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Veröffentlicht: 20.04.2017, 09:21 Uhr

Deutsche Astronautinnen im All Die Sterne zum Greifen nah

Elf Deutsche waren bereits im All. Elf Männer. 2020 soll nun die erste deutsche Astronautin in den Weltraum fliegen. Für Insa Thiele-Eich und Nicola Baumann könnte sich ihr Lebenstraum erfüllen.

von Michaela Schwinn
© Edgar Schoepal Nicola Baumann vor einem deutschen Eurofighter in Nörvenich

Insa Thiele-Eich strahlt sich selbst entgegen. Auf den drei Hochglanzfotos in ihrer Hand ist ihr Lächeln noch etwas breiter als im Moment, die grünen Augen leuchten noch ein bisschen mehr. Vor ein paar Tagen fand sie die Porträtaufnahmen in ihrem Briefkasten. Ein Unbekannter hat sie entwickeln lassen, in einen Umschlag gesteckt und an ihre Büroadresse geschickt. Jetzt will er sie wieder zurück, mit ihrer Unterschrift.

In den vergangenen Wochen verging kaum ein Tag, an dem Thiele-Eich nicht für ein Interview oder einen Fototermin angefragt wurde. Dabei ist sie keine Schauspielerin, Sängerin oder sonst irgendein Sternchen, über das man normalerweise in der Zeitung liest. Sie ist Meteorologin – und wie sie an ihrem Schreibtisch sitzt, in bunt gemustertem Kleid und braunen Leggins, und eine Grapefruit schält, könnte sie glatt der Serie „The Big Bang Theory“ entsprungen sein. Sie schält und schält und auch als ein paar Tropfen auf die Brillengläser spritzen, macht sie einfach weiter. Keine Eitelkeit, keine Starallüren, so als wäre ihr gar nicht bewusst, dass sie bald in die Geschichte eingehen könnte – als erste Astronautin Deutschlands.

Vorausgesetzt, die Jury entscheidet sich in ein paar Tagen für sie, die Meteorologin, 33, aus Bonn. „Die Astronautin“ heißt die private Initiative des deutschen Unternehmens HE Space, das bis 2020 die erste Deutsche ins Weltall schicken will, auf eine Mission zur Internationalen Raumstation (ISS). Und würden nicht alle immer wieder betonen, dass es nichts mit einer Castingshow zu tun hat, könnte man es sich perfekt als neues Format im Privatfernsehen vorstellen.

45882174 © Edgar Schoepal Vergrößern Insa Thiele-Eich beim Klettertraining in Bonn

Als die Ausschreibung im vergangenen Jahr bekannt wurde, klingelte Thiele-Eichs Telefon gleich zweimal. Es waren ihr Mann und ihre Mutter, sie solle sich sofort bewerben. Also zog sie das Bügelbrett ins Wohnzimmer, stellte ihr Handy darauf und sprach eine Minute lang in die Kamera. Nur eine von mehr als 400 Frauen war sie damals, die Video und Lebenslauf einschickten. Es folgten drei Testrunden, und schließlich standen sie fest, die sechs Finalistinnen: Ingenieurinnen, Wissenschaftlerinnen und Pilotinnen, die sich ihre Freizeit mit Bergsteigen, Gleitschirmfliegen oder Karate vertreiben. Wer sind diese Frauen, die vieles opfern würden für wenige Tage im Weltall?

Zwei sehr unterschiedliche Finalistinnen

Thiele-Eich hat die Grapefruit bezwungen, sie spießt die fleischigen Spalten mit der Gabel auf. Es ist zwölf Uhr mittags, zum Frühstücken kommt sie erst jetzt. Sie war Joggen, hat die Mails gecheckt und die Töchter in Schule und Kita gebracht, dazwischen hätte einfach keine Mahlzeit mehr gepasst. Das sagt auch ihr Terminkalender, der offen neben ihr liegt. Immer sonntags plant sie die Woche durch: Besprechungen, Dienstreisen, den Flötenunterricht der Tochter, Klettern mit der Freundin, alles säuberlich notiert. „Das soll jetzt aber nicht so klingen, als wäre ich nur auf Effizienz aus“, sagt sie, die Augen noch im Planer. Silent writing steht heute drin: Stilles Arbeiten an ihrer Doktorarbeit über den Klimawandel in Bangladesch. Die Dissertation schreibt sie neben ihrer eigentlichen Arbeit als wissenschaftliche Koordinatorin.

© dpa, reuters Dem Weltall einen großen Schritt näher

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Während Insa Thiele-Eich in ihrem Büro stumm auf die Tasten tippt, macht Nicola Baumann sich 40 Kilometer südlich davon in Nörvenich fertig. Sie schlüpft in einen Overall, steigt in eine Hose, olivgrün und mit vielen Taschen, ein langer Schlauch baumelt am Bein herunter. Sie packt einen Helm und klemmt ihn unter den Arm, mit verspiegeltem Visier und Sauerstoffmaske sieht er aus wie der von Darth Vader. Dann stapft sie los, 1,60 Meter groß, mit braunem Pferdeschwanz und Gewinnerlächeln.

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