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Mittwoch, 19. Juni 2013
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100. Geburtstag von Hanna Reitsch Wie können Sie kleine Person überhaupt fliegen?

 ·  Hanna Reitsch, die erfolgreichste Fliegerin der Geschichte, wurde geliebt und bewundert, gehasst und beschimpft. An diesem Donnerstag wäre sie 100 geworden.

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© Archiv Im Originaltext zu dem Bild aus dem Jahr 1938 heißt es: „Feierabend! Hanna Reitsch verzehrt unter den Klängen eines Schifferklaviers ihre frugale Fliegervesper.“ Es scheint sich um Johannisbeeren mit Zucker zu handeln.

Sie war eine zierliche Frau, kaum größer als anderthalb Meter, keine, die man sich hinter der wuchtigen Steuersäule eines Bombers vorstellen konnte. Als der unschlanke Reichsmarschall Göring sie das erste Mal sah, war er erstaunt: „Wie? Ist das alles? Wie können Sie kleine Person überhaupt fliegen?“ Als Segelflugschülerin hatte sie immer riesige Kissen zum Startplatz mitgebracht: Darauf sitzend konnte sie aus dem engen Sperrholzgehäuse in die weite Welt hinausblicken. Sie war ein Wirbelwind ansteckender Fröhlichkeit. Ein Fliegerkamerad, der spätere Schauspieler Mathias Wieman, erinnerte sich an „das Persönchen mit sehr hellen Haaren, sehr hellen Augen und einer ganz hellen Stimme, immer in Begeisterung, eine Lerche in Menschengestalt“.

Hanna Reitsch, am 29. März 1912 im schlesischen Hirschberg geboren, war die Tochter eines Augenarztes und wuchs wohlbehütet in einer musikliebenden Familie auf. Ehe sie noch richtig denken konnte, beherrschte sie der Gedanke ans Fliegen. Aber das war kein Beruf, schon gar nicht für eine Frau. Sie begann ein Verlegenheitsstudium, Medizin, um „fliegende Ärztin in Afrika“ zu werden. Weitsichtige Fluglehrer wie Wolf Hirth erkannten ihr herausragendes Talent und empfahlen ihr statt des Arztkittels die Pilotenjacke. An der Segelflugschule Grunau im Riesengebirge flog sie bald allen davon. Noch während der Ausbildung gelang ihr ein erster Dauerflug-Weltrekord. Sie war Anfang zwanzig, als man sie zur Versuchspilotin der Deutschen Forschungsanstalt für Segelflug in Darmstadt machte. „Mein Gott“, schrieb sie, als ihr halbzerfetztes Flugzeug von einer Gewitterwolke ausgespien wurde, „niemals habe ich geahnt, in welche Not ein Mensch kommen kann!“

Sie hatte Todesmut und nannte es Gottvertrauen

Mit Piloten und Wissenschaftlern der neuen Jugendbewegung des motorlosen Fliegens unternahm sie Erkundungsreisen (“Segelflug-Expeditionen“) nach Brasilien und Argentinien, Finnland und Libyen. Sie fanden überall Aufwind und Nachahmer. Der Segelflug eroberte die Welt. Als erste Frau überquerte Hanna Reitsch in einem Flugzeug ohne Motor die Alpen. Sie war der erste weibliche Flugkapitän. Die erste stolze Trägerin des Eisernen Kreuzes Erster Klasse. Was sie anpackte, geriet zu einem Stück Luftfahrtgeschichte. Sie flog alles, was Flügel hatte, ja, sie flog auch ohne Flügel. 1938 führte sie in der Berliner Deutschlandhalle die neueste Erfindung deutscher Ingenieurkunst vor, Henrich Fockes Hubschrauber FW 61.

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Einzigartige Königin der Lüfte oder naive Nationalistin mit Nazisympathien – zwischen diesen beiden Welten bewegte sich das Leben von Hanna Reitsch. © dapd Einzigartige Königin der Lüfte oder naive Nationalistin mit Nazisympathien – zwischen diesen beiden Welten bewegte sich das Leben von Hanna Reitsch.

Ihre Erfolge beruhten nicht nur auf Talent; sie war fleißig und gewissenhaft, eine Musterschülerin. Wie selbstverständlich wechselte die Segelfliegerin zur Erprobungsstelle Rechlin an der Müritz in den militärischen Testbetrieb. Eine Frau in Rechlin – das war ein schon unverschämter Akt der Emanzipation. Hanna Reitsch absolvierte ihr Pensum an Todesverachtung. Sie erprobte die bemannte Lenkbombe V1, die für Kamikaze-Einsätze vorgesehen war. Sie jagte mit präparierten Bombern gegen Drahtseile, um den Frontfliegern zu zeigen, wie sie überlebten, wenn sie in eine Ballonsperre gerieten. Sie verunglückte mit dem Raketenjäger Me 163 und erholte sich von einem vielfachen Schädelbruch. Sie hatte Todesmut und nannte es Gottvertrauen.

Hitler gab ihr Giftampullen – für alle Fälle

Als Berlin schon in Flammen stand, flog sie immer noch. Zusammen mit dem verwundeten Generalobersten Ritter von Greim landete sie Ende April 1945 in einem „Fieseler Storch“ vor dem Brandenburger Tor. Im Führerbunker spielte und sang sie mit den Goebbels-Kindern, die wenige Tage später auf Geheiß der Eltern umgebracht wurden. Adolf Hitler („mit einem fahlen, greisenhaft verfallenen Gesicht“) gab ihr zwei Giftampullen für alle Fälle und machte von Greim noch zum neuen Luftwaffenchef – freilich gab es keine Luftwaffe mehr. Zusammen mit ihm entkam Hanna Reitsch dem letzten Inferno, wiederum auf dem Luftweg.

Sie hätte 1945 den leichteren Weg gehen können: in die Vereinigten Staaten, wie ihr ehemaliger Segelfliegerkamerad Wernher von Braun. Die Siegermächte umwarben deutsche Luftfahrtspezialisten. Vermutlich gab es damals auf der ganzen Welt keinen Piloten, der so viele verschiedene Luftfahrtgeräte beherrschte wie Hanna Reitsch. Sie ließ sich anderthalb Jahre von den Amerikanern in Oberursel im Taunus einsperren, wurde schlecht behandelt, beschimpft, verleugnet. Als sie freikam, schlug ihr Ablehnung entgegen. Was hatte sie erwartet? Dankbarkeit! Hatte sie nicht Deutschland in den schwersten Stunden aufopferungsvoll gedient? Mit den Widersprüchen eines gebrochenen Lebenslaufs musste sie weiterleben. Hanna Reitsch, die naive Patriotin, war überzeugt, für ihr Vaterland geflogen zu sein, und hatte ihr Vaterland mit dessen mörderischem Regime verwechselt. Eine Weile war ihre anonyme Stimme bei der Telefonseelsorge zu hören.

Entwicklungshilfe auf Reitsche Art

In den fünfziger Jahren kehrte sie zu ihrer wahren Leidenschaft zurück: zum stillen Segelflug, zu den Berghängen, wo sie wieder Aufwind fand. Jetzt wollte sie nur noch Sportlerin sein. 1955, als es noch keine Frauenwettbewerbe gab, trat sie gegen die männliche Elite an und errang den Titel des Deutschen Segelflugmeisters. Es kam vor, dass sie im Flugzeug übermütig sang und jodelte. Taugte das Wetter nicht zum Fliegen, machte sie am Flugplatz sogleich einen Gesangverein auf. Von Zeit zu Zeit landete sie wieder in den Weltrekord-Listen. 1957 erreichte sie beinahe 7000 Meter Höhe.

Als die Schatten ihrer Vergangenheit blasser wurden, half sie, in Indien eine Segelflugschule aufzubauen – längst wusste man in aller Welt, dass Fliegenlernen ein Gemeinschaftserlebnis von erzieherischem Wert war. Mit Nehru schwebte sie über Delhi. Auch in Afrika leistete sie Entwicklungshilfe auf ihre Art. Über die Zeit in Ghana, als sie von ihren Flugschülern „mother“ genannt wurde, schrieb sie ihr zweites Buch: „Ich flog für Kwame Nkrumah“. Das erste Buch hatte den banalen, aber doch die ganze Wahrheit umfassenden Titel: „Fliegen – mein Leben“. Wo man ihre Leistungen ohne politische Raster betrachtete, erfuhr sie vielfache Ehrungen. Kennedy empfing sie im Weißen Haus. Amerikanische Testpiloten- und Astronauten-Vereinigungen trugen ihr die Ehrenmitgliedschaft an. 1972 wurde sie zum „Pilot of the Year“ gewählt.

Bis in ihre letzten Lebensjahre schien sie vor Gesundheit zu strotzen. Sie übte sich in Disziplin und Yoga. Wer sie damals in der Frankfurter Zeppelinallee besuchte, traf eine drahtige ältere Dame an, die immer noch so aussah wie das junge Mädchen, dem der Propellerwind die Frisur verwirbelt hat. Mit 66 Jahren gelang ihr in den Alpen noch einmal ein Weltrekord: ein Zielflug mit Rückkehr über 715 Kilometer. Ein Jahr später, 1979, als man schon ihre Unsterblichkeit in Erwägung zog, starb Hanna Reitsch nach kurzer Krankheit an Herzversagen.

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