chef des Herrenausstatters Hugo Boss ist er auf dem Weg nach New York, eine wichtige Modenschau steht an. Es könnte seine letzte sein. Er trägt sich mit dem Gedanken, beruflich kürzer zu treten.

An seinem Zielort herrscht an diesem 11. September 2001 längst Ausnahmezustand. Terroristen haben zwei Verkehrsflugzeuge in die Türme des World Trade Center gesteuert. Tausende kommen in den zusammenbrechenden Hochhäusern um. Die Modewoche wird gleich nach der ersten Schau am Morgen abgebrochen. Fotografen und Reporter laufen in den Süden von Manhattan, um über die schlimmste Katastrophe in der Geschichte der Stadt zu berichten. In einem Bunker unter dem Weißen Haus schreit Verkehrsminister Norman Mineta die Luftsicherheitsbehörde an: „Get those goddamn planes down!“ Alle. Sofort. 4546 Flugzeuge sind über den Vereinigten Staaten in der Luft, als die Regierung den Luftraum schließt. Gut 400 sind auf dem Weg ins Land, die meisten über den Atlantik.

Im „westbound flow“ fliegen die Maschinen tagsüber nach Amerika, nachts kommen sie zurück. Im Cockpit des Lufthansa-Flugzeugs sitzt Kapitän Reinhard Knoth. Er ist ein erfahrener Pilot, arbeitet seit 30 Jahren für die Lufthansa. Seine 747-200 ist mit 354 Passagieren voll besetzt. Knoth hört den Smalltalk auf einer allgemeinen Frequenz, auf der sich Piloten über das Wetter und andere Kleinigkeiten austauschen. Ein KLM-Pilot sagt: „Irgendwas ist da los in New York. Ein Unfall.“ Knoth schaltet die Deutsche Welle ein. Da rast das zweite Flugzeug ins World Trade Center. Immer mehr Piloten melden sich zu Wort. Wie kann das sein? Wie viele werden folgen? Der Himmel ist blau, die Luft ist ruhig. Um 9.15 Uhr New Yorker Zeit bekommt Knoth Bescheid, dass der Luftraum geschlossen wird.

Petra Roth ist auf dem Weg zum Bürgermeister von New York

In der Lufthansa-Boeing 747 führt eine Wendeltreppe hoch in die First Class im Oberdeck. Einige Vorkommnisse beunruhigen Werner Baldessarini. Er beobachtet, wie eine Flugbegleiterin mit einem vollen Tablett ins Cockpit kommt und mit einem vollen wieder hinaus. „Da habe ich gedacht: Da stinkt’s.“ Auch Petra Roth merkt, dass etwas nicht stimmt. Die damalige Oberbürgermeisterin von Frankfurt sitzt neben Baldessarini. Sie ist auf dem Weg zu einer Feier zu Ehren von Rudolph Giuliani, damals Bürgermeister von New York, einem alten Freund. Schon am nächsten Tag soll es wieder zurückgehen.

42258138 © ddp Vergrößern Designer Werner Baldessarini

Im Cockpit steht Kapitän Knoth in Kontakt mit Gander. In der Kleinstadt in Neufundland arbeiten Hunderte Fluglotsen, die die Flugzeuge über den Atlantik leiten. Knoth war schon über 30 Grad West, einer Linie in der Mitte des Atlantiks, die je nach Wind und Wetterlage darüber entscheidet, ob man zurückfliegt oder nicht. Nach New York sind es noch vier Stunden. Knoth will nach Toronto ausweichen: „Einen Flieger, den man reinbringt, muss man auch wieder rauskriegen.“ Und ihm ist unwohl im Cockpit. „Dieser Terror war organisiert. Wer konnte wissen, ob nicht auch bei uns ein Terrorist mitfliegt?“ In der 747-200 lässt sich die Cockpittür noch nicht richtig sperren. „Wir haben dann die Treppe zum Oberdeck mit Trolleys blockiert. Es hätte uns nicht viel Zeit gegeben. Aber es hat geholfen, uns zu beruhigen.“

Reg Batson sitzt als Lotse in Gander. Er ist seit 39 Jahren im Dienst, aber so etwas hat er noch nicht erlebt. Er hat die Anschläge im Pausenraum im Fernsehen gesehen. Jetzt erscheinen immer neue Flugzeuge auf seinem Bildschirm, die er gemeinsam mit drei Kollegen auf umliegende Flughäfen verteilen muss. Es sind riskante Bewegungen. An die Crews funkt er: „Hört zu, ihr habt Flugzeuge über euch, unter euch, zu eurer Linken und zur Rechten. Haltet bitte die Augen auf, und falls ihr zu kollidieren droht, meldet euch.“ Nach und nach eilen Dutzende Kollegen ins Kontrollzentrum, um Batson und seine Kollegen zu unterstützen. „Wir wollten alle Flugzeuge schnell vom Himmel holen.“ Nur der Pilot eines Privatjets aus dem Nahen Osten sagte, er wolle trotzdem nach Amerika weiterfliegen, er habe wichtige Leute an Bord. Batson schüttelt noch heute den Kopf. Seine nächste Durchsage: „Jeder von euch, der nach Amerika weiterfliegt, wird abgeschossen.“

42286814 © Archiv Vergrößern Radar-Aufnahmen vom 11. September über Gander: Jede Linie zeichnet die Bewegung eines Flugzeugs nach.

Fidel Castro sah in Gander zum ersten Mal Schnee

Knoths Zielwunsch wird abgeschlagen. „Ihr landet in Gander, jetzt“, sagt das Kontrollzentrum. Knoth, mittlerweile im Ruhestand und als Freiberufler Ausbilder von Piloten der Lufthansa, kennt Gander gut: „Jeder Pilot kennt Gander.“ In Gander kann man noch einen Backbeam-Anflug machen, ein altes Anflugverfahren, „einen archaischen Approach“. Als Knoth mit dem Sinkflug beginnt, kreisen Dutzende großer Flugzeuge um den Flughafen. Knoth landet als Nummer 23. Er macht den Backbeam. Und dann erst mal nichts. „All unsere Verbindungen – tot. Alle Kommunikation – tot. Das, was da war, war total überlastet. Von dem Zeitpunkt an waren wir komplett allein. Aber ich war froh, dass wir in Gander waren.“

42258100 © Florian Siebeck Vergrößern Kapitän Reinhard Knoth

Durch die exponierte Lage am östlichsten Zipfel Kanadas war Gander lange wichtig für die Luftfahrt. „Wir waren die Tankstelle der Welt“, sagt Bürgermeister Claude Elliott. Den Flughafen gab es, bevor die ersten Straßen kamen. Nach seiner Eröffnung 1938 war Gander der größte Flughafen der Welt. Am Anfang waren es die Kampfbomber, die nach Europa in den Weltkrieg geschickt wurden. Nach dem Krieg kamen die Passagiere, die es sich leisten konnten. Gander liegt strategisch günstig zwischen London und New York, alle großen Airlines landeten hier und tankten auf.

Das mit besten Möbeln ausgestattete neue Terminal wurde 1959 von Königin Elisabeth II. eröffnet. Im Flughafen gab es ein Restaurant mit angeschlossener Bar, die rund um die Uhr Alkohol ausschenkte. Die Partys fanden am Flughafen statt. Frank Sinatra kam, Marilyn Monroe und Albert Einstein. Fidel Castro sah in Gander zum ersten Mal Schnee. Die Sicherheitsvorkehrungen waren lax. DDR-Bürger, unterwegs in Richtung Kuba, flohen hier oft in den Westen. Und wer wollte, mischte sich unter die Leute. Die liebste Freizeitbeschäftigung: „Eis essen und Flugzeuge gucken“.

© F.A.Z., Helmut Fricke Nach dem Anschlag am 11. September: „Und plötzlich herrschte Stille“

Bürgermeister Elliott ruft schnell den Notstand aus

Mit der Boeing 707, die weiter und länger flog als all ihre Vorgänger, begann das Ende dieser Ära. Mit der 747 war es endgültig vorbei mit dem Jetset in Gander. Immerhin: Die Privatjets mancher Promis – Brad Pitt, Nicole Kidman, Tom Cruise – kommen noch immer, hier gibt es eben auch keine Paparazzi. Der Flughafen selbst schreibt Verluste. Gander galt lange als mögliche Ausweichstelle für Space Shuttles, die den Start abbrechen müssen. Doch nicht einmal Raumfähren gibt es noch.

Heute ist Gander eine typische kanadische Kleinstadt mit Kleinstadthäusern, Kleinstadtvorgärten und Kleinstadtthemen wie dem Wetter und der Konjunktur. Vor Jahren hatten sie versucht, aus Gander ein Ski-Resort zu machen, kaum jemand kam. Ihre Herzen aber haben die Menschen in Gander nicht verloren. Dieser 11. September 2001 fühlt sich für sie ein bisschen an wie die alten Zeiten. Die Welt zu Gast in Gander. 38 Flugzeuge landen hier. Dutzende, Hunderte, Tausende strömen in die Stadt. Am Ende sind es 6595 „plane people“.

42286816 © Florian Siebeck Vergrößern Bürgermeister Claude Elliott in seinem Büro

Bürgermeister Elliott wird beim Frühstück von der Weltlage überrascht. Er ruft schnell den Notstand aus. „Wir wussten, dass die Airlines Sturm klingeln würden, um die Zimmer für ihre Passagiere zu buchen. Das wäre fatal gewesen, denn die Crews brauchen Ruhezeit, sonst können sie nicht wieder wegfliegen.“ In Gander gibt es 500 Hotelzimmer. Die Passagiere werden in Schulen, Sporthallen, Vereinsheimen, Clubs untergebracht. „Wir wussten nicht, wie viele Menschen es sind und wie lange sie bleiben“, sagt Elliott. „Eine Stunde? Zwei Stunden? Zehn Tage?“ Wie würde man all diese Flieger betanken? Was soll man den Menschen zu essen geben?

Die Wucht der Bilder trifft die Gäste ins Mark

„Wir haben gedacht, das ist der halbe Weltuntergang“, sagt Werner Baldessarini. „Wir wussten ja gar nicht genau, um was es ging.“ Die Informationen im Flugzeug sind spärlich, auch Knoth weiß nichts Genaues. Stundenlang steht die Boeing 747 auf dem Rollfeld. An den Türen hat die Crew Raucherräume eingerichtet; eine gute Entscheidung, denn in anderen Flugzeugen müssen sie die Raucher sedieren, so sehr schüttelt es sie. „Wir haben Filme gezeigt, nochmal, Musik, alles, was ging“, sagt der Kapitän. „Wer was essen wollte, kriegte was zu essen. Wer was trinken wollte, bekam etwas zu trinken. Und wenn einer unbedingt einen Wein brauchte, dann haben wir das auch gemacht.“

42286810 © Archiv Vergrößern Zehn Stunden passiert erst einmal nichts: Die Boeing 747 der Lufthansa am Boden in Gander.

Mobiltelefone funktionieren nicht. Das System in Gander ist nicht kompatibel. Es ist Abend, als die Stufen ans Flugzeug gefahren werden. Zehn Stunden haben die Passagiere auf ihren Sitzen ausgeharrt. Im Terminal hat ein Helfer eine große Karte aufgehängt. „You are here“, steht in großen Lettern darauf geschrieben. Die Leute schauen sich ungläubig an. „Wir dachten, wir steigen kurz aus und fliegen dann weiter“, sagt Baldessarini. Aber nach der Passkontrolle bringen Schulbusse die Passagiere ins Gander Collegiate. Obwohl es schon Mitternacht ist, werden sie von vielen Leuten begrüßt – mit Handtüchern, Bettzeug, Essen und Wasser. Pritschen fehlen noch. Petra Roth bedankt sich bei den Helfern für ihren Einsatz. Die Wucht der Bilder trifft die Gäste ins Mark. „Überall standen Fernseher, und dann haben wir gesehen, worum’s da ging. Es war eine furchtbare Situation.“

42286813 © Archiv Vergrößern Als das Grauen sichtbar wird: Erst bei ihrer Ankunft in Gander sehen die meisten Fluggäste die Bilder aus Manhattan.

Ein Pilot richtet eine „Crew-Lounge“ mit Alkohol ein

Belulah Cooper bekam einen Anruf. Früher war sie Versicherungsmaklerin, heute arbeitet sie ehrenamtlich in der Ehrenlegion. „Man fragte mich, ob ich Sandwiches machen könne. Das war sehr ungewöhnlich. Normalerweise weiß ich, wenn irgendwo eine Feier steigt.“ Sie bringt die Sandwiches zur Ehrenlegion und nimmt drei Frauen gleich mit zu sich nach Hause, sie hat ein großes Haus mit fünf Schlaf- und drei Badezimmern. „Wenn meine ganze Familie kommt, möchte ich sie auch irgendwo unterbringen können.“ Cooper ist in Gander für ihre Fürsorglichkeit bekannt. Sie lässt rund um die Uhr Leute bei sich duschen, macht Schnittchen, spricht Trost aus. Sie nimmt ein Paar bei sich auf, das sich um seinen Sohn sorgt. Er ist Feuerwehrmann in New York, und er wird den 11. September nicht überleben.

Im Sindbad-Hotel, wo die Lufthansa-Mannschaft mit zehn anderen Crews untergebracht ist, hat ein Pilot von Delta eine „Crew-Lounge“ mit Alkohol eingerichtet. Unbehagen breitet sich unter den Flugbegleitern aus. Manche sind in sich gekehrt, andere machen zynische Witze. Für zwei Flugbegleiter aus Knoths Crew ist es der erste Flug über den Atlantik, eine Flugbegleiterin ist diplomierte Seelsorgerin. Knoth teilt seine Crew auf. Sieben Leute sollen den Flieger startklar kriegen, der Rest sich um die Passagiere kümmern. Jeden Tag nach dem Frühstück gibt es eine Besprechung. Knoths Zimmer ist Kommandozentrale, das Telefon rund um die Uhr besetzt. So vergehen die Tage und Nächte. Selbst in der Nacht laufen Hunderte Menschen durch die Stadt.

Als Werner Baldessarini am Donnerstag, dem 13. September, in den Walmart kommt, sind die Regale längst geräumt. Er hat in Metzingen angerufen, dass er nicht so bald wiederkommt. Jetzt braucht er frische Wäsche. Er trägt einen Kaschmir-Anzug, von Kopf bis Fuß in Baldessarini gekleidet – die teure Linie von Boss ist nach ihm benannt. Im Walmart findet er eine XXL-Unterhose und kauft sie.

Freiwillige kümmern sich um Hunde und Katzen

Im Gander Collegiate wird groß aufgefahren. Morgens, mittags und abends gibt es warmes Essen, gekocht von den Eltern der Schüler. Der Schulleiter organisiert Spieleabende, Bingo, Countrymusik. Wachtmeister Oz Fudge fährt einen deutschen Rentner im Polizeiwagen zum Zigarettenholen. In der Hauptstraße von Gander stehen Tische mit Festnetztelefonen, alle Anrufe sind kostenlos. Freiwillige kümmern sich um die Hunde und Katzen, die in leerstehende Hangars gebracht wurden. Sogar zwei Bonobos sind unter den Tieren. Die Supermärkte sind im 24-Stunden-Betrieb. Die Leute können sich in vielen Geschäften einfach nehmen, was sie wollen. Der Apotheker Kevin O’Brien und seine Frau telefonieren Hausärzte in vielen Ländern ab und stellen Hunderte Rezepte kostenlos aus.

42258094 © Florian Siebeck Vergrößern 15 Jahre danach: Im „Gander Center“ wird, heute wie damals, der Flugverkehr über den westlichen Atlantik gesteuert.

Das Stadion wird zum „größten Kühlschrank Kanadas“ umfunktioniert. Die Leute kochen, kochen, kochen. Auch Fluglotse Batson. „Fluglotsen sind auch ziemlich gute Köche“, sagt er. Der Golfclub öffnet gratis. Und Bürgermeister Elliott räumt sein Büro. Da sitzt jetzt Petra Roth und arbeitet. Sie fragt sich: Was, wenn der Terror nach Frankfurt kommt? Wie lange würden sie hier noch bleiben? Sie ruft Joschka Fischer an, doch auch der ist machtlos.

Werner Baldessarini sieht in Gander zum ersten Mal einen Elch. Er ist überrascht, wie groß er ist. „Viel größer als ein Hirsch.“ Die größere Überraschung aber kommt per Auto. In Metzingen haben sie ein Care-Paket für ihn organisiert. Byron Murphy, Herrenausstatter aus dem drei Stunden entfernten St. John’s, bringt mit dem Auto Shirts, Hosen, Unterwäsche, auch Wein, Käse und Brot. Baldessarini ist peinlich berührt – all der Aufwand nur für ihn. Murphy kannte Baldessarini nur von Bildern, und nun steht er leibhaftig vor ihm. Baldessarini unterhält sich mit ihm, lädt ihn nach Metzingen ein und zu einer Modenschau. Das Care-Paket fasst er nicht an. „Ich habe gedacht: Das kann ich nicht machen, die kochen hier so gut. Also habe ich ihn weitergeschickt. Ich wollte nicht den großen Meister spielen.“ Die Unterwäsche hat er behalten.

„Bevor ich sterbe, zeige ich dir meine Heimat“

Die kleinen Geschichten erzählt man sich in Gander noch heute gern. Da ist der Neufundländer, der nachts von einer Dienstreise zurückkommt, sich ins Bett legt und erschrickt, weil eine fremde Frau darin liegt, die seine Frau kurzerhand aufgenommen hat. Da ist der Amerikaner, der die Verkäuferin im Pizzaladen anfleht, bezahlen zu dürfen, um sich zumindest einmal erkenntlich zu zeigen. Da sind der Amerikaner und die Britin, die sich in Gander kennenlernen und später heiraten. Und der 80 Jahre alte Neufundländer, der zu seiner Frau im Flugzeug sagt: „Bevor ich sterbe, zeige ich dir meine Heimat.“ Auch sie landen unverhofft in Gander.

Wie soll Hugo Boss in Metzingen nun Werner Baldessarini aus Gander holen? Freitag, der 14. September. Die Schau ist verschoben, wohl zwei Millionen Dollar sind in den Sand gesetzt. Der Besitzer des von Boss gesponserten Rennstalls McLaren ist Mansour Ojjeh, ein saudischer Geschäftsmann. Als er hört, dass Baldessarini in Neufundland feststeckt, will er gleich seinen Privatjet losschicken. „Zuerst war ich ganz begeistert, dann habe ich abgesagt“, sagt Baldessarini. „Man baut in kürzester Zeit eine Verbindung zu den Leuten auf. Da kann man nicht als Großmeister abhauen. Das fühlte sich irgendwie komisch an.“ Er will bleiben, will das bis zum Ende durchstehen. In Metzingen denken sie: Jetzt spinnt er.

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Die Tage gehen ins Land, die Passagiere schwimmen, wandern, fahren Kanu, spielen Fußball und Basketball. Einige Kinder haben Geburtstag, also wird eine große Feier für alle veranstaltet. Wachtmeister Fudge verschenkt 244 Uniform-Aufnäher, steckt seine Tochter in ein überdimensioniertes Entenkostüm und lässt sie „Commander Gander“ spielen. Für 300 Kinder werden Kuchen gebacken, ein Lastwagen bringt Spielzeug. Unter Tränen kommt eine britische Mutter zu Fudge, die mit ihrer krebskranken Tochter auf dem Weg nach Disneyland war, um ihr ihren letzten Wunsch zu erfüllen. „Sie hat mir gesagt, dass sie nicht mehr nach Disneyland will. Hier sei es viel schöner.“

42286960 © Royal Canadian Air Force Vergrößern Unfreiwilliger Zwischenhalt: mit gelben Schulbussen werden die Passagiere transportiert.

In manchen Flugzeugen entbrennt ein Streit

Am Samstag stehen die Zeichen auf Aufbruch. Der Luftraum ist frei, nach und nach starten die Flugzeuge. Aber wohin fliegen, New York oder Frankfurt? In anderen Flugzeugen entbrennt ein Streit, die eine Hälfte will zurück, die andere nicht. In Absprache mit der Lufthansa entscheidet sich Knoth, seine Boeing weiter nach New York zu fliegen. Dort steht ein Flugzeug nach Frankfurt bereit. Innerhalb von zwölf Stunden bereitet die Crew alles vor. Das Flugzeug stinkt bestialisch. Es ist der wärmste September seit langem, Essensreste sind verdorben, die Toiletten nicht gereinigt. Im Supermarkt kaufen Knoths Flugbegleiter Mülltüten, Desinfektions- und Reinigungsmittel. „Wir waren die einzigen, die beim Rückflug einen sauberen Flieger hatten“, sagt Knoth. „Eine tolle Crew. Ich möchte die Zeit nicht missen.“

Zum Abschied stehen die Neufundländer Spalier und singen. Auf manchen Flügen bieten junge Amerikaner an, mit Äxten als Sky Marshalls zu agieren – die Piloten lehnen es ab. Die letzten, die landeten, sind die ersten, die wieder weg sind. Nicht alle Passagiere sind an Bord. Einige haben sich Autos gekauft oder geschenkt bekommen und versuchen es auf dem Landweg. Roth und Baldessarini fliegen zurück, Knoth und seine Besatzung als Passagiere. Im Terminal in Frankfurt wartet schon die Presse. Petra Roth tritt, wie diese Zeitung berichtete, „in Jeans, blauem Sweatshirt, Karobluse und Trekking-Schuhen, etwas erschöpft, die Haare leicht zerzaust“ vor die Öffentlichkeit. „Mir geht es gut.“ Viel mehr sagt sie nicht.

42258156 © Marcus Kaufhold Vergrößern Geschafft: Petra Roth 2001 zurück in Frankfurt.

„Diese Tage wird niemand in Gander vergessen“

126 Stunden vergehen in Gander von der ersten Landung bis zum letzten Abflug. Dann geht das Leben einfach weiter. Kaum einer spricht über die Woche, in der eine ferne Tragödie sie plötzlich direkt betrifft. „Diese Tage wird niemand in Gander vergessen“, sagt Bürgermeister Elliott. „Sie haben uns gezeigt, wie gut wir es haben. Okay, wir leben weit ab vom Schuss. Aber dafür hasst uns niemand. Ich glaube, wir haben vielen Menschen auch das Vertrauen in das Gute wiedergegeben.“

Delta-Flug 15 sammelt im Flugzeug 15000 Dollar für die Gemeinde. Die Passagiere legen einen Fonds auf, der noch heute Stipendien für Schüler vergibt. Baldessarini und Roth bedanken sich per Brief. Den Mann aus dem Modeladen lädt Baldessarini zu einer Modenschau und nach Metzingen ein. Im Jahr 2002 tauft die Lufthansa einen neuen Airbus A340-300 auf den Namen „Gander/Halifax“. Im Rathaus stehen heute drei prall gefüllte Aktenordner mit Dankesbriefen. Das Stück über die Herzlichkeit von Gander hat im Frühjahr 2017 auf dem Broadway Premiere.

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