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Wer in Deutschland wirklich unverzichtbar ist

Foto: Frank Röth

Die Unverzichtbaren

Foto: Frank Röth

24.09.2017 · Deutschland wird nicht allein in Berlin gemacht. Die Menschen, ohne die nichts geht, arbeiten nachts oder in ihrer Freizeit, retten Leben oder den Freitagabend. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung erzählt 14 Geschichten über die Stützen der Gesellschaft. Ein Auszug.

Silke Brodbeck, Kriminalistin: „Mein Respekt vor Blut wächst von Tag zu Tag“

Frau Brodbeck, Sie analysieren an Tatorten die Muster von Blutspuren. Was sagen die Ihnen?
Etwas über den Ablauf eines Geschehens. Es geht immer um die Frage: Stehen die Blutspuren im Einklang mit dem, was Angeklagte oder Zeugen sagen?

Würde ich sagen: Ich habe in Notwehr zugestochen - wie muss dann so ein Tatort aussehen, damit Sie mir glauben?
Dann geht es darum, wo das alles stattgefunden haben soll. Wo hat der Konflikt begonnen? Wo gab es den ersten Stich? Wenn Sie sagen, im ersten Stock, aber alle Blutspuren sind im Keller, würde ich mir das genauer ansehen.

Das ist banal.
Auf den ersten Blick. Ihre Version ist aber nicht komplett ausgeschlossen. Schließlich kann es sein, dass das Opfer erst einmal keine stark blutenden Wunden hatte und vom ersten Stock in den Keller gelangt ist. Meistens ist die Sache aber detaillierter und es geht um die physikalischen Mechanismen, mit denen Blutspuren entstanden sind.

Zum Beispiel?
Einfaches Abtropfen hinterlässt normale Tropfspuren. Wenn aber ein Hammer auf einen Menschen trifft, sieht das ganz anders aus.

Sind die Spritzer dann kleiner?
Größe allein ist nicht entscheidend - sie sagt gar nichts aus ohne Form und Verteilung. Kleine Spritzer sind in der Regel in der Nähe zu dem Ort entstanden, wo sie zu finden sind. Es sei denn, es waren Zentrifugalkräfte am Werk, etwa durch das Schwingen eines Hammers. Man kann aber beides unterscheiden: Das erste hat eine feldförmige Verteilung, das andere eine lineare.

Es geht immer um die Frage: Stehen die Blutspuren im Einklang mit dem, was Angeklagte oder Zeugen sagen? Foto: Frank Röth

Wo kommen Sie an Ihre Grenzen?
Bei manchem Oberflächen - Waldboden etwa oder Gras. Es kann auch sein, dass Blut einfach nicht raustropft. Wenn jemand erstochen wird und er trägt dabei eine dicke Daunenjacke - dann gibt es außer an der Jacke nirgendwo Blutspuren.

Gut für Ihre Arbeit ist also, wenn es richtig blutig wird?
Das ist gar nicht so optimal. Manchmal hat man solche Situationen. Wenn zum Beispiel drei Leute auf engem Raum gestorben sind. Aber je mehr Blut sich überlagert, desto schwieriger wird es mit der Rekonstruktion. In diesen Fällen kann ich dann noch herausfinden, welche Blutspur vom Täter stammen könnte.

Sie erkennen Täterblut mit bloßem Auge?
Ich erkenne, welche Spur eine größere Wahrscheinlichkeit hat, Täterblut zu sein. Wenn überall Blut ist, will man ja nicht bei unendlich vielen Proben die DNA analysieren. Gibt es zum Beispiel eine Gegend, in der weniger Spuren sind, das Opfer aber stark geblutet haben muss, dann erhöht das die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Spuren dort vom Täter sind.

Was ist, wenn Täter versuchen, ihre Spuren zu vernichten?
Putzen verändert zwar die Spuren. Aber mit chemischen Verfahren kann man Blut meistens nachweisen. Es ist auch keine sichere Methode, den Tatort abzubrennen. Wir haben schon häufiger Brandversuche gemacht und konnten meistens alle vor dem Feuer gelegten Spuren nachweisen.

Finden Sie Blut eigentlich gar nicht eklig?
Der Geruch kann manchmal eklig sein. Aber vor der Substanz Blut wächst mein Respekt von Tag zu Tag. Sie hat so viele Aufgaben - bis heute können wir sie nicht künstlich nachmachen.

Was macht Blut so besonders? Es ist die einzige Flüssigkeit, die ihre eigenen Gefäße repariert. Jemand schneidet sich in den Finger - und das Blut beginnt sofort selbst mit der Reparatur.

Silke Brodbeck bei der Arbeit: „Der Geruch kann manchmal eklig sein.“ Foto: Frank Röth

Sie sind die einzige Spezialistin auf Ihrem Gebiet im deutschsprachigen Raum. Was wäre, wenn es keine Blutspurenmusteranalysen gäbe?
Dann würde ein Puzzleteil zur Aufklärung von Verbrechen fehlen. Und das kann bei einem großen Puzzle auf Dauer schon ziemlich schwierig werden.

Irren Sie sich manchmal?
Ich bin kein Richter. Die haben die Aufgabe, alles zu einem einheitlichen Bild zusammenzufügen. Manchmal kommt den Gutachtern vor Gericht aber eine ganz entscheidende Rolle zu. Ein guter Sachverständiger wird immer von Wahrscheinlichkeiten sprechen - er wird nie sagen, so oder so ist es gewesen. Aber er hilft, Geschehen zu verstehen und nachzuweisen.

Die Unverzichtbaren
Mehr „Unverzichtbare“ gibt es in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.


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Flughafen-Arbeiter


Foto: Frank Röth

Der Flughafen-Arbeiter

Foto: Frank Röth

Nicolas Tiedemann, Flughafen-Mechatroniker: 34000 Lampen, und er kennt jede mit Namen

Nicolas Tiedemann steuert seinen Pick-up über die Landebahn, vorbei an den Lichtern im Boden, grüne, weiße, Hunderte. Er kennt jedes davon mit Namen. RCL heißen die in der Mitte. Links und rechts davon leuchten in akkuraten Dreierreihen die TDZ. Und hinten, kurz vorm Horizont, da liegen die roten REH. Es ist halb eins in der Nacht, und Tiedemann sucht nach Löchern im Muster, nach Lichtern ohne Licht. „Da vorne haben wir doch eins“, sagt er und lenkt ein.

Etwa 1200 Maschinen starten und landen jeden Tag am Frankfurter Flughafen. Dafür, dass die Piloten auch bei Nebel, Regenschleier und im Dunkeln sehen können, wo sie runtermüssen, leuchten am Boden 34000 Lampen. Und damit sie das tun, fahren Nicolas Tiedemann und seine Kollegen jede Nacht raus. Sie sind für die Befeuerung zuständig, so heißen die Lichter noch, weil die Landebahnen einst mit brennenden Ölfässern markiert worden sind. Eine lang vergangene Hemdsärmeligkeit: Wenn heute bei schlechten Sichtverhältnissen drei Lampen hintereinander ausfallen, muss die Startbahn dichtgemacht werden. Dann entscheidet die Flugsicherung, wann sie wieder freigegeben wird. Ein Darf-auf-keinen-Fall-passieren-Szenario im Just-in-time-Wahnsinn der Luftfahrt.

Nicolas Tiedemann auf dem Frankfurter Flughafen: Wenn bei schlechten Sichtverhältnissen drei Lampen hintereinander ausfallen, muss die Startbahn dichtgemacht werden. Foto: Frank Röth

Früher an diesem Abend und doch viel zu spät lümmelten Tiedemann und die anderen fünf Nachtschichtler noch um einen groben Handwerkertisch. An normalen Tagen sind sie um diese Zeit schon draußen, denn an normalen Tagen „steht der Flughafen“, wie sie es nennen, Schlag elf. Dann beginnt das Nachtflugverbot und die paar Stunden, in denen Tiedemanns Team arbeiten kann, ohne alle paar Minuten einem aufsetzenden 140-Tonner ausweichen zu müssen. Aber heute war’s gewittrig, einige Flieger haben es nicht pünktlich geschafft und dürfen ausnahmsweise später landen. Nicht, dass man es Tiedemann, Mann gewordene Gelassenheit, ansehen würde, aber das ist Stress: Um fünf Uhr müssen sie fertig sein mit der Arbeit, dann geht das große Fliegen wieder von vorne los.

23.18 Uhr. Tiedemann fährt einmal quer über die Start-und-Lande-Bahn. Dass er das darf, ist ein Privileg in der eingenormten Flughafen-Welt. Und es ist, so sagt Tiedemann das, eine große Verantwortung. „Wir dürfen hier draußen keine Schraube rumliegen lassen - wenn die morgen in ein Triebwerk kommt, ist das ein sehr hohes Risiko.“ Er steuert jetzt das Loch im Lichtermuster an, das nur einer erkennt, dem inzwischen auch jede ausgefallene Straßenlaterne sofort auffällt. LNO REH LR H301 heißt die Lampe, ein 18-Zoll-Gussalu-Monster, auf dem notfalls auch ein Jumbojet mit einem Platten landen könnte. Die Lampe, die hier leuchten sollte, sollte das Ende der Landebahn markieren.

Große Verantwortung: „Wir dürfen hier draußen keine Schraube rumliegen lassen – wenn die morgen in ein Triebwerk kommt …“ Foto: Frank Röth

Nummer H301 hatte schon digital Alarm geschlagen, dass etwas mir ihr nicht stimmt. Der größte Feind der Monteure ist das Wasser – das schafft es mit der Zeit überall hin. Manchmal brennt so eine Lampe aber auch einfach durch. Tiedemann ahnt in diesem Fall, dass es beides nicht ist und was er tun muss: den „Schnüffler“ um den Hals legen, der ihn vor giftigen Gasen und zu wenig Sauerstoff warnt, in den Kabelschacht steigen, ein Elektromodul austauschen, wieder auftauchen, in der Trafostation den Stromkreis neu programmieren, warten, testen. „Wir werden oft aufs Lämpchenrausdrehen reduziert“, sagt er, und das ist das Einzige, was ihn wirklich ärgert.

An zehn Tagen im Monat fängt Tiedemanns Schicht um halb zehn Uhr abends an. Er arbeitet nachts, damit Tag für Tag die Flieger aus unserem Urlaub oder mit unseren Amazon-Paketen wieder landen und starten können. „Das Reinkommen in die Nachtschicht ist leichter als das Rauskommen“, sagt Tiedemann, dem der ständige Jetlag, 27-jährig, wie er ist, bisher noch nicht so sehr zu schaffen macht.
H301 leuchtet wieder. Tiedemann steigt in seinen Pick-up und fährt über die Sensoren, die die Flugzeuge tagsüber wie eine Art Einparkhilfe auf die Bahn lotsen und die jetzt ausgeschaltet sind. Am Tag ist es streng verboten, hier entlang zu fahren. Tiedemanns Kollege nennt das Sensoren-System die „wichtigsten Dinger am Flughafen“. Auch die müssen funktionieren – und auch das ist Tiedemanns Job.


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Schiri


Foto: Daniel Pilar

Der Schiedsrichter

Foto: Daniel Pilar

Alexander Tiemann, Schiedsrichter: „Manche Spieler sind betrunken“

30 Minuten vor Anpfiff. An der Wurstbude von DJK Blau-Weiß Mintard bestellt ein junger Mann mit Kappe eine Rindswurst. „Mit Pommes?“, fragt die Frau am Grill. „Nein, erst mal sehen, wie ich die Wurst vertrage.“ „Lange gefeiert gestern?“ „Ich war noch nicht Zuhause.“ Es ist Sonntag, 14.30 Uhr. Ein paar Meter weiter stößt Alexander Tiemann die Tür zu seiner Umkleidekabine auf. Er ist seit 14 Jahren Schiedsrichter, heute darf er zum zweiten Mal Bezirksliga pfeifen. Seine Kabine ist etwa vier Quadratmeter groß, man kann sie nicht abschließen, auf dem Waschbecken liegen aufgerissene Kontaktlinsen-Verpackungen.

„Ich freue mich auf die Bezirksliga. Sonst pfeife ich Kreisliga, da spielen ja oft Leute, die keinen Fußball mehr spielen sollten. Manche sind noch betrunken vom Vorabend und trinken direkt weiter. Aber ich pfeife alles.“

8. Spielminute. An der Seitenlinie kämpfen die Spieler um den Ball, ein bedrängter Mintarder schlägt ihn weg – in Richtung des eigenen Tors. Dort schnappt sich ein Spieler von Gast TuS Bergeborbeck den Ball, er rast alleine auf den Torwart zu. Ein Pfiff stoppt ihn. „Abseits!“, ruft Tiemann. Ein Mintarder freut sich an der Seitenlinie: „Der hat nicht gesehen, dass der Ball von uns kam.“ Er hat die Assistentenfahne in der Hand.

„Ich habe zum Trainer später gesagt: Es kann sein, dass ich da einen Fehler gemacht habe. Es ist unmöglich, alleine immer alles mitzubekommen, das schaffen fünf Schiris in der Champions League nicht. Das war okay für ihn. Den Spielern sage ich manchmal: Ihr spielt doch selbst schlecht, glaubt ihr, dann kommt ein Fifa-Schiedsrichter?“

20. Minute. Ein Spieler grätscht an der Mittellinie seinen Gegner ab. Tiemann übertönt empörte Zuschauerrufe: „Ihr habt den Ball! Ihr habt den Ball! Ihr habt den Ball!“ Dann verliert der Mitspieler des Gefoulten den Ball, Tiemann pfeift den Vorteil ab. Freistoß. „Gut gesehen, Schiri“, ruft ein Spieler.

„Ich hatte als Kind nichts mit Fußball am Hut. Mein Vater hat mich irgendwann mit zum MSV Duisburg genommen. Mich hat fasziniert, wie der Schiedsrichter von zehn Spielern angegangen wird und seinen Mann steht. Das hat zu mir gepasst. Ich hatte Gewichtsprobleme und konnte mich nicht gut durchsetzen. Also wurde ich mit 16 Schiedsrichter. Ich bin jetzt 30, pfeife auch als Assistent in der Oberliga. Und ich bin Geschäftsstellenleiter bei der Sparkasse. Ohne die Schiedsrichterei hätte ich das nicht geschafft.“

40. Minute. Bergeborbeck führt 1:0, bei der Heimmannschaft liegen die Nerven blank. „Wir spielen wie ein Absteiger, nicht wie ein Tabellenführer“, schreit der Mintarder Trainer. Er tritt seinen Stuhl weg. Plötzlich verpasst ein Spieler von Bergeborbeck seinem Gegner einen Bodycheck, der Gefoulte kracht gegen die Bande. Schon im Spurt greift Tiemann zur Gelben Karte.

„Es wurde viel gefoult heute, aber es war im Rahmen. Als ich mit 16 zum ersten Mal Assistent bei einem Herrenspiel war, hat der Schiedsrichter vor dem Spiel das Auto verriegelt. Beim Hinspiel hatte es eine Massenschlägerei gegeben. Ich wurde 90 Minuten aufs Übelste beschimpft, danach saß ich zitternd in der Kabine. Seitdem ist es auf den Plätzen eher schlimmer geworden. Ich betreue junge Schiedsrichter, kürzlich hat mich einer heulend angerufen, weil es bei einem D-Jugend-Spiel eine Massenschlägerei zwischen den Eltern gegeben hatte.“

58. Minute. Mintard hat das Spiel gedreht, 2:1. Ein Zuschauer macht das, was fast jeder Fußballfan in so einem Fall macht – er schimpft auf den Schiedsrichter: „Der pfeift wie eine Muschi.“

„Es gibt Spiele, da fühlt sich jede Minute wie eine Stunde an. Die Assistenten der Vereine sind oft keine Hilfe, im Gegenteil. Einmal hat einer selbst mit den ,Fette Sau‘-Rufen angefangen, das hat sich auf Spieler und Zuschauer übertragen. Meine Chefs haben immer gesagt: Du bist gut, aber du bist angreifbar – wegen deines Gewichts. In einem halben Jahr bin ich dann von 130 auf 70 Kilogramm runter.“

76. Minute. Vorentscheidung, 3:1 für Mintard. Der Trainer ruft den Torschützen, die Nummer zehn, zu sich: „Du brauchst noch eine Karte!“ Nummer zehn hat in der Saison bereits vier Gelbe Karten gesammelt, bei der fünften wird er für ein Spiel gesperrt. Und das Topspiel ist das übernächste Spiel. Wenige Minuten später tritt er den Kapitän der Gäste um. Dessen Trainer brüllt: „Immer auf denselben, ist der Freiwild oder was?“ Ein Zuschauer schüttelt den Kopf: „Der hätte doch den Ball weghauen können, stattdessen haut er ihn komplett aus dem Leben.“ Tiemann zeigt Gelb.

„Wenn sich jemand gezielt eine Gelbe Karte holen will, kann ich das nicht härter bestrafen. Foul ist Foul.“

86. Minute. Nummer zehn wird am Spielfeldrand behandelt – und sprintet plötzlich wieder auf den Platz. Das muss der Schiedsrichter eigentlich erst erlauben. Tiemann bleibt keine Wahl: Gelb-Rot. Platzverweis. Der Mintard-Trainer schreit über den Platz: „Wie kann man nur so dämlich sein?“ Abpfiff. In der Vereinsgaststätte lässt Tiemann gemeinsam mit Nummer zehn den Platzverweis Revue passieren. „Ich wollte nur abkürzen“, sagt Nummer zehn. Tiemann grinst: „Mach’ dir nichts draus. Das passiert dir nur einmal im Leben.“

„Das ist das Schöne: Hinterher sitzen selbst die Schiris oft mit der Mannschaft zusammen, trinken ein Bier und lachen über die eigenen Fehler. So etwas gibt es nicht in den höheren Ligen. Ich brauch’ das nicht, beleidigt zu werden. In der Halbzeitpause kam heute ein Zuschauer zu mir und hat gesagt: ,Gut gemacht, du pfeifst sonst höher, oder?‘ ,Nein‘, habe ich gesagt, ,ich bin nur der Kreisliga-Hansel‘.“


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Industriearbeiterin


Foto: Daniel Pilar

Die Industriearbeiterin

Foto: Daniel Pilar

Birgit Körner, Industriearbeiterin: Nur ein kleines Zahnrad, aber ein wichtiges

Eine letzte Haarnadelkurve noch, der Wald hört auf, Schrebergärten, Garagen, dann: Eviro Elektromaschinenbau. Ein flaches Gebäude, über einer frisch gestrichenen Tür der halbzerstörte Aufkleber: „Eingang“. Ein Summer geht, drinnen holt der Bewegungsmelder eine kleine Ausstellung ins Neonlicht. Bauteile, türblau, auf einem Trapeztisch, lichtgrau. Zwei Stühle links und rechts. Man könnte sich setzen, direkt ins Treppenhaus, und die Motorwicklungen der Baureihen A30 und A40 studieren. Oder man bleibt beim Staunen stehen. Ohne A30 und A40 von hier, aus Eibenstock im Erzgebirge, hätte nie ein A380 abheben können und nie in Dubai, Hongkong, Miami, Sydney landen.

Die deutsche Industrie, oft gerühmt, manchmal gehasst. Siemens, Bosch, Thyssen-Krupp, solche Namen eben. Kennt man. Eviro kennt man nicht. Zu Recht, findet der Chef, Ullus Leidel, Sachse und seit der Jahrtausendwende Erzgebirgler, was ein Unterschied ist. „Wir sind wirklich nur ein kleines Zahnrad“, sagt er, „aber doch ein ganz entscheidendes.“

Hunderte Kupferdrähte muss Birgit Körner in die winzigen Löcher eines hohlen Metallzylinders stecken. Video: F.A.Z.

18 Türen hat der A380. Wenn keine davon aufgeht, kann keiner mitfliegen. Und wenn eine davon nicht zugeht, kann keiner losfliegen. So einfach ist das, und so schwierig ist das: Jede dieser Türen braucht mehrere Elektromotoren. Solche, die tatsächlich die Türen öffnen, und solche, die sie öffnen würden, wenn die erste Motoren-Garde mal ausfällt. Und jeder Türmotor braucht sogenannte Statorwicklungen. Das sind etwa zwanzig Zentimeter hohe und drei Kilogramm schwere Metallzylinder. Die kann zwar theoretisch jeder herstellen – aber praktisch kann genau die Wicklungen, die Airbus baut, auf der ganzen Welt nur Eviro liefern. Wenn in Eibenstock heute also die Hütte abbrennt, steht bald danach die Produktion des größten Passagierflugzeugs der Welt. „Schicht im Schacht nennt man das hier“, sagt Ullus Leidel.

So läuft das oft in der deutschen Wirtschaft. Etwas Kleines, von dem Laien noch nie gehört haben, hält etwas Großes zusammen, von dem alle schon mal gehört haben. Wenn’s beim Großen nicht mehr läuft, geht’s, klar, auch dem Kleinen bald schlecht. Was selten erzählt wird: Andersherum passiert das auch, nur viel schneller. „Wir könnten auch ohne Airbus leben“, sagt Leidel. 60 Mitarbeiter hat Eviro, Kunden „zunehmend weltweit“. 3000 Teile produziert die Firma im Jahr über einen Zwischenhändler für den Flugzeugbauer. Das ist nicht überlebenswichtig, sondern: „Ich nenn’s mal Freude“, sagt Leidel. „Dieses große deutsche Unternehmen ist auf unsere Zuarbeit angewiesen.“

Motorenteil für einen Rüttelmotor: Etwas Kleines, von dem Laien noch nie gehört haben, hält etwas Großes zusammen, von dem alle schon mal gehört haben. Foto: Daniel Pilar

Wer verstehen will, warum das so ist, muss Birgit Körner bei der Arbeit zugucken. In der Produktionshalle von Eviro steckt sie, die früher in einem Hotel gearbeitet hat, Hunderte Kupferdrähte in die winzigen Löcher eines hohlen Metallzylinders. Es sieht wie eine komplizierte Mischung aus Stricken und Heimwerken aus, in jedem Fall nicht nach Industriearbeit. Die Drähte müssen gebogen, gelötet, mit Papier umwickelt werden, dann alles noch mal von vorn. Ein Wahnsinnsgefummel. Am Ende entsteht eine Statorwicklung. Das Teil, das bei einem Elektromotor für das elektrische Feld sorgt. Ohne Wicklungen rührt sich keine Bohrmaschine. Und eine Flugzeugtür auch nicht.

Das Komplizierte an den drahtigen Zylindern ist: Sie müssen per Hand gefertigt werden. Manche haben den Durchmesser einer 50-Cent-Münze, andere bewegen sich auch unter der Kraft von sechs Männern keinen Zentimeter. Etwa 1000 verschiedene Wicklungen produziert Eviro, jede davon ist besonders, jede davon wird in kleinen Stückzahlen hergestellt – oft etwa fünf im Monat, seltener um die 50. Würde eine Maschine den Job von Birgit Körner übernehmen wollen, wäre das also nicht nur sehr kompliziert, sondern auch sehr unwirtschaftlich.

Für jede neue Wicklung müssen die Mitarbeiter von Eviro geschult werden, für die Luftfahrt ist das besonders aufwendig. „Bis wir eine neue Wicklung beherrschen, vergehen Monate“, sagt Leidel. Das ist der Grund, warum keiner seiner Kunden mal eben den Lieferanten wechselt. Auch Airbus nicht.


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Partyband


Foto: Daniel Pilar

Die Partyband

Foto: Daniel Pilar

Die Partyteufel, Showband: Gaudi. Komme, was wolle

Montagabend, 19 Uhr, schlechte Bedingungen für Gaudi. Im Festzelt auf dem Eisleber Wiesenmarkt steht nach einem durchgrölten Wochenende die Trägheit wie schlechte Luft. Die Biertische sind kaum besetzt, an dem ganz vorne nickt einer ein. Es ist der letzte Abend beim größten Volksfest der Region, und die Partyteufel sollen ihn retten. Gleich spielen sie ihr drittes Lied, einen Festzelt-Kracher. „Seid ihr schon bereit auf den Bänken zu stehen?“, ruft Andrea, die Sängerin, und man sich wirklich nicht vorstellen, dass die Antwort ja lautet.

Zwei Stunden zuvor saß Andrea im Backstage-Zelt und wartete auf ihren Soundcheck. Die Stimme war rau. Samstag- und Sonntagabend haben die Partyteufel in Gladbeck gespielt, 400 Kilometer westlich von hier, und Andrea ist ein bisschen erkältet. Nichts Wildes, kein Fieber. Wobei sie auch damit auftreten würde, schon aufgetreten ist. „Auf der Bühne zu sein, Spaß zu haben, das ist mein Job, egal was ist“, sagt sie.

Die Partyteufel, das sind sechs Musiker, „die beste Coverband Deutschlands 2011“ und „die beste Partyband Deutschlands 2013“. Im Jahr spielen sie manchmal mehr als 70 Auftritte, zwischen Mai und November an jedem Wochenende mehrere. Das Publikum ist nicht wegen ihnen da und eigene Hits wie „Hintern Wackeln“ würden in Feuilleton-Rezensionen sicher zerrissen, wenn sie von Feuilletonisten wahrgenommen würden. Vielleicht sind die Partyteufel aber auch so etwas wie die meistunterschätzten Künstler des Landes. Denn ohne sie würde auf einem Stadtfest keiner tanzen und die ganze deutsche Bierzeltkultur wäre gar nicht denkbar.

Die sechs Minuten der Partyteufel-Opener sind um, Andrea sagt: „Ich seh schon, wir haben hier einen Stimmungstisch.“ Drei Herren in karierten Hemden und Lederhosen reißen die Arme hoch, und es funktioniert tatsächlich: Sie stellen sich nach der Aufforderung der Sängerin auf die Bänke. Es folgt „I wü nu zruck zu dir“. Andrea steigt runter von den Bühne, läuft durchs Zelt, lässt sich an der Hand nehmen und hoch auf den Stimmungstisch ziehen. Die Frauenrunde vorne links ist jetzt auch angesteckt und am Tisch, an dem alle die gleichen weißen Firmen-T-Shirts tragen, wird mitgesungen.

Wenn sie müssen, und sie müssen oft, halten die Teufel so etwas sechs, manchmal sieben Stunden durch. Video: F.A.Z., Youtube/Partyteufel

Danach kommt „1000 und eine Nacht“, „Que sera“, „Oans, zwoa, gsuffa“, alles ohne Pause. Sänger Patrick zieht sein Hemd aus, hebt den Bierkrug. Zweimal, denn nach dem ersten Mal musste Andrea noch schimpfen: „Habt ihr heute keinen Durst oder so?“ Dann „Atemlos“, eine halbe Stunde ist rum und vorne drehen sich Paartänzer, der Stimmungstisch bebt, weiter hinten schwappt gute Laune rhythmisch durch die Körper der Trinkenden.

Wenn sie müssen, und sie müssen oft, halten die Teufel so etwas sechs, manchmal sieben Stunden durch. Vor ein paar Jahren ist mal ein DSDS-Kandidat zusammen mit der Band aufgetreten. Vier Lieder sollte er spielen. „Dafür brauchte der Zettel“, erzählt Partyteufel-Manager Andreas, „und hat hinterher gesagt: Das ist ja richtig Arbeit, was ihr da macht.“

Gsus, der Gitarrist und Florian, der Keyboarder, haben schon als Jugendliche in den Festzelten ihrer fränkischen Heimat gedacht, dass es das doch wäre, Showbandmusiker. Sie haben dann erstmal das gemacht, was ihre Eltern gesagt haben, „was Richtiges“. Auch Andrea hat als kleines Kind schon vom Musikerleben geträumt, aber in ihrem Dorf an der bayerisch-tschechischen Grenze, 2200 Einwohner, sagten die Leute: „Wer soll dich denn hier finden?“ Also Lehre zur Bürokauffrau, Spürhundtrainerin in den USA, dann suchten die Partyteufel eine neue Frontfrau. „Wenn du es schaffst, dass das ganze Zelt zu ‚Que sera’ schunkelt, dann ist das auch beim tausendsten Mal noch großartig“, sagt sie.

Eisleben, das wissen die Partyteufel noch vom vergangenen Jahr, ist eigentlich ein sicherer Abend. Auch an Montagen, auch an diesem, an dessen Ende alle Arme in die Luft gereckt sein werden und die Band sich auf Facebook für den „teuflisch geilen Abend“ bedanken wird. Schwieriger ist es für die Musiker, ausgerechnet, in Franken und in Oberbayern, dem eigentlichen Zentrum der Bierkrug-Taumelei. Wenn die Leute da mit dem Kopf nickten, erzählt die Band, dann seien sie schon in Ekstase. Aber nächste Woche steht erstmal Thüringen an, Kirmes in Schmerbach. Dort ziehen die Leute sich schon seit Jahren extra Lederhosen an, wenn die Partyteufel kommen.


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Weichenmechaniker


Foto: Frank Röth

Der Weichenmechaniker

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Benjamin Fuchs, Weichenmechaniker: Fährt die Bahn nicht, findet er den Fehler

Hand aufs Herz: Wann haben Sie zum letzten Mal auf die Deutsche Bahn geschimpft? Am Freitagmorgen vielleicht, weil der Zug zehn Minuten zu spät kam? Haben Sie dann einen wütenden Tweet abgesetzt, wie der Nutzer @greifenwald im August: „Besser wäre doch mal etwas #Ehrlichkeit bei der #bahn #db: #wirhabenesnichtimgriff deshalb 20min #Verspätung #fail“. Oder brüllen Sie nicht gerne in die Leere des Internets? Dann könnten Sie es mit Ihrer Beschwerde ja mal bei Benjamin Fuchs probieren. Aber Vorsicht. Der Mann ist Boxer.

Und er muss oft mitten in der Nacht aufstehen, damit Sie am nächsten Morgen pünktlich zur Arbeit kommen. Dafür streift er im Dunkeln über Bahnstrecken, repariert Schrankenbäume, die Autos abgefahren haben, tauscht Platinen, Relaisgruppen und Lampen an Eisenbahnsignalen aus – oder kickt auch einfach mal eine leere Dose weg, die eine Weiche blockiert. „Ich ärgere mich schon über Leute, die wegen fünf Minuten Verspätung schimpfen“, sagt Fuchs. „Die haben ja keine Ahnung, was für eine Arbeit dahintersteckt, dass ein Zug sicher von A nach B fahren kann.“

Genau das ist der Job von Benjamin Fuchs. Er ist 31 Jahre alt, wurde länger ausgebildet als mancher Mediziner, und arbeitet als Leit- und Sicherungstechniker im Stellwerk am Mainzer Hauptbahnhof. Abseits der Routine- und Wartungsarbeiten bekommt er seine Aufträge von den Fahrdienstleitern. Sie sitzen im obersten Stockwerk des alten Gebäudes und beobachten eine riesige Wand, auf der mit blinkenden Lichtern und Linien ein Bruchteil des deutschen Schienennetzes abgebildet ist. Jeder Streckenabschnitt muss zuerst von einem Fahrdienstleiter freigegeben werden, bevor ein Zug durchrollen darf. „Das Signal kann aber nur ,auf Fahrt kommen‘, wenn auf der Strecke die ganze Technik funktioniert“, sagt Fuchs. Wenn – vereinfacht gesagt – die Ampel nicht auf grün springt, obwohl der Fahrdienstleiter das gerne hätte, kann der Zug nicht losfahren. Und dann klingelt bei Fuchs das Telefon. „Ich muss die Ursache finden – und im Idealfall selbst beheben.“

Benjamin Fuchs wechselt am Hauptbahnhof in Mainz eine Lampe aus: „Man muss jeden Winkel des Schienennetzes kennen.“ Foto: Frank Röth

Einmal leuchtete sein Handy nachts auf, er hatte Rufbereitschaft. Bei Bischofsheim funktioniere gar nichts mehr, erklärte ihm der Fahrdienstleiter. Die Weiche lasse sich nicht bewegen, das Signal funktioniere nicht. „Wieso so viel auf einmal?“, fragte Fuchs. Er musste es selbst rausfinden. Zusammen mit einem Kollegen fuhr er die Strecke ab, überprüfte das Signal, schaute sich die Weiche an – und entdeckte nichts. Wie das ist, mitten in der Nacht auf den Gleisen, wo zu der Zeit sonst nur Kupferdiebe, Graffiti-Sprüher und manchmal leider auch Lebensmüde unterwegs sind? „Das ist schon ein mulmiges Gefühl“, sagt Fuchs. „Plötzlich rasselt ein Zug durch die Nacht und du denkst dir: Es müsste doch alles gesperrt sein. Aber Menschen können Fehler machen, man muss immer überall hinschauen.“ In der Nacht in Bischofsheim entdeckte er die Lösung des Rätsels irgendwann mitten im finsteren Wald. Er war einem Kabelschacht gefolgt, Vandalen hatten die Leitungen durchgehackt.

Als Jugendlicher fuhr Fuchs selbst viel Bahn. Jedes zweite Wochenende pendelte er von Heidelberg, wo er ein Sportinternat besuchte, nach Bad Kreuznach, wo seine Familie und Freunde leben. Schon mit 14 Jahren wurde er deutscher Box-Meister, nach der Mittleren Reife und einer Ausbildung zum Elektrotechniker schaffte er es in die Sportfördergruppe der Bundeswehr. Er kämpfte bei Europa- und Weltmeisterschaften – und brach sich mit 18 Jahren zum ersten Mal die Hand. Es war das Ende seiner Amateur-Karriere. „Ich habe mir dann in drei Jahren dreimal die Hand gebrochen, immer dieselbe Stelle.“

Also musste er sich einen neuen Lebensinhalt suchen. „Ich habe mich in die Ausbildung zum Weichenmechaniker richtig gestürzt“, sagt Fuchs. Direkt danach ließ er sich zum Signalmechaniker ausbilden und kämpfte sich mit dem sportlichem Ehrgeiz eines Boxers immer weiter durch die komplexe Welt der Bahn. Es dauert etwa sechs Jahre, bis ein Techniker im Bereich Mainz oder an anderen Knoten vollständig qualifiziert ist und eigenständig Signale und Weichen inspizieren, warten und reparieren darf.

Bei den vielen Prüfungen geht es nicht nur um die Technik: „Man muss auch jeden Winkel des Schienennetzes kennen, für das man zuständig ist“, sagt Fuchs. Ein wahnsinniger Aufwand für einen Job, von dem viele überhaupt nicht wissen, dass es ihn gibt – und wie wichtig er für ihren Alltag ist. Bei Fuchs’ Freunden ist das mittlerweile anders: „Die fragen mich bei jeder Störung, was da genau los ist.“ Und auch wenn Fuchs die Antwort nicht immer gleich weiß – er weiß, wie er sie finden kann. Und irgendwann findet er sie immer.


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Kioskhändler


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Der Kioskhändler

Foto: Frank Röth

Nazim Alemdar, Kioskhändler: Bei ihm gibt’s alles

Vor einigen Wochen brauchte ein Kunde nachts um halb zwei eine Stehlampe. Er renovierte gerade seine Wohnung, und die Deckenleuchte war ausgefallen. Also rief er Nazim Alemdar an, den Einzelhändler seines Vertrauens. Alemdar trieb die gewünschte Stehlampe bei einem Freund auf. Tags darauf brachte der Kunde sie zurück, zusammen mit einem Blumenstrauß.

„Ich kann einfach nicht anders. Ich muss die Dinge besorgen, das liegt in meiner Natur“, sagt Alemdar, Geschäftsführer und Seele des „Yok Yok“, eines Kiosks im Frankfurter Bahnhofsviertel. „Yok“ ist Türkisch und heißt auf Deutsch „Gibt’s nicht“. Doppelt verneint gibt’s dann eben alles. „Und was es nicht gibt“, sagt Alemdar und zwinkert über seine tief sitzende Brille hinweg, „versuche ich irgendwie zu besorgen.“ Menschen wie er sorgen dafür, dass alle anderen vergessen können, wann der Supermarkt noch mal genau zumacht.

Alemdar stammt aus Ankara, bezeichnet Deutschland aber als sein Zuhause. Im Yok Yok hängt kein Schal von einem türkischen Verein, sondern einer von der Eintracht. Alemdar kam 1980 nach Frankfurt und blieb wegen einer Frau. Seitdem arbeitet er im Bahnhofsviertel. Zunächst gründete er mit Freunden eine Firma, die Filmkassetten an Kunden in ganz Europa lieferte. Später hatte er einen eigenen Laden, verkaufte CDs, Kassetten und Bücher.

Nazim Alemdar im „Yok Yok“: „Ich muss die Dinge besorgen, das liegt in meiner Natur.“ Foto: dpa

Vor mehr als zehn Jahren zog er schließlich in die Münchner Straße und eröffnete mit einem Geschäftspartner das Yok Yok: kleiner als ein Federballfeld, aber vollgestopft mit allerlei nützlichen Waren, darunter viele Dutzend verschiedene Biersorten, die Spezialität des Ladens. An der Wand hängen alte Emailleschilder, und neben der Kasse steht eine Spendenbox für leukämiekranke Kinder. Wer das Yok Yok betrete, sei nicht nur Kunde, sagt Alemdar, sondern auch Familienmitglied.

Es gibt kaum einen Tag, an dem er nicht in seinem Kiosk steht. Auch sonntags und an Feiertagen, manchmal nur fünf, aber manchmal auch fünfzehn Stunden lang bis tief in die Nacht hinein. Hinter dem Laden gibt es einen kleinen Raum, in dem schon 17 Kunstausstellungen stattgefunden haben. Alemdar engagiert sich im Gewerbeverein Bahnhofsviertel und sitzt im Präventionsrat, der versucht, Straftaten vorzubeugen. Vor einigen Monaten bezahlte er einen Malkurs für Flüchtlingskinder und organisierte eine Charity-Gala, von deren Erlös er den Kindern Schultüten und Schulranzen besorgte.

„Die Frankfurter Straßen sind für mich wichtiger als die Straßen in Ankara“, sagt Alemdar. Das Yok Yok ist für ihn längst ein Teil der städtischen Kultur. Er kommt zwar bald ins Rentenalter, aber ein Leben ohne seinen Kiosk kann er sich nicht vorstellen. Wenn er sich nicht mehr ums Geld scheren müsste, dann würde er einen zweiten Laden eröffnen, sagt Alemdar, und ganz viele Bücher hineinstellen. Er würde jeden Tag in seinem Geschäft stehen und sich mit jedem Kunden unterhalten, der ihn besuchen kommt.

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 24.09.2017 13:16 Uhr