„Rheingold! Rheingold! Reines Gold! O leuchte noch in der Tiefe dein laut'rer Tand! Traulich und treu ist's nur in der Tiefe: falsch und feig ist, was dort oben sich freut!“ Die Klage der drei Rheintöchter in Richard Wagners Ring der Nibelungen klingt nicht sehr schmeichelhaft für Günter Wolf. Denn der 52-Jährige ist zwar nicht direkt auf der Jagd nach dem sagenhaften Nibelungen-Schatz, dennoch entreißt der Physiker seit vielen Jahren dem größten deutschen Strom mühsam sein Gold. Dabei hat er ganz nebenbei dem begehrten Edelmetall ein Geheimnis entlockt: die Entstehung von Goldkristallen.
Mit den mickrigen 50 Gramm Goldflitter, die der Naturwissenschaftler in jahrelanger Handarbeit mit seiner Goldwäscherschüssel aus der Speyrer Rheinschleife gewaschen hat, hätten sich die Goldsucher am Klondike River im kanadischen Yukon-Gebiet Ende des 19. Jahrhunderts sicher nicht zufrieden gegeben. Doch der Mann aus dem rheinland-pfälzischen Römerberg hat mit seinen Minifunden tatsächlich sein Glück gemacht.
Wie Eisblumen am Fenster
Der Grund: Wolf beließ es nicht dabei, sich an seinem Goldflitter zu erfreuen. In seinem kleinen Privatlabor in der heimischen Garage unterzog er seine hauchdünnen Funde bereits Anfang der 90er-Jahre wahren chemischen Wechselbädern. Irgendwann passierte es schließlich. „Ich traute meinen Augen kaum, als ich einen so gereinigten Goldflitter unter dem Mikroskop betrachtete“, erinnert sich Wolf lebhaft. Er erkannte, dass auf dem Flitter Goldkristalle gewachsen waren. Vergleichbar mit Eisblumen an Fensterscheiben hatten sich die Metallatome zu blütenhaften oder typischen Bergkristallstrukturen angeordnet.
Der frühere Laborant muss bereits geahnt haben, dass er eine sensationelle Entdeckung gemacht hatte. Er tüftelte weiter und entwickelte schließlich ein Verfahren, mit dem sich gezielt Goldkristalle züchten lassen. Dabei wird etwa 0,3 Millimeter dünnes Feingold bis zu zehn Tage einem chemisch-physikalischen Ätzungsverfahren ausgesetzt, durch das sich die Atomverbünde des Goldes auflösen und als Kristalle freigesetzt werden oder sich auf der Oberfläche wieder absetzen. Die Kristalle bilden mit dem Untergrund eine feste Einheit.
Erstaunen über Wolfs Entdeckung
Als der Römerberger Tüftler seine Entdeckung einem Professor, der an der Technischen Universität München eine Fachtagung veranstaltete, verriet, verschlug es dem Wissenschaftler regelrecht die Sprache. „Das gibt es nicht“, kam es schließlich aus dem Hörer, als der Professor seine Sprache wiedergefunden hatte. „Auf der ganzen Welt gibt es nur 115 Goldkristalle, alle anderen wurden leider eingeschmolzen“, zitiert Wolf den perplexen Gold-Experten.
117 Formen von Goldkristallen hatten Mineralogen und Geologen in freier Natur entdeckt und dokumentiert, ehe geldgierige Goldgräber die Natur-Schönheiten in verwertbare Barren einschmolzen. Günter Wolf hat inzwischen 50 verschiedene Kristalle neu gezüchtet. Im Januar erhielt er einen der begehrten Innovationspreise des Landes Rheinland-Pfalz, präsentierte sein längst patentiertes Verfahren sowie die Ergebnisse seiner Züchtungen auf internationalen Schmuckmessen und erntete eine - so Wolf - „enorme Resonanz“. Gold- und Diamantenschmuck-Händler interessieren sich für Herstellung und Vertrieb. Lukrativ ist dies vor allem, weil die Preise für das Kristallgold um ein vielfaches höher liegen als der normale Goldpreis. Die Schönheit der Gebilde verzücken Schmuckhersteller und Schmuckliebhaber gleichermaßen.
Günter Wolf zieht sich immer noch gerne mit der Goldwäscherschüssel an den Rhein zurück. Möglicherweise hat er neben Goldflitter ja das wahre Geheimnis des Schatzes der Nibelungen aus den Fluten des Rheins geborgen.