24.07.2002 · Der Fund einer toten Riesenkrake vor der Küste Australiens hatte Zoologen in Aufregung versetzt. Sie vermuteten, eine neue Spezies der Tiere entdeckt zu haben.
Die Faszination über die wohl größten heute auf der Erde lebenden Weichtiere ist nach wie vor ungebrochen, wie die Reaktionen auf den neuesten Fund eines toten Exemplars an der tasmanischen Küste zeigt. Dessen enorme Maße von 200 Kilogramm Gewicht und bis zu 15 Meter langen Tentakeln jagen vielen kalte Schauer über den Rücken.
Lange galten sie als Schrecken der Meere. Riesenkraken sollen ganze Schiffe mit ihren kräftigen Armen in die Tiefen der Ozeane gezogen haben. Dank Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“ und Homers mythischer Skylla aus der „Odyssee“ fanden die Monster der Tiefsee sogar Einzug in die Weltliteratur.
Kraken leben in 500 bis 1.500 Meter Tiefe
Tatsächlich ist über die Tiere, bei denen es sich in den meisten Fällen um zehnarmige Kalmare handelt, nur wenig bekannt. Dies liegt im Wesentlichen an dem unzugänglichen Lebensraum der Kraken: 500 bis 1.500 Meter unter der Wasseroberfläche jagen die Dauerschwimmer größeren Fischen, aber auch kleineren Artgenossen nach.
„Bei einem Körpergewicht von bis zu 1.000 Kilo benötigt ein Kalmar mehrere Zentner Futtertiere am Tag“, erläutert Prof. Rudolf Schipp von der Universität Gießen, wo er sich seit 30 Jahren mit den verschiedenen Formen der Kopffüßer (Cephalopoden), wie die Tiere eigentlich heißen, beschäftigt.
Noch nicht alle Spezies entdeckt
Bislang unterscheiden die Wissenschaftler drei Arten der Riesenkalmare, die allesamt der Gattung Architheutis zugeordnet werden: Der nordatlantische Architheutis dux ist dabei mit zwei bis fünf Metern Länge der Zwerg unter den Riesen. Mindestens bis zu 22 Meter lang werden dagegen der Architheutis japonica im Nordpazifik und der Architheutis sanctipauli, der in allen Meeren der Südhemisphäre lebt.
Wahrscheinlich gibt es aber noch mehrere Spezies. Bei der Artzuordnung sind die Meeresbiologen zumeist auf Körperteile, die oft in Pottwalmägen gefunden werden, und auf angespülte oder zufällig gefangene Tiere angewiesen. Eine sichere Einordnung erlaubt dabei lediglich der Kiefer, der nicht wie der Rest des Körpers zersetzt wird. „Weitere Erkenntnisse zur Ökologie können wir nur über die Anatomie und durch Magensektionen ableiten“, sagt Schipp. „Über Alter oder Lebenszyklus, aber auch über die endgültige Größe wissen wir so gut wie nichts.“
Ganz normale Muskelklappen
An Spekulationen über Tiere von bis zu 40 Metern Länge glaubt der Gießener Meeresbiologe jedoch nicht: „Entsprechende Hochrechnungen, etwa anhand von Saugnapfnarben auf Pottwalen, weisen Denkfehler auf. Die Narben können sich auch verwachsen haben.“ In ihrer natürlichen Umgebung, der Tiefsee, wurden bislang nur wenige Exemplare der Weichtiere gesichtet - zumeist wenn sie kurzfristig durch das Scheinwerferlicht der Tauchboote huschten.
Vielleicht war auch deshalb die Aufregung über den Riesenkraken, der an der tasmanischen Küste angespült wurde so groß. Forscher mutmaßten über eine bislang unbekannte Art. „Was wir bei diesem Tier gesehen haben, haben wir noch bei keinem anderem Tintenfisch gesehen“, berichtete ein Zoologe. Der Fisch habe einen Haufen Muskeln am Körper, die kein anderes Lebewesen habe.
Das Geheimnis um die seltsamen Muskeln war allerdings schnell gelüftet. Ein anderer Zoologe stellte anhand der Fotos von dem Tier fest, dass es sich bei den Muskeln um ganz normale Muskelklappen handele, die alle Riesentintenfische hätten, um besser schwimmen zu können: „Es handelt sich definitiv nicht um eine neue Art, sondern offenbar um einen verstümmelten Riesentintenfisch“, berichtigte der Experte.
Ungewöhnliche Methoden der Forschung
Doch Wissenschaftler auf der ganzen Welt sind bemüht, die bestehenden Wissenslücken zu füllen. Teilweise mit ungewöhnlichen Methoden, wie etwa Clyde Roper, Zoologe am National Museum of Natural History in Washington: Er bestückt Pottwale, den einzigen natürlichen Feinden der Riesenkraken, mit Kameras und hofft auf Kalmar-Schnappschüsse aus den Tiefen der Meere.
Über den „echten“ Riesenkraken (Enteroctopus dolfeini), der auch von Biologen so bezeichnet wird, indes ranken sich kaum noch Geheimnisse, da er sich auch in flacheren, für Taucher zugänglichen Gewässern aufhält. Er lebt etwa in den pazifischen Gewässern vor Vancouver. Immerhin bringt es aber auch dieser Krake noch auf vier bis fünf Meter Körpergröße und dringt bis in 750 Meter Meerestiefe vor.