27.12.2010 · In Berlin entsteht Europas erstes Mehrgenerationenhaus für homosexuelle Frauen und Männer. Es soll Vorbild für andere europäische Länder sein. Denn so liberal sich die deutsche Hauptstadt auch geben mag, selbst hier erfahren Homosexuelle noch immer Diskriminierung und Ausgrenzung.
Von Michael Radunski, Berlin„Endlich. Mein Gott, endlich“, sagt Gottfried. „Bald kann ich endlich mit Leuten unter einem Dach leben, die so ticken wie ich." Der 82 Jahre alte Rentner strahlt über das ganze Gesicht. Er hat schlohweißes Haar und kurze weiße Bartstoppeln. Wann immer Gottfried von seinem neuen Zuhause erzählt, beginnen seine tiefblauen Augen zu leuchten.
Es ist Freitag, und wie jede Woche trifft sich Gottfried mit „Leuten, die so ticken wie er". Sie sitzen in der Berliner Schwulenberatung im Ortsteil Charlottenburg und diskutieren über den „Lebensort Vielfalt", das erste Mehrgenerationenhaus für Schwule und Lesben in ganz Europa. An diesem Nachmittag geht es um Details: Wie viele Steckdosen braucht man pro Wohnung? Sollen die Vorhänge bunt sein? Oder doch lieber dezent?
Gottfried fasst sich immer wieder genervt an den Kopf. Die beiden lesbischen Paare am anderen Ende des Tisches erregen seinen Unmut. „Die sind immer so kompliziert", flüstert Gottfried und verdreht die Augen. „Egal bei welcher Frage, deren Hände gehen nach oben." Dann lacht er, denn er weiß: Meinungsverschiedenheiten muss er in Zukunft aushalten können. Die Anwesenden - ob schwul oder lesbisch, ob jung oder alt - wollen nämlich alle in den „Lebensort Vielfalt" einziehen.
Der Bau an der Niebuhrstraße ist von außen nicht unbedingt schön: ein heller Klotz, der sich über mehrere Häuserblocks erstreckt. Das Gebäude wirkt klobig und überdimensioniert - ein typischer Monumentalbau aus den Dreißigern. Damals war in dem riesigen Haus eine Polizeistation untergebracht, später diente es als Kinderheim, zuletzt als Tagesstätte für Kinder und Jugendliche. Nun wird hier das erste Mehrgenerationenhaus für Schwule und Lesben in Europa entstehen.
Vor wenigen Wochen wurde die letzte juristische Hürde genommen: Der Berliner Senat stimmte dem Erbbaurechtvertrag mit dem Land Berlin zu, die Immobilie ging damit in den Besitz der städtischen Schwulenberatung über. Fünf Millionen Euro sind für den Umbau veranschlagt, Ende 2011 sollen die Bewohner ihr neues Domizil beziehen können.
In der Schwulenberatung ist die Diskussion über Vorhänge und Steckdosen inzwischen zu Ende, selbst Gottfried hat sich wieder beruhigt. Er sitzt auf dem kleinen Balkon im ersten Stock und blickt hinüber zur Niebuhrstraße, hinüber auf sein neues Zuhause. Derzeit wohnt Gottfried noch in einer kleinen Wohnung im Berliner Bezirk Spandau - alleine. Das mache ihm aber überhaupt nichts aus.
Trotz seines Alters ist Gottfried noch sehr aktiv. Fast jeden Abend ist er unterwegs, trifft sich entweder mit Freunden oder ist in der Deutschen Oper, wo er seit 35 Jahren als Statist arbeitet. Gottfried ist eine Frohnatur, er kennt keine Scheu, ist immer für einen Plausch zu haben. „Und wenn mir einer gefällt, dann sage ich ,Und wie ist es mit uns beiden?'" Er lehnt sich zurück und grinst. Sein Leben lang habe er in den Tag gelebt und die Partner gewechselt wie andere ihre Handtücher. Doch seit einigen Jahren macht auch Gottfried sich Gedanken über seine Zukunft. „Man sieht es mir vielleicht nicht an", sagt er und zupft sein lilafarbenes Polohemd zurecht. „Aber auch ich werde nicht jünger." Die ersten Zipperlein machten sich bemerkbar, da wolle selbst er nicht mehr ganz alleine wohnen.
Auch Marcel de Groot freut sich auf den „Lebensort Vielfalt" - wenn auch aus anderen Gründen. De Groot ist Geschäftsführer der Schwulenberatung Berlin. Seit 2006 ist der gebürtige Niederländer fast ausschließlich mit der Planung und Umsetzung des Projekts beschäftigt, zu dem auch eine „Demenz-WG" gehört, die im zweiten Stock entstehen soll. Die persönliche Betreuung der acht demenzkranken, schwulen Senioren soll ein externer Pflegedienst übernehmen, der sie rund um die Uhr versorgen wird. „Mit professioneller Hilfe und einigen ehrenamtlichen Mitarbeitern werden auch sie am gemeinsamen Leben im Haus teilnehmen können."
Doch noch dominiert in den sechs Etagen die Vergangenheit. An Wänden im ersten Stock hängen bunte Zeichnungen, einst von Kinderhand gemalt. Über Kleiderhaken im Flur kleben alte Namensschilder: Clara, Timmy, Sofie. Ende nächsten Jahres werden hier Gottfried, Karl-Heinz und Berthold wohnen. Wo heute noch in einem Zimmer auf Kniehöhe sechs kleine Waschbecken verankert sind, wird Gottfried dann seinen Kleiderschrank aufstellen. Aus den Gruppenzimmern für den Nachmittagsschlaf der Kinder werden Ein- bis Zwei-Zimmer-Wohnungen, 24 an der Zahl, zwischen 33 und 100 Quadratmeter groß. Im Dachgeschoss entstehen zudem fünf Maisonette-Wohnungen.
Gottfried hat sich schon vor Monaten ein Zimmer ausgesucht und sich darum beworben. Das war auch nötig, denn die Nachfrage ist groß. „Mit diesem Haus erreichen wir in unserer jahrelangen Arbeit eine ganz neue Stufe", sagt de Groot. Seit 1981 hilft die Schwulenberatung Homosexuellen. Anfangs zählte vor allem die Aufklärung über gleichgeschlechtliche Lebensweisen zu ihren Aufgaben. Heutzutage bestimmen ganz andere Probleme die Arbeit der Schwulenberatung: Coming-out, Leben mit HIV und Aids, Beziehungsprobleme, Diskriminierung im Beruf. Jedes Jahr werden 5000 Homosexuelle beraten, 120 Menschen sind in längerfristiger Betreuung, in einer Suchttherapie oder auch in einem Ausbildungsprogramm.
Man habe deshalb einen großen Bedarf an Wohnungen vorausgeahnt, sagt de Groot. „Aber der tatsächliche Ansturm hat uns doch überrascht." Bereits im Herbst waren bei der Schwulenberatung dreimal mehr Bewerbungen eingegangen als Wohnungen zur Verfügung stehen. „Wir wollen allerdings noch nicht alle Wohnungen sofort vergeben. Das wäre schlicht zu früh.“ Ein Teil wird für ältere schwule Männer reserviert, ein anderer Teil für jüngere Schwule sowie für homosexuelle Frauen. So soll eine bunte Mischung entstehen. „Die Mieter werden voneinander profitieren. Die Älteren haben junge Leute um sich, und die Jüngeren können von den Erfahrungen der Älteren lernen."
Im Parterre wird es zudem eine Bibliothek und das Café „Wilde Oscar" geben - durchaus nicht nur für die Bewohner des Hauses. Als Mitarbeiter in den beiden Einrichtungen wünscht sich de Groot schwule Männer mit psychischen oder körperlichen Beeinträchtigungen. „Wir wollen damit ein Zeichen setzen, dass diese Menschen wegen ihrer Beeinträchtigungen keinerlei Diskriminierung befürchten müssen."
Gottfried ist fester Bestandteil des Projekts, für das er auch wirbt: „Ich bin alt! Ich bin schwul! Muss ich deshalb heute einsam sein?" heißt es auf Flugblättern, Postern, Plakaten, und auch auf der Internetseite (www.lebensort-vielfalt.de) ist Gottfried mit diesem Slogan zu sehen. „Ich sage immer, was ich denke." Wie auch schon damals im Krieg, als sich alle aus seiner Klasse freiwillig zur Waffen-SS meldeten. Nur Gottfried nicht. Als Strafe wurde er zum Arbeitsdienst verpflichtet, er musste Kartoffeln schälen. „Wenigstens hatte ich nichts mit Waffen zu tun."
Gottfried hatte es als Homosexueller in seinem Leben oft nicht einfach. Schon seine Eltern seien sehr verklemmt gewesen. Mit sexuellen Fragen habe er sich nicht an sie wenden können. Als sein Vater ihn dann eines Tages mit der Nachbarstochter verheiraten wollte, erwiderte Gottfried: „Heiraten ist nichts für mich. Siehst du die drei hübschen Männer auf der anderen Straßenseite? Denen werde ich jetzt nachstellen." Sein Vater sei derart perplex gewesen, dass keiner in der Familie das Thema jemals wieder angesprochen habe.
Längst hat sich zwar die gesellschaftliche Situation für Schwule und Lesben erheblich verbessert - gerade in Städten wie Berlin. Aber so liberal sich die Hauptstadt auch geben mag, selbst hier erfahren Homosexuelle noch immer Diskriminierung und Ausgrenzung. „Es gibt auch in Berlin Gegenden, in denen es für Schwule gefährlicher ist, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen oder Zärtlichkeiten auszutauschen", sagt de Groot. Schwule Männer seien nun mal eine Minderheit und daher immer davon abhängig, wie sie in der Mehrheitsgesellschaft gesehen werden.
Damit es in Berlin-Charlottenburg zu keinen Verstimmungen kommt, hat die Schwulenberatung bereits vor einigen Wochen zum „Tag der offenen Türen" in das neu erworbene Haus eingeladen. Mehr als 200 Anwohner kamen, um sich über das Wohnprojekt in ihrer Nachbarschaft zu informieren. Die Resonanz sei durchweg positiv gewesen, sagt de Groot, auch weil das riesige Haus nach so langer Zeit endlich wieder genutzt werde. Lediglich eine ältere Dame habe kopfschüttelnd gesagt: „Dass ich so was noch erleben muss."